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Nemzow und die tschetschenische Spur

Die gängige Deutung pro-europäischer Meinungsmacher, für den Mord an Boris Nemzow sei entweder Putin persönlich, oder aber wenigstens eine von ihm angeblich generierte „Atmosphäre des Hasses“ verantwortlich, ist – ganz egal, wie man es nimmt – dermaßen idiotisch, dass sie eigentlich keines Kommentars bedarf.

Saur Dadajew, mutmaßlich Nemzows Mörder (vesti.ru)

Saur Dadajew, mutmaßlich Nemzows Mörder. Bild: vesti.ru

Nemzow war eine vollkommen ungefährliche, und aus diesem Grund von der russischen Staatsmacht entsprechend gehegte & gepflegte Figur, wie es die meisten russischen „Oppositionellen“ sind: wo und wann immer sie jemals an der Macht beteiligt waren, haben sie es geschafft, sich vollkommen zu diskreditieren; über realen Einfluß auf irgendwelches Volk verfügen sie nicht – man erinnere sich in diesem Zusammenhang an die früheren Versuche, einen „Maidan“ in Russland zu inszenieren – und selbst jetzt, da es aufgrund der EU-Sanktionspolitik, des Erdölpreises und des Rubelkurses wirklich einiges an wirtschaftlichen Schwierigkeiten gibt, waren für den x-ten oppositionellen „Marsch der Milliarden“ am 1. März keine nennenswerten Menschenmengen erwartet worden. In anderen Fällen, wie z.B. bei Nawalnyj, sind die „führenden Köpfe“ der Opposition schlicht und ergreifend ausgesprochen dümmlich. (Was die EU selbstredend nicht daran hindert, diese durchzuputschen – siehe Klitschko in Kiew. Und das hat nichts damit zu tun, dass die „Europäer“ selbst dumm wären oder keine Ahnung hätten, sondern damit, dass – wie bereits einmal angemerkt – das RMfdbO der EU von den lokalen Häuptlingen keine Intelligenz, Kompetenz oder Verständnis für Zusammenhänge, sondern Loyalität und Pflichttreue erwartet.)

Und nimmt man die russophobe Phantasie über die „Atmosphäre des Hasses“ für bare Münze, würde sich ein Dialog bei dem Mordkomplott in etwa so zugetragen haben:

Saur, spürst du diese Atmosphäre des Hasses?
– Ja, Ansor!
– Was machen wir da?
– Lass uns Nemzow umbringen!

Aber bei diesen beiden Verdächtigen (und inzwischen Beschuldigten) sollte man einmal verweilen. Wie die Namen nahelegen, sind das „Kaukasier“, vulgo Tschetschenen. Ramsan Kadyrow machte sofort Meldung, dass Saur Dadajew ihm als zuverlässiger, loyaler „russischer Patriot“ bekannt sei, zumindest für die Zeit, in der dieser noch in der 46. Sondereinsatzbrigade des russischen Innenministeriums seinen Dienst tat. Gleichermaßen äußerte er sich zu einem weiteren Verdächtigten, der beim Versuch der Festnahme getötet wurde.

Inwieweit die Festgenommenen schuldig sind, wird die Untersuchung zeigen. Was aber deutlich zu Tage tritt, ist, dass Kadyrow Lunte gerochen hat: der Mord an Nemzow kann und soll auf die eine oder andere Weise in irgendeiner Kombination gegen ihn verwendet werden.

Ramsan Kadyrow (Instagram @kadyrov_95)

Ramsan Kadyrow (Instagram @kadyrov_95)

Von noch weiter weg betrachtet haben wir es hier mit nichts anderem zu tun als mit dem „Regime Change Russia“ – in diesem speziellen Fall mit dem Versuch, die „Kettenhunde des Diktators“ auszuschalten. — Ganz richtig, ein echter Volksprotest blüht den Russen nicht, oder wenn, dann nur in Form eines lärmendes Chaos: der Mob auf den Straßen verschleiert die eigentlichen Umstürzler. Das wäre dann ganz genau so wie auf dem „Maidan“ in Kiew: im Grunde hüpften und sprangen die Menschenmassen dort für den Sieg der einen Oligarchen über die anderen, wonach man die besonders tobsüchtigen einfach in Form von Freiwilligenbataillonen in den Fleischwolf des Kriegs im Donbass schickte. Zynisch, aber wahr. Nicht viel anders lief es im Zuge des inzwischen vergessenen „Arabischen Frühlings“; die Kunst des Westens beschränkt sich darauf, die richtigen Leute unter Druck zu setzen, fremdes Humankapital für sich arbeiten und sterben zu lassen und für die Informationspolitik zu sorgen.

Ein „Maidan“ ist keine Naturgewalt, kein Volksprotest, keine Demonstration – das ist eine durchorganisierte und -koordinierte Inszenierung, bei der angefangen mit den zu skandierenden Losungen und zu zeigenden Gesten bis hin zu den Orten & Mitteln für die Versorgung und die Notdurft von zehntausenden von Menschen alles bedacht sein will. Ob sich dieser enorme Aufwand bei den kaum heißblütigen und ziemlich revolutionsträgen Russen lohnt, ist fraglich.

Es sei hiermit auch nicht gesagt, dass dieser konkrete Versuch – also der Mord an Nemzow – direkt vom „Westen“ unternommen wurde. Viel eher von jenen Teilen der russischen Elite, die ihre Stakes im Westen haben. Genau auf die zielen ja auch die Sanktionen ab. [Am Verheerendsten in der letzten Zeit war wohl der Angriff der Briten auf Michail Fridman, der für den Fall (also mit der Gewißheit) geführt wird, dass die Sanktionen gegen Russland verschärft werden.]

Die jetzige Lage in Russland gemahnt damit alles in allem ein wenig an die frühen 1950er, in der die sowjetische Elite das „Problem Stalin“ ganz genau so löste: sie isolierte ihn von seinen loyalen Mitstreitern.

Im Angriff auf Kadyrow hält Putin momentan dagegen: heute wurde Kadyrow von ihm mit dem „Orden der Ehre“ ausgezeichnet. Eine ganz offenkundige Vertrauensgeste. Diesen Orden gibt es laut Statut für „besondere Verdienste“ in allen möglichen Bereichen. Also ganz passend für Gesten zu Situationen, wenn eine Urkunde schon zu wenig, eine bedeutendere Auszeichnung noch zu viel ist.

„Finger weg, das ist mein Mann“, heißt das. Ein ganz normaler byzantinischer Stil.

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