Archiv für Juni, 2014

Slawjansk, 19.06.2014: Einkesselung

Die im Video und im Lagebericht weiter unten erwähnten Ortschaften auf der Karte:

Nun, soeben habt ihr Detonationen gehört. Das sind Panzer, die Semjonowka angreifen. Sie beschießen dort direkt unsere Stellungen. Der Angriff erfolgt von mehreren Seiten aus. In Semjonowka ist es noch ok, dort haben sich unsere Soldaten recht gut verschanzt.

An anderer Stelle hat der Gegner gleichzeitig unsere Stellungen bei Jampol angegriffen. Das ist in Richtung Krasnyj Liman. Von Süden aus hat er die Stadt Sewersk angegriffen, wo wir nur eine sehr kleine Garnison haben. Kurz, es gibt dort fast niemanden, der dort kämpfen könnte – 30 Mann Bürgerwehr mit Karabinern sind keine Macht, die eine Panzerrotte und ein Bataillon motorisierte Infanterie aufhalten könnte.

Ich bin soeben aus einem Gefecht bei Jampol zurückgekehrt; wir haben schwere Verluste an Technik und Wafffen. Und das aus einem einfachen Grund: der Gegner hat dort wieder über 100 Einheiten Panzerfahrzeuge gegen uns geworfen, bei massiver Unterstützung durch Artillerie – Gardewerfer und Mörser.

Den ersten Angriff haben unsere Kämpfer abgewehrt. Es wurde ein Panzer zerstört. Aber zwei Haubitzen können es kaum mit 15-20 Panzern aufnehmen. Das Gefecht dort dauert noch an; unsere Soldaten halten sich, doch für den Abend ist es nicht ausgeschlossen, dass der Gegner es schafft, dort durchzubrechen.

Andererseits hat es keinen Sinn, die Stellung Jampol zu halten, nachdem Sewersk gefallen ist. Unsere Garnison gerät somit in eine komplette operative Einkesselung, und wird wohl so kämpfen müssen, wie die Garnison der Festung Brest – also ohne jeglichen Nachschub.

Meinerseits danke ich zutiefst der Russischen Föderation, die uns und das russische Volk im Donbass so massiv unterstützt.

Ich hoffe andererseits immer noch, dass das Gewissen – falls es ein solches in Moskau überhaupt gibt – noch dazu reicht, wenigstens irgendwelche Maßnahmen zu ergreifen.

Vielen Dank.

Dazu noch sein schriftlich verbreiteter Lagebericht vom heutigen frühen Abend:

Die Einheit in Jampol ist zerschlagen. Die Männer von der Bürgerwehr, von denen drei Viertel über keinerlei Kampferfahrung verfügten, haben dem Sperrfeuer der Artillerie und dem Panzerangriff nicht standhalten können und haben sich ungeordnet in verschiedene Richtungen zurückgezogen. Die wenigen, die an Ort und Stelle verblieben, starteten einen Gegenangriff, griffen den Gegner von der Flanke an und konnten 4 Infanteriepanzer zerstören, bevor sie an ihre Positionen zurückkehrten; indes hat der Gegner sie allerdings bereits von einem möglichen Uferwechsel abgeschnitten. Die Reste der Einheit und der ihr zur Unterstützung entsandte Entsatz führen derzeit ein Gefecht, um aus der Einkesselung auszubrechen. Die Brücke in Zakatnyj ist vom Gegner besetzt und wird von einem Kampfpanzer bewacht.

Ich würde aber denen, die die Bürgerwehr jetzt einer mangelnden Standhaftigkeit bezichtigen, einmal empfehlen, hierher zu kommen und sich selbst einmal in dieser Lage zu versuchen: der Gegner hat pro 10 Mann einen Panzertransporter oder Schützenpanzer (ganz abgesehen von den zwei Dutzend Kampfpanzern), wir hatten dagegen für die ganze, sich verteidigende Einheit kein einziges Panzerfahrzeug. Sie feuerten mit einer Batterie Gardewerfer und einer Division Selbstfahrlafetten und von Kampfjets aus auf unsere Stellungen, an “Artillerie” haben wir 2 rückstoßfreie SPG-9 und eine SU-23-2. All unsere Kommunikation haben sie mit Mitteln der elektronischen Kampfführung lahmgelegt, so dass unsere Funkgeräte vollkommen nutzlos waren. Das Kräfteverhältnis bei der Infanterie ist 1 zu 10. Da hätte sich wahrscheinlich auch die Garde nicht halten können.

In Sewersk läuft noch ein Gefecht. Da versuchen die Jungs von Mosgowoj, den Gegner aufzuhalten. Aber auch dort ist das Kräfteverhältnis himmelschreiend gegen uns.

