“Al-Kaida“ im Jemen: Wir waren’s!

Nasser al-AnsiNasser al-Ansi, ein Mann mit dezent vergilbtem Bart, den man als „einen der Führer“ der Al-Kaida im Jemen (AQAP) bezeichnet, beharrt darauf, dass der Angriff gegen die infernalischen Pariser Karikaturisten auf das Konto seiner Organisation geht. Das macht ganz den Eindruck, als würde die AQAP in enger Zusammenarbeit mit den saudischen Geheimdiensten in dieser Situation ganz exakt in deren Auftrag handeln und versuchen, die Aufmerksamkeit der Europäer auf den Jemen zu lenken.

Nur zu verständlich das Bestreben, sich die offenbar ausstehenden Vergeltungsmaßnahmen der „zivilisierten“ Welt, resp. der führenden Militärmächte, zunutze zu machen. Derzeit kann man nicht verkennen, dass die Saud über die vermutliche Zielrichtung der wahrscheinlich bevorstehenden „europäischen Antwort“ – den „Islamischen Staat“ – nicht gerade erbaut sind. Der IS ist für Saudi-Arabien trotz dessen martialischer Drohungen und selbst trotz kleinerer Grenzzwischenfälle im Norden nicht so aktuell, wie es beispielshalber die gestrige Drohung des Iran ist, jene Länder, welche für den akuten Ölpreisverfall der vergangenen Monate verantwortlich sind, „bereuen“ zu lassen. Wie Rohani diese Länder zur Reue bringen will, sagte er nicht – dass sich der Iran und Venezuela zu einem Club der ausgestoßenen Erdölexporteure zusammentun, hat noch nicht ein Gewicht, das den Golfmonarchien, oder auch nur den Saud allein, allzu großes Kopfzerbrechen bereiten müsste. Vorsichtshalber fühlen sie aber natürlich vor, ob nicht eventuell „der Russe“ mit Maduro und Rohani in ein Triumvirat aus bedrängten Rohstoffexporteuren einsteigen will.

Anders gesagt, die Lage an der Grenze zum Jemen ist für das Königreich derzeit weit gefährlicher als alles andere – und hier hat der Iran eben auch seine Hebel in Form von schiitischen Milizen, die den Norden des Landes einschließlich der Hauptstadt Sanaa besetzt halten.

Die Europäer trommeln stattdessen in eine ganz andere Richtung und reagieren gar nicht auf die jemenitische Spur. Ganz und gar ignorieren kann man das „Bekenntnis“ der Pariser Terroristen und der AQAP-Führung natürlich nicht, aber es ist der „Islamische Staat“, den man beharrlich als Verantwortlichen benennt. Die Gruselgeschichte von Syriens „Atomfabriken“ im Spiegel kann durchaus auch andeuten, wohin die Reise eigentlich gehen soll – kein Sicherheitsrat müsste konsultiert werden, und unter Umständen zielt man auf ein „Tripolitaner“ Szenario für Damaskus ab, bei dem Spezialeinheiten u.a. aus Frankreich und Katar die Tore der libyschen Hauptstadt für die tobenden Rebellenbanden öffneten.

Allem Anschein nach wird derzeit noch im Hintergrund verhandelt, wer denn nun vor den Augen der Weltöffentlichkeit für den Anschlag auf die Redaktion des französischen Blatts bestraft werden soll, und wie. Die Saud können sicher ihren finanziellen Beitrag dazu leisten, dass man die AQAP ins Visier nimmt (und die schiitischen Verbände im Nordjemen in einem Aufwasch mit erledigt). Das Problem ist, dass der IS für Amerikaner wie Europäer ein lohnenderes Ziel ist – es gilt, dort Aktivitäten zu entfalten, in deren Schlagschatten man gut und gern Gelegenheiten bekommt, Assad aus dem Weg zu räumen. Die „Pitbulls“ (in Fursows Terminologie) haben Syrien ja nicht etwa vergessen, und hier bietet sich die Gelegenheit, dem Krieg gegen Syrien ohne juristische Formalitäten, wie etwa der UNO, neues Leben einzuhauchen.

Eine Intensivierung des „Kriegs gegen den Islamischen Staat“ birgt die Möglichkeit, die Bereiche auszuweiten, die im Fadenkreuz der Koalition stehen – im Bedarfsfall auf das ganze Syrien. Wahrscheinlicher wäre in dem Fall aber eine indirektere Variante, nämlich eine Aufrüstung jener „gemäßigter Banditen“, die auf syrischem Boden gegen den IS (und zufälligerweise auch gegen die syrische Regierung) kämpfen. Einen Korridor zum Präsidentenpalast in Damaskus würden dann zu gegebener Zeit Fachleute ohne militärische Abzeichen legen.

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  • Nobilitatis

    Die Anzeichen deuten dahin, dass erst mal der Irak wieder eingefangen werden soll, als strategischer Schlüssel. Dazu werden sowohl Sunniten als auch Kurden benötigt, um die Schiiten einzudämmen (und damit den Iran). Aber auch der Iran etabliert gerade Beziehungen zu den Kurden Iraks. In Verbindung gebracht mit der Vermutung, dass man zu einer Einigung mit dem Iran kommt, hieße das, dass das KSA (oder Königreich des Sandes) zu den klaren Verlierern zählt. Unter diesen Umständen müsste man die derzeitig niedrigen Ölpreise als Attacke auf die US-amerikanische Fracking-Industrie interpretieren.

  • Mathew Miller

    Dieser Angriff geht aus der Mitte der US-amerikanischen Machtelite hervor.
    Mit allen seinen Facetten.

  • EdZ

    Danke für den Bericht.

    Ich würde mal so sagen: Alle und alles unter falscher Flagge. Mehrfache Täuschungen, Spiegelungen, Verzerrungen, Brechungen,…

    Was läuft da nicht alles seit 15 Jahren selbständig? Daniel Neun auf Radio Utopie am 19.1.2015:
    „Wie berichtet, hatte am 24.April 1999 die “Organisation des Nordatlantik-Vertrages”
    (N.A.T.O.) in Washington im Zuge eines neuen strategischen Konzepts Artikel 5 des N.A.T.O.-Vertrages aus 1949 uminterpretiert, ohne dessen Wortlaut zu verändern. Die Interpretation ermöglichte nun, Artikel 5 und den “kollektiven Verteidigungsfall” bzw “Bündnisfall” auch
    zum “Schutz vor terroristischen Angriffen” zu aktivieren. Nach den Attentaten in New York und Washington am 11. September 2001, die bis heute nie gerichtlich untersucht wurden,
    rief am 4. Oktober 2001 der Nordatlantikpakt den “kollektiven Verteidigungsfall” bzw “Bündnisfall” in einem Beschluss aus, dessen vollständiger Inhalt bis heute geheim ist.

    Laut dem Schweizer Ständerat und Sonderermittler des E.U.-Europarates
    Dick Marty traf sich “Anfang Oktober 2001″ der N.A.T.O.-Militärpakt zu
    einer geheimen Sitzung in Athen und unterstellte alle Behörden der
    N.A.T.O.-Mitgliedsstaaten in Sachen “Terrorbekämpfung” der C.I.A. “

    Wir wissen zu wenig!

    Es gibt schon Fach-Literatur, ich habe einiges zum Thema, Daniel Ganser, von Bülow, Feldbauer,
    eben bedrucktes Papier.

    Die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit wird immer größer, Untätigkeit, Handlungsunfähigkeit bis zur Ohnmacht bei den Massen und vermutlich Kontrollfreiheit und Spaß bei einer kleinen Elite. Die Einen sind eingesponnen im Netz der Kontrolle und der Fremdbestimmung, die Anderen bedienen die Technologie und haben die Übersicht darüber, was die Massen so denken und tun.

    Zivilisatorisch eine schlimme Entwicklung. Geht an die Substanz, sag ich mal. An die psychische, physische und soziale Substanz des Menschen. Das sag ich mal so, nach 20 Jahre Politik- und Medienanalyse, unter besonderer Berücksichtigung der Kräfteverhältnisse und technologischen Entwicklungen ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bis heute.

    Ende der Zivilisation (wie wir sie kannten)

    • Petra Moser

      Kann so sein, muss aber nicht. Menschen können in 5 Tagen mehr lernen/verstehen als in 30 Jahren.

  • kaumi

    Der Jemen in Flammen.
    Eine sunnitische Allianz unter logistischer Führung der USA hat sich auf und über den Weg nach Jemen gemacht, um die schiitische Huthi-Armee aufzuhalten.
    Der nächste Stellvertreterkrieg in Arabistan mit gleicher Besetzung der Hauptrollen. Der große Unterschied: KSA (dazu die Kriegsmächte Qatar, Kuweit) ist nun direkt involviert. Der Strippenzieher muss sich nun selbst an der Strippe ziehen lassen. Und immer wenn du denkst, es kann nicht schlimmer…

    • kaumi

      “ Die USA und Großbritannien unterstützen die Vorgehensweise Saudiarabiens, zur Stabilisierung eines souveränen Staates und zum Schutze dessen Präsidenten:“ Reuters

      Mal auf der Zunge zergehen lassen:

      – die USA und GB finden es nicht gut , dass ein Staatsoberhaupt im Jemen verfassungswidrig entfernt wird und die Macht an Putschisten übergeht. Sie finden es sehr unterstützenswert wenn eine andere Macht dort (offen) interveniert.
      – Die USA und GB finden es gut , dass ein Staatsoberhaupt in der Ukraine verfassungswidrig entfernt wird und die Macht an Putschisten übergeht. Sie finden es nicht unterstützenswert, wenn eine andere Macht dort (angeblich) interveniert.
      – Die USA und GB finden es ebenfalls gut, dass ein Staatsoberhaupt in Syrien verfassungswidrig aus dem Amt gejagt werden soll. Sie finden es unterstützenswert, die Putschisten in ihrem Vorhaben nach Leibeskräften zu Supporten.
      Keine Satire, das ist realexistierende westliche Politik. Heucheln war gestern, heute genügt nur noch eine nackte Pressemitteilung!

  • Dike

    Wie Kaumi schon schrieb, es ist unfassbar, aber Saudi Arabien greift tatsächlich den Yemen an. Mit 100 Kampfflugzeugen bombardieren sie und töten Zivilisten. Auch wurden Stellungen der Houthis bombardiert und Raketenabschussrampen (angeblich iranischen Ursprungs) zerstört. Die Saudis sprechen von einer Koalition von 10 Staaten: Saudi A., Qatar, die UAE, Bahrein, Kuweit, Ägypten!, Marokko, Sudan, Jordanien und die USA. Die USA haben ihr Militär bereits aus dem Yemen abgezogen und es scheint mir, dass auch das ein Versuch bestimmter zionistischer Kräfte ist, ein Abkommen mit dem Iran zu sabotieren, indem man den Iran in diesen Konflikt zieht. Es wird jedenfalls schwierig, tatenlos zuzusehen, wenn der Yemen angegriffen wird. Der Iran hat bereits protestiert und gewarnt und da der Iran die Houthis militärisch strategisch berät, ist die Frage, ob der Iran wie im Irak offener helfen wird. Auch Hizbollah hat den Angriff der Saudi mit den Worten „Unklug und illegitim“ kommentiert. Angeblich ist die yemenitische Armee an der Seite von Ansarullah. Wenn der Yemen eine Luftwaffe hat, dann wären Luftangriffe auf Saudi A. jetzt mehr als legitim. Ein Akt der Verteidigung.

    Das ist eine offene Aggression und wie immer empörend die Rolle der UN, die diesen Angriffskrieg wenigstens klar verurteilen müsste. Stattdessen wird die Geschichte so dargestellt, als würde hier ein demokratisch gewählter Präsident von Terroristen aus seinem Amt verjagt.

    • sh4n

      Formal ist Hadi ja noch Präsident des Jemen, wenn dieser die KSA + Verbündete um „Hilfe“ bittet, dann ist das völkerrechtlich vermutlich ein legales Vorgehen?
      ..
      Der Jemen ist topographisch Afghanistan ähnlich und auch an Klein-Waffen mangelt es nicht. Wenn sich die „Allianz“ da tatsächlich mit Bodentruppen reintraut, ist dann nicht ein erheblicher Verlust an Kräften vorhersehbar?
      ..
      In wie weit ist die Struktur der Rebellion gegen Hadi denn schiitisch geprägt (wie man in den MSM so hört), ist es nicht so, dass eher ökonomische Motive und sicherheitspolitische Aspekte vorherrschen (Kampf gegen AQAP + Ende der Drohnenattaken)?

      ..
      Und, nun ja, die Auslegung gute Rebellion/böse Rebellion anhand subjektiver geopolitischer Parameter ist schon eine Dreistigkeit für sich, aber keiner im „Westen“ scheint daran Anstoß zu nehmen. Auch gut ist natürlich die deutsche Besorgnis, dass man dt. Waffen benutzen könnte, um damit zu kämpfen. So was aber auch.

      • Dike

        Fast wünschte ich, die Saudis gehen mit Bodentruppen rein. Sie werden auf unglaublichen Widerstand treffen und und diesen Krieg nicht gewinnen. Auch stimme ich zu, dass man diesen Konflikt nicht reduzieren kann auf schiitisch gegen sunnitisch. Es ist ein Kampf gegen die Vorherrschaft der reaktionären, unermesslich reichen Golfstaaten mit ihren Schmarotzer Prinzen und die militärische Gewalt der amerikanischen Kolonialisten.

  • kaumi

    Dieser Artikel ist die sehr weiche Wiedergabe dessen, was wirklich geschah
    http://www.rp-online.de/politik/ausland/jemen-konflikt-huthis-beschiessen-saudische-grenzstadt-aid-1.5067793
    Lt. libanesischen und syrischen Quellen sind bei o.g. Gefechten bis zu 13 saudische Soldaten getötet worden. Mehrere seien verletzt. Dutzende Grenzwächter seien flink ins Hinterland getürmt.
    Die „Grenzstadt“ Nadschran soll ca. 18-20 Km in Landesinneren liegen… ein Beschuß seitens der jemenitischen-Armee und ihrer Verbündeten (m.E. ist das die genauere Bezeichnung als Houthi-Rebellen) kann also nur erfolgen, wenn ein Eindringen aus dem Jemen ins Saudiland stattgefunden hat. Dann wäre auch die „Flüchtlingsquelle“ aus dieser Stadt (ca. 15.000 Menschen seien auf der Flucht) zu verstehen.
    Alles in allem ein Beleg dafür, dass die Saudis – zumindest – eine erste kleine Rechnung präsentiert bekommen. An der irakisch-saudischen Grenze waren gestern, wenn ich nicht irre, bereits 2 Saudis erschoßen worden.