Tikrit

Es geht wieder vorwärts

Nachdem die irakische Armee (im Verbund mit zahlreichen, vor allem schiitischen Milizen) vor 10 Tagen eine Offensive zur Rückeroberung von Tikrit begonnen hatte, erzielt sie nun außergewöhnlich schnelle Erfolge. Zur Stunde dringt sie nach eigenen Angaben in die von drei Seiten umzingelte Stadt ein, stößt auf recht geringen Widerstand, wird jedoch von zahlreichen Sprengfallen verlangsamt.

Die Dynamik ist hierbei nur einer von mehreren Hinweisen, dass sich sowohl in der Innen-, als auch Außenpolitik des Iraks einiges getan hat.

Rückblick

IS-Staatsräson: Grabschändung in al-Qa'im,  Provinz Anbar (Irak); via @ajaltamimi

IS-Staatsräson: Grabschändung in al-Qa’im, Provinz Anbar (Irak); via @ajaltamimi

Die Terrororganisation hatte, wie hier allseits bekannt, im Juni letzten Jahres die irakische Armee überrumpelt und binnen Tagen mehrere Großstädte eingenommen, von denen Mosul (erobert am 10.06.) und Tikrit (erobert am 11.06.) die bedeutendsten sind.

Ob, oder vielmehr inwieweit und wie sehr außenpolitische Akteure wie die USA, Israel, Saudi-Arabien, die Türkei, Katar und Jordanien darin verwickelt waren, sei erst einmal dahingestellt.

Aus meiner Sicht ist der einem Dammbruch sehr ähnliche Vormarsch der späteren IS ohne massive Aufklärung und Koordination mit zahlreichen sunnitischen Stammesführern kaum zu erklären, und es hat auch ein Geschmäckle vom Irakkrieg 2003, als zahlreiche Offiziere bestochen worden waren. Größere Kämpfe, vor allem um Bagdad, blieben daher auch damals aus.

Diese Verschwörungstheorie gilt umso mehr, wenn man die Berichterstattung der westlichen Journaille über die russische Invasion im Donbass als Maßstab nimmt, wo die Krise vergleichsweise gemäßigt und nachvollziehbar eskalierte.

Aber da die Realität in beiden Fällen weitaus komplexer ist, die schwer definierbaren Interessen der oben genannten Staaten sich bei weitem nicht immer überschneiden und zahlreiche Akteure alles andere als durchschaubar agieren, sei diese Frage ausgeklammert.

Tatsache ist, dass der Vormarsch von ISIS auf starker Unterstützung ortsansässiger sunnitischer Stämme fußte, und die irakische Zentralregierung tat sich mit Gegenoffensiven ins feindliche Territorium lange Zeit sehr schwer.

Paradigmenwechsel

Dies scheint sich jedoch mittlerweile geändert zu haben, und es gibt viele Indizien, dass diese Stämme ein weiteres Mal die Seite gewechselt haben, was wiederum einen gewissen Paradigmenwechsel im innerirakischen Machtgefüge bedeuten muss, auch wenn die Offensive vor allem von schiitischen Kräften getragen wird.

Durch Luftangriffe der Anti-IS-Koalition zerstörte Neugeborenenklinik in Abu Kamal, Syrien.

Durch Luftangriffe der Anti-IS-Koalition zerstörte Neugeborenenklinik in Abu Kamal, Syrien. Zu sehen ein verwüstetes Inkubationszimmer. Auf die Weiterverbreitung von Bildern der Babyleichen verzichten wir.

Außenpolitisch wiegen die Konsequenzen nicht minder schwer, denn die von den USA geführte Koalition, die ja eigentlich den Vormarsch der ISIS stoppen sollte und meist wenig oder sehr fragwürdige Erfolge wie die neuerliche Bombardierung eines Kinderkrankenhauses erreicht hat, ist bei diesem Vormarsch von den Irakern außen vorgelassen worden.

Wir erinnern uns auch hier daran, dass die USA den Vormarsch von ISIS energisch ausnutzte, um massiv Einfluss auf die irakische Innenpolitik zu nehmen und den damaligen Premier Nuri al-Maliki, der zwei Monate zuvor als Spitzenkandidat die Parlamentswahlen mit deutlichem Abstand gewonnen hatte, durch Haider al-Abadi auszutauschen.

Die Gründe lagen auf der Hand: Maliki hatte eine eindeutig proiranische und prosyrische Politik betrieben, war unter Saddam im Iran und in Syrien im Exil, während al-Abadi eine deutlich prowestlichere Haltung betrieb und sich für sein freiwilliges Exil bis 2003 Großbritannien als Aufenthaltsort ausgewählt hatte.