Ich lese hier und da mitunter Kommentare hinsichtlich der Aussichten der Volkswehr und der Möglichkeit, dass Russland eingreift. Dazu kann ich nur eines sagen – noch vor einer Woche hätte man die Lage retten können, sofern wir schwere Waffen bekommen hätten. Jetzt ist diese Zeit verstrichen. Wir brauchen militärische Hilfe von Russland.

Nach den Toren von Bagdad

Thanks, Yanks. ISIS-Humvees

Thanks, Yanks. ISIS-Humvees

Von wegen Bagdad. US-amerikanische “intelligence agencies” melden, die ISIS/ISIL bewegt die im Irak gekaperte Militärtechnik – Kampfpanzer, Panzerfahrzeuge, Artillerie – rückwärts von Bagdad weg und nach Syrien hinein. Natürlich war Bagdad nicht das Ziel – schon gar nicht jetzt, da die Amerikaner 275 Drohnen dahin entsandt haben.

Breitbard News: Warum scheinen die irakischen Sicherheitskräfte gar nicht wirklich Widerstand zu leisten?

Bill Roggio: …Manche behaupten, sie wurden angewiesen, keinen Widerstand zu leisten… Es gibt sogar Gerüchte, dass höhere Regierungsbeamte dem Militär befohlen hätten, sich zurückzuziehen…
(Bill Roggio von “The Long War Journal” bei Breitbart News — Quelle)

Man kann dieser faktischen, monströsen Bewaffnung der (immer noch in Syrien operierenden) Terrorbrigaden eine gewisse perfide Originalität nicht absprechen. Gegen alle Regeln, Sanktionen, Absprachen und sonst alles. Krasse Zeiten erfordern krasse Entscheidungen.

Auch originell: so passen mehr davon auf den Karren. ISIS-Humvees auf dem Weg  nach Syrien. (via Islamisten-Twitter)

Auch originell: so passen mehr davon auf den Karren. ISIS-Humvees auf dem Weg nach Syrien. (via Islamisten-Twitter)

Eilige Machwerke – zu den neuen NATO-Satellitenbildern

Vorgestern gab es von der NATO eine frische Portion Satellitenbilder, mit denen zweierlei belegt werden soll: a) die Russen liefern den “Separatisten” ausgemusterte T-64 per Tieflader an und irgendwie über die Grenze nach Neurussland, und b) der “Truppenaufmarsch”, den die Russen unsinnigerweise auf ihrem eigenen Territorium veranstalten, ist nach wie vor bedrohlich.

Die Sache mit den ewigen Aggressoren und ihren Satellitenbildern ist nun freilich schon eine Serie von Märchen in Bildern, deren Richtigstellungen nur ganz besonders Faulen noch nie untergekommen sein werden. Spätestens seit Homs im Februar 2012, wo man ohne viel Federlesens “syrische Artilleriestellungen” per Photoshop-Pinsel in die monochrome Pixellandschaft setzte, sollte man diese Art “Beweis” erst einmal ganz genau so behandeln, wie die Pressemeldungen und Verlautbarungen von “interessierten” Organisationen und Staaten: nämlich als Propaganda, die zum großen Teil aus Lügen besteht, und als kriegsvorbereitende Meinungsmache. Es springen aber immer wieder Leute darauf an oder geben es wissentlich weiter, wie z.B. hier  – das diesen Artikel einleitende Bild wurde auch schon im Syrienkrieg dazu verwendet, eine bevorstehende Offensive der syrischen Armee gegen Bandenformationen in Aleppo zu belegen, es stammt aber aus Nordossetien und ist von 2008. Solche Dinge halten sich eben.

Bei den aktuellen NATO-Satellitenbildern ist in genau solcher Eile und genauso plump verfahren worden, so dass man anhand nur einer der Aufnahmen beispielhalber demonstrieren kann, wie hanebüchen die Mittel & Methoden der Meinungsmache sind. Dieses Foto stellt insgesamt ein Areal von rund 10×6 Kilometern um den Truppenübungsplatz Kadamowskij, ungefähr 15 Kilometer nordnordöstlich von Nowotscherkassk in der russischen Region Rostow dar:

NATO-Satellitenbild der Gegend um den russischen Truppenübungsplatz Kadamowskij. Quelle: http://aco.nato.int/statement-on-russian-main-battle-tanks.aspx

NATO-Satellitenbild der Gegend um den russischen Truppenübungsplatz Kadamowskij. Quelle: http://aco.nato.int/statement-on-russian-main-battle-tanks.aspx

Das ist erst einmal viel Grau, aber die herausgezoomten Sektoren sollen dann die Belege liefern. Und diese braucht man sich nur einmal grob anzusehen. Zuerst vielleicht zur Erklärung eine kleine Legende, was man auf dem NATO-Bild eigentlich sieht:

