Der Krieg ist niemandes Bruder

Aus dem Dokumentarfilmprojekt von NewsFront / Max Fadeev: „Der Krieg ist niemandes Bruder“, siebenter Teil des Zyklus „Donbass unter Feuer“ (die Filmtitel sind freie Übersetzungen mit Dank an „eMBeAh“ für die Inspiration).

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Im Film sind die dramatischen Ereignisse zwischen dem 14. und 18. Januar in Donezk dokumentiert, insbesondere die Erstürmung des neuen Flughafenterminals durch Kräfte der Volkswehr. Fadeew selbst schreibt dazu:

„Der Film ist ein Versuch, die brutale Realität und den Wahnsinn des Krieges zu übermitteln, den ganzen Schrecken der enormen menschlichen Tragödie im Donbass zu dokumentieren, den Schmerz und die Verzweiflung einfacher Leute zu zeigen und den Zuschauer fühlen zu lassen, was Krieg bedeutet.“

Die Erstürmung des neuen Terminals nahm knapp eine Woche in Anspruch, der Film zeigt aber nur rund 50 Minuten. Fadeew war im Verlauf von drei Tagen und zwei Nächten ununterbrochen im Flughafen dabei. Der Augenblick des Siegs fehlt; und dazu sagt er:

„Leider konnte ich nicht alles zeigen: ich habe es körperlich nicht ausgehalten, meine Akkus waren leer, und an einem der letzten Tage der Erstürmung hat mich der vollkommen erschöpfte Matros einfach weggeschickt – es war keine Zeit für die Beschäftigung mit einem Dokumentarfilmer. Außerdem war es streckenweise schon sehr bedenklich, dort zu sein.

Ich kann nicht alles im Film wiedergeben: die Kälte, den ständigen Durst, den Geruch von verbranntem Plastik und der brennenden Spanplatten, den Effekt, den im Kampf eingesetzte Gase produzieren, die Spannung vor einem Angriff, den Verlust eines Kameraden – ich weiß einfach nicht, wie man diese Dinge mit den Mitteln des Films wiedergeben kann.“

0b-alter_wocha_matrosFür sich allein genommen ist die derzeitige Offensive der Volkswehr im Donbass allem Anschein nach reine Improvisation, und auf der Gegenseite lässt sich auch nichts anderes als ein rein reflektorisches Reagieren auf die Entwicklungen konstatieren, das keinem erkennbaren Plan folgt. In einem solchen Szenario ist die bei der Volkswehr immer noch vorherrschende vergleichsweise Autonomie der diversen bewaffneten Einheiten weit effizienter, als das mehr oder weniger zentralisierte, und dafür umso trägere Kommando der ukrainischen Armee und der verschiedenen Sonderbataillone. Solange die lokalen Befehlshaber der Armee, der Nazigarde und der Sondereinheiten des Rechten Sektors jeweils über ihre eigenen Kanäle und ihrer eigenen Vorgesetzten gegenüber Bericht erstatten und Anweisungen zum Vorgehen abwarten, ändert sich die Lage “am Boden” bereits wieder.

Die Geschichte mit der Zerschlagung der sogenannten “Cyborgs” im neuen Flughafenterminal ist eine anschauliche Demonstration der Schockstarre des ukrainischen Kommandos in Armee und Innenministerium. Die Kommandoebene, die, wie es aussieht, auch selbst an die Uneinnehmbarkeit dieser viel beworbenen “Festung” glaubte, glaubte auch weiterhin daran, dass das neue Terminal sich unter ihrer Kontrolle befindet, traf Entscheidungen und gab Befehle, die in keiner Weise der aktuellen Lage vor Ort entsprachen.

Warum kam es so relativ unerwartet zu der Offensive?

Anlass erst für die Erstürmung des neuen Terminals, und später auch die weitere Intensivierung der Gefechte war eine Reihe von Umständen, die fast banal aussehen. Es handelt sich dabei, streng genommen, gerade um eine humanitäre Geste in Entsprechung mit dem Minsker “Waffenstillstand”.

Mitte Dezember waren in allen möglichen Medien die Szenen zu sehen, die “Motorola” bei einem Treffen mit dem Kommandeur der ukrainischen “Cyborgs” zeigten. Hintergrund war eine von der Volkswehr aus humanitären Gründen (und auf Befehl von Oben) zugelassene “Kaderrotation” bei den Besetzern des Flughafens, in deren Zuge die abgekämpften Militärs gegen frische Kräfte, samt Verpflegung und Medikamenten, ausgetauscht wurden. Waffen- und Munitionsversorgung waren dabei ausgeschlossen. Diese Szenen führten allerdings zu heftigem Ungemach bei der Kiewer Kriegspartei, insbesondere beim SNBO und Turtschinow, der sich bei Poroschenko über diese offenkundige Wehrkraftzersetzung beschwerte – immerhin hatte “Motorola” so vor einem Millionenpublikum innerhalb der Ukraine das Wort. Poroschenko leitete den Volkszorn auf den Verteidigungsminister weiter, welcher seinerseits innerhalb seines Ressorts nach unten austeilte, wie das eben bei Behörden Usus ist. Im Endergebnis führte das vor Ort zu wesentlich verstärktem, dabei aber immer noch ziellosem Beschuss des alten Flughafenterminals und auch des Stadtgebiets von Donezk selbst, viele Opfer unter den Zivilisten inklusive. Die Leute von der Volkswehr wurden ungehalten – wir lassen euch hier durch und gewähren euch Hege & Pflege, und ihr dankt es uns durch blindwütige Aggression?