Teepause mit Qassam Soleimani nahe Tikrit, Irak. Foto via @green_lemonnn

Teepause mit Qassem Soleimani nahe Tikrit, Irak. Foto via @green_lemonnn

Die von unserer Journaille hartnäckig vertretene Behauptung, der Vormarsch des ISIS hänge mit einer angeblichen Diskriminierung von Sunniten im Kabinett al-Malikis zusammen, kann man hingegen getrost ignorieren. Ein politisches Ungleichgewicht ist nicht einmal ansatzweise ein ausreichendes Motiv, sich mit Sprengstoffgürtel das Leben zu nehmen. Armut, Perspektivlosigkeit und eine Parallelstaatlichkeit durch das Stammesgefüge als Sprengstoffe, die durch ideologische Verblendung gezündet werden, hingegen schon.

Welche Haltungen al-Abadi aber auch vor Amtsantritt oder auch jetzt noch vertreten haben mag, so kann aber auch er nicht an den Realitäten vorbeiregieren. Das gezielte Aufrüsten von und die Bevorzugung prowestlicher Kurdenmilizen, sowie das laute Nachdenken zahlreicher westlicher Politiker über ein irakisches Kurdistan ist nur eine davon, der immense Einfluss des Irans auf schiitische Organisationen eine andere, auf deren Hilfe die irakische Zentralregierung angewiesen ist, und während die Schia-Milizen auch schweres iranisches Militärgerät einsetzen, soll auch der iranische General Qassem Soleimani in die Offensive involviert sein, was auf einen neuerlichen Bruch des Iraks mit dem Westen hindeutet.

Haus der Falken

Dass vor allem die Türkei und Saudi-Arabien (Außenminister Saud al-Faisal: „Die Situation in Tikrit ist ein Vorzeigebeispiel dafür, worüber wir besorgt sind. Der Iran übernimmt das Land.“) über den iranisch geführten irakischen Vorstoß sehr unglücklich sind, überrascht wohl niemanden, aber was mit den USA?

Welche Rolle und welche Haltung der Westen auch immer zur ISIS in seiner Form als Terrororganisation auch gepflegt hat, so ist diese spätestens mit ihrer Staatlichkeitswerdung im „islamischen Kalifat“ zum Feind geworden, als sie ein größeres zusammenhängendes Gebiet effektiv zu verwalten begann.

Wo die Luftangriffe der US-geführten Koalition nicht in Koordination mit (zumeist kurdischen) Bodentruppen stattfanden, war ihre Wirkung für den IS jedoch kaum schädlich, wenn nicht gar, wie neulich der vom IS genüsslich ausgeschlachtete Angriff auf das Kinderkrankenhaus in Abu Kamal, nützlich.

Dennoch wäre aufgrund des amerikanischen Engagements doch anzunehmen, dass die neuerlichen Erfolge der Iraker in Washington positiv bewertet werden?

Man kann sich so vorsichtig optimistisch ausdrücken wie General Martin Dempsey bei einer Senatsanhörung zur Involvierung des Irans, dass, „wenn sie in einer glaubwürdigen Weise auftreten […] es hauptsächlich eine positive Sache gewesen sein wird“, oder etwas weniger freundlich wie der Verteidigungsminister Ashton Carter auf der gleichen Anhörung auf die Nachfrage von McCain:

McCain: „Sind sie darüber besorgt, dass der Iran den Kampf faktisch übernommen hat?“

Carter: „Ich beobachte dies mit großer Sorge.“

Oder aber wie es die Washington Post im Schlusssatz eines gemeinsamen Kommentars der Redaktion formuliert:

„Indem sie dem Iran erlauben die militärische Führung in Tikrit und in anderen Teilen des Iraks zu übernehmen, können die Vereinigten Staaten die Zerschlagung des islamischen Staats beschleunigen. Aber die Führung riskiert auch die ganze Arbeit überflüssig zu machen, die seit dem letzten Sommer geleistet wurde […] und erlaubt dem Iran einen weiteren Schritt zu unternehmen, das terroristische Regime mit seiner eigenen böswilligen Hegemonie zu ersetzen.“

Anmerkungen:

Zugegebenermaßen habe ich den letzten Satz in böswilliger Absicht zensiert. Es kann aber keine Rede davon sein, dass die USA irgendwelche Bemühungen unternommen haben soll, die Fragmentierung des Iraks zu verhindern. Vielmehr haben sie diese, wie in der gesamten Region, aufs energischste betrieben, wie es sich unter anderem in der Unterstützung für die Kurden ausdrückt.

Was Quellen angeht, so hat es einen Grund, dass ich fast nur englischsprachige Medien zitiere. Jeder Klick auf die Webseiten vom Spiegel und Co. generieren Mehreinnahmen für diese. Ich möchte denen bei ihrer Werbung nicht mehr behilflich sein als unbedingt nötig. Zwar betreiben auch Washington Post und Co. Werbung, aber für die amerikanische Pressefreiheit besteht momentan eh keine Hoffnung. In Deutschland ist es Zeit, die Volksverhetzer nicht nur zu kritisieren, sondern auch finanziell unter Druck zu setzen, bzw. nicht zu entlohnen.

