Archiv für Mai, 2014

Fursow: Ukraine – Rammbock gegen Russland

Der “Publikumsliebling” Prof. Andrej Fursow hat dann und wann, immer mal wieder seine Auftritte, so auch ganz selbstverständlich im Zusammenhang mit dem Putsch in Kiew Ende Februar. An seinen Einschätzungen der Lage ist wahrscheinlich der geisteswissenschaftliche Faktor die Komponente, die sie dem Leser unabhängig von Glaubwürdigkeit oder Nachvollziehbarkeit einerseits hochinteressant, andererseits schwer verdaulich macht. Es kann gar nicht anders gehen, als von relativ fest umrissenen, lokalen Problemen gleich auf die Weltarena auszuholen und Dinge herzuleiten, die man selten, wenn überhaupt, je wahrgenommen hat.

andrej_iljitsch_fursowFursow ist dabei Vertreter einer Linie an Ideologen, die vom “westlichen” – oder besser gesagt: liberalen – Standpunkt aus immer falsch eingeordnet werden, indem man sie recht ohnmächtig mal als “post-stalinistisch”, mal als “post-faschistisch” verunglimpft. Am besten erkennt man das an den eigenartigen Versuchen, den Präsidenten der Russischen Föderation, Wladimir Putin, ideologisch im herkömmlichen – d.h. im liberalen – Weltbild zu platzieren. Er sei “Post-Faschist”, er sei “Neo-Stalinist”, “Zar”, “kein Linker”, will dabei aber die Sowjetunion wieder aufbauen usw. usf. – alles Unsinn, der bestenfalls den Urheber solcher Äußerungen qualifiziert. Es wurde sogar eigens eine neue Kategorie geschaffen, worin die ganzen mühsamen liberalen Gedankengänge gespiegelt werden.

Natürlich gibt es auch Publikationen, die in die richtige Richtung deuten. Die gleichen Medien fallen aber im Allgemeinen recht schnell in gewohnte Schemata zurück, und schon sind wir wieder beim Alten.

Wer sich dem angeblichen “Phänomen” Putin nähern will, kann das, indem er sich – wie Alexander Rahr bei der “Welt” meint – mit Solschenizyn beschäftigt, oder, wer’s etwas eigenartiger und dabei moderner mag – mit Alexander Dugin oder Sergej Kurginjan. Zwar finden sich all diese Personalien vom liberalen Diskurs gewohnt unter “rechtsextrem” verortet – weil da einfach die passenden Kategorien fehlen, so dass man sich einstweilen mit “kreml-nah” oder  “Putin-Versteher” behilft – , aber Dugin beispielsweise ist bekennender Altritualist, steht insofern im Erbe einer klassischen Opposition zur herrschenden Klasse in Russland und kann schon allein deshalb sicher nicht als “kreml-nah” bezeichnet werden. Kurginjan nun ist Restaurator einer Sowjetunion, vertritt dabei aber die Meinung eines russischen “exceptionalism”. Das Schlagwort bei all dem ist aber: Eurasien.

Für Liebhaber von “Light”-Versionen von alledem gibt’s den Historiker Professor Fursow. Viel Spaß beim Lesen. Das folgende Interview mit Fursow erschien am 1. März 2014 auf VZ.ru. Die Übersetzung ist leicht gekürzt.


“Vsgljad” (VZ.ru) führt ein Interview mit Andrej Fursow über die Vorgänge in der Ukraine, über die wichtigsten geopolitischen Herausforderungen für Russland und über das derzeitige Kräfteverhältnis auf dem globalen Schachbrett

Ukraine

Andrej Iljitsch, sind Sie damit einverstanden, dass die “Februarrevolution” in der Ukraine nicht nur vom Verzicht Kiews auf die Euro-Integration hervorgerufen wurde, sondern auch damit zusammenhängt, dass der Westen im Jahr 2013 eine empfindliche geopolitische Niederlage in Syrien einstecken musste?

