Unbekannte Artilleristen

Slawjansk, auf dem Territorium der Polizeiverwaltung, 13.04.2014Am 14. April um 9 Uhr Ortszeit Ukraine endet die Frist eines weiteren Ultimatums, das die Kiewer Junta irgendwem – es ist nicht so ganz klar, wem genau – gestellt hat. Inzwischen wurde schon festgestellt (natürlich nicht de jure, aber umso mehr de facto), dass für die Toten in Slawjansk gewisse Banden die Verantwortung tragen, von denen man nicht weiß, zu wem sie gehören, die aber ganz offenkundig dazu ausgerückt waren, um das Feuer sowohl der aufständischen Bürgermilizen des Donbass wie auch der angerückten Armeeeinheiten zu provozieren. Das heißt, hier gibt es mindestens eine dritte Kraft, und die, an welche das Ultimatum der Junta gerichtet sein mag, werden einen Teufel tun, ihre Waffen niederzulegen. Es gibt keinerlei Garantien darüber, dass sie nicht Ziel und Opfer von Übergriffen werden, nachdem sie ihre Waffen einmal gestreckt haben.

Abgesehen von alledem hat niemand in Kiew sich um wenigstens irgend eine Art von Verhandlungen bekümmert, nicht einmal auf allerniedrigstem Niveau, um z.B. im Kontext des ausgerufen Ultimatums einen Ansprechpartner für irgendwelche Manöver zu haben. Alles in allem heißt das, dass es niemandem einfallen wird, bis 9 Uhr seine Waffen niederzulegen.

Lkw mit Gefechtsköpfen für "Grad"-Raketenwerfer nahe Slawjansk aufgebracht

Lkw mit Gefechtsköpfen für „Grad“-Raketenwerfer nahe Slawjansk aufgebracht (13.04.2014)

Nach 9 Uhr müsste die Junta die von ihr angekündigten Folgen eines verstrichenen Ultimatums umsetzen, oder zumindest so tun, als versuche sie eine Operation zur Unterwerfung des Aufstands im Osten. Der gestern nahe Slawjansk von der Selbstverteidigung aufgebrachte Laster mit Gefechtsköpfen für “Grad”-Raketenwerfer zeugt davon, auf welche Weise diese Operation laufen soll – durch ungehobelten Artilleriebeschuss besetzter Plätze. Wenn schon die Amerikaner seinerzeit mit ihren “chirurgischen Bombardements” in Belgrad hunderte von Metern daneben lagen, kann man sich vorstellen, wie genau diejenigen herumballern, die noch vor kurzem Molotow-Cocktails durch die Gegend warfen. Der Laster gehört nämlich zur neuen ukrainischen “Nationalgarde”.

Es ist nicht allzu wahrscheinlich, dass die Junta Punkt 9 Uhr losschlagen lässt – durch konsequentes Handeln ist sie bislang nicht aufgefallen, so dass man damit auch diesmal nicht unbedingt rechnen muss. Das ist natürlich erst einmal gut, wäre da nicht die oben angesprochene “dritte Kraft”, genau die, die sich schon in Kiew auf der Institutskaja-Straße sowie gestern in Slawjansk gezeigt hat. Da es sich bei dieser “dritten Kraft” wohl um die Zucht des SBU handelt, der SBU nun – insbesondere nach den “Lustrationen” nach dem Putsch, denen um die 40% „nonkonforme“ Mitarbeiter zum Opfer fielen – ein Fußabtreter der CIA ist, deren Chef jetzt extra nach Kiew kommen musste, so kann man davon ausgehen, dass Provokationen von vornherein Teil des Szenarios sind. Allerdings haben vor anderthalb Monaten unbekannte Scharfschützen ausgereicht, die sowohl radikalisierten Mob als auch Polizeikräfte unter Feuer nahmen; in der heutigen Lage könnten Provokationen sehr wohl auch von “unbekannten Artilleristen” oder Kampfpiloten ausgehen. Wegen einer Kleinigkeit, mit der die Eingeborenen auch allein fertig werden können, muss ja nicht gleich eine Instanz wie der CIA-Chef anrücken. Aber die Einsätze sind hier eben wesentlich höher.

Die Russen rufen weiter auf und appellieren an die Vernunft – bzw. erst einmal an die UN -, bei der Junta wird das aber vergeblich sein. Die Umgangsformen auf dem “internationalen Parkett” verlagen aber, dass ein Eingreifen bzw. Präventionsmaßnahmen irgendwie schwergewichtig begründet sind. Die Russen sind keine Amerikaner, denen ein Reagenzglas mit Waschmittel genügt und die auf einer solchen Faktenbasis durchaus irgendwen bombardieren können. Hier braucht es etwas Handfestes. Die Frage ist nur, was in der Ostukraine heute als “handfest” gelten würde – hoffentlich nicht erst ein eingeäschertes Stadtviertel von Donezk oder Slawjansk.

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