Swifte Kriegführung

swiftÜbermorgen “beraten” wieder einmal die EU-Außenminister. Was dabei herauskommt, oder besser: herauskommen soll, ist eigentlich bereits beschlossene Sache. Steinmeier schließt ja bereits nicht mehr aus. Formal soll es darum gehen, ob man für Russland das internationalen Zahlungssystem SWIFT abklemmt. Damit wird auch langsam klar, wofür 30 Menschen in Mariupol* sterben mussten. Für den Fall, dass das (wie vermutet) Realität wird, hat Medwedew bereits “unbegrenzte” Konsequenzen versprochen. Das ist zwar momentan noch nur Rhetorik, macht aber deutlich, dass die Möglichkeit solcher Art von Sanktionen für die russische Staatsführung nicht gerade Pillepalle sein wird.

Abgesehen von einer möglichen SWIFT-Abschaltung für Russland werden wohl über Rosatom Sanktionen verhängt werden, wonach die US-amerikanische Westinghouse sich die potentiell frei werdenden Märkte in Osteuropa mittelfristig einverleiben kann.

Die Amerikaner gehen gerade – in welchem Format, ist noch unklar – mit der Möglichkeit einer vollumfänglichen Wiederholung des iranischen Sanktionsszenarios gegen Russland unter ihren Verbündeten hausieren. Darin kann es also auch um ein Embargo gegen Erdölimporte aus Russland in die EU gehen. Fakt wird das nicht so schnell – frühestens gegen Ende dieses, oder Anfang des kommenden Jahres – aber die Entscheidung dazu müsste dann bis Ende März fallen. Genauso Thema sind auch die Erdgasimporte. Es wäre nicht verwunderlich, wenn die Amerikaner den Europäern plötzlich mit Garantien aufwarten können, in denen davon die Rede ist, dass sie für einen Ersatz des derzeitigen russischen Anteils von rund 22% am importierten Erdgas sorgen können. Ab dem kommenden Jahr könnten sie das theoretisch wirklich, und wenn nicht in vollem Umfang, so gibt es immer noch die Freunde aus Katar und womöglich sogar das Erdgas aus dem Iran.

Wenn das Realität wird, dann ist der russische Schachzug mit der potentiellen Umleitung von “South Stream” über die Türkei effektiv kupiert und verliert seinen Sinn.

Noch ist nichts entschieden, und noch gibt es unter den Europäern gewisse Widerborste, und es wird wohl alles davon abhängen, welchen Druck die Amerikaner jetzt im Hintergrund aufbauen können, bis übermorgen entschieden wird.

Wenn das, insbesondere solche weit reichenden Dinge wie ein Embargo gegen den Import von russischem Erdöl oder Erdgas nach Europa, zu Tatsachen wird, dann kann man von nichts anderem mehr als einem Krieg sprechen. Noch kalt, aber Krieg. Keine “Bemühungen um Beilegung”, keine Vernunft, keine wirtschaftlichen Erwägungen, geschweige denn partnerschaftliche oder nachbarliche Beziehungen. Dann driftet Europa relativ unumkehrbar in Richtung des ihm eigentlich fremden Ozeans, weg von jeder Art eines wie weit auch immer gefassten “eurasischen” Projekts.

Schwerlich werden die Russen sich dazu genauso schnippisch verhalten können, wie zu den wirklich kosmetischen Sanktionen vom März des vergangenen Jahres. Für ein Land, das kritisch vom Export von Kohlenwasserstoffen abhängt, bedeutet allein schon die Entscheidung zu solchen Sanktionen möglicherweise ein Kollabieren der Wirtschaft, noch bevor diese Sanktionen überhaupt eintreten.

Momentan ist noch nicht klar, was Medwedew mit seiner “unbegrenzten Antwort” gemeint haben mag. Außer, dass es sich um Rhetorik handelt, fällt einem dazu nichts ein – es ist überhaupt nicht klar, was Russland einer solchen, von den Amerikanern vorangetriebenen maximal harten Politik entgegenzusetzen hätte.


 

* Nein, ich behaupte nicht, dass der Gardewerfer-Beschuss von Mariupol eine False Flag war. Es handelte sich aber mindestens mit einem hohen Grad an Wahrscheinlichkeit um Dämlichkeit und Fehlkalkulation der ukrainischen Artillerie. Ganz ähnlich wie beim Bus von Wolnowacha, wo ein beim Beschuss panisch gewordener Passagier auf’s Feld hinaus stürmte und eine am Straßenrand drapierte Anti-Personen-Mine auslöste, die den Bus und darin befindliche Passagiere zerfetzte. Nur ist es so, dass jegliche derartige “Kollateralschäden” des Kriegs vom Kiewer Regime sofort und ohne Untersuchung der Volkswehr in die Schuhe geschoben werden. In all dem Tröten und Posaunen haben es die wirklichen Untersuchungsergebnisse dann denkbar schwer – und niemand will sie mehr hören.