Im vergangenen Jahr ist es dem Westen in beiden Fällen nicht gelungen, die Ergebnisse zu erreichen, die er sich zum Ziel gesetzt hatte – nämlich die Regierung Assad zu stürzen und in der Ukraine pro-westliche Kräfte an die Macht zu bringen, um damit die Ukraine endgültig Russland zu entreißen. Während es aber nun in der Syrien-Frage Differenzen innerhalb der kapitalistischen Welt-Führungsschicht gab – es gab eine einflußreiche Gruppierung, die eine Eskalation des Konflikts in Syrien und einen daraus erwachsenden regionalen Krieg nicht wünschte – so trat der Westen in der ukrainischen Frage geschlossen auf. Dabei ist vollkommen klar, dass die Ukraine rein wirtschaftlich keinerlei Interesse für die nordatlantischen Eliten darstellt – es geht darum, die Ukraine im geopolitischen Sinne Russland zu entreißen und sie zu einem Aufmarschgebiet gegen Russland zu machen.

Der Westen braucht die Ukraine einzig als geopolitisches Aufmarschgebiet gegen Russland

In der jetzigen Situation mit der Ukraine haben die USA und die Europäische Union deutlich und ohne Scham sowohl Heuchelei, als auch Doppelstandards und Russophobie demonstriert. Nur mit letzterer kann man ihr mehr als nur “tolerantes” Verhältnis zu den ukrainischen Nazis erklären, die zu SS-Marschmusik durch die Straßen Kiews marschierten. Die Logik dahinter ist simpel: wenn die Nazis in der Ukraine (genau wie die im Baltikum) gegen Russland sind, dann lässt man sie gewähren. Daran müssen sich die Amerikaner nun nicht erst noch gewöhnen: in den Jahren 1945-1946 haben sie unter aktiver Mitwirkung des russophoben Vatikan alles unternommen, um hochrangige Nazis (darunter auch offenkundige Kriegsverbrecher) dem Schlag zu entziehen und sie in die USA oder nach Lateinamerika zu verfrachten, um sie dann gegen die UdSSR einzusetzen. Die ukrainischen Ereignisse sind eine anschauliche Demonstration dessen, mit wem wir es hier zu tun haben.

Referenden

Während es allen bekannt sein dürfte, dass in den beiden ukrainischen Regionen Lugansk und Donezk heute ein Unabhängigkeitsreferendum stattfand, ist es weniger bekannt, dass in der Region Donezk auch ein „Referendum über die Vereinigung der Regionen Donezk und Dnepropetrowsk“ stattgefunden hat. Oder stattfinden sollte, denn der Initiator – Herr Kolomojskij – hat es lediglich in den „befreiten Gebieten“ durchführen lassen können, wie etwa hier im Städtchen Dobropolje:

Referendum in Dobropolje, 11.05.2014

Referendum in Dobropolje, 11.05.2014

Andere, mit dieser Volksbefragung zusammenhängende Bilder waren nicht aufzutreiben, dafür kennen die meisten sicherlich bereits die Bilder vom Andrang beim Unabhängigkeitsreferendum. Die Beteiligung lag in der Oblast Lugansk bei 80%, in der Oblast Donezk bei 70%. In Moskau wurde für in Russland lebende und arbeitende Ukrainer ebenso eine Möglichkeit der Stimmabgabe vorgesehen – übrigens ohne jegliche staatliche oder städtische Unterstützung, die Stimmabgabe erfolgte dort auf dem Grundstück eines Autohauses, welches – wie auch die Wahlkomission – in reiner Privatinitiative auftraten. Immerhin wurden die Menschenmassen von der Stadt kostenlos mit Wasser versorgt, eine Kosakenbrigade sorgte für Ordnung und ein Krankenwagen stand für Notfälle bereit.

Hinweis: ein großer Teil der Bilder hierüber stammt von der Stimmabgabe in Moskau. Mehr aus dem Donbass findet man u.a. hier (Dank an „urkeramik“).

In Krasnoarmejsk musste das Referendum abgebrochen werden, da dort die „Nationalgarde“ einfiel und den weiteren Verlauf unterband. Das erreichte sie, indem sie einen Menschen auf offener Straße erschoss. Man kann zwar nicht wirklich sagen, dass dieser Mensch überhaupt nicht provozierte, als er einem Söldner offenbar nach der Waffe griff, aber das Vorgehen ist trotzdem vollkommen unverhältnismäßig und illustriert nur einmal mehr, dass die Junta und ihre Strafexpeditionen dort Fremdkörper sind und waren. Das Ergebnis des Referendums wird dies jetzt lediglich schriftlich fixieren.

