Archiv für April, 2014

Alte Eisen schießen gut

Noch gestern hat sich erstmals nach allen diplomatischen Auftritten dann doch noch der Verteidigungsminister der RF, Sergej Schoigu, zu Wort gemeldet und Truppenmanöver nahe der Grenze zur Ukraine angekündigt. So weit, so bereits bekannt. Aber es gibt an diesem Auftritt noch etwas, das vielleicht ein Hinweis auf den Ernst der Lage sein kann.

Genau genommen handelt es sich um den fast 80-jährigen Mann auf dem folgenden Bild, der in Militäruniform an der gestrigen Beratung der Spitzen des Verteidigungsministeriums und des Generalstabs teilnahm:

lobov

Dieser Mann ist Wladimir Lobow, der im Rang eines Generals in den aktiven Dienst zurückgekehrt ist.

Lobow war in späten Sowjetzeiten Chef des Generalstabs der Streitkräfte der UdSSR und stellvertretdender Verteidigungsminister. Bekannt ist er durch mehrere Armeereformen, durch das im Westen der Sowjetunion und in Polen durchgeführte, großangelegte Militärmanöver “Zapad-81” (sein “Kind”) und durch das zu der Zeit gefürchtete militärtheoretische Konzept eines sowjetischen Vorstoßes bis zum Atlantik, das dieses Ziel innerhalb einer Frist von zwei Wochen erreichen sollte.

Lobow ist ein Militärstratege und Militärideologe ersten Ranges, der überdies auch über sehr viel an praktischer Erfahrung – bspw. in Zentralasien – verfügt. Er war seit 1994 im Ruhestand. Wenn nun ein solches Schwergewicht in den aktiven Dienst – als Berater im Generalstab der russischen Streitkräfte – zurückkehrt, so kann man leicht ins Grübeln kommen. Schoigus gestrige Warnung ist damit noch etwas gewichtiger, denn sie liest sich unter diesen Umständen so, dass es im Ernstfall nicht nur zu einer Teilung der Ukraine entlang der Ufer des Dnepr, sondern zu einer Teilung Europas entlang des Ärmelkanals kommen wird.

Beziehungsweise, ernster gesprochen, bedeutet das, dass die RF einen “Think Tank” aktiviert, in den die militärische Expertise aller verfügbaren Generationen einfließen soll.

Kollegium des Verteidigungsministeriums der RF, 24.04.2014

Kollegium des Verteidigungsministeriums der RF, 24.04.2014

Um den heißen Brei

Bei allen Versionen und Varianten, die man als die Gründe für das Engagement des „Imperiums“ in der Ukraine inzwischen hervorgeholt haben mag – primär also die Erzeugung von Instabilität an den russischen Grenzen, „Einkreisungsstrategie“, auch die Schaffung von Spannungen zwischen Russland und der EU – speziell Deutschland -, gibt es weitere, weniger offensichtliche Dinge, die sich nicht auf den ersten Blick erschließen mögen oder gar unlogisch erscheinen.

US-amerikanische Interessenssphären

US-amerikanische Interessenssphären

Lawrow telefoniert unentwegt mit Kerry und fordert ihn auf, den Einfluss der USA auf die Kiewer Putschisten geltend zu machen, diese mögen das Genfer Abkommen respektieren und umsetzen, ansonsten wird es ziemlich schnell zu einem bloßen Stück Papier. Das zu fordern ist wahrscheinlich ziemlich viel verlangt, denn so, wie es aussieht, hat Kerry keinen allzu großen Einfluss darauf, wer & wie in den ukrainischen Weiten randaliert. Ein charakteristisches Zeichen dafür, dass es innerhalb der US-Regierung offenbar wieder gewisse Spannungen oder gar Konfrontationen gibt, ist das Gebaren Obamas: seine Äußerungen zum ukrainischen Thema lassen sich am besten mit „weder Fisch noch Fleisch“ beschreiben. Ganz ähnlich benahm er sich Ende August vergangenen Jahres nach der Giftgas-False-Flag in Ostghouta in Syrien. Im Grunde ist er in die Versenkung abgetaucht.

