Spiel der Throne

(Fortsetzung von „Der kleine Prinz“)

house_of_saudhBandar mag noch einen Trumpf im Ärmel haben, den er in seiner Drohung bisher nicht angesprochen hat. Saudi-Arabien kann es durchaus erwägen, seine Erfahrungen aus dem Ölembargo der 1970er Jahre zu reaktivieren und der ohnehin durch Krisen siechen Wirtschaft Europas und der USA schwer zusetzen. Das von Bandar angesprochene “Überdenken” der Beziehung zwischen Saudi-Arabien und den USA ist ohne Manipulationen am Erdölmarkt als Druckmittel kaum vorstellbar; schachern kann man ja nur, wenn man seinen Wünschen Nachdruck verleihen kann, und die Verlautbarungen Prinz Bandars sind nichts anderes als ein Versuch zu schachern, der sich durchaus zu einem Ultimatum ausweiten kann.

Es wurde bereits richtig angemerkt: diese Herausforderung für Obama stellt Prinz Bandar nicht etwa nur in eigenem Namen, sondern im Namen der US-amerikanischen Gegner des Obama-Kurses. Diese Krise spitzt sich immer weiter zu, die Widersprüche zwischen den einzelnen Gruppierungen innerhalb der Eliten verschärfen sich und können durchaus vom kalten Undercover-Krieg hie und da zu regelrechten Kampfhandlungen werden. Ignorieren kann Obama das alles nicht; die Risiken sind zu hoch. Den Saud und den Israelis wäre es fast gelungen, die USA in einen bewaffneten Konflikt im östlichen Mittelmeer hineinzuziehen. Ob es wohl zu weiteren darauf abzielenden Provokationen kommt? Bestimmt.

Aber natürlich hat auch Obama seine Trümpfe. Ohne solche wäre es reiner Selbstmord, sich mit solch mächtigen Gegnern, wie es die Koalition aus Republikanern, israelischer Kriegspartei und wahhabitischen Erdölprinzen ist, überhaupt einzulassen.

Das schwache Glied dieser Koalition ist aber genau Saudi-Arabien. Dadurch erklärt sich dessen aggressives Verhalten in der letzten Zeit. Die inneren Probleme der Dynastie der Al-Saud sind keinem ein Geheimnis: der unvermeidliche Generationenwechsel in der Herrschaft über das Land verschärft die Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen Clans bis aufs Äußerste.

Exkurs: 1992 gab es einen Erlaß des damaligen Königs Fahd ibn Abd al-Aziz al Saud, durch den die zweite und dritte Generation der Nachkommen des Gründers des Königreichs in die Thronfolge aufgenommen wurde. Unter diesen sind die Ansprüche der Sudairi, der wohl mächtigsten Gruppierung innerhalb der Dynastie, am stärksten hinterlegt. Unter den Enkeln des Abd al-Aziz al Saud werden folgende Familienmitglieder als mögliche Thronfolger gehandelt: Prinz Bandar bin Sultan, der Gouverneur von asch-Scharqiyya Saud bin Naïf, der ehemalige Chef-Geheimdienstler (und nebenbei Taufpate der Al-Kaida) Turki al-Faisal, der saudische Innenminister Mohammed bin Naïf sowie der Sohn des gegenwärtigen Kronprinzen Sultan bin Salman, der “erste Muslim im All”.

Als Gegengewicht zu diesen Sudairi gilt der Sohn des jetzigen Königs, Mutaib bin Abdullah. Der Oberbefehlshaber der saudischen Nationalgarde, der wohl schlagkräftigsten militärischen Struktur des Königreichs, die Anfang des Jahres von König Abdullah den Status eines Ministeriums verliehen bekommen hat und sie damit weitgehend der Kontrolle durch die Seilschaften seiner Gegenspieler entzogen wurde. Mutaib nun bandelt mit dem Clan der al-Dschiluwi (einem Zweig der Saud-Dynastie) an, welche traditionell die Provinz al-Hasa, die im Verband des Königreichs zu asch-Scharqiyya – der Ostprovinz – wurde, beherrschten. Hier gibt’s das ganze Erdöl. Durch dessen Verwaltung die al-Dschiluwi ziemlich schnell ziemlich mächtig wurden, so dass noch König Fahd sich gezwungen sah, das Gouvernement durch komplizierte Undecover-Leibesübungen einem Sudairi zu unterstellen.

