Libya wa bas

Ali SeidanDer rein formaljuristisch deklarierte Grund, aus dem man vor einer Woche den libyschen Premier Ali Seidan kurzzeitig verschleppt hatte, soll die Ergreifung des durchaus nicht unbekannten Herrn Abu Ansa al-Libi durch US-amerikanische Spezialeinheiten gewesen sein (wobei diese Spezialeinheiten, nach Augenzeugenberichten u.a. der Frau des Verhafteten, ein reines libysches Arabisch gesprochen haben sollen). Der “Oberste Revolutionsrat”, welcher Seidan in seine Gewalt gebracht hatte, ließ verlauten, Seidan habe zumindest Kenntnis von der bevorstehenden Ergreifung des Abu Ansa al-Libi gehabt und sei damit “Mittäter”.

Mit diesem “Obersten Revolutionsrat” sind zumindest einige Regierungs- und Parlamentsmitglieder assoziiert, darunter der Parlamentssprecher sowie Abdelrahman Suehli, der “Chef von Misurata”. Der Parlamentssprecher hat vor einigen Monaten einen Erlass über die Schaffung eines “Operativen Stabs” beim Obersten Revolutionsrat herausgegeben; dieses Kommando sollte die Sicherheit der Hauptstadt Tripolis gewährleisten und war schließlich die Kraft, welche die Entführung Seidans bewerkstelligte. Mit anderen Worten, dahinter stecken all jene, die schon immer gegen Seidan und mit den Golfmonarchien waren.

Freigehauen wurde Seidan durch die Kräfte der 101. libyschen Armeedivision (um mal diese Illusion von Ordnung in den diversen libyschen Streitkräften zu zitieren), und die Sache wurde, nicht zuletzt durch Seidans Äußerungen zu der Angelegenheit, erst einmal unter den Teppich gekehrt. Er machte keinerlei Anstalten, die weiterhin bestehende Gefahr eines Umsturzes abzuwenden – die bewaffneten Entführer, die nach Seidans Worten auf “mehr als 100 Jeeps” bei ihm vorgerollt kamen, blieben vollkommen unbehelligt. Das spricht dafür, dass weiterhin ein Patt zwischen den Kräften besteht, das nicht durch dieses kurze Aufflammen von Gewalt zugunsten einer der Seiten gekippt ist.

So seltsam das auf den ersten Blick scheinen mag, so können doch der versuchte Staatsstreich und die jüngste Beschuldigung einer Russin für den Mord an einem libyschen Offizier zusammenhängen. Dass sich die Kette an Ereignissen nach dieser Provokation nicht auf den Angriff auf die russische Botschaft beschränken wird, war von Anfang an klar: die ganze Story ist gar zu fadenscheinig, die mutmaßliche Mörderin hat nach der Verhaftung noch niemand zu sehen bekommen, was vermuten lässt, dass sie als einzige Zeugin auf die eine oder andere Weise abhanden gekommen sein mag. Der nachgehende Überfall auf die russische Botschaft war gar zu organisiert, und geradezu verdächtig war die regelrechte Flucht des gesamten russischen diplomatischen Korps aus Tripolis nach Tunesien. Die russische Botschaft hat die ganze Zeit, auch im NATO-Bombenhagel von 2011, ohne Unterbrechung weiter gearbeitet, und hier heben sich die Diplomaten plötzlich hinweg wie ein aufgescheuchtes Zigeunerlager. Wird wohl nicht anders gelaufen sein, als dass das russische Außenamt bzw. der Botschafter eine Art Stevenson-Szenario versprochen bekommen haben.