Ist der IS am Ende? Dafür ist es noch viel zu früh. Die Erwartung eines baldigen Verlustes vieler Stätten würde aber die Politik der kulturell verbrannten Erde erklären, die der IS in alten archäologischen Stätten nun betreibt, und deren unersetzlicher Verlust in meinem Herzen sehr tiefe Stiche hinterlässt.

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  • kaumi

    Danke für den Artikel.
    Aus meiner Sicht scheint sich der Irak zumindest fragmentär zu emanzipieren, sprich sich auf Distanz zum Westen zu bringen. Ich habe für mich noch nicht entschieden, ob ich die Nachrichten über irakische Abschüsse von britischen Transportflugzeugen und der Festnahme von britischen, amerikanischen und israelischen Militärberatern glauben soll, aber allein die Tatsache, dass „das (neue) irakische Militär“ zu großen Teilen aus schiitischen Milizen mit iranischen Waffen besteht, kann im Westen als Affront angesehen werden. Das ist sicher eine Entwicklung, die so in Washington und Tel Aviv nicht geplant war.
    Die Luftangriffe der „Allianz“ gegen den IS sind hier bereits sehr fundiert analysiert worden. Die gewichtigen Treffer gehen allesamt auf Angriffe der syrischen Luftwaffe oder, etwas weniger, auf derer der Irakis, zurück. Die „Allianz“ brillierte dafür mehrmals mit „fehlgeleitet abgeworfenen“ Kisten Waffen, Munition und Hilfsgütern direkt in die Hände des IS.
    Nach dem jüngsten Erfolg der syrischen Luftwaffe vernahm man aus London und Washington denn auch absolut kein positives feadback. Im Gegenteil, die Falken fingen plötzlich an, wieder vermehrt zu stänkern.
    Mal schauen wie das alles weitergeht, getsern sollen in der Nähe von Ain al Arab (Kobane) IS-Terroristen wieder eine Sturmoffensive gestartet und dabei zwei Dörfer zurück erbeutet haben. Ain al Arab ist „Allianzgebiet“ – get ready to take off…

    • Jones Bones

      Bitte.
      War gestern ein langer Tag und ich hab den erst spät am Abend geschrieben, bin daher mit der literarischen Qualität nicht so wirklich zufrieden.

      Du hast jedenfalls den Grundgedanken des Artikels erfasst.
      Bei dem Satz mit den schiitischen Milizen mit iranischen Waffen ist der Konjunktiv unangebracht. Dem ist eindeutig so und sowohl die transatlantische Journaille (der im Artikel verlinkte Kommentar der Redaktion des Washington Post spricht von „red flags“) als auch die zitierten Personen beziehen klar und unisono Stellung.

      Ich glaube nicht, dass die Entwicklungen hier irgendjemanden all zu sehr überraschen. Die Amerikaner haben nach Kräften versucht ihren Einfluss in der Region zu steigern, haben aber keine besseren Argumente geboten als die Iraner. Mit ihrer gezielten Schwächung des irakischen Zentralstaats ließ sich nicht einmal al-Abadi überzeugen.

      Prinzipiell sind Luftschläge so tief in ein feindliches Territorium, das dort kaum über bekannte strategische Ziele (bsw. Waffenlager, Flugplätze und Raketensilos) verfügt, weil der IS nun mal über keine Armee verfügt, mindestens nutzlos. Der äußerst bedauernswerte Luftangriff auf Abu Kamal ist da nur das letzte Beispiel für.

  • S. Matt (triangolum)

    …Interessant werden auch die kleinen Nebenaspekte werden. Eine direkte Landroute nach Syrien mit einer schönen Autobahn von Iran über Irak nach Syrien. Später der Anbau mit Eisenbahn und Pipelines.
    …dazu das direkte Eingreifen iranischem Militär in Syrien im Kampf gegen die IS.
    …auch der Zugang über den Irak zum westlichen Finanzsystem. Der Zugriff auf Öl und deren Kunden vom Irak.
    …dazu Zugang zu westlicher Militärtechnik. Panzer, Flugzeuge usw. Der Iran wird hier ganz sicher gestärkt hervorgehen. Vom ganzen Block bis nach Golan auf dem Land wie in der Luft ganz zu Schweigen.

    …dieser Sperr Block könnte zudem für den Süden Russlands Gold wert sein. Warum ist Russland wieder nicht dabei aus diesem einen 4er Block zu machen? Militärisch wie Wirtschaftlich wie Politisch?