Archiv für Januar, 2014

Jahresrückblick 2013: Afghanistan

Wenige Augenblicke vor Ablauf des ersten Monats im Jahr 2014 folgt der letzte Artikel aus der Serie “Jahresrückblick 2013″. Afghanistan und speziell die Taliban werden in diesem Jahr schätzungsweise zu Newsmakern. Es lohnt daher, sich mit einem Überblick über die aktuellen Konstellationen in Afghanistan auf die wohl kommenden Nachrichten vorzubereiten. Quelle für das russischsprachige Original: itar-tass.com

Die Eile der Vereinigten Staaten und in gewisser Weise auch Russlands mit der Beilegung der syrischen Krise sowie der Fragen um das iranische Atomprogramm hängt damit zusammen, dass das kommende Jahr zum Beginn des Abzugs der NATO-Streitkräfte aus Afghanistan werden soll. Diese Angelegenheit ist beiweitem nicht nur rein technischer Natur. Sie führt unweigerlich zu einer tiefgreifenden Umformatierung der Gesamsituation in Zentralasien und verlangt danach, die Prozesse im Nahen Osten geregelt zu bekommen und sie in ein mehr oder weniger abgeschlossenes Stadium zu übertragen. Die Lage in Afghanistan verheißt dabei nicht etwa weniger Schwierigkeiten als die in Syrien und im Iran, womöglich ist sie gar komplizierter als die letzteren beiden zusammengezählt.

afghanistan-titel

Der Truppenabzug ist dabei eine noch nicht endgültig geklärte Frage. Formal gesehen muss er verschoben werden, sollte es zwischen Afghanistan und den USA zur Unterzeichnung eines Sicherheitspakts kommen. Durch ein solches Abkommen würde die NATO in die Lage versetzt, weiterhin ein dann vielleicht reduziertes Truppenkontingent vor Ort vorzuhalten, das dazu fähig wäre, die Regierung Hamid Karzai zu stützen und es nicht zuzulassen, dass die Taliban an die Macht zurückkehren. Doch interessanterweise gibt es sowohl in Afghanistan selbst als auch in den USA dazu durchaus gegensätzliche Meinungen.

Sicherheitsabkommen zwischen Afghanistan und den USA

Präsident Obama hatte schon seinen ersten Wahlkampf auf Versprechen gebaut, die Truppen aus dem Irak und Afghanistan abzuziehen und damit die in Amerika selbst recht unpopulären Kriege zu beenden. Abgesehen vom reinen Wahlkampf ist er dabei aber auch von ganz praktischen Beweggründen ausgegangen.

Die USA haben in der Zeit von Obamas Präsidentschaft vorsichtig und ohne besonderen Pomp ihre Militärdoktrin abgeändert. Vorher ging man von der Möglichkeit aus, dass die Vereinigten Staaten ihre globale Dominanz aufrechterhalten und an zwei lokalen Konflikten gleichzeitig beteiligt sein können. Die jetzige Militärdoktrin sieht eine direkte Beteiligung an lediglich einem Konflikt lokalen vor, während die Bedingung einer globalen Dominanz weiterhin erfüllt sein muss, welche freilich auch etwas anders ausgelegt wird. Der Kern dessen, was hier passiert ist, liegt an der Oberfläche: die Vereinigten Staaten sind nicht in der Lage, solch bedeutende Ausgaben zu schultern, und die jetzige Krise, welche in vielerlei Hinsicht durch ihre eigenen Ambitionen ausgelöst worden war, ist eine durchaus überzeugende bestätigung dafür.

Die in den Bergen Afghanistans versackten US-Truppen, nahezu die Hälfte ihrer gesamten Streitkräfte, sind de facto aus dem Spiel ausgeschieden

Das Problem besteht dabei weniger in der Friedliebe und dem Geiz Barack Obamas, sondern ist von einem viel weiter ausgreifenden Charakter. Die in den Bergen Afghanistans versackten US-Truppen, nahezu die Hälfte ihrer gesamten Streitkräfte, sind de facto aus dem Spiel ausgeschieden. Die Macht der Vereinigten Staaten gründet sich auf der Stärke ihrer Wirtschaft, dem Finanzsystem und der militärischen Macht. Die ersten beiden dieser Elemente befinden sich in einer profunden Krise, und die militärischen Möglichkeiten der USA sind durch die Bindung von bedeutenden Teilen der Streitkräfte in Afghanistan eingeschränkt. Es ist nicht so einfach möglich, kurzfristig Truppenteile aus diesem Land abzuziehen und sie für die Lösung anderen Aufgaben an einen anderen Ort zu senden, ohne dabei die Niederlage zu riskieren.