Wenn die jetzige Lage mit der Ukraine insofern der Lage nach dem saudisch-israelisch gesponsorten Chemiewaffenangriff in Ostghouta ähnelt, so gibt es die Möglichkeit, die Konfrontation in der Ukraine ähnlich zu lösen – durch einen Kompromiss, der es Obama gestatten würde, die Lage zu deeskalieren und dabei das Gesicht zu wahren. Für ihn wäre das nicht das erste Mal, aber da kann er wohl nichts machen – denn wer ist schon Obama: nur ein Mittelklasse-Politiker in der Ära Sergej Lawrow. Eskaliert die Konfrontation noch weiter, kann sie alle sehr teuer zu stehen kommen. Eine Entsendung russischer Streitkräfte in die Ostukraine beispielsweise führte zweifellos zu einer globalen Eskalation. Das nun läge durchaus im Interesse einer bestimmten Gruppierung innerhalb der US-Eliten, deren Gesicht man eigentlich kennt (deutlicher bei der „Washington Post“ hier). Daran kann es auch liegen, dass die Eskalation in der Ukraine, die eigentlich auf die nächsten regulären Präsidentschaftswahlen 2015 terminiert war, schon Ende 2013 begann.

Natürlich ist die Schaffung von Instabilität an den russischen Grenzen ein wichtiges Unterfangen. Spannungen zwischen Russland und der EU – umso besser in strategischer Hinsicht. Dabei gibt es aber auch noch taktische, kurzfristigere Ziele, um derentwillen man normalerweise keine allzu gewieften Kombinationen aufstellt, sondern brachial handelt. Und Anzeichen von Brachialität haben die Vorgänge in der Ukraine allemal.

Bei aller oberflächlich scheinbar fehlenden Logik kann die vorgezogene Instabilität in der Ukraine auch mit Afghanistan zusammenhängen. Konkreter: mit dem notwendigen US-Truppenabzug von dort. In deren Verlauf im vergangenen Jahr die Sturheit des afghanischen Präsidenten Karsai und der Misserfolg in den Gesprächen mit den Taliban stehen – wo es alles in allem darum ging, dass US-Truppen auch nach dem NATO-Truppenabzug im Lande verbleiben könnten. Bei den Konstellationen um Afghanistan hat die Version, die Ereignisse in der Ukraine könnten auch dadurch bedingt worden sein, durchaus ihre Berechtigung.

Guten Tag, ukrainischer Bürgerkrieg

Guten Tag, Bürgerkrieg in der Ukraine:

Rund 500 2.000 Militärs, 30 BMPs und mehrere Kampfpanzer gehen zum Angriff auf Stellungen der “Befürworter der Föderalisierung” in und um Slawjansk über. Es gibt bereits die ersten Opfer. In der Stadt ist unterschiedlichen Angaben zufolge der Mobilfunk abgestellt, es kreisen Helikopter über der Stadt, derzeit sind die Kämpfe aber scheinbar auf die Gegend des Flughafens Kramatorsk beschränkt. Die ganze Aktion lief mit Luftunterstützung an.

17.31 Uhr; ITAR-TASS meldet ein lt. Augenzeugen abgeschossenes Kampfflugzeug, die Bürgermilizen einen abgeschossenen Kampfhubschrauber. UPDATE: Beides ist Desinformation.

Man kann Obama eine gewisse Effizienz nicht absprechen: Für nur 5 Milliarden USD “dreht” er ein Land und bekommt dieses plus Verfügung über dessen Militär. Im Vergleich zu den Kosten bspw. des brachial-republikanischen Irakkriegs ist das sehr wirtschaftlich. Aber nichts anderes war und ist der “Arabische Frühling” auch.