Zum temporären Kidnapping Seidans mag der Zusammenhang indirekt sein, aber man muss sich immer vor Augen halten, dass ein failed state sich in seinen Aktionen auf äußere Kräfte stützen muss. Die in Libyen konkurrierenden Gruppierungen sind dabei keine Ausnahme. Bedingt kann man sagen, dass die mehr oder weniger säkulare Allianz nationaler Kräfte, die durch Ali Seidan repräsentiert wird und der auch Libyens Schatteneminenz Mahmud Dschibril angehört, sich auf Frankreich und in begrenztem Maße die USA stützt. Die Islamisten und Bürger der “Freistädte” Misurata und Bengazi waren seinerzeit eng mit Katar liiert, doch nach dessen Zurücktreten von den Prozessen des “Arabischen Frühlings” mußten sie wohl oder übel mit dessen Konkurrenten, Saudi-Arabien, anbandeln. Diese Liaison ist weitgehend erzwungen und unnatürlich, aber eine andere Möglichkeit bleibt den Islamisten in Libyen derzeit nicht.

Das fragile Gleichgewicht zwischen den verschiedenen libyschen Gruppierungen ist noch im Sommer ins Wanken geraten, als die Islamisten sich mit den jeweiligen Stammesführern einigen konnten und die Erdölindustrie durch Streiks lähmten. Der Erdölexport fiel um an die 90%, die Regierung geriet ins Wanken. Danach gab es lauthalse Ankündigungen einer Unabhängigkeit der Kyrenaika und Fezzans, so dass Ali Seidan nach einer Möglichkeit suchen musste, die ins Wanken geratene Balance wiederherzustellen.

Der Besuch des libyschen Außenministers Mohamed Abdulaziz in Russland sollte, als einer der oben erwähnten Rückgriffe auf externe Kräfte, die Vorherrschaft der Allianz der Nationalen Kräfte festigen, und hat das auch erst einmal bewirkt: Russland aktivierte die alten Rüstungsverträge wieder, entsandte Fachleute im Bereich Erdölförderung, ging wieder an den Bau der durch den Krieg gegen Libyen unterbrochenen Eisenbahnstrecke. Die Antwort der Islamisten ließ aber nicht lange auf sich warten.

Jekaterina Ustjuschaninowa

Die „sibirische Amazone“, Jekaterina Ustjuschaninowa

Death to rats

Menetekel, das angeblich von Ustjuschaninowa am Ort des Verbrechens hinterlassen wurde

Die Russin Jekaterina Ustjuschaninowa, die im August 2011 nach Libyen gereist war, um dort Oberst Gaddafi zu beschützen bzw. zu rächen (ich hatte damals ihre Blogeinträge verfolgt und hätte nie gedacht, dass sie überhaupt dort ankommt – erstaunlich genug waren dann schon allein die Fetzen von Meldungen aus dem besetzten Tripolis), befand sich ganz offenbar unter minutiöser Beobachtung der örtlichen Nachrichtendienste. Sie hatte ohnehin die Reputation einer höchst eigenartigen Persönlichkeit und wurde als Bauernopfer in einer Aktion eingesetzt, die zur regelrechten Vertreibung der russischen Diplomaten und der erwähnten russischen Fachleute führte, welche die wirtschaftlichen Beziehungen zu Libyen wiederaufbauen sollten. Direkt nach der Flucht der russischen Diplomaten nach Tunis erklärt der russische Erdölkonzern Tatneft, dass dessen russisches Personal aus Libyen evakuiert worden ist. Der nächste Griff der Islamisten galt dann schon Ali Seidan selbst.

Leider führt die uneindeutige Politik Russlands gegenüber Libyen dazu, dass es zu einer Spielfigur in fremder Leute Schachzügen wird. Durch die Entlassung des Botschafters Wladimir Tschamow inmitten der gegen Libyen laufenden Aggression hatte Russland deutlich gezeigt, dass ein Diplomat nicht unbedingt eine eigene Meinung haben darf. Wenn dem so ist, so durften folglich auch die Halbwilden aus der Wüste mit ausländischen Diplomaten verfahren, wie es ihnen in ihren wilden Tänzen beliebt.

Libyen begibt sich einmal mehr in einen Strudel aus Krisen, deren Ausgang und Ende nicht abzusehen ist. In der jetzigen Situation haben sich die Islamisten und damit die arabischen Monarchien erst einmal behauptet und ihre Positionen gefestigt; die “anderen” sind am Zug.

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