Janukowitsch: Taktik vor Strategie

Stellvertretend für viele zitiere ich Dike mit folgender Meldung, in der die Passivität und Zurückhaltung der ukrainischen Regierung zu den gewaltsamen Ausschreitungen beklagt wird oder nicht nachvollzogen werden kann:

“Wird Janukowitsch nicht von den Russen beraten? Es gibt doch Armee und Polizei. Warum tun die nichts? Wovor haben die Angst?”

Ich will eine Antwort versuchen, die aber etwas ausführlicher ausfallen wird.

''Proteste'' in Daraa, März 2011

”Proteste” in Daraa, März 2011

Was in der Ukraine vor sich ging und geht, hat, wenn man sich die Ereignisse vom Gesichtspunkt der dort angewandten Technologien betrachtet, durchaus große Ähnlichkeit mit den Ereignissen des “Arabischen Frühlings”. Inwieweit die Vorgänge nun gänzlich Projektcharakter haben oder wenigstens zu weiten Teilen spontan und natürlich sind, ist eine schwierige, aber erst einmal auch nicht allzu relevante Frage. Für den Moment ist es wichtiger, dass man anhand verschiedener bekannter Modelle des “Arabischen Frühlings” Vergleiche anstellen kann, welches dieser Modelle am ehesten den Vorgängen in der Ukraine entspricht, womit man die Ereignisse in Kiew und anderswo im Lande mit einem gewissen Verständnis dafür auseinandernehmen kann, was denn jeweils an Motiven dahintersteht.

''Proteste'' in Kiew, Januar 2014

”Proteste” in Kiew, Januar 2014

Und es ist eben das “syrische Modell”, das den Ereignissen in der Ukraine am nächsten kommt – mit einer Ergänzung: die Ereignisse in der Ukraine haben sich weit dynamischer entwickelt, woraus allein schon entsprechende Korrekturen dieses Modells folgen mussten; aber insgesamt gibt es bislang fast keine merklichen Unterschiede. Zum heutigen Zeitpunkt steckt die Ukraine ungefähr im selben Stadium wie Syrien im Frühsommer 2011. Die Konfrontation zwischen den Konfliktparteien ist an einem Höhepunkt angelangt, aber bislang ist der Rubikon, nach dem das Blutvergießen einsetzt, noch nicht überschritten. Die Opposition ist genauso hilflos und hat außer dem kleinsten gemeinsamen Nenner “die Regierung muss weg” kein einziges verständlich artikuliertes Ziel. Die inzwischen aufgetauchten kriminellen Banden stehen nicht unter Kontrolle dieser Opposition, sind ihrerseits noch schwach und haben keine eigene politische Struktur, die sie gezielt und effizient einsetzen könnte. Die Staatsmacht versucht weiterhin, den Gegner durch politische Winkelzüge auszuspielen und riskiert es nicht, hart durchzugreifen und den Gegner damit schachmatt zu setzen. Syrien im Frühjahr 2011, Ukraine im Winter 2013/2014.

Ukraine: Vor dem Exorzismus

Vom gestrigen Tage in der Ukraine bleibt ein Eindruck: die “Revolution” säuft ab. Es kommt inzwischen zu Gegenreaktionen, die für die Banditen ziemlich unangenehm verlaufen: die Menschen verbünden sich mit den Ordnungskräften des Blutigenregimes und verjagen die angereisten galizischen “Aktivisten” samt den gekauften Ortsansässigen. “Gekauft” ist jetzt durchaus keine Denunziation – die Besetzer der Verwaltungsgebäude in den Provinzen erzählen den Journalisten selbst, was ein Demonstrant kostet: 300 bis 1.500 Griwna pro Tag, wobei die Top-Honorare denjenigen gezahlt werden, die sich an gewaltsamen Erstürmungen beteiligen, während die scheuen, aber immer noch geldgierigen für das Anfüllen der Biomasse hinter den Brutalos immerhin noch ein Grundgehalt beziehen. Die Frage, woher das bettelarme Galizien die Finanzen dazu hat, wollen wir erst einmal ausklammern.