Bewältigung des Unfassbaren: "Die Cyborgs bestehen, der Beton nicht".

Bewältigung des Unfassbaren: „Die Cyborgs haben durchgehalten, der Beton nicht“.

Im Endeffekt liefen die Ereignisse wie von selbst und endeten vorerst mit der Einnahme des neuen Terminals durch die Volkswehr und die Vernichtung der “Cyborg”-Garnison. Genau das dokumentiert der Film oben. Im Nachgang dazu gab es in Kiew erst einmal eine Weile lang betretenes Schweigen und die offensichtliche Weigerung zu glauben, was da vermeldet wurde: die “Cyborgs” wurden von Kiew selbst mit PR-Mythen behangen, die deren Niederlage oder Untergang – auch nur den Gedanken an eine solche Möglichkeit – vollkommen ausschlossen. Zumal infolge von Angriffen durch zwar gut bewaffnete und überwiegend kampferprobte, aber doch immer noch Bergleute und sonstige Amateure. Aus Kiew folgte der Befehl, mindestens das neue Terminal zu gleich welchem Preis zurückzuerobern, und die Ereignisse nahmen – weitgehend unabhängig davon, was die jeweilige politische Führung eigentlich wollte – ihren Lauf. Das ist es, was man jetzt als “Offensive” der Volkswehr bezeichnet, die so gut wie ohne Vorbereitung lief und läuft und bislang größtenteils vom Zorn darüber vorangetrieben wird, was den Leuten von der Volkswehr innerhalb der vier Monate unter dem “Minsker Diktat” zugemutet worden ist.

Bislang hat aber auch Kiew keine erkennbare Gegenstrategie, geschweige denn Angriffspläne – die militärischen Vorbereitungen des faschistischen Kiewer Regimes und seiner Herren und Lieferanten deuteten auf einen großangelegten Versuch “nach dem Winter”, also frühestens Mitte März, hin. Es ist nicht ohne Grund unüblich, keine Winteroffensiven zu planen; und den ganzen Winter über eine mobilisierte Armee herumstehen haben kann sich kein Land leisten. Eine mobilisierte Armee muss entweder eingesetzt werden, oder eben demobilisiert werden. Sie kann nicht einfach tatenlos in Wald und Wiesen herumstehen und sich den Hintern abfrieren. Die landesweite Mobilisierung, bzw. deren vierte Welle, ist momentan in vollem Gange. Erst zum heutigen Tage sind 45.000 Männer einberufen und zur militärischen Grundausbildung vorgestellt worden. Niemand hatte zum Zeitpunkt Mitte Januar mit einer regelrechten Offensive gerechnet – daher die deutlich wahrnehmbare Entscheidungsblockade innerhalb aller Befehlsebenen, einschließlich der politischen, einschließlich Moskau.

Andererseits ist Moskau auch der endlosen Ermahnungen seiner “Partner” deutlich überdrüssig. In Kiew laufen undercover permanente Rangeleien zwischen verschiedenen Kräften, die für jeweils andere Herren arbeiten; aus diesem Grunde sind sämtliche Abmachungen mit “Kiew” relativ schnell nur Makulatur. Die Offensive der Volkswehr schwächt die Positionen der proamerikanischen Kriegspartei um Turtschinow und Jazenjuk, die im Zuge der erwähnten Rangeleien recht viel an Entscheidungskompetenz auf sich gezogen und Poroschenko faktisch beiseite geschoben haben. Vielleicht paradox, aber die Offensive der Volkswehr in Neurussland kann dazu beitragen, sein politisches Gewicht wieder verstärken. Was Moskau anbelangt, so ist es gut denkbar, dass dort momentan der Standpunkt vorherrscht: soll es laufen, wie es läuft, und später schauen wir nach, was sich aus der ganzen Sache ergeben hat. Die Volkswehr jetzt auszubremsen, wie Ende August / Anfang September 2014, hieße nämlich, der Kiewer Kriegspartei weiter den Rücken zu stärken.

Es ist noch verfrüht, irgendwelche Schlüsse zu ziehen – die Offensive hält noch an, obwohl ihr Tempo bereits deutlich verlangsamt ist. Beispielsweise kann man fast davon ausgehen, dass der beabsichtigte “Kessel” in Debalzewo nicht gelungen ist – seit einiger Zeit gibt es keine Nachrichten mehr von dort. Das (und die Aufhebung der Blockade von Gorlowka) wäre allerdings eines der wichtigsten Ziele einer solchen Offensive, denn damit würde man die Millionenstadt Donezk endlich vom permanenten Mörserbeschuss durch die ukrainische Armee bzw. diversen Nazibrigaden befreien können. Für die äußerst gering bemessenen Kräfte der Volkswehr ist allein das eine enorme Aufgabe, und von sich aus wird sie zum gegenwärtigen Zeitpunkt kaum viel mehr leisten können.

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