Die al-Dschiluwi nun sind zwar noch in den Sätteln vieler darunterstehender Verwaltungseinheiten verblieben, ihres Gouverneurspostens und auch der Verwaltung der Erdölproduktion in der Provinz jedoch beraubt, was im Endeffekt eine kleine Bruchlinie in die Dynastie hinein ergibt. Die al-Dschiluwi sind für eine “Fünfte Kolonne” nicht bedeutend genug, aber allein aufgrund solcher Umstände gewiss ein Faktor im innersaudischen Machtkampf mit den Sudairi. Mutaib und die al-Dschiluwi haben auch nicht genug Einfluß und Möglichkeiten, die Macht gleich im ganzen Königreich an sich zu bringen, aber diese Kombination – Nationalgarde plus administrative Ressourcen der al-Dschiluwi – reichen im Ernstfall sicherlich für Teile des größten Reichtums im Königreich. Ach ja, Bahrain ist ja auch gleich nebenan – wer hören kann, der höre. Alles in allem ein passender Ansatz für ein wenig Wühlarbeit, den Obama nötigenfalls sicher zu nutzen weiß.

Stratfor-Grafik von 2002

Stratfor-Grafik von 2002

Das wird zumindest eine der Entwicklungen sein, deren Möglichkeit Prinz Bandar zu solchen Statements bewegte. Die Unverfrorenheit, mit der er seine Aussage gemacht hat, zeugt aber ehestens von der Ungewissheit, ob man diese Gefahr noch vermittels der üblichen Undercover-”Games of Thrones” abwenden kann. Es sieht alles danach aus, als sei der inzwischen fast 90-jährige, nicht das Zeitliche segnen wollende gegenwärtige Monarch der letzte Damm zwischen den sich bekämpfenden Clans im Königreich.

Bislang sieht die Lage, von Außen betrachtet, recht stabil aus – der König hat einen, wenn auch ebenso kranken, Thronfolger. Sollte aber jemand in den USA oder im Königreich selbst beschließen, dass die Zeit gekommen ist, so werden noch lebende Regenten wohl kaum ein Hinderniss für die Einleitung von Zersetzungsprozessen sein. Obamas Antwort auf die Eskapade Bandars kann schnell und schmerzhaft sein. Bereits jetzt beunruhigen sich gewisse Kettenhunde der Demokratie, allen voran Human Rights Watch, über Menschenrechtsverletzungen in Bahrain, es kommen immer wieder und immer mehr Publikationen über das Unrecht und die Unterdrückung im “Steinzeitkönigreich”. Zuletzt die Sache mit den “Autofahrerinnen”, eine klare Kampagne.

bahrainWie eine Attacke gegen das Königreich verlaufen kann, zeichnet sich damit also auch ab. Nach dem Tod König Abdullahs kommt der nicht minder todkranke Kronprinz Salman an die Reihe (sofern er diesen seligen Tag noch erlebt), wonach es durchaus zu offen ausgetragenen Differenzen im saudischen Kronrat kommen kann – dieser Kronrat ist jenes Gremium, das den Machtübergang im Konsens der Dynastie garantieren soll. Begleitend kommt es zu der einen oder anderen Variation eines “schiitischen Frühlings” in Bahrain und der Ostprovinz, was schon richtige Manöver zur Folge haben wird, die al-Dschiluwi setzen sich an die Spitze einer der “Protestbewegungen” oder treten als Friedensstifter auf (weil sie sich wohl nur schwerlich mit Schiiten assoziieren werden), oder handeln gänzlich im Hintergrund – und säubern die staatlichen Organe der Provinz von “Repräsentanten des Regimes”. Die Weltöffentlichkeit wird plötzlich und gezielt über die Menschenrechtsverletzungen in Bahrain in Ungemach geraten, dabei die Umwälzungen in asch-Scharqiyya aber weitgehend ignorieren (Saud bleibt Saud, ob nun al-Dschiluwi oder Sudairi).

Die Sudairi werden zu Buhmännern, zum “Regime”, zu “Diktatoren”, die Freiheit und Demokratie mit Füßen treten und auf ihr eigenes Volk schießen… das Szenario ist bekannt. Die gegnerischen Clans können in aller Stille die erdölreichen Regionen des Landes unter ihre Kontrolle bringen und dann von einer Position der Stärke mit ihren Verwandten reden. Die Macht oder Territorien, so könnte die Forderung verkürzt lauten. Stellen die Sudairi sich quer, kommt’s schließlich zur Spaltung des Landes in erdölreiche Küste und Wüste. In Mekka und den südlichen Provinzen Asir, Dschaizan und Nadschran kommt es zu weiterem Ungemach – das sind ohnehin schon immer bestehende Bruchlinien im Königreich.

Die Herrscher in Riad kämen dann in eine Lage, in der sie faktisch nur noch über die Hauptstadt und deren Vororte kommandieren können; in den übrigen Gebieten kommen urplötzlich andere Herren ans Ruder, so dass sie die Freiheit vom Blutigenregime erlangen und die Demokratie triumphiert. Und Obama.

Anm.: Die letzten 3-4 Absätze sind natürlich reiner Konjunktiv.

Material teilweise von VZ.ru

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