17.37 Uhr: Die Bürgermilizen melden, dass der Widerstand im Flughafen Kramatorsk noch nicht gebrochen ist.

17.44 Uhr: Via RIAN wird kurz danach gemeldet, dass das Militär den Flughafen Kramatorsk erobert hat. Es gibt 4 Tote unter den Besetzern.

18 Uhr: Interfax beruft sich auf Berichte von vor Ort und meldet, den Angriff auf den Flughafen Kramatorsk hätten Brigaden des “Rechten Sektor” und ausländische Söldner unternommen.

Livestream von LifeNews: http://lifenews.ru/watch-live

Der vorläufige Abgesang für heute:  Bislang sieht es nach Quellen von beiden Seiten so aus, als sei heute der ganze angekündigte Großeinsatz auf den Flughafen Kramatorsk beschränkt gewesen. Eine ungefähr 30 Mann starke Spezialeinheit in schwarzen Uniformen ist per Hubschrauber eingeflogen und gelandet, hat praktisch ohne Federlesens das Feuer auf die verbarrikadierte Selbstverteidigung des Donbass eröffnet und sie aus dem Flughafengebäude hinausgetrieben. Die Angaben über Tote (zwischen 4 und 11) sind mit Vorsicht zu genießen, da sie bisher in keiner Weise bestätigt sind.

Die ganze Aktion hat jemand aus der Entfernung und recht wackelig gefilmt:

Während der Schießerei am Flughafen setzte sich ukr. Militärtechnik (basiert in Izyum) in Bewegung, was man für den Beginn der Militäroperation hielt. Außer der Einnahme des Flughafens passierte aber erst einmal nichts. “Rossija-24″ meldet inzwischen, dass der Flughafen von den Selbstverteidigungskräften abgeriegelt wurde.

Turtschinow hatte zwar geäußert, dass die Sache “schrittweise” vorangehen würde, dennoch sieht all das nicht allzu sehr wie ein “Anti-Terror-Einsatz” aus. In den Medien ist allerdings die Hölle los. Bestes Beispiel dafür war der Helikopter der Syrischen Arabischen Armee, der von den Donbasser Bürgermilizen “über Kramatorsk abgeschossen” wurde (Originalvideo aus Syrien hier). Eine ziemlich hässliche Provokation.

High-Tech für gemäßigte Killer

Vor etwas mehr als einer Woche gab es die ersten Aufnahmen des Einsatzes moderner Panzerabwehrwaffen vom Typ BGM-71 TOW durch “gemäßigte Dschihadisten” in Syrien. Die Lokalisation der Aufnahmen – die Provinz Idlib – legt nahe, dass es sich tatsächlich um Waffen aus neueren Lieferungen, und nicht etwa, wie man vermuten könnte, z.B. von der Hisbollah oder der libanesischen Armee erbeutete Bestände handelt (die Hisollah hat diese Systeme wohl vor allem von der libanesischen Armee, Gefechtsköpfe werden vom Iran nachgebaut). Idlib ist weit genug weg vom Libanon, zumal aus dieser Provinz bisher noch keinerlei Hisbollah-Aktivitäten gemeldet worden sind. Dafür ist die Provinz Idlib eines der Haupteinfalltore für Waffen und Dschihadisten aus der Türkei.

Inzwischen gibt es weitere Zeugnisse des Einsatzes dieser Systeme aus ganz anderen Provinzen, beispielsweise der Provinz Homs und Daraa. Also auch im Süden, von Jordanien aus. Im ersten der neueren Videos ist klar erkennbar, im zweiten vermutlich ein Fehlschuss dokumentiert. Hält man das erste Video an einem bestimmten Punkt an, erkennt man – abgesehen davon, dass kurz vor dem vermuteten Einschlag eine Person das Panzerfahrzeug verlässt – ansatzweise den Gefechtskopf:

TOW-Abschuss; Syrien, Provinz Homs (11.04.2014)