Vor den Toren von Bagdad

Gefechte in Tikrit, 13.06.2014

Gefechte in Tikrit, 13.06.2014

Es ist zwar nicht so, dass sich die derzeitige akute Lage im Irak nicht schon vor Monaten so in etwa abgezeichnet hatte, aber die Behendigkeit, mit der die Dschihadisten derzeit die Kontrolle im Norden des Landes übernehmen, ist doch ein wenig überraschend. Heute fielen der ISIS/ISIL zwei weitere Städte – Saadiyah und Jalawla – in die Hände. In den letzten Meldungen hieß es, Stoßtruppen der Dschihadisten stünden 50 Kilometer vor Bagdad.

Ein Fall Bagdads – falls es dazu kommt – hieße noch nicht, dass „der Irak“ dann komplett an die Dschihadisten gefallen ist. Südöstlich der Hauptstadt beginnen Gebiete mit mehrheitlich schiitischer Bevölkerung, und bei allen Erfolgen kann man noch nicht wirklich davon sprechen, dass die ISIS-Terrorgruppen dazu in der Lage wären, wirklich feindliche Städte zu übernehmen. Eine Eroberung Bagdads wäre freilich ein politisches Resultat; mit allen dort vorhandenen Strukturen würde die Ausrufung eines islamistischen Staatsgebildes dann auch mit gewissen Realitäten hinterlegt sein, die allein es gestatten würden, den momentan durchaus noch „Guerilla-Krieg“ zu nennenden Konflikt auf eine qualitativ höhere Ebene zu befördern – einschließlich einer politischen.

Im Prinzip sind die Taliban in Afghanistan seinerzeit nach genau demselben Schema an die Macht gekommen. Die ISIS/ISIL hat zwar weiter südlich/südöstlich wohl kaum eine reelle Chance, so dass es keine vollwertige Kopie der damaligen Vorgänge in Afghanistan geben wird, aber ein eigenes Emirat ist inzwischen mehr als nur theoretisch möglich - womit ein Zerfallen des Irak recht wahrscheinlich ist.

Im weiteren Verlauf müssten die Terrorbrigaden es irgendwie organisieren, ihr Territorium zu halten; es ist überhaupt nicht klar, ob und wie das funktionieren soll, allein schon, weil der Iran sich auf die eine oder andere Weise in die Sache einbringen wird – und es auch schon tut. Andernfalls haben die Saud mittelbar vor seinen Grenzen das Sagen. Der Iran hat dabei bereits alles nach derzeitigem Ermessen mögliche unternommen – es gab eine Teilmobilisation und eine Verlagerung von Truppen – sowohl reguläre Truppen als auch Revolutionsgarde und Anti-Terror-Einheiten – an die Grenze zum Irak, teils unter Preisgabe des permanent unruhigen Belutschistan. Aus dem Irak selbst kamen Meldungen, dass mobile iranische Einheiten in den Kämpfen um Tikrit beteiligt seien.

saudi_pufferWie immer es sich im weiteren Verlauf ergibt, es wurde einmal mehr bewiesen, dass ein Marionettenregime per definitionem instabil ist. Es reicht ein sanfter oder auch beherzter Schubser, und alles bricht zusammen, weil niemand große Lust hat, diese Marionetten mit seinem Leben zu verteidigen. Sicher ist auch unabhängig von den letztlichen Ergebnissen der derzeitigen Katastrophe, dass die noch Ende des vergangenen Jahres angekündigten ambitionierten Erdölförderpläne des Irak, denen zufolge das Land zum Ende des Jahrzehnts 6-8 Millionen Barrel pro Tag zu fördern gedachte (im Vergleich dazu heute – 3,3 Millionen), zerschlagen sind. Summarisch wollten Iran und Irak auf 12 Millionen Barrel pro Tag kommen – und wen das störte, braucht man nicht lange zu rätseln. Der „schiitische Pol“ im Nahost-Erdölgeschäft ist, wie es aussieht, vorerst zerschlagen.

Dieser Umstand allein rechtfertigt für Saudi-Arabien all seine Investitionen in den Krieg. Jetzt braucht es nur noch indirekt und recht entspannt dafür zu sorgen, dass die derzeitige instabile Lage möglichst lange anhält. Was mögliche US-Interventionen anbelangt, so braucht man auch nicht allzu viel Phantasie dazu, dass diese sich auch auf syrisches Territorium erstrecken würden. Ein Teil der syrischen Luftwaffe wurde Ende August 2013 in den Iran evakuiert. Dieses Kontingent wäre im Fall von US-Luftangriffen auf die ISIS/ISIL aus dem Spiel.