Ausweg

Wie eigentlich fast schon anzunehmen war, beginnen die USA gewisse Manöver, die es ihnen gestatten können, sich aus einer Situation zu befreien, in die sie voller Fürsorge von ihren Freunden in Er-Riad und Tel-Aviv gebracht worden sind. Kerry sagt mal dieses, mal jenes (kein Wunder in der Situation, er wurde im Hinblick auf eine ganz andere Aufgabe US-Außenminister), jedenfalls ließ er verlauten, dass ein Überfall auf Syrien verhindert werden könne, wenn die Syrer ihre chemischen Waffen in die Hände von “internationalen Kontrolleuren” ausliefern. Auch, wenn Reuters inzwischen von einer nur “rhetorischen Wendung” sprach, so war immerhin auch von konkreten zeitlichen Rahmen dafür die Rede.

Lawrow ergreift sofort die Initiative, und Walid Muallem spricht in Moskau davon, dass die syrische Regierung diese Initiative begrüßt:

“Ich habe seine [Lawrows] Initiative mit Interesse gehört. In diesem Zusammenhang erkläre ich, dass die Syrische Arabische Republik die russische Initiative vom Gesichtspunkt der Sorge der syrischen Führung um das Leben der Bürger und der Sicherheit im Lande begrüßt. Wir sind ebenso davon überzeugt, dass die russische Führung, die eine amerikanische Aggression gegen unser Volk verhindern will, entsprechend weise handelt…” (Quelle)

Damit ist der Ball wieder bei der USA. Jetzt wird es sehr schwierig werden, die Äußerung Kerrys noch als “pure Rhetorik” zu relativieren. Die Ereignisse nehmen demnach Fahrt auf. Die Amerikaner sind ziemlich gut, wenn es darum geht, Pläne zu schmieden und diesen Plänen entsprechend zu handeln, aber sie sind wesentlich schwächer im Improvisieren. Die kommenden Tage werden wohl mit Erklärungen und deren Dementis angefüllt sein. Wie dem auch sei, das Wichtigste ist, dass sich die Möglichkeit eröffnet, die militärische Drohkulisse abzubauen. Allzu einfach wird das nicht, denn hier ist es kritisch wichtig, zwei sattsam bekannte, nicht noch einmal näher zu bezeichnende Nahost-Länder an die Kandare zu nehmen. Oder noch besser, ihnen vorübergehend mal den Lauf eines Colts an die Schläfe zu halten.

Dass die USA sich in einer verzweifelten Lage befinden, sieht man mit bloßem Auge. Selbst die Andeutung eines Einverständnisses mit den von Kerry geäußerten Forderungen würde es Obama gestatten, die Sache halbwegs heil hinter sich zu bringen. Dass er in dem Fall von allen Seiten mit Unrat beworfen wird, ist dann schon sekundär – zum Preis seines eigenen Rufs würde er die USA und sich selbst aus dieser mißlichen Lage befreien können. Schachern kann er eigentlich nicht, er steht praktisch mit dem Rücken zur Wand.

Ein theoretischer Ausweg aus der Situation, der alle zufrieden stellen könnte, wäre die Übergabe der CW an eine internationale, dabei aber auch militärisch aufgestellte Organisation, die dazu ein UNO-Mandat hat. Eine solche Organisation gibt es – die OVKS. Dabei ist es klar, dass, analog dazu, wie einst Lenin formulierte, wir “OVKS” sagen und Russland meinen. Bei einer solchen Lösung würden die Russen den Kern der militärischen Komponente unter den “Kontrolleuren” ausmachen. Es ist unwahrscheinlich, dass ein nur aus OVKS-Staaten bestehendes Kontingent ein solches Mandat bekommt – die Amerikaner werden versuchen, es durch sowas wie die Arabische Liga zu verdünnen, aber, um es nochmals zu betonen, die Verhandlungspositionen der USA sind ziemlich schwach, zu schwach für ein Diktat. Die militärische Bedrohung wiegt zwar schwer, aber in einer Situation, in der alle wissen, dass Obama genau das eigentlich vermeiden will, wird Bluffen nicht mehr viel bringen.