Inzwischen versucht Oligarch Achmetow, seine Fahne nach dem Wind zu drehen. Ihm gehört eine ganze Menge an Wirtschaft im Donbass, und wenn er jetzt urplötzlich von den Kiewer Machthabern fordert, den „Anti-Terror-Einsatz“ im Osten abzubrechen, ist das mehr als nur ein Wink mit dem Zaunpfahl. Freilich hätte er das spätestens vor einer Woche signalisieren sollen, um jetzt nicht den Eindruck zu erwecken, als versuche er lediglich, seine Pfründen zu sichern.

Bei Ruptly gibt es diese Aufnahmen von der Stimmabgabe in Moskau:

Die Leute halten ihre ukrainischen Pässe in die Kamera, um so zu beweisen, dass sie keine bloßen Darsteller sind.

Mariupol, 09.05.2014

mariupolDen ganzen letzten Meldungen nach zu urteilen läuft in Mariupol derzeit eine Strafexpedition ohne Rücksicht auf Verluste. Es wird scharf geschossen, bislang mindestens ein toter Zivilist. RT meldet einen per Bauchschuss schwerverletzten Ruptly-Reporter.

Momentan kurvt die ukrainische Nazigarde durch die Straßen der Stadt und ballert hin und wieder auf Gebäude und Menschen. Zum Hergang schreibt RT:

„Eine große Menschenmenge sammelte sich zu den Feierlichkeiten zu Tag des Sieges, begab sich zum Gebäude der Stadtverwaltung und hielt eine spontane Demonstration zur Unterstützung der dort verbarrikadierten Polizeikräfte ab. [Das Gebäude ist seit gestern durch ukr. Militärs und Nationalgarde abgeriegelt. – apxwn] Die Menschen skandierten „Faschisten!“; einer der Schützenpanzerwagen eröffnete das Feuer auf die Demonstranten.“

Livestream aus Mariupol: http://www.ustream.tv/channel/newsfront4

Letzte Aufnahmen des verletzten Ruptly-Reporters:

Die „Nationalgarde“ schießt auf Zivilisten, Verletzte und Tote:

Das Vorgehen ist in allen ostukrainischen Städten gleich: die Terrorgruppen der Junta fahren ein, ballern und fahren ab. Unterstützung haben sie in den Städten nicht. In Odessa hat Parubij momentan die Stadt im Würgegriff (Sperrstunde, Banden auf den Straßen inklusive), den derzeitigen Terroreinsatz in Mariupol befehligt Präsidentschaftskandidat Oleg Ljaschko.

Zivilisten versuchen, ein BMP aufzuhalten:

https://www.youtube.com/watch?v=MhfPkHvFBvE

Vorläufiges Fazit: laut Ljaschko 8 Tote unter den Demonstranten, mindestens ein durch Scharfschützenfeuer (Ljaschko: „russischer Speznas“) getöteter Angehöriger von „Sondereinheiten“, weitere teilw. schwerverletzte Leute von der Nationalgarde. Ein gekapertes (oder besser gesagt von der Besatzung verlassenes) BMP.

Facebookminister Awakow präzisiert: Angriff durch 60 bewaffnete Terroristen auf das städt. Polizei-HQ, 20 tote Terroristen, 4 verhaftet. Verluste der Nazigarde bzw. der Sondereinheiten: 1 Toter, 5 Verletzte.

Der Livestream strafte Awakow allerdings ein wenig Lügen. Der Gerechtigkeit halber sei angemerkt, dass die Lage sich immer noch sehr unübersichtlich darstellt und man kaum sagen kann, wer diese Scharfschützen waren und wer den Überfall auf das Polizei-HQ unternommen hat. Derweil ist bekannt, dass aus Slawjansk ein Entsatz der „Volkswehr“ nach Mariupol unterwegs ist. Darüber, dass die Städter die Militärintervention der Junta ablehnen, besteht keinerlei Zweifel (Beispiel: „Macht euch fort von hier, was habt ihr hier zu suchen..?“). Oder hier: Einwohner verjagen einen Pulk der Nazigarde / RS. Letztere eröffnen das Feuer auf die Menschen.