TOW-Abschuss; Syrien, Provinz Homs (11.04.2014). Quelle: youtu.be/qTMlL_BlURE

Das sieht sehr nach mindestens BGM-71D TOW2 aus, also nicht der ganz alte Plunder. Zum Vergleich:

TOWs

Solcher Art sind also die Bemühungen um Frieden in Syrien. Dass man die Killer “gemäßigt” nennt, ändert nichts an der Tatsache, dass es Killer sind. Es ist nicht einmal Fakt, dass man diese Waffen den durchgeknallten Dschihadisten einfach in die Hand gibt und losschickt; es braucht immer jemanden, der ihnen sagt, welche Knöpfe man drücken muss. Mit anderen Worten: Instrukteure. Glücklicherweise besteht durch regionale NATO-Verbündete wie das Königreich kein Mangel an solchen, die in den Handyvideos rein visuell auch als herkömmliche “syrische Demonstranten” durchgehen könnten.

UPDATE: Alles ist noch etwas heftiger. Bei Masarat Syria, einem Medienprojekt der Aggressoren, gab es heute eine Reportage über die TOWs. Darin (bei 01:05) erkennbar: der Typ TOW – nämlich BGM-71E-3B sowie die Seriennummer:

BGM-71E-3B in Syrien. Quelle: youtu.be/v822Y9FVaFY

BGM-71E-3B in Syrien. Quelle: youtu.be/v822Y9FVaFY

Jemand hat auch schon eine Möglichkeit gefunden, anhand der Seriennummer den ursprünglichen Addressaten zu bestimmen – das US Marine Corps. Das ist zwar nicht hundertprozentig sicher, aber wenn, dann hätten die Amerikaner hier wirklich direkt und ohne Umwege ihre Finger drin. Siehe auch das “Update” in diesem Artikel der HuffPost.


Inzwischen war die “andere Seite” ist aber auch nicht untätig – in Ost-Ghouta wurden iranische Drohnen, vermutlich vom Typ Schahed 129, gesichtet:

Iranische Drohne, mutmaßlich Schahed-129, über Ost-Ghouta (10.04.2014)

Iranische Drohne, mutmaßlich Schahed 129, über Ost-Ghouta (10.04.2014). Quelle: youtu.be/EKZg6xuUwKI

Zum Vergleich ein Präsentationsbild der Schahed 129:

Schahed-129 im Hangar. Quelle: RIAN

Schahed-129 im Hangar. Quelle: RIAN

Dieser Typ Drohne wurde von der Iranischen Revolutionsgarde erst 2013 in Dienst gestellt.

P.S.: SANA meldete gestern die Befreiung von Maaloula und einiger Orte der Umgebung. Allerdings sind im Verlauf der Operation drei Journalisten von Al-Manar umgekommen, darunter Mohammad Mantash, der dieses inzwischen recht bekannte Foto nach der Befreiung des Cherubim-Klosters nahe Saidnaya gemacht hat:

Cherubim-Kloster, Saidnaya, Syrien (09.04.2014). Foto von Mohammad Mantash - R.I.P.

Cherubim-Kloster, Saidnaya, Syrien (09.04.2014). Foto von Mohammad Mantash – R.I.P.

Unbekannte Artilleristen

Slawjansk, auf dem Territorium der Polizeiverwaltung, 13.04.2014Am 14. April um 9 Uhr Ortszeit Ukraine endet die Frist eines weiteren Ultimatums, das die Kiewer Junta irgendwem – es ist nicht so ganz klar, wem genau – gestellt hat. Inzwischen wurde schon festgestellt (natürlich nicht de jure, aber umso mehr de facto), dass für die Toten in Slawjansk gewisse Banden die Verantwortung tragen, von denen man nicht weiß, zu wem sie gehören, die aber ganz offenkundig dazu ausgerückt waren, um das Feuer sowohl der aufständischen Bürgermilizen des Donbass wie auch der angerückten Armeeeinheiten zu provozieren. Das heißt, hier gibt es mindestens eine dritte Kraft, und die, an welche das Ultimatum der Junta gerichtet sein mag, werden einen Teufel tun, ihre Waffen niederzulegen. Es gibt keinerlei Garantien darüber, dass sie nicht Ziel und Opfer von Übergriffen werden, nachdem sie ihre Waffen einmal gestreckt haben.

