Eine Geste für die Soldaten

Die Ereignisse haben sich in Novorossiya und der Ukraine in den letzten Tagen überschlagen, vor allem, was die militärische Perspektive angeht. Fangen wir mit einem Ereignis an, das den meisten Lesern hier durch Märchenschau und Konsorten ohnehin schon bekannt ist, nur vielleicht die Bedeutungsschwere nicht.

Am Sonntag den 24. beging die Ukraine ihren („Un“)abhängigkeitstag mit zwei Paraden.

Die eine fand in Kiev statt, wo mit überbordenden Kosten zu rechnen ist, die sich aber für die Junta nicht zuletzt mit Hinblick auf das eben aufgelöste Parlament und den baldigen Neuwahlen rechnet, denn Patriotismus wird durch solche Gesten etwas länger getragen. Für den Staatshaushalt hingegen spielt das ganze wiederum ebenfalls keine Rolle, denn früher oder später wird es ohnehin zum Bankrott kommen.

Kritik wurde von der Statthalterschaft damit widerlegt, dass diese Parade keine Parade sei, sondern eine Geste für die Soldaten, und dass die Fahrzeuge, so Poroshenko, danach die Straßen direkt weiter runter bis zum Bürgerkriegsgebiet fahren würden. Müssen sie auch, sofern die Quellen stimmen, die davon erzählen, dass diese dringend benötigte Militärtechnik vorher von der Front abgezogen worden war.

Die zweite Parade ukrainischer Truppen fand in Donezk statt, und obschon sie in einem bescheideneren Rahmen stattfand, hat es geschafft die Demonstration von Stärke in Kiev gehörig zu vermasseln, indem Soldaten, Nazigardisten und sonstige Paramilitärs gefesselt durch die Straßen geführt wurden, gefolgt von Waschfahrzeugen, die danach die Straßen in Anspielung auf die Moskauer Juliparade 1944 säuberten.

Bei einer derart humorvollen Aktion kommen einem da viele Witze in den Sinn. So scheint es das erste Mal zu sein, wo Poroschenko Wort gehalten hat, und das ausgerechnet mit freundlicher Unterstützung durch die sog. „Separatisten“. Er hatte nämlich vor einigen Wochen angekündigt, in Donezk eine Parade zum Unabhängigkeitstag abhalten zu wollen.

Medienreaktion auf Gefangenenparade in DonezkMan könnte auch damit argumentieren, dass die Bestrafer für all ihre geleisteten Mühen, die Stadt zu erreichen, doch zumindest eine Stadttour verdient hätten. Und die Milizen so nett gewesen sind, diese mit Wegführung zu leisten.

Westliche Medien jedoch haben erwartungsgemäß weitaus strenger reagiert, denn die Zurschaustellung der Kriegsgefangenen, so das einstimmige Urteil aller Massenmedien von Welt über FAZ bis Spiegel, ist ein Verstoß gegen die Genfer Konvention. Dass keine der beiden Volksrepubliken bisher diese Deklaration unterzeichnet haben, wird dabei übersehen, und ironischerweise finden sich in den gleichen Artikeln sehr unaufgeregte Meldungen über die zeitgleiche Bombardierung von Donezk (einschließlich eines Krankenhauses), ohne auf den offensichtlichen, weitaus schwerwiegenderen Verstoß gegen die Genfer Konvention zu verweisen, denn Bevölkerung (Zusatzprotokoll I.) und Krankenhäuser (Genfer Abkommen I.) stehen unter besonderem Schutz und die Terrorisierung und Ermordung dieser sind Verbrechen wider Moral und Menschlichkeit.

Die militärische Situation

militärische Lage Neurussland / Ukraine 26.08.2014

Die Lage in Neurussland zum 26.08.2014. Quelle: kot_ivanov.livejournal.com

Manch einer unter uns sah es schon kommen, ein anderer eher weniger.

Die Straßenreinigung ist jedenfalls nicht die einzige Parallele zwischen der „antifaschistischen Kundgebung“ in Donezk und der Juliparade 1944, sondern auch die militärischen Hintergründe ähneln sich.

Damals hatte die Sowjetunion eine (in den Planungen eher begrenzt ausgelegte) Operation Bagration zur Befreiung von Minsk gestartet. Die deutsche Heeresgruppe Mitte, von früheren Gefechten geschwächt und ausgelaugt, brach jedoch unversehens zusammen. Die Offensive führte die rote Armee bis zur deutschen Reichsgrenze.

Analog ist in den letzten Tagen eine großangelegte Offensive der neurussischen Kräfte an fast allen Fronten angelaufen, die, obschon von den westlichen Medien bis auf die Kämpfe bei Mariupol fast komplett totgeschwiegen, doch enorme Erfolge und Geländegewinne vor allem im Süden verbucht hat. Hier sind die Milizen von Uspenka aus entlang der Grenze über 90 km weit bis ans Meer vorgestoßen.

Zwar ist aus prinzipiellen Gründen weiterhin Vorsicht angebracht, denn die Neurussen könnten sich überdehnen und vor allem am Meer eingekesselt werden, doch diese Chance scheint für Kiew ebenfalls verspielt und die Juntakräfte zu schwach. Der anfänglich durchschnittlich ca. 10-15 km breite Streifen entlang der Grenze ist beträchtlich vergrößert worden und dies zeugt von einer sehr großen Bewegungsfreiheit in einem Gebiet, das die Junta noch vor wenigen Tagen für ihr Hinterland hielt, während die Juntatruppen an der Südfront weitgehend eingekesselt worden sind und weiter eingekesselt werden. Ein Vorstoß Richtung Westen aus dem Grenzstreifen heraus, der bislang schon bis Andreevka gekommen ist, kann sich schon bald mit den Kräften vereinigen, die die Nationalstraße H20 von Donezk Richtung Mariupol vordringen und schon Volnovakha (und somit ca. 50 km, die Hälfte des Weges nach Mariupol) erreicht haben.

