Jahresrückblick 2013: Russland

Quelle: itar-tass.com

Wäre da nicht das “Weihnachtsgeschenk” der alles übertönenden Terroranschläge in Wolgograd, könnte man sich ganz einfach mit einer Aufzählung der schönen Dinge und verdienten Erfolge Russlands auf außenpolitischem Terrain begnügen. Leider sind diese aber nur wenig durch Fortschritte im Lande selbst gesichert.

Dieses Fehlen von erkennbaren und ernstzunehmenden Fortschritten in der Innenpolitik macht die außenpolitischen Erfolge in vielerlei Hinsicht zunichte. Diese Schieflage ist allzu offensichtlich, und, offen gesagt, sogar gefährlich. Ein Sieg, dessen Früchte man nicht genießen kann, macht wenig Sinn.

Möchte man für Russland eine Bilanz der Erfolge und Misserfolge im Jahr 2013 ziehen, muss man genau aus diesem Grund besonders vorsichtig mit seinen Bewertungen sein. Die besorgniserregende wirtschaftliche Situation, welche die Regierung eingestehen musste, nivelliert die nicht abzusprechenden Durchbrüche unseres Landes in der Nahostpolitik.

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Den Rückzug der USA aus der Nahost-Region darf man nicht als vollendete Tatsache ansehen – bisher gibt es zum Ausklang des Jahres 2013 und zu Beginn 2014 nur eine offensichtliche Tendenz Obamas zur Umverteilung der eigenen Ressourcen in eine für die USA viel gefährlichere Richtung: die Asiatisch-Pazifische Region. Allerdings werden seine Möglichkeiten durch den harten Widerstand der politischen Kräfte innerhalb der USA selbst eingeschränkt. Eine bestimmte Korrektur der Pläne Obamas ist daher nicht nur wahrscheinlich, sondern wird sogar unumgänglich sein.

Deadline bis zum Supermachtstatus Chinas

Während dessen verfolgt China seine Politik wesentlich hartnäckiger, als es dies noch vor einigen Jahren getan hat. Diese Hartnäckigkeit sieht zwar nach traditionellem chinesischem Gebahren, in der Art der bekannten “allerletzten chinesischen Warnungen”, aus. Aber schon kurz darauf hatten die Chinesen nach ihrer symbolhaften Errichtung einer alle aufschreckenden neuen Militärzone sogleich den demonstrativen Überflug des Gebietes durch US-amerikanische Militärflugzeuge zu ertragen. Nichtsdestotrotz sind die auf dem 18. Parteitag der KP Chinas getroffenen Entscheidungen für die USA äußerst unangenehm. Hierdurch entstand eine Quasi-Deadline, bei der China nach Ablauf einer gewissen Frist eine nicht rückgängig zu machende Situation schaffen kann, in der entweder das Ende der globalen Dominanz der USA besiegelt oder ein direkter Konflikt mit katastrophalen Folgen für alle Beteiligten kommen wird.

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18. Parteitag der KP Chinas

Keiner der beiden Ausgänge kann die USA zufrieden stellen. Eine Wiederholung der Szenarien der beiden ersten Weltkriege, als die Europäer für die Interessen der USA in den Krieg zogen, scheint in diesem Zusammenhang nicht besonders wahrscheinlich. China steht um einiges mächtiger da als damals Hitlerdeutschland, während Japan es wohl kaum schaffen wird, aus sich selbst heraus die Neuauflage einer “Antihitlerkoalition” zu schaffen, selbst wenn es ihm dazu auf irgendeine wundersame Weise gelingt, einen antichinesischen Block zusammenzimmern. Ein direkter Zusammstoß zwischen den USA und China macht den Konflikt selbst sinnlos: gemäß dem gängigen Drehbuch steigen die USA in einen Konflikt immer erst in dessen letzter Etappe ein, um allen Beteiligten die Friedensbedingungen diktieren zu können. Im gegebenen Fall kann es sogar dazu kommen, dass der Konflikt gar nicht offen ausbricht – dazu befinden sich das wachsende China und das kriselnde Japan in viel zu unterschiedlichen Gewichtskategorien.

Bleibt nur die Variante einer indirekten Konfrontation, die von den Vereinigten Staaten die Konzentration all ihrer schwindenden Ressourcen in der einen und wichtigsten Richtung verlangt. Und der Nahe Osten ist das nicht mehr.