Fazit: Terror

„Was sollte eigentlich das Ziel dieser Terroraktion sein? Sie haben nichts erreicht, ausser noch verhasster zu sein.“ (Det70)

Eben – in den Aktionen der Strafbatailone gibt es keinen „nachhaltigen“ Sinn: die in eine Stadt einfallenden paar Hundert Mordbuben können sehr gut Menschen auf den Straßen beschießen, aber diese Stadt in ihre Kontrolle bringen – das schaffen sie nicht. Maximal können sie sich in einem Gebäude, einem Straßenzug, einem Stadtviertel verschanzen. Aus diesem Grunde ist das Ziel solcher Aktionen genau das selbe, wie es der ganze „Anti-Terror-Einsatz“ der Kiewer Junta verfolgt: Einschüchterung vor dem von den ostukrainischen Regionen beabsichtigten Referendum, und sonst nichts.

Oleg Ljaschko, Rada-Abgeordneter und Präsidentschaftskandidat

Oleg Ljaschko, Rada-Abgeordneter und Präsidentschaftskandidat

Der „Sinn“ von Terror ist die Einschüchterung, und je sinnloser und massiver Terror ist, desto größer die Angst. Nichts anderes lief in Syrien. De facto ist die heutige Ukraine das, was Syrien geworden wäre, hätte die „FSA“ im Sommer 2011 einen Umsturz bewerkstelligt. Solche Strafexpeditionen hätte eine dann schon „syrische“ Junta beispielsweise nach Latakia unternehmen müssen. Das lief in Syrien aber u.a. deswegen anders, weil die syrische Armee im Gegensatz zu der ukrainischen nicht schon jahrelang demontiert und demoralisiert worden ist.

Auf allen möglichen Videos von den heutigen Ereignissen in Mariupol sieht man ganz gut, wer da auf wen geschossen hat. Die Nazibanden haben selbst RPGs eingesetzt, als sie das besetzte Polizei-HQ attackierten. Infolgedessen es abbrannte.

In der „Hitparade“ der sinnlosen Massenmorde in der heutigen Ukraine hat Parubij zwar – nach seinen Einsätzen in Kiew und Odessa – nach wie vor die Nase vorn, aber nach dem heutigen Gemetzel in Mariupol (Opferzahlen stehen immer noch nicht fest, „die Ärzte“ melden insgesamt 45 Tote) bekommt er Konkurrenz durch Oleg Ljaschko. Man vergißt solche Namen zwar ziemlich schnell, aber auch Ljaschko ist in der ganzen Euromaidan-Geschichte kein Unbekannter: er fiel in diesem Zusammenhang auch hierzulande erstmals dadurch auf, dass er einen „Separatistenführer“ vor laufender Kamera mißhandeln ließ. Das und Leichen auf den Straßen der Städte ist der ganze „Wahlkampf“ der Bandera-Truppe.

Ende einer “Hochburg“

homs-busse-banditenIrgendwie passieren bestimmte Schlüsselmomente in der Geschichte aufgrund der Ereignisse in der Ukraine momentan so still und leise, dass es darauf keinerlei Reaktionen in der Welt zu geben scheint. In der einstigen syrischen “Rebellenhochburg” Homs gibt es keine “Rebellen” mehr.

Sie sind auf von den der Armee bereitgestellten, aus vielen Aufnahmen bereits recht gut bekannten grünen Bussen (made in China, übrigens) abgezogen, so dass die Stadt nun eigentlich als endgültig befreit angesehen werden kann. Das einzige Stadtviertel, in dem sie noch verbleiben, ist das periphere nordwestliche al-Waer, aber auch von dort gibt es schon Signale, dass sich die verbliebenen Freischärler mit den Regierungstruppen auf einen Deal einlassen.

Zum Abzug der Banden muss man allerdings ein paar Dinge anmerken. Erstens ziehen sie mitsamt ihren leichten Schusswaffen ab. Das war die Bedingung, die sie in den Verhandlungen gestellt hatten; in erster Linie aus dem Grunde, dass sie – sicherlich nicht zu Unrecht – fürchten müssen, von ihren anderswo hockenden Kumpanen als Verräter behandelt zu werden (zur Erinnerung eine analoge Situation: nach der Armee-Offensive in Dschobar und entsprechenden Erfolgen am 22./23.08.2014 haben die eigenen, im Hinterland operierenden Killerkommandos den Rückzug der an vorderster Front hockenden Nusra-Brigaden durch Erschießung ihrer Kommandeure quittiert – wozu hätte man auch sonst in das “Menschenmaterial” investiert?!). Dabei wurden in Homs seit längerer Zeit recht vehemente Ausbruchsversuche aus den abgeriegelten Stadtvierteln unternommen, bis hin zu Selbstmordanschlägen. Zu Verhandlungen kam es, als selbst diese äußerste Gewalt nichts mehr fruchtete. Die letzten ca. 1.500-1.700 Zivilisten wurden vor mehreren Wochen aus den Stadtvierteln evakuiert.