Abgesehen von alledem hat niemand in Kiew sich um wenigstens irgend eine Art von Verhandlungen bekümmert, nicht einmal auf allerniedrigstem Niveau, um z.B. im Kontext des ausgerufen Ultimatums einen Ansprechpartner für irgendwelche Manöver zu haben. Alles in allem heißt das, dass es niemandem einfallen wird, bis 9 Uhr seine Waffen niederzulegen.

Lkw mit Gefechtsköpfen für "Grad"-Raketenwerfer nahe Slawjansk aufgebracht

Lkw mit Gefechtsköpfen für “Grad”-Raketenwerfer nahe Slawjansk aufgebracht (13.04.2014)

Nach 9 Uhr müsste die Junta die von ihr angekündigten Folgen eines verstrichenen Ultimatums umsetzen, oder zumindest so tun, als versuche sie eine Operation zur Unterwerfung des Aufstands im Osten. Der gestern nahe Slawjansk von der Selbstverteidigung aufgebrachte Laster mit Gefechtsköpfen für “Grad”-Raketenwerfer zeugt davon, auf welche Weise diese Operation laufen soll – durch ungehobelten Artilleriebeschuss besetzter Plätze. Wenn schon die Amerikaner seinerzeit mit ihren “chirurgischen Bombardements” in Belgrad hunderte von Metern daneben lagen, kann man sich vorstellen, wie genau diejenigen herumballern, die noch vor kurzem Molotow-Cocktails durch die Gegend warfen. Der Laster gehört nämlich zur neuen ukrainischen “Nationalgarde”.

Es ist nicht allzu wahrscheinlich, dass die Junta Punkt 9 Uhr losschlagen lässt – durch konsequentes Handeln ist sie bislang nicht aufgefallen, so dass man damit auch diesmal nicht unbedingt rechnen muss. Das ist natürlich erst einmal gut, wäre da nicht die oben angesprochene “dritte Kraft”, genau die, die sich schon in Kiew auf der Institutskaja-Straße sowie gestern in Slawjansk gezeigt hat. Da es sich bei dieser “dritten Kraft” wohl um die Zucht des SBU handelt, der SBU nun – insbesondere nach den “Lustrationen” nach dem Putsch, denen um die 40% “nonkonforme” Mitarbeiter zum Opfer fielen – ein Fußabtreter der CIA ist, deren Chef jetzt extra nach Kiew kommen musste, so kann man davon ausgehen, dass Provokationen von vornherein Teil des Szenarios sind. Allerdings haben vor anderthalb Monaten unbekannte Scharfschützen ausgereicht, die sowohl radikalisierten Mob als auch Polizeikräfte unter Feuer nahmen; in der heutigen Lage könnten Provokationen sehr wohl auch von “unbekannten Artilleristen” oder Kampfpiloten ausgehen. Wegen einer Kleinigkeit, mit der die Eingeborenen auch allein fertig werden können, muss ja nicht gleich eine Instanz wie der CIA-Chef anrücken. Aber die Einsätze sind hier eben wesentlich höher.

Die Russen rufen weiter auf und appellieren an die Vernunft – bzw. erst einmal an die UN -, bei der Junta wird das aber vergeblich sein. Die Umgangsformen auf dem “internationalen Parkett” verlagen aber, dass ein Eingreifen bzw. Präventionsmaßnahmen irgendwie schwergewichtig begründet sind. Die Russen sind keine Amerikaner, denen ein Reagenzglas mit Waschmittel genügt und die auf einer solchen Faktenbasis durchaus irgendwen bombardieren können. Hier braucht es etwas Handfestes. Die Frage ist nur, was in der Ostukraine heute als “handfest” gelten würde – hoffentlich nicht erst ein eingeäschertes Stadtviertel von Donezk oder Slawjansk.

