ISIS: Ruhe im Karton!

going-underVorgestern gab es erste Meldungen darüber, dass die ISIS (“Islamischer Staat im Irak und Syrien”) nach schweren Gefechten mit der Al-Nusra-Front & mit “mehr als einem Dutzend” von mit dieser alliierten Terrororganisationen die syrische Provinz Deir ez-Zor räumt und in Richtung al-Raqqah und Hasaka abzieht. Die Suche nach dem Ursprung dieser Nachricht stößt auf Umwegen wieder zum “Syrischen Observatorium”, dessen Ein-Personen-Team in einem Telefoninterview mit AFP erklärt haben soll, ISIS-Einheiten hätten die Provinz Deir ez-Zor bereits komplett geräumt und seien nur noch an den Grenzen zur Provinz al-Raqqah präsent.

Die ISIS wurde durch die Kräfte anderer Terrororganisationen verdrängt, so dass man hier schwerlich von “Erfolgen” sprechen kann. Es handelt sich einzig um eine Art Frontbegradigung im Kontext von größeren Hintergrundereignissen, denn so nehmen die Bemühungen Saudi-Arabiens, die ISIS aus dem verlorenen Syrienexperiment in den Irak zurückzuziehen und damit “Rebellen” umzusortieren, langsam Gestalt an. Noch ist nicht hundertprozentig klar, ob diese Rechnung aufgeht, aber ein Meilenstein ist es allemal.

Der “Islamische Staat im Irak und in Syrien” soll nach dem Ansinnen der Saud seinen Krieg möglichst gegen Bagdad richten beziehungsweise sich in der irakischen Provinz Anbar festsetzen, nicht nur um die Wunden zu lecken, sondern um sich dort neu zu organisieren und zu gegebener Zeit wieder in Erscheinung zu treten; bis dahin hätten die Islamisten in den dünn besiedelten Gebieten des sunnitischen Irak etwas wie eine Quasi-Autonomie und wären mit Sicherheit Anziehungspunkt für Dschihadisten-Romantiker. Dieses Ansinnen ist natürlich nicht so einfach, denn in Anbar haben sie es nicht nur mit irakischen Regierungstruppen, sondern auch mit den Stammesmilizen der Al-Sahwa zu tun. Diese sind zwar ebenso Sunniten und empfinden wohl kaum Sympathien gegenüber der Regierung in Bagdad, die Dschihadisten jedoch sind für sie mit Sicherheit das größere Übel, so dass es hier Potential für eine Mobilisierung gibt, das die irakische Regierung auch bereits zu nutzen scheint.

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Quelle für diese Karte: fb.com/MusaCerantonioII

Beim Eingreifen der ISIS in den Krieg in Syrien wurde diese massiv mit allen notwendigen Ressourcen ausgestattet – Kämpfer, Waffen, Geld. Die Scheichs und Emire der ISIS setzten sich allerdings mit der Zeit eigene Ziele und koordinierten sich mitunter auch einmal nicht mehr mit ihren Herren. Es ging sogar so weit, dass das unantastbare Saudi-Arabien Ziel von “Kritik” der Dschihadisten geworden war – weil das Königreich angeblich irgendwelche Kompromisse mit “den Feinden des Islam” einging. Mit anderen Worten, das Instrument machte sich selbständig, noch bevor es allerdings seinen Zweck erfüllt hat. Genau das ist der Grund dafür, dass man es mithilfe von anderen solchen Instrumenten behutsam zu Besinnung und auf den einzig wahren Weg zurückzuführen gedenkt.

ISIS-HQ in Raqqah

ISIS-HQ in Raqqah

Wenn das den Saud und den von ihnen kontrollierten Gruppierungen gelingt, so landet die ISIS tatsächlich bald im Irak und wird, wie Zawahir fordert, zur “ISI” – also ohne “al-Sham”. Dort wird diese Organisation genau den Krieg führen müssen, der Saudi-Arabien von Vorteil ist. Man wird versuchen zu verhindern, dass die in sie investierten Ressourcen in “Sham” so nutzlos aufgerieben werden, deshalb sind all diese Aufrufe und die noch recht sanften Stupser (“nur” 1.700 Tote aus den Zusammenstößen zwischen ISIS auf der einen und Al-Nusra, Islamischer Front, FSA & Co. auf der anderen Seite seit Januar 2014) die Linie, welche Saudi-Arabien derzeit fährt und durchzusetzen gewillt ist.

Auf diese Weise wird al-Raqqah zur (sicher temporären) Hochburg der ISIS in Syrien – recht wahrscheinlich aber nur für eine gewisse Zeit. Denn wenn die widerspenstigen Dschihadisten eben nicht wollen, so werden sie zweifelsohne und ohne alle Skrupel vernichtet werden – dafür wird es womöglich gar keine großen Interferenzen von Seiten der syrischen Armee geben müssen. Die Saud können sich mit ihren Möglichkeiten ohne große Anstrengungen eine nächste Generation an Guerilla-Organisation zusammenzimmern, immer in der Hoffnung, dass diese dann etwas gehorsamer sein wird.

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