Die Propagandakanäle der Banden müssen derweil fast stündlich neue Karten malen:

Entwicklung bei den besetzten Verwaltungsgebäuden vom 26. auf den 27.01.2014 - schwarz gekennzeichnet der Widerstand gegen die Eurobanden. Quelle: Twitter @euromaidan

Entwicklung bei den besetzten Verwaltungsgebäuden vom 26. auf den 27.01.2014 – schwarz gekennzeichnet der Widerstand gegen die Eurobanden, wo Besetzer aus Verwaltungsgebäuden verjagt wurden. Rot – Verwaltungsgebäude besetzt, orange – umstellt oder Sturm im Gange, gelb – “Massenproteste”. Quelle: Twitter @euromaidan

Die ihnen wieder entrissenen “Gebiete” nennen sie dabei “Krebsgeschwür”, die Bürgerwehren bezeichnen sie als “Bandentruppen” (schwarz gezeichnete Provinzen). Selbst die Wortwahl gleicht auf erschreckende Weise jener, die in den Propagandakanälen der Islamisten im “Arabischen Frühling” verwendet wurde. In Zeiten von Google Translate ist es aber auch kein großes Problem, die entsprechenden Anleitungen ins Ukrainische zu übersetzen.

Das Problem der Aufständischen bleibt bestehen: ein Umsturz, eine Revolution oder ein Krieg darf nicht ins Stocken geraten. Passiert das, dann wird das ganze Unterfangen zu einer höchst unangenehmen und auch teuren Angelegenheit. Bereits seit einer Woche treiben die revolutionären Banden ihr Unwesen in Kiew und in den Regionen. Selbst die stursten Gegner der Regierung, ganz zu schweigen von normalen Bürgern, beginnen zu begreifen, dass sie es mit nichts anderem als Bandenterror zu tun haben und nicht etwa mit Freiheitskämpfern.

Diese Einsicht führt dazu, dass Menschen sich vereinen, auf die Straßen gehen und die busweise angereisten Maidownis wieder verjagen. Deren Schema ist überall das gleiche – Anreise, Versammlung ihrer lokalen “Aktivisten”, Bezahlung der bevorstehenden Aktion, ein Kurztraining und Motivierung der “revolutionären Massen” – und ab geht’s zum Angriff. In den ersten Reihen rennen die durchgeknallten Gewalttäter, dahinter drückt der Mob und macht durch schiere Biomasse Eindruck auf die Vertreter der Ordnungsgewalt. Dieses Schema kann man sehr gut in den Aufnahmen von der Besetzung der Provinzialverwaltung in Winnitza erkennen (Aufnahmen von gestern):

Anhand dieser Aufnahmen möge ein Euro-Integrator erklären, was der Unterschied zwischen den dort gezeigten “Freiheitskämpfern” und kriminellen Schlägertrupps ist…

In Saporoschje wurde dieses Schema durch Polizeieinsatz durchbrochen, und dazu hat es gereicht, die ersten Reihen der Angreifer kurz zurückzuschlagen, die hinter den Gewalttätern auflaufenden Massen per Blend- und Betäubungsgranaten auseinanderzujagen, wonach sich die paar Dutzend Gewalttäter praktisch allein vor der Miliz wiederfinden. Der Masse dahinter wurde offenbar eingeredet, dass es keinen Widerstand gibt, so dass sie kaum bereit zur Gegenwehr der Sicherheitskräfte wahr.

Man kann ansatzweise bereits erkennen, dass die Regierung zur Rücknahme der regionalen Verwaltungsgebäude übergeht. Dabei handelt sie eigentlich ganz genau so, wie die galizischen Banden – die Miliz stützt sich auf Bürgerwehren.

Momentan geht es bei diesen ganzen Vorgängen noch um die Provinzen, dabei ist aber klar, dass der eigentliche Brennpunkt die morgige Sondersitzung der Rada, des ukrainischen Parlaments, werden wird. Dabei hat die Taktik der Regierung bei all ihrer Fragwürdigkeit doch bereits Erfolg – minimale Gewaltanwendung gegen die Banden, die sich so selbst in all ihrer Pracht präsentieren müssen, und die Stimmung im Volk kippt. Das hat nichts damit zu tun, dass das ukrainische Volk plötzlich seine Regierung liebt, aber der Schrecken, der darauf erpicht ist, an ihre Stelle zu treten, ist den meisten dann doch ein echter Graus.

Retrospektive Dschobar: Schützenpanzer

Scheinbar muss eine Weile vergehen, ehe man Tonnen an Videomaterial zu dichten und stringenten Reportagen montieren kann. Der nächste Teil der ANNA-News-Dokumentation des Großangriffs auf die Al-Nusra-Terrorbrigaden in Dschobar vom 21.08.2013 läßt einen teilweise den Atem anhalten. Abgesehen vom Mut und der Professionalität der Syrischen Arabischen Armee ist das so zusammengestellte Videomaterial lehrbuchtauglich.