Freilich ist es ein weiter Weg vom Angebot bis zur Umsetzung, Zeit bleibt dabei praktisch keine. Noch mehr rote Linien wird Obama mit seiner angeschlagenen Autorität nicht verkraften, deswegen ist der 22. September so eine Art Deadline für die Formulierung und zumindest auch für den Beginn einer Umsetzung.

Sollte all das, wider das Offensichtliche, nun doch nur ein Kerry-Versprecher oder Fehlzitat sein, so sind wir wieder in derselben Lage wie gestern und vorgestern. Während die einen von 2, die anderen von 60 oder mehr Tagen bevorstehenden Bombardements schreiben, im Wesentlichen aber eine von den US-Amerikanern ins Spiel gebrachte „Erweiterung der möglichen Ziele“ diskutieren, gibt es inzwischen vereinzelt auch schon Andeutungen, dass nicht nur Flügelraketen, sondern auch die Luftwaffe der Aggressoren gegen Syrien zum Einsatz kommen kann:

„As a result, Pentagon planners are weighing whether to use Air Force bombers, in addition to five warships now on patrol in the eastern Mediterranean Sea, to launch cruise missiles and air-to-surface missiles from hundreds of miles offshore, well out of range of Syrian air defenses.“ (Quelle)

72 Stunden und Bomber mit Luft-Boden-Raketen – gut möglich, dass beides nur Desinformation ist, aber in Anbetracht dessen, was die Aggressoren um Syrien herum aufgebaut haben, sieht es nicht nach einer allzu massiven Kampagne aus:

Die Variante des Einsatzes von Bombern von außerhalb der Reichweite der syrischen Luftverteidigung bedeutet, dass eher nur grenznahe Ziele getroffen werden sollen. Es gibt für diese Variante eigentlich nur 2 sinnvolle Richtungen: aus der Türkei und aus Jordanien. Was beide dieser Länder in den Konflikt verwickeln würde. Eine andere Variante wären B2, die auch bei aktiver Luftabwehr operieren können.

Syrien hat die Zeit seit Ankündigung der Aggression bis jetzt in militärischer Hinsicht dahingehend genutzt, einen bedeutenden Teil der Luftwaffe in den Iran zu schaffen. Im Lande verbleiben nur noch die für die aktuellen Einsätze notwendigen Militärmaschinen, plus alle einsatzbereiten Jagdflugzeuge. Die Anflugzeit eines „Tomahawk“ ist zu lang, als dass die in Syrien verbleibende Luftwaffe mit einem Überraschungsschlag komplett außer Gefecht gesetzt werden könnte.

Armeeeinheiten, die als Primärziele für einen Angriff begriffen werden, wurden zerstreut und befinden sich in permanenter Bewegung. Tarnmaßnahmen – soweit sinnvoll – sind massiv im Einsatz.

Angriffe auf Chemiewaffenarsenale werden nichts ergeben – für solche Fälle gab und gibt es Einsatzpläne, sie zu verschieben und zu kaschieren, welche auch aktiviert worden sind.

Mit anderen Worten, der Blitzkrieg, den Obama für seine bisherige Show bemühte, würde eher psychologisch wirksam sein; es wird in einer kurzen „Vergeltungsaktion“ kaum Schaden an militärischen Strukturen geben. Wenn, dann nur durch „Hardcore“, und es ist beiweitem nicht klar, ob die Aggressoren überhaupt entsprechend dafür aufgestellt sind.

Momentan noch ist der Schluß folgender. Die ganze US-amerikanische Parade ist derzeit noch überwiegend psychologischer Druck auf Syrien, den Iran, Russland & China, gut möglich, um durch das maximale Hochschrauben der Spannung ein Entgegenkommen in einem ganz anderen Bereich auszuhandeln. Was das sein könnte, wurde auch bereits schon spekuliert.

Diese ganzen Erwägungen sind aber hoffentlich jetzt redundant.

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