Eine weitere Nuance des Abzugs der “Rebellen” besteht darin, dass dieses Recht nur Syrer bekommen haben. Es ist daher noch etwas zu früh, von einer vollständigen Bereinigung der Lage in der Stadt zu sprechen. Die Armee wird die wenigen Stadtviertel jetzt trotzdem “säubern”. Nach Schätzungen der Armee können noch 150-200 ausländische Dschihadisten dort verblieben sein, die aber moralisch, physisch und vor allem organisatorisch am Ende sein dürften und deshalb keine größeren Probleme mehr machen sollten.

Am 07.05.2014 nach anderthalbjähriger Gefangenschaft in Aleppo befreit

Am 07.05.2014 nach anderthalbjähriger Gefangenschaft in Aleppo befreit

Im Gegenzug haben die Banden zumindest versprochen, in Aleppo einen Korridor für Zivilisten einzurichten, durch den diese aus den von ihnen besetzten Vierteln abziehen können. Bislang kam es aber lediglich zur Befreiung von 15 Armeeangehörigen, die sich seit anderthalb Jahren in Gefangenschaft befanden.

Wohin die “Rebellen” von Homs aus gebracht werden, wissen wir auch schon: nach Talbiseh und Ar-Rastan etwas weiter nördlich. Diese Städte sind seit sicher zweieinhalb Jahren relativ fest in der Hand verschiedener Terrorgruppen.

Wie man die Sache auch nimmt, hier handelt es sich zweifellos um einen recht bedeutenden Erfolg für die syrische Regierung, und Baschar al-Assad kann seine potentiellen Wählern durchaus Erfolge vorweisen. Es ist nun nicht gerade so, dass man ins Rätselraten verfallen müsste, wer die Präsidentschaftswahlen am 3. Juni für sich entscheiden wird, auf jeden Fall sieht aber dieses Ende der ewigen Leidensgeschichte der Stadt Homs aus wie etwas, das zur rechten Zeit geschieht.

Die Amerikaner quittieren Erfolge illoyaler Staaten indes gewohnt mit Sanktionen. Als Weltpolizist muss man sich ja schließlich irgendwie zu allen Dingen äußern.

Morgen (wenn Anhar ausgeschlafen hat) gibt’s wahrscheinlich ein paar authentische Bilder aus Homs.

Im Hagel Ihrer Kugeln, Frau Merkel

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte vorgestern Unverständnis dafür geäußert, dass Putin an der Siegesparade auf der Krim teilzunehmen gedenkt. Fettnapf. Hier nur beispielhaft eine der Reaktionen, die es von den Russen darauf gab – die Meinung von Dmitrij Steschin, der momentan als Korrespondent von KP.ru in Slawjansk ist. Ein bißchen Polemik zum Tag des Sieges über den Hitlerfaschismus.

merkel-putinIn der Karriere eines jeden Politikers kommt unbedingt irgendwann ein Moment, wenn nicht einmal mehr sorgfältig ausgewählte Worte helfen und es an der Reihe wäre, einfach einmal zu schweigen und die aktuelle Lage am besten gar nicht zu kommentieren. Im andern Fall kann aus dem Gesagten, wie aus einem geplatzten Abwasserrohr, eine braune Fontäne all dessen hervorsprudeln, was vor den Augen und Ohren der einfachen Leute bislang so behutsam verborgen wurde.

Von Merkels Bemerkung erfuhren wir, als wir bereits im abgeriegelten Slawjansk waren, wo nach Meinung derer, denen die Siegesparade missfällt, die Untermenschen des Ostens oder “Moskali” und “Kazapen” hausen.