Volksrepublik Donezk & Ostukraine am 12.04.2014

Durch Klick auf die Marker gibt’s eine kurze Info zu dem jeweiligen Ort. Die Informationen wurden aus verschiedenen Quellen zusammengetragen. Zustand zum Zeitpunkt der Nacht vom 12. auf den 13. April 2014.

Am frühen Abend kam es offenbar zu mehr oder weniger koordinierten Übergriffen in verschiedenen Städten um Donezk. In aller Regel handelte es sich um bewaffnete Milizen. Nachdem für die Aktion in Slawjansk in der vorigen Nacht bestätigt ist, dass es sich um Milizen aus Donezk handelte, wäre dies auch für die anderen Orte plausibel. In den oben markierten Städten haben sich Einwohner und Polizei überwiegend mit den Besetzungen solidarisiert.

 

Ostukraine: Ausweitung des Aufstands

Der Kiewer Junta-Innenminister Awakow, der für gewöhnlich über Facebook kommuniziert, hatte nach der gestrigen Besetzung der Verwaltungsgebäude der Stadt Slawjansk (Donezbecken) durch Aufständische (in “pro-russischen” Medien wie Lifenews werden sie immer recht sperrig als “Befürworter der Föderalisierung” bezeichnet), wie es heißt, sofort Spezialeinheiten angewiesen, diese Gebäude zu räumen. Wörtlich heißt es bei ihm in einem Update von gestern, 22:40 Uhr: „Sicherheitskräfte sind nach Slawjansk beordert worden… gegen bewaffnete Terroristen gibt es Null Toleranz“.

 

"Befürworter der Föderalisierung" heute in Slawjansk

“Befürworter der Föderalisierung” heute in Slawjansk

Allerdings sieht es jetzt so aus, als haben diese Sicherheitskräfte sich vor Ort „gedreht“ – mehrere Nachrichtenseiten melden, dass der „Berkut“ (wie Sicherheitskräfte der alten Angewohnheit nach immer noch genannt werden) es „ablehnt, Demonstranten auseinanderzujagen“. In einem Livestream aus Slawjansk sieht und hört man denn auch allenthalben Menschen „Berkut! Berkut!“ skandieren.

Alles das führt zu einer deutlichen geographischen Ausweitung des aktiven Widerstands gegen die Junta. Bislang ging es immer recht punktuell um Aktivität in den drei Provinzhauptstädten Donezk, Lugansk und auch Charkow.

Um die Mittagszeit meldete die Bürgermeisterin von Slawjansk, die lokale Polizei stehe „auf Seiten des Volkes“ und wird nicht gegen die Besetzer der Polizeigebäude und der Stadtverwaltung vorgehen. Es seien um die 1.000 teils bewaffnete aus Donezk an der Erstürmung beteiligt gewesen, inzwischen flankiert und unterstützt von einer Demonstration von ca. 40.000 Einwohnern der Stadt. Die Bürgermeisterin sagt, die ganze Stadt sei aufgestanden, um die Besetzung zu unterstützen und warnt eindringlich vor irgendwelchen Versuchen aus Kiew, die Lage gewaltsam zu ändern.

Wie dem auch sei, erst einmal bereiten sich die Leute auch in Slawjansk durch Barrikaden auf mögliche Übergriffe aus Kiew vor.