(Bitte ggf. deutsche Untertitel aktivieren!)

Anmerkungen:

1. Der zerstörte Schützenpanzer in den Aufnahmen liegt im Moment der Aufnahmen bereits ca. ein halbes Jahr an diesem Ort, es sind also keine Verluste aus der dort dokumentierten Operation:

Zerstörter Schützenpanzer links im Bild

Zerstörter Schützenpanzer links im Bild

2. Nochmals die Lokalisation:

 

Retrospektive Dschobar: Absetzen der Infanterie

Ziemlich starke Bilder vom massiven Sturm auf verschanzte Terrorbrigaden im Damaszener Vorort Dschobar, 21. August 2013. Die Provokation mit den chemischen Kampfstoffen passierte genau an diesem Tag und, wie es in den ersten Meldungen der “Rebellen” hieß, auch genau in der Gegend. Zur Erinnerung hier verlinkt: das damalige Statement von ANNA-News. Die Szenen im Video hierunter sind genau die dort beschriebene Phase nach der 45-minütigen “Artillerievorbereitung” und dem Absetzen der Sturmtruppen, also nach 8 Uhr morgens.

(Bitte ggf. deutsche Untertitel aktivieren!)

Nur für den Überblick hier noch einmal der genaue Ort der Handlung (Angriffsrichtung m.E. West -> Ost):

 

Jahresrückblick 2013: Jemen

Der Jahresrückblick 2013 für Jemen zeichnet alles in allem ein recht trübes Bild von der Lage und den Perspektiven des Landes. Sehr interessant auch im Zusammenhang mit den Filmen “JSOC” und besonders – wer des Russischen mächtig ist – “Terra Al-Kaida”. Quelle für den Jahresrückblick: itar-tass.com

Der Jemen zählt zu den Ländern des Arabischen Frühlings, bei denen von Anfang an nichts nach dem geplanten Szenario verlief. Schon wenige Monate nach dem Aufkommen des Interesses an den Volksprotesten in Sanaa wurde es für Journalisten zunehmend schwerer, über das Streben nach Demokratie und Fortschritt unter dem Joch der nächsten Diktatur zu berichten. Was schließlich das despotische Regime Ali Abdullah Salihs ablösen sollte, sah so gar nicht nach Fortschritt, Demokratie oder wenigstens einer elementarer Ordnung aus.

jemen-socotra

Das Grundübel Jemens besteht dabei in einer der höchsten Geburtenraten der Welt. Wie viele Entwicklungsländer erlebt auch Jemen diesen Übergang zwischen einem Bevölkerungswachstum ersten und zweiten Typs. Die Gefahr dieses Übergangs besteht dabei darin, dass eine bereits nur verhältnismäßig gute medizinische Versorgung und eine Verbesserung der Lebensstandards die Sterblichkeit spürbar senken, die Geburtenrate dabei aber auf dem bisherigen Niveau verbleibt. Dies führt zu einem enormen Anstieg der Bevölkerungszahl.

Diese Übergangszeit dauert normalerweise nicht allzu lange an. Bei einer stabilen Entwicklung des Landes etabliert sich nach und nach ein Bevölkerungswachstum des zweiten Typs, bei dem Fertilität und Geburtenrate sinken und sich somit die Geschwindigkeit des Bevölkerungswachstums verlangsamt.

alterspyramide-jemen-2012

Alterspyramide Jemen 2012 mit Ali Abdullah Salih

Diktator und Despot Ali Abdullah Salih war natürlich nicht gerade ein Geschenk des Himmels. Unter seiner Führung kam das Leben im Lande allerdings allmählich in geregelte Bahnen. Diese Entwicklung verlief dürftig und recht armselig, und von 1975 bis zum Beginn des „Frühlings“ verdoppelte sich die Einwohnerzahl auf 24 Millionen Menschen. Dabei brauchen sich die Jemeniten darüber nicht zu freuen: heute ist knapp die Hälfte der Bevölkerung unter 15 Jahre alt, während nur etwa 3 Prozent älter als 65 sind. Das Bevölkerungswachstum verlangsamt sich überhaupt nicht und beträgt kolossale 3 Prozent.