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  • Petrovski

    Oha, hier hast du ja perspektivisch weit ausgeholt. Erinnert etwas an die TomGardschen Prophezeiungen ;)

    Sputnik meldete die “zeitliche Verlängerung” der bestehenden Sanktionen und der dicke Gabriel weiß auch schon mehr:
    http://www.spiegel.de/politik/ausland/ukraine-gabriel-gegen-schnelle-verschaerfung-der-russland-sanktionen-a-1015464.html

    • http://www.chartophylakeion.de/blog apxwn

      Nun ja, es wurde jetzt erst einmal zurückgerudert. Gut. Aber die Idee mit der SWIFT-Abschaltung von Russland hat Cameron (schon vor einer Weile) artikuliert. Anlass für Obiges war eher Medwedews Konter-Statement. Und vielleicht solche Äußerungen des Chefs der russischen WTB, Andrej Kostin (siehe Bild, aus dem “Handelsblatt”): “…würde Krieg bedeuten…”.

      • Spion Stirlitz

        Welche nicht-militärischen Antworten könnte Russland im worste-case, also bei einer schnellen Umsetzung des Öl-Gas-Embargos und SWIFT-Ausschluss durch USA/EU/NATO geben?
        Oder wäre dann nur noch eine militärische Antwort möglich, weil es keinen anderen Weg mehr für Russland gäbe, das Problem dann auszusitzen?
        Es erscheint mir, dass man in Washington durchaus den globalen nuklearen Krieg mit Russland provozieren will, denn anders betrachtet gibt es keine andere Erklärung, weshalb man den Frontalangriff auf alle vitalen Punkte eines Staat vorbereitet, der im Besitz des größten A-Waffen Arsenals ist. Das Ganze kommt einem Hackerangriff auf alle AKWs und die Stromversorgung eines Staates gleich, also damit einer ganz offenen Kriegserklärung.
        Eine Strategie könnte evtl. sein, gezielte Angriffe auf Alliierte wie SA und deren Ölförderung bzw. die Transportrouten von Tankern (Stichwort: Straße von Hormuz) und Pipelines zu unternehmen. Tschetschenische Freiwillige gibt es ja bereits. Oder Angriffe auf kritische Infrastruktur sowohl in den USA als auch Europa durchzuführen. Wird man mit Sicherheit schon vorbereitet haben. Wenn der smarte Weg nicht geht, dann wird am Ende wohl doch noch die Nuklearkeule geschwungen werden. Armageddon als Endstation dieses Wirtschaftskrieges und Geo-Schachspiels.

  • Jones Bones

    Ich mag mich ja irren, aber meines Wissens fehlt Europa die
    Infrastruktur, also Gasterminals und -pipelines, um russische Gasexporte
    vollständig zu kompensieren.
    Bei anderen Ländern wäre dies noch
    heftiger als das bei Deutschland der Fall ist. Nur die westeuropäischen
    Länder Portugal, Spanien, das mit Atomstrom heizende Frankreich und GB
    sind da die Ausnahmen.

    Gleiches galt/gilt auch für die USA und
    deren Frackingindustrie, dass dort meines Wissens die
    Flüssiggasterminals überhaupt erst gebaut werden.

    Kommt hinzu,
    dass die Zukunftsperspektive des Frackingbooms übertrieben dargestellt
    wird, und nicht annähernd so lange halten dürfte, wie von Politikern
    etc. behauptet und gewünscht:
    http://www.nature.com/news/natural-gas-the-fracking-fallacy-1.16430

    Was aber sehr wohl noch mal durch diesen Krieg an Aktualität gewonnen hat, ist das Thema Fracking in Europa.

    So
    oder so kann sich die EU jedoch fürs erste weniger vom russischen Gas
    trennen als die russländische Föderation von den europäischen Kunden.

    Weiterhin gilt:
    Fast
    der gesamte Kapitalabfluss aus Russland im letzten Jahr bestand aus
    Kreditrückzahlungen, die die Russen nun in Eile vollziehen. Dieser
    Prozess ist noch nicht abgeschlossen. Würde Russland vom weltweiten
    Zahlungssystem ausgeschlossen werden, könnte es die Kredite nicht
    bedienen, die danach noch anfallen würden, und ausländische Investoren
    nicht auf ihr Kapital zurückgreifen, die westlichen Banken würden also
    nicht zu knapp Schaden nehmen.
    Und das ist ja nur die Perspektive der
    Finanzwelt, eine solche Sperre wäre aber ein eiserner Vorhang im ganzen
    ökonomischen Bereich. Wie sollte bsw. die RF für Importe bezahlen?
    Das hätte Folgen, die sowohl für Russland, als auch für die EU, kaum zu verkraften wären.