Mein erster Gedanke war relativ simpel – “sollen sie sich doch bei ihren Vorfahren beschweren, die sowohl auf der Krim als auch in Slawjansk geschlagen wurden”. Danach dachten wir an eine persönliche Tragödie der Familie Merkel, wir versuchten gar, sie mit der gesamten Breite unserer russischen Seelen und unserem pathologischen Hang zur Allvergebung zu begreifen: “Vielleicht hat ihr Opa, als er zusammen mit Erich von Manstein auf der Krim landete, einfach Pech gehabt, konnte sich nicht schützen und ist dort bis zum Jüngsten Gericht hängengeblieben – vielleicht ist es so eine alte Familientragödie der Merkels, eine Art wunde Stelle?” Eine kurze Internetrecherche ergab, dass der eine Opa von Frau Merkel noch während des Ersten Weltkriegs schwer verwundet wurde. Der andere Opa war, obwohl er seinen polnischen Familiennamen aus politischen Erwägungen in einen deutschen wandeln ließ, ein durchaus frommer Geistlicher und hatte keinen Anteil am “Drang nach Osten”. Worin war also der Grund zu suchen?

Kasatschok

In der Südostukraine gibt es eine Stadt namens Antrazit:

Diverse Medien melden, und lokale Reporter bestätigen, dass dort gestern Abend eine unbekannte Zahl an Kosaken vom Großen Don-Heer eingetroffen ist. Auf jeden Fall weht die Fahne der Don-Republik, bzw. des Großen Don-Heers auf dem Verwaltungsgebäude der Stadt:

„In der Stadt Antrazit haben von russischem Gebiet aus ankommende Don-Kosaken die Kontrolle übernommen.“

Gleichzeitig beklagte sich der Kiewer Übergangs-Innenminister Awakow gestern in einem Interview direkt von der „Anti-Terror-Front“ über den desaströsen Zustand der ukrainischen Armee und deutete an, dass in Slawjansk Tschetschenen an der Seite der „Separatisten“ kämpfen, die sich durch Drill, militärische Erfahrung und ziemlich gute Ausrüstung hervortun, so dass die Strafexpedition trotz zahlenmäßiger Überlegenheit nur recht schleppend vorankommt.

Ramsan Achmatowitsch sagt, Ramsan Achmatowitsch handelt. Das alles ist gut möglich und denkbar, weil die ukrainische „Grenze“ zu Russland nicht nur löchrig ist, sondern an den meisten Stellen frei passierbar – da kann selbst der von Taruta eilig ausgehobene „Große Panzerabwehrgraben“ nichts bewirken. Über einen Graben von angeblich 4 Metern Breite hüpft ein T-90 im Bedarfsfall auch relativ lockerleicht hinüber.

Pogrome in Odessa: Nachtrag

vierzehnte-hundertschaftDas ist nicht einfach nur noch irgendein Video von den Pogromen in Odessa am 02.05.2014, sondern eine gute Zusammenfassung der gesamten Vorgänge von Anfang bis Ende. Die Qualität ist gut, die Montage stringent. Kein „Wackelvideo“.

All das bietet die Möglichkeit, auf Details zu achten. Klar zu erkennen: Rädelsführer, Aufpeitscher, Ordner und Ausführende der Banden, das Zusammenspiel mit den Polizeikräften, das organisierte Vorgehen. Bei 06:59 einer der Aufpeitscher: „Alle bis auf den letzten umbringen! Das muss sein, sonst haben wir hier morgen [Zustände wie in] Donezk“…

Quelle für das Video: vk.com

Unter anderem sieht man auch, wer die treibende Kraft des Mobs war. Die „14. Hundertschaft“ des „Selbstschutzes“ vom Kiewer Maidan (gut zu erkennen ab 08:38, Screenshot oben) beispielsweise, eine der hirnverbranntesten Fanatikertruppen hinter dem gewaltsamen Umsturz Ende Februar. Ihr harter Kern besteht aus notorisch gewalttätigen Extremisten des ukrainischen „Nationalistischen Jugendkongress“. Ein Teil dieser Hundertschaft ist in die neue ukrainische Nazigarde gewechselt, aber aufgelöst hat sich die Bande deswegen nicht – sie zog weitere kriminelle und gewalttätige Elemente an sich und ging auf Tour durch das Land. Abgesehen von Raub, Schutz- und Lösegelderpressung gibt es aber noch andere, zweck- bzw. einsatzgebundene Finanzierungsquellen. Wer genau dahintersteht, ist an der Oberfläche relativ nebulös, aber wenn man sich die wenigen Figuren anschaut, die eine über hundert Mann starke Terrorgruppe finanzieren können, kommt man in etwa auf die Auftraggeber der Pogrome in Odessa. Und da Parubij an diesem Tag in Odessa war, ist es eigentlich klar, dass die Ereignisse gar nicht so überraschend eine solch schreckliche Wendung nahmen.