Zusätzlich besteht für Jemen, wie auch für Syrien, ein ernsthaftes Problem durch Flüchtlinge aus anderen Ländern. Syrien brachten die beiden Flüchtlingswellen aus Palästina und dem Irak fast zwei Millionen neue Einwohner. Während es die Palästinenser irgendwie geschafft haben, in das Leben des Landes „hineinzuwachsen“, wurden die halbe Million Iraker (nach einigen Angaben auch bis zu einer Million) zu einer schweren Bürde für die Wirtschaft des Landes. In dem nun schon drei Jahre andauernden Krieg bilden diese Menschen für Rebellengruppen eine Ressource für die Rekrutierung neuer Kämpfer.

Die Zahl der Flüchtlinge im Jemen ist geringer: sie liegt schätzungsweise zwischen 300 Tausend und einer halben Million. Sie erreichen den Jemen größtenteils aus “Übersee” – aus Somalia, Äthiopien, Eritrea. Die Wirtschaft des Jemen ist aber um einiges schwächer als die Syriens wodurch die Flüchtlinge während des “Frühlings” zu einem nicht zu unterschätzenden destabilisierenden Faktor wurden.

Kiew: unbekannte russische Scharfschützen

euromaidan-scharfschütze

“Medien: der Scharfschütze, welcher die Menschen auf der Gruschewskogo-Straße umgebracht hat, war ein russischer Söldner. Das nächste Opfer könnte ein Berkut-Mann sein.” (Twitter @euromaidan)

Infokriege sind so eine Sache… der “erste Twitter der ukrainischen Revolution” meldet, der “Scharfschütze”, welcher gestern Revolutionäre erschossen haben soll, sei ein “russischer Söldner” gewesen. Tja. Wahrscheinlich haben die, welche so lügen, gestern das Video mit dem Ermordeten nicht gesehen. 4 Schusswunden an Hals, Kopf und Brust. Die Gerichtsmedizin teilt mit, sie habe aus dem Körper des Ermordeten Schrotladungen (Kartätschen) entfernt. Sie klassifiziert die in der Leiche gefundenen Gegenstände genau so – als “Kartätsche”. Was nur eines bezeugt – der Mord geschah aus nächster Nähe, womit der Begriff “Scharfschütze” ad acta gelegt werden kann.

Aber dazu ist der Infokrieg ja auch da: “Scharfschützen nehmen Demonstranten ins Visier”, verfielfältigt die hiesige Presse. Dabei ist in allen Selbstzeugnissen des Straßenmobs von Opfern von Gummigeschossen die Rede. Hat mal jemand versucht, Gummigeschosse per Scharfschützengewehr zu verschießen? Oder Gummigeschosse per Pumpgun aus einer Entfernung, die für Scharfschützen geeignet wäre?

Klitschko intoniert auch bereits die Schlüsselphrase: “Die Regierung schießt auf das eigene Volk”. Von solchen Déjà vus bekommt man langsam Schwindelgefühle. Die anonyme Beschuldigung gewisser “russischer Scharfschützen” zeugt natürlich davon, dass es eines äußeren Feindes bedarf, wozu sich Russland am besten eignet. Natürlich wird niemand diesen ominösen russischen Scharfschützen vorzeigen können, ebenso im Dunkeln bleibt das Verfahren, mittels welchem man ermittelt hat, es sei ein Russe gewesen.

All das wäre ein überdimensionaler Witz, wenn es nicht insgesamt so tragisch wäre. Menschen sind in solchen Revolutionen nichts als Humanressourcen und Wegwerfartikel für die Strippenzieher und Technologen. Wen sie wollen, werfen sie dem Berkut entgegen; wen sie wollen, knallen sie ab. Der Zweck heiligt ihnen diese Mittel – das blutrünstige “Bäumchen der Freiheit” will gegossen werden, wenn es sein muss, aus Fässern.

Ungeachtet der heute erfolgten Erstürmung von Verwaltungsgebäuden und Parteizentren in der Westukraine – in Lwow, Rowno und Poltawa – ist das noch kein Zusammenbruch des ukrainischen Staates. Es kann vielmehr bedeuten, dass die Hintermänner das gestern von den “Oppositionsführern” gebildete Gegenparlament – die “Volksrada” – für nicht allzu effektiv halten. Ihr Skeptizismus ist vielleicht gerechtfertigt: schon einen ganzen Tag lang existiert dieses Revolutionsorgan, eigentlich müssten die vor lauter Emsigkeit schon dampfen, aber man hört einfach nichts von der Arbeit dieses Gremiums. Keiner schreibt und veröffentlicht bedrohliche Dekrete, es gibt immer noch keine “Volkspolizei”, keine “Freie Armee” und Geheimdienste, keine Forderungen an die Provinzregierungen, sich der “Regierung des Volkes” zu unterwerfen. Eine solche “Volksregierung” hat überhaupt noch niemand eingesetzt; mit anderen Worten, diese “Volksrada” sieht bisher aus wie ein Name ohne Inhalt, geschaffen, um einen konkreten Adressaten für ausländische Unterstützung zu haben.

Diese Passivität der Revolutionäre kann die ganzen bisherigen revolutionären Anstrengungen in wenigen Tagen in einem lauten, unanständigen Geräusch ausarten lassen. Irgendwas muss passieren – und fast die letzte verbleibende Variante ist die Schaffung eines ukrainischen Bengasi. Keine leichte Aufgabe, aber immer noch viel einfacher als in Syrien – in der Ukraine, insbesondere im Westen des Landes, gibt es eine ganze Palette an potentiellen Bengasis.

Zum libyschen Szenario fehlt allerdings noch eines, und zwar das wichtigste: in Libyen haben sich höchste Staatsbeamte aus dem Umkreis des Oberst Muammar Gaddafi gegen selbigen gewandt. Nicht nur ihrer Funktion, sondern auch ihrem Ansehen nach “hohe Tiere”. Sie und Bengasi machten es möglich, eine vollwertige Rebellion vom Zaun zu brechen, durch die all das spätere Unglück über das Land hereinbrach. In Kiew sieht man solch “hohe Tiere”, die dazu bereit wären, alles hinzuwerfen und irgendwohin zu rennen, bislang noch nicht.

Die Besetzung der Provinzverwaltungen ist demnach eher ein Versuch gewesen, der die möglichen Züge der Hintermänner andeutet. Die Gefahr droht weniger Janukowitsch; der Westen (auch der Westen der Ukraine) hat ihn ohnehin schon längst abgeschrieben. Es ist eine Drohung, die an die “Oppositionsführer” gerichtet ist: wenn ihr es nicht schafft, finden sich andere Führer.

Kiew: Katharsis?

Sieht so aus, als gehe der Berkut gerade daran, den Mob von der Gruschewskogo-Straße in Kiew zu fegen. Hier ist ein paar heutige Szenen von o.g. Straße, wo der Berkut Zugänge zu Regierungsgebäuden schützt und friedliche Demonstranten ein Volksfest feiern:

kiew-gruschewskaja

Wer noch zweifelte, das ist jetzt Syrien im Frühstadium. Die ukrainische Generalstaatsanwaltschaft hat derweil gemeldet, es habe in der vergangenen Nacht Entführungen gegeben:

„Im Laufe der Nacht haben Unbekannte in den Wohnheimen in der Stscherbakow-, der Spasskaja-, der Observatornaja-, der Starowoksalnaja- und der Bogdanowskaja-Straße von Kiew Massenpogrome angestellt. Sie haben Türen und Fenster eingeschlagen und Menschen entführt… Die mit Schlagstöcken und Metallschlägern bewaffneten Extremisten schlendern durch Straßen der Stadt, greifen friedliche Bürger an und stecken Autos in Brand, so die Generalstaatsanwaltschaft. “

Es ist klar, dass es bei der massenweisen Beteiligung von Kriminellen an politischen Aktionen nicht ausbleibt, dass eben Straftaten passieren. Bei “Vesti” wurde gemeldet, dass die friedlichen Demonstranten Molotow-Cocktails herstellen, die abgesehen von den normalen auch noch “chemische Verbrennungen” erzeugen. Und das ist keine Ente: in den Äußerungen der ukrainischen Euro-Faschos in sozialen Medien sind Kurzanleitungen zu finden, wie man das macht:

bandera-terror

Natriumhydroxid. Die Bandera-Jünger machen ihren Großvätern, die durch Massenexekutionen und Kinderzerstückelungen bekannt geworden sind, alle Ehre.

Es gibt auch bereits Meldungen über die ersten Toten. Seltsam ist, dass einer davon durch 4 Schüsse umgekommen ist – die Sicherheitskräfte sind bislang nicht durch Feuerwaffen aufgefallen. Sind das die ersten der geplanten “sakralen Opfer” zum Anheizen der Stimmung? Die “mysteriösen Entführungen” lassen einen in diesem Zusammenhang doch ins Grübeln geraten.

PS. Bezeichnend ist, dass der Live-Stream von RT.com in Deutschland mit Hinweis auf die GEMA blockiert wird.