    Dabei
    hat Russland immerhin eine patriotisch gesinnte Bevölkerung, die fast alles mitmacht, während
    die EU mit immer größerem Ärger an der Heimatfront zu tun hat, und fast alle Mitgliedsländer nur des Geldes wegen dabei sind.
    Interessant für mich auch zu sehen, was Tsipras sich aus dieser Krise herausholen kann.

    • Petrovski

      Der letzte Punkt ist wohl der in allernächster Zukunft interessanteste. Im Telepolis-Forum schrieb gestern jemand, dass wenn die RF die Agrarsanktionen lediglich für GR aufheben würde, der Krach in der EU perfekt wäre. Toller Gedanken, aber bisweilen nur eine Hypothese.

    • http://www.chartophylakeion.de/blog apxwn

      Die “Bremse” beim LNG-Import aus Amerika sind momentan eher die noch unfertigen LNG-Terminals an der amerikanischen Ostküste. Ab 2016 gehen die aber an den Start…

      • S. Matt (triangolum)

        Vieles bis fast nichts passiert ja nicht von gestern auf heute. Die Frage ist also warum Katar mit US Firmen so fleißig an Flüssiggas baute. Terminals, Tanker, mobile Terminals usw. Die Frage woher für Polen 6 Co. solcher Terminals kommen stellt sich ja nicht nur Aktuell.

        Wir schreiben ja nicht erst seit gestern darüber dass das eigentliche Ziel nicht Libyen, Syrien oder Iran sind sondern Russland. Und genau das sollten wir immer als Grundlage jeder Diskussion haben wenn es um solche Sache geht.

        Seit 2007 wissen wir das Russland das Ziel ist. Natürlich war es schon davor sicherlich Ärgerlich mit Putin & Russland. Aber ernst wurde es erst als Putin wirklich meinte Russland als Gegenpol wieder aufzubauen. Sich gegen die Pläne der Neocons zu stellen.

        Fracking schafft in erster Linie Gas und kein Öl. Öl braucht die USa auch weiterhin als Importgut und zwar nicht gerade wenig. Aber beim Gas sieht dies anders aus. Und genau hier wird es Interessant. Öl aus Russland kann Europa und & Co. jederzeit woanders herbekommen. Selbst ohne den Iran ginge das. Auch im erträglichen Preisrahmen. Mal ausgenommen Venezuela springt auch noch ab und liefert nicht mehr in die USA. Aber hier ist ja bald die Subversive Taktik aufgegangen inklusive dem Kill des Kommandante um das zu verhindern.

        Bei Gas kann Europa und andere nicht so einfach ohne Russland auskommen. Ganz besonders Deutschland und andere Klein EU Staaten nicht. Die Karte Iran fällt dazu raus mehreren Gründen raus. Weder kann es Gas nach Europa Exportieren noch will es das Aktuell. Zumindest nicht auf Kosten Russlands. Dazu müsste der Iran erst einmal an das Netz von Katar angeschlossen werden. Das macht weder Sinn noch ist dazu eine Vorleistung erbracht. Und ob der Iran sich dem Westen so Annähert das es Mitspielt ist mehr als Zweifelhaft. Eher gehen da die Massen auf die Straße und der alte Präsident ist schneller wieder im Amt als der jetzige B sagen kann.

        Aber wenn Katar und die USA Gas Exportieren können so ginge das für einen Zeitraum von 5 Jahren eventuell doch. Zumal auch Franking in Europa durchaus durchgedrückt werden kann /wird. TIPP & Co. lassen Grüßen. Und genau diese Abkommen sind auch ein Teil des Spiels. Ist die EU und Russland spinne feind dann klappt es mit der US Vorherrschaft über TIPP.

  • Avarec

    Alles “halb so schlimm”, wie die meisten hier “ahnen”… leider gehen viele nicht weiter bzw. weit genug – Jones Bones hat allgemein noch die objektivste Voraussicht aufgezeigt…
    Bei dieser Gelegenheit sei jedoch noch der nötige Hinweis an alle erlaubt, dass “ahnen” der erste Schritt im Abwägen von Wahrscheinlichkeiten bzw. Beständigkeiten ist, nach dem “Ahnen” folgt das “Voraussehen” und letzlich kommt das “Voraussagen” [siehe AATS(ДОТУ), Kapitel 3] – wer es nicht kennt und des Russichen mächtig ist, sollte sich das auf jedenfall mal geben – eine bessere Zeitinvestition kann man “fast” nicht machen (vor allem, wenn man sich für Steuerungsprozesse im Allgemeinen interessiert)! Also, alles halb so schlimm, weil eben sehr beständig! Und wer es noch weniger schlimm haben will, der studiere ДОТУ!