Die Umstände zwingen Obama eben so und nicht anders zu handeln. Der Rückzug der USA aus der Nahost-Region ist unausweichlich. Die Alternative wäre, dass die Vereinigten Staaten die umfangreichen und komplexen Aufgaben, welche Chinas Weg zur Supermacht behindern sollen, bis zur erwähnten Deadline einfach nicht werden erledigen können.

Einstieg Russlands in zwei sehr bedeutende Regionen

Als Vorbereitung für diesen Rückzug der USA können alle Aktivitäten von Präsident Obama in dieser Richtung innerhalb der letzten vier Jahre gelten. Eigentlich machte er auch kein Geheimnis darum, dass sein Ziel darin besteht, die US-Streitkräfte aus dem Irak und Afghanistan herauszuführen. Sowohl die Unterstützung der “Muslimbrüder” als auch die massenweise Aufgabe aller bisherigen Verbündeten in der Region erscheinen ebenfallsin diesem Lichte. Der Fehlschlag der anfänglichen, auf die Muslimbrüder ausgerichteten Politik, zwang Obama zu dem viel schwierigeren und weniger eindeutigen Weg des Beziehungsaufbaus mit dem Iran. Und auch das passiert wiederum unter Zugzwang, da ihm die drängenden Fristen keinen Handlungsspielraum für Manöver lassen.

Atom-U-Boot „Sewerodwinsk“ (Archivbild)

Atom-U-Boot „Sewerodwinsk“. Bild: RIA Novosti

Unter solchen Bedingungen wird der Platz, den die Vereinigten Staaten in der Region eingenommen hatten, schon jetzt langsam frei, und schon beginnt das Gerangel darum. Russland hat mit seinem durchaus kompetenten und selbstbewussten Kampf in Syrien eine überaus gute Ausgangsposition auf diesem freiwerdenden Terrain errungen. Genaugenommen ist das russische Militärprogramm der Anspruch auf einen gebührenden Platz in all diesen “frei” werdenden Gebieten. Es ist sogar durchaus wahrscheinlich, dass Obama genötigt sein wird, einen Teil Lateinamerikas zu verlassen, da er sich einen Kampf an mehreren Fronten kaum wird leisten können. Für ihn bleibt jetzt nur die eine, die einzige und wichtigste.

Dass sich Lateinamerika für uns öffnet, kann man ebenso bereits wahrnehmen – und das ganz ohne die sonst in einem solchen Fall üblichen Demarchen der US-Amerikaner. Das Fußfassen Russlands in Venezuela im Jahre 2013 erfolgte fast wie nebenbei, dabei ist die Bedeutung dieses Ereignisses um keinen Deut geringer als etwa die Revolution auf Kuba und der russische “Einstieg” dort. Natürlich ist Maduro nicht mit Fidel zu vergleichen und es bestehen zudem Befürchtungen um die Zukunft Venezuelas unter seiner Führung. Dies ist der Punkt, an dem Russland erst einmal mit Unannehmlichkeiten rechnen und schon im Vorfeld Brücken zur venezolanischen Opposition, welche den Erben Hugo Chavez’ immer selbstbewusster vor sich hertreibt, schlagen muss.

Die mit Venezuela auf dem Gebiet der Erdölförderung und im Bereich der militärisch-technischen Kooperation geschlossenen Verträge gehen allein schon auf Grund ihres Umfangs weit über die Grenzen einer üblichen wirtschaftlichen Zusammenarbeit hinaus. Solche Investitionen und Einlagen möchten natürlich gut und gern geschützt werden, daher wird sich die russische Präsenz in diesem Land und der Region insgesamt eher noch verstärken, was natürlich Kritik an der Politik der Obama-Administration von Seiten seiner Widersache zur Folge haben dürfte.

Nichtsdestotrotz kann man feststellen, dass 2013 ein Jahr der intensiven Vorbereitungen zum Einstieg Russlands in zwei sehr bedeutende Regionen war. Für die entstehende Zollunion, welche in der Perspektive der zweitgrößte Binnenmarkt nach der EU werden könnte, bietet die Öffnung Lateinamerikas und des Nahen Ostens ausgezeichnete Startvoraussetzungen, um noch über Europa hinauszuwachsen. Bis jetzt sind das zwar nur kühne Träume, aber im Jahr 2013 wurde unheimlich viel für die Verwirklichung getan. Zum Ende des Jahres hin ist es Russland nicht so sehr gelungen, die Ukraine der EU abzuringen, sondern sie nicht an diese zu verlieren – was umso mehr Russlands Interessen im beginnenden Spiel unterstreicht.