Die Euromaidan-Propaganda und ihr nachfühlende Demokraten in Europa behaupten jetzt u.a. auch, dass die Odessiten (denn nur solche waren es, und nicht etwa der russische FSB) im Haus der Gewerkschaften sich selbst mit Molotow-Cocktails angezündet haben. Der „Vize-Premier“ der Junta rückte heute mit einer neuen Variante heraus: es sei eine „unbekannte Substanz“ in dem Gebäude freigesetzt worden. Wahrscheinlich entweder durch Putin, oder durch die eingesperrten Antimaidanis selbst, und das dann in suizidaler Absicht. Eine „unbekannte Substanz“ ist im Sinne von Gas bei diesem alten Gebäude, voller Linoleum, alter Möbel, altem Duroplast aber bei Kontakt mit Feuer wiederum nicht völlig abwegig, aber abwegig ist die Behauptung, es sei von den eingesperrten Menschen bewußt freigesetzt worden.

Das Fazit ist – die Menschen in Odessa wurden kaltblütig und vorsätzlich umgebracht. Die Mörder kann man in dem Video frank und frei erkennen. Dem Gesicht nach. Es bräuchte nur eine Fahndung und dann ab ins „Sixpack“ und vor einen möglichst sehr gerechten Kadi. Aber… die Auftraggeber im Hintergrund haben saubere Hände, weil die Ausführenden ja keine Menschen, sondern „Kolorados“ umgebracht haben – und deren Gewissen dadurch rein ist.

(Anm.: „Kolorados“ ist eine Form der Entmenschung der Protestler, die sich durch das Sankt-Georgs-Band kennzeichnen und spielt auf den Kartoffelkäfer an, der im russischen „Colorado-Käfer“ heißt.)

Euromaidan: Faktor Erdgas (Teil 3)

Hier folgt der dritte und letzte Teil des „Faktor Erdgas“ – angesichts der jüngsten Ereignisse wirkt er streckenweise ziemlich anachronistisch (er wurde noch vor dem Sturz Janukowitschs verfasst), kann aber recht gut dazu dienen, ein paar Hintergründe zu erhellen.

Links zu den vorangegangenen Teilen:

Der Aufruhr

Die plötzliche Eskalation der Lage Ende 2013 und Anfang 2014 folgte offenbar sowohl aus subjektiven, als auch aus objektiven Faktoren.

Kiew Ende Januar 2014. Bild: Ilya Varlamov

Kiew Ende Januar 2014. Bild: Ilya Varlamov

Zu den subjektiven kann man den Anlass rechnen, auf den unmittelbar der Protest einer nicht allzu großen, aber sehr medienwirksamen Menschenmenge auf dem Maidan folgte: die Nichtunterzeichnung des EU-Assoziationsabkommens durch die ukrainische Regierung. Für sich genommen ist der Grund für den Verzicht auf die Unterzeichnung (genaugenommen handelte es sich um einen Aufschub) durchaus vernünftig: die Bedingungen, zu denen die Ukraine in ein Assoziationsverhältnis mit der EU hätte eintreten sollen, waren in keiner Weise partnerschaftlich, vielmehr handelte es sich um ein Verhältnis zwischen Lehnsherr und Knecht; dabei sollten die Aufwendungen für die Maßnahmen, die es zur Erfüllung der Assoziationsbedingungen durchzuführen galt, durch den ukrainischen Staatshaushalt geschultert werden. Die ukrainische Führung bezifferte diese Aufwendungen mit 160 Milliarden US-Dollar. Gut möglich, dass diese Zahl aufgrund irgendwelcher politischen Überlegungen überhöht wurde, aber klar war dennoch, dass die Aufwendungen enorm sein würden.

Dabei geriet die Ukraine in die Falle der angepflanzten Russophobie: es erscheint unsinnig, die Gewinne und Verluste des Landes bei Anschluss an das eine oder andere der konkurrierenden Projekte – also die EU oder die Zollunion – in ihrem Verhältnis zu diskutieren. Die ukrainische Elite war deshalb gehalten, mit nur einer dieser Integrationsvarianten zu arbeiten und verschloss sich selbst so gegen jede Möglichkeit eines Lavierens dazwischen.