Mahnmal auf Saur-Mogila, früher und heute

Mahnmal auf Saur-Mogila, früher und heute

Rechnet man den „Südkessel 2.0“ mit der 24. Luftmobilen Brigade, der von den Milizen zurzeit gestürmt wird, nicht ein, so wäre die Serie an neuen Kesseln dennoch um die 70 Kilometer lang. Allein in 3 von zahlreichen Kesseln (bei Stepanovka, südlich von Ilovaisk und in Lutugino südlich von Donezk) sind 7000 Soldaten eingeschlossen, mit deren Zusammenbruch innerhalb von Stunden oder Tagen zu rechnen ist. So ist der Berg Saur-Mogyla, der aufgrund seiner vieles überblickenden Lage schon im zweiten Weltkrieg hart umkämpft war, gestern Abend von den Neurussen zurückerobert worden.

Am Meer wird momentan Novoazovsk gestürmt, das bereits umzingelt wurde. 10 km westlich davon ist bereits das Dorf Besimenyi („Namenlos“) unter Kontrolle der Milizen. Die Front ist somit nur noch 20 Kilometer von Mariupol entfernt, wo sich gerade eine Massenflucht anbahnt.

Im Norden ist die Situation ähnlich unübersichtlich wie im Süden. Die Milizen erweisen sich beim Vorstoß flexibel, umgehen und umzingeln größere feindliche Gruppierungen und Befestigungen bei ihrem Vorstoß nach Norden. So sind Metallist und Shchastye nördlich von Lugansk noch unter der Kontrolle der Junta, sind jedoch in diesen von den Neurussen umzingelt oder zumindest sehr bedroht. 2 größere Städte, nämlich Lisychansk und Sjewerodonezk sind das Ziel des nördlichsten Vorstoßes der Milizen.

Die Gefahr einer Umzingelung von Gorlovka scheint abgewendet, und der Keil um Debalzevo wird stetig kleiner. Nur an wenigen Schauplätzen sind die ukrainischen Kräfte zum Halten der Front in der Lage, Offensiven führt sie keine mehr.

Fazit

Es ist festzuhalten, dass der Bürgerkrieg in den letzten Tagen (am 24. offiziell verkündet) seine vierte Phase getreten ist, wo die Milizen sich nicht mehr auf taktische Unternehmungen beschränken, sondern auch strategische größere Operationen durchführen.

Hierbei sind ihnen in den letzten Tagen Gebietsgewinne im zweistelligen Prozentbereich gelungen. Donezk ist bis auf den Flughafen größtenteils befreit und von einer Einschließung weit entfernt, ebenso wie Gorlovka, während die südlich, westlich und nördlich von Lugansk befindlichen Feindeinheiten stark bedrängt, aber noch nicht vernichtet sind.

Die Rolle der russländischen Föderation, ebenso der Oligarchen, scheint in diesem Konflikt recht schwer einzuschätzen. Der Rücktritt Strelkows wird aber wohl vor allem auf diese zurückzuführen sein. Wenn er aber zum Rücktritt überredet werden konnte, so muss es eine Gegenleistung gegeben haben. Die Äußerung des neuen Premiers Alexander Sachartschenkos vor mehreren Tagen, wonach 1200 in Russland ausgebildete Männer dazugestoßen seien, deckt sich hiermit.

Auf der ukrainischen Seite zeichnet sich immer mehr eine Agonie ab, wie dramatische Szenen Überlebender und verzweifelter Angehöriger beispielsweise in Novograd-Volynskij (gekürzte Version mit dt. Untertiteln hier) und in Ivano-Frankovsk zeigen.

Diese Ereignisse zeugen von manglender Führung und von fürchterlichen Zuständen in den Kesseln, und es scheint zweifelhaft, dass das heldenhafte Volk der Ukren sich schnell erholen und zu einer Gegenoffensive ausholen kann. Vielmehr scheint es möglich, dass auch die Vorstöße im Norden sich beschleunigen werden, sobald die ukrainische Führung von dort Kräfte zur Stabilisierung in den Süden verlegen muss.

Auf dem heutigen Treffen in Minsk wirkte Putin auffällig entspannt und gewitzt, doch es kann mit Sicherheit ausgeschlossen werden, dass es an dieser diplomatischen Front zu einer baldigen Einigung kommt, denn selbst wenn die RF über eine vollständige Kontrolle über die Volksrepubliken verfügen würde, was äußerst unwahrscheinlich ist, so würde sie dennoch auf deren Beteiligung an Friedensgesprächen pochen.

Derweil droht der ukrainischen Junta nach der Donezker Parade schon der nächste Imageverlust, denn aus der provisorischen Hauptstadt des Donezker Oblastes, nämlich Mariupol, gibt es eine Massenflucht. Sollte der Gouverneur und Oligarch Taruta aufgrund herannahender Kämpfe ebenfalls aus dieser fliehen oder die Stadt gar erobert werden, so wären sowohl die westlichen und ukrainischen Medien als auch die ukrainische Regierung in Erklärungsnot, die der bei der Schlacht um Hue im Vietnamkrieg ähnlich wäre. Viel zu lange nämlich wurde die militärische Situation verherrlicht, als dass man diese Neuigkeiten ohne Glaubwürdigkeitseinbußen überstehen wird.

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