Die russische Achillesferse ist die Innenpolitik

Aber. Bei allen wunderbaren Errungenschaften außerhalb des Landes erscheint die Situation im Land selbst wenn nicht jämmerlich, so doch ausgesprochen schlecht. Dabei haben die Terroranschläge von Wolgograd am Jahresende gleich alle Probleme mit einem Mal auf’s Tablett gebracht. Die untaugliche russische “Machtvertikale”, die Anfang der 2000er Jahre für die recht eng umrissene Aufgabe des Erhalts der Einheit des Landes ausgelegt worden war, hat ihren Dienst längst getan. Im Kern handelte es sich um das Modell einer Krisenregierung, eine temporäre Struktur, die ersetzt werden muss, sobald sie die Aufgaben erledigt hat, die zu ihrer Entstehung führten.

Das Problem besteht darin, dass eine für die Krisenzeiten geschaffene Struktur nur unter Krisenbedingungen funktioniert. Dabei scheint es fast so, dass die jetzige Krise in Russland in vielerlei Hinsicht durch die Bedürfnisse eben dieser Struktur hervorgerufen wurde. Ein objektives Erfordernis, nichts persönliches, wie man so schön sagt.

Denn leider hat die jetzige russische Führung scheinbar kein Veständnis für andere Aufgaben als die, eine endlose Kette an Krisen zu überwinden. Daher rührt wohl auch die Ablehnung grundlegender Reformen, die schon längst überfällig wären.

In Russland gibt es zwei Probleme: Dummköpfe und Straßen

In Russland gibt es zwei Probleme: Dummköpfe und Straßen

Die Erfahrungen im Nahen Osten lehren, dass einem die heutige Welt wenig Zeit lässt, in die Spur zu kommen. Wer seine Probleme nicht beizeiten löst, dem werden sie noch erschwert werden. Wer wie Russland in ein Spiel mit einem dermaßen hohen Einsatz wie der Schaffung eines übernationalen Marktes bei offenkundigem eigenen Führungsanspruch einsteigt, provoziert seine Gegner selbst dazu, einen durch eine miserable innere Lage wieder auf den Boden zu ziehen. Die Terroranschläge von Wolgograd sind genaugenommen eine Warnung. Es ist schwer zu sagen, wieviele davon es, wenn überhaupt, noch geben wird. Doch der kritische Punkt, nach dem man uns sowohl von außen als auch von innen demontieren wird, ist sehr nah. Und das ist bestimmt keine Panikmache, sondern objektive Tatsache. Die Vision einer Zollunion berührt die Interessen äußerst mächtiger Kräfte auf der ganzen Welt, die nicht darauf warten werden, bis es Russland gelingt, eine für sich günstige Balance zwischen Innen- und Außenpolitik auszutarieren.

Auch das ist ein Fazit aus dem Jahr 2013. So absurd es auch klingen mag, die Worte Stalins darüber, dass sich der Klassenkampf in dem Maße verstärken wird, je weiter man in Richtung Sozialismus vorankommt, treffen auch in der heutigen Situation vollkommen zu. Je weiter Russland seine ausgesprochen ehrgeizigen Pläne realisieren wird, desto stärker wird auch der Widerstand gegen sie werden, und desto größer auch die Wahrscheinlichkeit der Anwendung aller denkbaren Demontage- und Zersetzungstechnologien gegen uns.

Die Achillesferse Russlands ist die Innenpolitik. Dahinter steckt ein ganzer Problemkomplex – angefangen bei Korruption und der Umgestaltung des Führungsapparats bis hin zu grundlegenden konzeptuellen Ideen. Es ist schon jetzt offensichtlich, wie fatal der der Kapitalismus der Oligarchen und Comparadores für das Land ist. Dieser stellt den Hauptgrund für die meisten Krisen dar. Dabei wirken die trübseligen und systemlosen Ideen der Opposition, angefangen bei der Kommunistischen Partei bis hin zu der vom Bolotnaja-Platz, ausgesprochen paranoid und eignen sich mehr dazu, das Land zur grenzenlosen Freude seiner es umgebenden Feinde zu Grabe zu tragen.

Das Problem sieht sehr umfassend, vor allem aber systemimmanent aus. Das heißt, dass wir im Rahmen des gegebenen politischen, ökonomischen, sozialen und Führungssystems nicht in der Lage dazu sein werden, mit dem ganzen Aufgabenkomplex zurechtzukommen, der angegangen werden muss, um unser Land von innen heraus zu stärken. In diesem Falle werden alle unsere Erfolge im Ausland unnütz und einfach sinnlos.

Dmitri Sokolow, ein russischer Wahhabit

Dmitri Sokolow, ein russischer Wahhabit

Wie das Jahr 2013 zeigt, bleibt nur sehr wenig Zeit. Innerhalb des Landes wachsen soziale Spannungen. Der wahhabitische Faktor hat eine neue Dimension erreicht: gegen uns kämpfen jetzt slawische Wahhabiten, und die Dynamik, mit der sie sich zu diesem neuen radikalen Glauben bekehren, ist erschreckend. Das Land hat größte nationale Probleme, vollkommen unlösbar scheint die Frage sowohl der in- als auch der ausländischen Migranten. Das ideologische Vakuum wird entweder von religiösen Schaukulten, die nicht fähig sind, sich gegenüber der jungen und bösartigen Konkurrenz durchzusetzen, oder von unverhüllt feindseligen Ideologien gefüllt, welche ihren klaren Ausdruck in den Worten des erschossenen Wahhabiten Sokolow finden: „Es reicht aus, dass SIE nicht gläubig sind“. Was nicht von diesen Ideen erfasst wird, unterliegt dem Kult von Gier und Konsum.

Auf dieser eklektischen und vollkommen unkonstruktiven ideologischen Grundlage kann man nichts aufbauen – nur zerstören. Und zum zigsten Mal wurde unser Land im Jahr 2013 auf diesen steinharten Fakt gestoßen. Schwer zu sagen, wie oft wir noch gegen die Wand laufen müssen. Doch jedes Widerstandsvermögen hat seine Grenzen. Und irgend etwas wird man ohnehin zerbrechen müssen – entweder den Kopf, oder die Wand.

Anmerkung d.Ü.: Der Text oben stellt einen Artikelentwurf für itar-tass.com dar, wo er m.W. nicht veröffentlicht wurde. – apxwn

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  • TomGard

    Danke für den Text.

    Sokolov gesteht mit Stentorstimme während der Belagerung, versichert obendrein, die Bombe selbst (also wohl ohne Hilfe) gebaut zu haben (Was seine Aussichten, die Falle lebend zu verlassen, auf nahe Null schrumpft), entläßt dann seine Geiseln und ist anschließend nur „wahrscheinlich tot“?
    Das ist nicht ganz die Qualität des Ausweises des Flugzeugentführers, der dem Cockpitfenster des im WTC einschlagenden Fliegers entschwebt, um anschließend sanft auf den Bürgersteig zu schaukeln, von dem ein CNN-Reporter ihn aufhebt und in die Kamera hält, aber doch nicht sehr weit darunter …

    Übrigens teilte TASS neulich in einem Schlußsatz mit, ein Anschlag nach absolut demselben Muster, wie in Wolgograd, habe bereits am 21. Oktober 7 Leben und 50 Verwundete gefordert. Vorbild?

    Wenn einer völlig verrückt gemacht würde von den diversen Machenschaften, könnt er glatt spekulieren, ob die beiden Anschläge genau zu dem Zweck verübt wurden, daß ein Jahresendartikel bei TASS sie zum Menetekel DES „Problems“, des vordringlichsten aller anstehenden Probleme stilisiert, um vorzuführen, daß eine „temporäre“ und „überlebte“ Krisenregierung rasch und zielstrebig abgelöst gehört. Und zwar durch keine Opposition, von der nichts Nennenswertes zu erwarten wäre; daher logischerweise auch nicht von einer Regierung der „nationalen Einheit“, die es bei solch einer Opposition nicht geben kann – sondern?

    Zweimal darf man raten.

  • jowi

    Ich kann auch nicht glauben, dass slawische Wahabiten ein nennenswertes Problem sind.
    Wenn man diese Terror-Dinge nüchtern betrachtet, sind z.B. Geisterfahrer in Deutschland ein viel größeres Problem, als Terroristen in Russland, oder z.B. in Ägypten. Letztlich ist es doch egal, ob einen ein seniler Greis aus dem Leben befördert, der die Autobahnauffahrt verwechselt, oder ein durchgeknallter Desperado, der einmal groß raus kommen will.
    Und nehmt es mir nicht übel, liebe russische Schreiber hier, die größte Gefahr für Russen geht immer noch vom Schnaps aus.
    Im letzten Urlaub erzählte mir ein Holländer von einer philippinischen Schiffs-Crew, die immer noch unter Schock stand und keine Touristen mehr annehmen wolle: eine russische Touristenschar hatte das Boot gechartert und kistenweise harte Alkoholika an Bord gebracht. Schon mittags seien alle sturzbetrunken gewesen sein und ein russischer Passagier beschloss dann im Meer schwimmen zu gehen. Das Boot brauchte in dem schweren Seegang Stunden, bis sie den Mann wieder eingesammelt hatten.
    Das nur so als Anekdote. Ein Präsident der Terroristen bekämpft ist freilich deutlich populärer, als einer der den Alkohol bekämpft ;-) .

    • Tja. Mach’s wie Ramsan Kadyrow: Kampf gegen Terror und Wodka. In Dagestan und Jakutien gibt es ähnlich harte Einschränkungen beim Verkauf von Alkoholika wie in Skandinavien. Das alles vor dem Hintergrund, dass die Regierung immer weiter an der Preisschraube dreht. Nach oben natürlich.
      Allerdings brennen die Leute sich ihr Zeug selber. Dabei kommt teilweise Stoff von bester Qualität raus – hab ich zu schätzen gelernt.
      Beziehungsweise, wie 1985 während des kurzzeitigen generellen Alkoholverbots, riechen die Leute dann eben verstärkt nach Parfüm. Weil sie Kölnisch Wasser saufen…

      • Jones2theBones

        Als ich mit ’nem Freund letzten Sommer nahe Kemj bei Karelien auf das Boot zu den Solovki-Inseln wartete, erfuhren wir von Rückkehrern mit grünen Gesichtern, dass da draußen ein fürchterlicher Sturm tobte.
        „Da hilft nur eines:“, sagte der Freund zu mir: „Vodka!“
        Dann liefen wir ’ne Stunde durch das Land zum nächsten Laden, nur um festzustellen, dass es seit kurzem ein Alkoholgesetz gab, das ab einer bestimmten Uhrzeit den Verkauf von Alkohol untersagt.
        Durch Gerüchte haben wir dann eine Babushka ausfindig gemacht, die uns ihren Samogon mit deftig hohem Prozentsatz verkaufte. Um 3 Uhr Morgens vollkommen durchnässt und frierend endlich wieder in der bescheidenen Unterkunft angekommen, haben wir uns bis zum frühen Morgen damit betrunken. Und während die anderen Passagiere auf der Nussschale aus dem Kotzen kaum rauskamen, hat uns der Sturm in den Schlaf gewiegelt.
        Was ich mit der Geschichte sagen will, ist mir selbst nicht ganz klar.

  • Mag schon sein mit dem Alkohol, aber Hauswodka und Parfüm trinken gab es bereits 1972 und das war nicht verantwortlich für die Übergabe Russlands an Oligarchen plus Gesetze, die Russland wie eine Bananenrepublik auszunehmen verhalfen von den Monopolen, die schon längst übernommen sind von der Finanzelite, um keine Namen zu nennen, was auch kein großes Problem ist, was aber manchen Leuten nicht passt.
    Das Russland dieses Jahr von Terrorismus heimgesucht werden wird und dass sich die Landkarte im Nahen und Mittleren Osten sehr verändern wird, hatte sich ja bereits im Herbst 2013 bis zur bekanntesten Wahrsagerin aus Ägypten herum gesprochen, wie auch, dass dafür bereits 2013 alle Dinge geschehen sind und dass Russland siegreich daraus hervorgehen würde, wobei allerdings die Rolle Chinas fehlte in der Beschreibung. Für mich war es interessant, da es ja viel Bekanntes wiedergab, bis hin zum Umsturz in Libyen, was auch bekannt ist und davon abhängt, dass sich die durch die NATO gewaltsam an die Macht gebombten Kräfte vorher gegenseitig schwächen.
    Ich finde den Artikel gut, nicht nur Dank für den Text.

  • Der Grieche

    Ich kann mich nicht des Eindrucks erwehren, dass der Artikel zwar innere Probleme Russlands feststellt, aber das auch nur an der Oberfläche in bestimmten vorhersehbaren Kategorien. Man scheint sich nicht mehr in ideologischen Gegensatz zum Westen zu verstehen sondern argumentiert in den Grenzen, die westliche Ideologien, ob sie wirtschaftlicher oder politischer Natur sind, vorgeben. Damit beschneidet man den eigenen Horizont, die eigenen Handlungsmöglichkeiten und damit auch die verschiedenen anderen Wege die beschritten werden könnten.
    Die Probleme Russlands werden eingegrenzt und auf Terrorismus reduziert, also auf die politische Komponente. Die wirklichen Probleme sind allerdings statischer Natur, also gesellschaftlich und wirtschaftlich. Solange nicht das Bewusstsein entwickelt wird, dass Russland sich integriert hat in die kapitalistische Weltordnung anstatt gegen sie anzukämpfen, solange nicht verstanden wird dass man liberalistische Ideologien auch in gesellschaftlicher Hinsicht kopiert und übernommen hat (ja, der Liberalismus ist das Problem) und lediglich die politische Freiheit nach westlichem Vorbild nicht gegeben ist, solange wird es weiter Anschläge geben, solange wird Russland weiter ausgenommen von den eigenen Eliten, solange wird sich Russlands Bevölkerung weiter verkleinern, solange wird sich Dekadenz mit der Übernahme verkehrter Lebensweisen weiter ausbreiten.
    Putin versucht seit 10 Jahren nach den Regeln des Westens zu spielen und dem Westen die Unfähigkeit vor Augen halten, nach den eigenen Regeln zu spielen. Das Problem aber sind die Regeln selbst. Solange das so ist, wird Russland immer als Verlierer abgehandelt werden. Dort muss angesetzt werden um die Probleme zu lösen.

    • Comrade John

      Russland u. China (in ihrer heutigen Konstituierung, mit diesen Führungen) sind die Halbgeschwister der westl.-imperialen Eliten, sie bauen alle die NWO auf – das Massengrab der freien Stämme, unabhängigen Völker u. kulturellen Vielfalt, der Todesstoss für eigenständiges Denken, polit. Meinungsfreiheit u. nonkonformes gesellschaftliches Verhalten, die letzte Beerdigung für all die geistigen Ergebnisse der europ. Aufklärung, von der es einmal schien, als würde sie das finstere (christliche) Mittelalter der Ausbeuter u. Despoten für immer erledigen.

      Ihre gemeinsame Ökonomie, der Kapitalismus, herrscht bereits so selbstverständlich, dass man seine Kritik vereinzelten Existenzen u. sehr kl. Randgruppen überlassen kann, gegebenenfalls schützen ihn die Strafgesetze oder helfen dagegen Einweisungen in die Psychiatrie. Das „Selbstverständnis“ ist auch im Bewusstsein der Massen – Prägung, Erziehung u. Partizipation brachten einen Menschentyp hervor, bei dem die Anklage >> Kapitalismus! bestenfalls ein Schulterzucken hervorruft:
      Unsere Lebensweise ist eine von in jeder Weise Abhängigen u. Beherrschten, die persönlich (ökonomisch u. politisch) kein unabhängiges, selbstbestimmtes Leben führen. Die Grundabhängigkeit von Nahrungsmitteln (die fast Niemand mehr aus eigenem Anbau decken kann), Wasser, Energie u. Unterkunft (die man nur kauft oder mietet) impliziert eine Kette anderer (bekannter) Abhängigkeiten, etwa gegen „Arbeitgeber“, kapitalistische Anbieter von notwendigen, nützlichen oder ganz unnützen Waren aller Art u. gegenüber einem Staat, der seine „Kunden“ genannte Untertanen selbst Amtshandlungen als Dienstleistung am Bürger bezahlen lässt.
      Der Kapitalismus hat endlich seine eigene Kultur geschaffen u. ist dabei sie nunmehr weltweit zu implantieren. Das kulturschaffende Moment des Kapitalismus ist bislang kaum Einem bewusst, auf das sie beschreibende Standardwerk eines revolutionären Denkers muss noch gewartet werden – wenn es kommt, wird es vielleicht einmal eine neue revolutionäre Bewegung auslösen.
      Die kapitalistische Kultur, so möchte ich sie nennen, ist die völker- u. staatenübergreifende Vereinheitlichung von Standards des Bauens u. Wohnens, der Ernährung, Bekleidung, Fortbewegung, der Erholung, medizin. Versorgung, Kommunikation und v.a. kultureller Aspekte, die sämtlich von „dem“ Kapitalismus aus der Taufe gehoben u. von den Produzenten sowieso aber auch den Konsumenten offenbar mit Masse angenommen werden. Um ein kurzes Beispiel zu nennen: es gibt keinen wesentlichen Unterschied im Leben eines Durchschnittsbürgers einer dtsch. Grossstadt zum Leben des Grossstädters USA, Russland oder Japan; das betrifft den Wohnungsbau mit Sanitär- u. Inneneinrichtung ebenso wie das Reisen mit Verkehrsmitteln oder den Einkauf in Supermärkten >> deren Produkte sind teils bis auf die Sprache auf Verpackungen u. die Mengenbezeichnung sogar identisch. Dies „Innovation u. Wachstum“ genannte Leben in kapitalistischen Zentren u. Kernstaaten mit seinem Merkmal >> Verstädterung ersetzt übrigens die traditionelle Landwirtschaft u. Selbstversorgung, es führt zum Sterben des bäuerlich geprägten Landes u. das mittlerweile auf fast allen Kontinenten >>
      „Schöne“ Neue Welt – und die Russen sind, kein wirklicher Unterschied, voll dabei.
      Ein Überblick zur Herausbildung der ökonomisch u. politisch herrschenden Klasse Russlands seit Gorbatschow – von Putin, Vorgänger & Freunden ist natürlich auch die Rede:
      POLITAIA – 22. May 2012
      So entstanden Rußlands große Vermögen