Neues aus der Schlangengrube

Dr. Irina Farion, ukrainische Rada-Abgeordnete von der Swoboda-Partei

Dr. Irina Farion, ukrainische Rada-Abgeordnete von der Swoboda-Partei

Timoschenkos Äußerungen über eine wünschenswerte nukleare Vernichtung von Russen in der Ost- und Südostukraine mag man als privaten, emotionalen Ausrutscher werten – immerhin waren ihre Worte nicht für die Öffentlichkeit bestimmt, und wer sagt nicht schon einmal beherzt, dass “die Polen Autos klauen”. Wenn dann am selben Ort Parlamentarier TV-Leute für ihre Berichterstattung prügeln und mißhandeln lassen, reagiert immerhin schon die Presse, weil das ja irgendwie ihre Kollegen zu betreffen scheint. Dass das nur die Spitze dessen ist, was in der Ukraine allenthalben passiert, und dass bei den meisten Opfern keiner Meldung macht, ist dann schon eine andere Frage. Immer noch seien Faschisten als dominierender Faktor unter den ukrainischen Putschisten “mutmaßlich” oder eine “laute Randgruppe”; auf diese Weise wird versucht, den Systemcharakter solcher Übergriffe kleinzureden.

Frisches gibt es auf diesem Schauplatz von der Rada-Abgeordneten der Swoboda-Partei Dr. Irina Farion, nämlich Äußerungen bezüglich der Protestbewegungen in den östlichen Regionen der Ukraine. Diese fielen im Zusammenhang damit, dass das Parlament kurz zuvor die Höchststrafe für “separatistische Bestrebungen” auf 15 Jahre Freiheitsentzug angehoben hatte:

“Ich würde in dieser Angelegenheit viel härter vorgehen. Ich würde diese Leute einfach abschießen. Der Feind haust auf unserem Boden. … Man hätte ihn noch 1654 von hier verjagen sollen. Die heutige Reaktion [die Erhöhung des Strafmaßes für “Separatismus” - apxwn] ist absolut angemessen, aber die Maßnahmen müssen viel radikaler sein. Unsere Leute haben ihr Leben hingegeben, aus diesem Grunde verdienen diese Kreaturen nur eins – den Tod.” (Quelle)

Es ist zwar soweit klar, dass die Präsenz von offenkundig psychisch gestörten Personen im heutigen ukrainischen Parlament und unter den jetzigen Machthabern ganz überdurchschnittlich ist. Doch genau die sind der Motor jener psychologischen Vergewaltigung, mit deren Hilfe eine offenkundige Minderheit (“laute Randgruppe”) der Mehrheit ihren Willen diktiert. Eigentlich ist das auch hierzuland nichts neues – es handelt sich um nichts anderes als die Taktik von aggressiven Interessensgruppen von den “FeministInnen” bis hin zu menschenverachtenden Öko-Guerillas. Aggression ist das Stichwort, denn Aggression ist es, durch die – wenn man ihr keine Abfuhr erteilt – gesellschaftlich eigentlich tabuisierte Verhaltensmuster erst in den allgemeinen Diskurs eingebracht und allmählich in den Status einer Norm überführt werden, während traditionelle Werte fortan als extremistisch gelten.

Die “Krassheit”, die man derzeit noch beim Auftreten von Personen wie Farion, Miroschnitschenko oder Timoschenko empfindet, darf nicht dazu führen, dass man diese Dinge als Ausrutscher, Exzesse oder “laute Randgruppe” abtut. Ohne gebührenden Widerstand werden solche Protagonisten zu Kristallisationspunkten einer Aggressivität, die jetzt bereits viele Menschen in der Ukraine erfasst hat. Es ist natürlich einfach zu sagen, dass die Westukraine “schon immer Russland gehasst” hat. Aber das stimmt so nicht. Das Fehlen von gesellschaftlichem und politischem Widerstand gegen aggressive Ausfälle wie diese ist Ursache für den eklatanten kulturellen und politischen Verfall der Ukraine. Und nicht nur der Ukraine, by the way.

UPDATE. Für alle Genießer des Schönen und Geistreichen hier das oben wiedergegebene Statement der Dame vor laufender Kamera: