Syrien 2015

Baschar al-Assad, Dschobar, Jahreswechsel 2014/2015Wie vor einiger Zeit schon abzusehen war, hört und liest man – wenn man nicht gerade gezielt danach sucht – jenseits von IS/Daesh kaum noch Nachrichten aus Syrien, insbesondere, nachdem die False flag mit dem chemischen Bombardement von Ostghouta durch ein beispielloses Biegen und Brechen der „großen Politik“ nicht zu einem regionalen Großkrieg geführt hat. Das ehemalige Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ präsentiert eine vollkommen hirnlose Räuberpistole von unterirdischen MenschenAtomfabriken (sic beim Spiegel) („Atomfabriken“ sind Dinger, für die ganze Volkswirtschaften am Rande der Erschöpfung zu arbeiten haben, und das in Friedenszeiten – nur so am Rande), die aber kaum Beachtung fand. Irgendein Schauspieler fordert Baschar al-Assad zur „Ice Bucket Challenge“ in einem Flüchtlingslager heraus (tatsächlich ist Damaskus derzeit einigermaßen zugeschneit, und im Libanon liegen in bergigeren Regionen bis zu zwei Meter Schnee – klar, dass es in den dortigen Flüchtlingslagern unerträglich sein muss), und da war ja noch die Episode zu Silvester, als Baschar al-Assad seinen Truppen in Dschobar einen Besuch abstattete. Was vermuten ließ, dass diese Vorstadt von Damaskus nun relativ sicher sei. Was sie aber immer noch nicht endgültig so ist. Wie sieht’s anderswo aus?

Aus den relativ spärlichen (zugänglichen) Quellen weiß man, dass die Syrische Arabische Armee derzeit zwei Punkte hat, an denen sie ihre Aufmerksamkeit und Energie konzentriert: Aleppo und Deir ez-Zor. Die Provinz Deir ez-Zor ist entlang des Euphrat de facto zu einer Grenze zum sogenannten „Islamischen Staat“ geworden, und nördlich davon engagiert sich die SAA lediglich punktuell – beispielsweise in Qamishli und Al-Hasaka in Zusammenarbeit mit der kurdischen YPG; Al-Hasaka steht nach massiven IS-Offensiven in den vergangenen Tagen möglicherweise kurz vor der Einnahme durch IS/Daesh. Damit kann man den nächsten Genozid schon aufdämmern sehen: die Gegend nordwestlich von Al-Hasaka wird von assyrischen Christen bewohnt, welche zwar auch bewaffnete Einheiten aufgestellt haben, die sich aber recht unbedeutend ausnehmen und nicht viel mehr machen können, als ihr eigenes Haus & Hof eine Weile lang zu halten.

Nach Deir ez-Zor wurde die 104. Brigade der Republikanischen Garde verlegt, genau die, welcher im Frühjahr 2013 ein israelischer Bombenangriff galt, weil dort vermutlich „iranische Instrukteure“ tätig sind. Es ist allen Parametern nach eine der hervorragendsten Eliteeinheiten des syrischen Militärs.

Die in Aleppo verharrenden Terroristen – vor allem Al-Nusra und Reste der FSA – stecken seit Mitte Dezember 2014 in einer nahezu vollständigen Einkesselung. Das ist zweifelsohne ein (noch nicht vollständiger) wichtiger Erfolg; in mancherlei Hinsicht entscheidet Aleppo die Geschicke der Region, und diese Stadt wurde noch im vergangenen Spätsommer als eines der größeren Ziele der IS/Daesh ins Feld geführt. Die Versorgung der SAA dort ist – durch die blockierte M5 erschwert, ist aber vermutlich noch einfacher als die Versorgung von Deir ez-Zor. Eine ebenso immer noch belagerte, aber nicht gefallene Enklave sind die beiden Orte Nubl und Zahraa, von denen (und deren Zustand) bereits vor über zwei Jahren die Rede war – vor einigen Tagen gab es einen abermaligen heftigen Angriff der Terrorbrigaden auf die belagerten Ortschaften, der unter einigen Mühen von vereinigten NDF- und Hisbollahverbänden zurückgeschlagen werden konnten.

Es gibt eine nette Übersichtskarte auf OSM-Basis, auf der die jüngsten Entwicklungen eingetragen und mit entsprechenden Links versehen werden. Dort ergibt sich folgendes Bild:

Brennpunkt Deir ez-Zor

Der sogenannte „Islamische Staat“ (Daesh) hat den größten Teil der Provinz Deir ez-Zor besetzt; diese Gebiete firmieren dort jetzt unter der Verwaltungsbezeichnung „Wilayat al-Furat“, also „Provinz Euphrat“. Die Syrische Arabische Armee ist aber in der Stadt Deir ez-Zor selbst mit beträchtlichen Verbänden präsent; dazu zählen der Flughafen der Stadt und diverse Militärstützpunkte im Umland. Die volatile Berührungslinie zwischen syrischen Verbänden und IS-Terrormilizen verläuft in etwa entlang des Euphrat; die SAA ist im wesentlichen defensiv tätig und kontrolliert die Stadt jenseits des Flughafens nicht wirklich. Der Aufwand, dort überhaupt die Stellung zu halten, ist durch die abgeschnittene Lage enorm.

Da damit die 104. Brigade der Republikanischen Garde betraut ist, kann man schließen, wie wichtig diese Position für Syrien sein muss. Bekommen die Terrorverbände hier die Überhand, so wäre das ein schwerer Schlag für Syrien – einerseits ist die „Schlacht um Deir ez-Zor“ auch in den syrischen Medien prominent vertreten, einschließlich von Versicherungen der syrischen Führung, sich dort verstärkt und letztlich erfolgreich zu engagieren. Ein Effekt des Zusammenbruchs der Front dort wäre also insbesondere moralischer Art. Andererseits sind es eben die besten und fähigsten syrischen Einheiten, die jetzt dort im Einsatz und sicher schwer „zu ersetzen“ sind. Ein bedeutender Teil der 104. Brigade besteht aus Drusen, deren Untergang nur noch eine weitere Bruchlinie im Netzwerk der syrischen Gesellschaft schaffen oder vertiefen würde. Alles in allem ist in Deir ez-Zor weiterhin mit einem gewissen Grad an Erbitterung (und Verschleiß) zu rechnen.

Momentan streiten sich zwei Pole der Terroristenwelt fast schon um das Copyright auf die Tötung der Pariser Karikaturisten: das ist einerseits die „Al-Kaida im Jemen“ und andererseits eben der IS. Letztere Variante wird von dem US-amerikanischen und den europäischen Regimes selbstredend bevorzugt, da sie es gestatten würde, in Syrien ohne viel Federlesens eine Menge an noch vor Jahren gesetzten Zielen zu erreichen. Das wäre aber einmal eine eigene Betrachtung wert.

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