      http://www.politaia.org/geschichte-hidden-history/so-entstanden-ruslands-grose-vermogen/

      Und diesen Typen wollen heute Viele alle Daumen zum Gewinnen des 3. Weltkrieg drücken?

  • der alte Umpitz

    Was m.E. in diesem Artikel überhaupt nicht zur Sprache kommt ist ein grundsätzlicher Zwang dem auch die russische Regierung nicht ausweichen kann. Die Verteilung des Geldes!

    Wenn ich aus Gründen des ÜBERLEBENS einen grossen Teil meines Etats in die Rüstung stecken MUSS bleibt für Projekte der Infrastruktur wenig übrig. Und es wäre ein Trugschluss zu glauben die „andere Seite“ wisse dies nicht. Schon einmal hat sie durch zielgerichtetes Totrüsten des „Gegners“ und seine „englische Wühlratte Gorbatschow“ Erfolg gehabt.

    Ohne die Entwicklung der Infrastruktur (im weitesten Sinne gemeint) wird der gezielt gesteuerten Unzufriedenheit immer schön Nahrung gegeben und auch die „Extreme“ werden dabei schön gepäppelt. Glaubt denn wirklich jemand die Ollis und ihre Auftraggeber würden Putin jemals verzeihen? Nie!

    Er hat einen wirklich gefährlichen Spagat beim Geld ausgeben vor sich und die „ideologische Ausrichtung“ in einer neuen Struktur, die dieser Artikel thematisiert, ist nicht unbedingt die Lösung seines Problems. Wie sagte doch ein Schlaustein einst so treffend: Erst kommt das Fressen und dann die Moral. Eine neue Struktur würde das grundsätzlich-wirtschaftliche Problem nicht lösen.

    Man darf also durchaus mal fragen ob der Schreiber dieses Artkels diese Binsenweissheit nicht kennt oder wohlweislich unterschlägt…

  • habkind

    Die russische Marine war letztes Jahr nicht nur im östl. Mittelmehr vor Syrien präsent, sondern in schottischen Gewässern.
    Amüsanter Bericht, wie die britische Marine vollkommen überrascht wurde.

    http://diepresse.com/home/politik/aussenpolitik/1514075/Russische-Kriegsmarine-blamiert-Grossbritannien-

  • lunaria

    Was in diesem Beitrag nicht erwähnt wird ist die Sache mit den Milliarden Verlusten in Zypern. Normale russische Unternehmen hatten an der steuer vorbei im westen Gewinne gesammelt und die dann auf zypriotische Konten gelagert. Von dort gingen sie über eine zypriotische Firma wiedr zurück nach Russland, als EU-Investitionen. Die Beschlagnahmung der Bankguthaben durch die Troika (EU, IWF, EZB) hat die Isolationisten um Putin gestärkt.

    • Lurker

      Die Leute mit richtig Geld hat das überhaupt nicht berührt.
      Die haben einfach bei den nicht geschlossenen Auslandsfilialen in England und sogar direkt in Moskau ihre Kohle wieder abgegriffen.