Die Große Oligarchische

Igor Kolomojskij. Foto: UNIAN

Igor Kolomojskij. Foto: UNIAN

In der ehemaligen Ukraine nimmt die Große Oligarchische “Revolution der Würde” ihren Lauf. Ein Kapitel aus dieser Leidensgeschichte hatten wir hier schon, aber für die, welche – gleich dem Journalisten, der mal bei “ZAPP” auftauchte – nicht so recht wissen, was vor sich geht (weil “unsere Medien” nichts dergleichen berichten), wollen wir einmal in aller Kürze zusammenfassen, wie es sich verhält.

Es gibt in der Ukraine die Gruppierung des Oligarchen Kolomojskij, kurz, die “Privat”-Gruppe, deren Aushängeschild zwar die gleichnamige Bank ist (und über die eine Prämie von 10.000 US-Dollar für jeden “abgeschossenen Russen” angeboten wurde), die sich aber natürlich nicht auf das Bankgeschäft beschränkt, sondern landesweit den strategischen Rohstoff Erdöl kontrolliert. Herr Kolomokskij hat sein Händchen seit Jahren sowohl auf der Förderung, dem Transport, als auch der Weiterverarbeitung von Erdöl in der gesamten Ukraine. Die Kontrolle darüber realisiert er mithilfe verschiedener Unternehmen, die ganz oder teils ihm gehören.

Das Unternehmen Ukrtransnafta, das staatliche Stellen Ende der vergangenen Woche versucht hatten zu besetzen, beschäftigt sich mit dem Transport des Erdöls: das sind die Pipelines. Ukrtransnafta kauft auch Erdöl aus dem Ausland ein, das vorwiegend über den Hafen Odessa ins Land kommt; der jetzige Gouverneur von Odessa ist nach den Ereignissen vom 2. Mai 2014 auch ein Strohmann Kolomojskis. Ukrtransnafta ist ein staatliches Unternehmen, Kolomojskij ist nicht dessen Besitzer – aber 2009 hat er dort durch einen relativ gewaltsamen Übergriff einen “seiner Jungs” in der Unternehmensführung installiert; seither gebietet er über dieses staatliche Unternehmen wie über sein Eigentum, hält aber auch, was man erwähnen muss, einen Minoritätsanteil daran.

Der neuerliche Konflikt begann damit, dass der ukrainische Staat versucht hat, die Kontrolle über das Unternehmen wiederzuerlangen, indem Kolomojskis Strohmann aus der Unternehmensführung entfernt, und ein eigener SBU-Mann dort installiert wird. Dieser Versuch ist am Freitag gescheitert; Kolomojski rückte sofort mit einer eigenen kleinen Privatarmee an und verhinderte die Übernahme. Das war die inzwischen recht bekannte Aktion vom vergangenen Freitag, nach welcher er den Journalisten des US-amerikanischen Senders “Radio Svoboda” sprichwörtlich “zur Sau” machte und sich dafür eine Rüge des Präsidenten höchstselbst einhandelte.

Ukrtransnafta ist derzeit immer noch von den bewaffneten Einheiten Kolomojskis besetzt, es wird berichtet, dass man damit beschäftigt sei, die Umzäunung zu verstärken und fast schon Barrikaden zu bauen. Am Sonntag wurde einer der flammendsten Pro-Maidan-Journalisten und inzwischen Rada-Abgeordneter Mustafa Najem nicht zum Unternehmen vorgelassen und handelte sich einen demokratischen Satz heiße Ohren ein.

Besetzung von Ukrtransnafta durch Kolomojskij-Söldner am 22.03.2015; Quelle: Twitter

Besetzung von Ukrtransnafta durch Kolomojskij-Söldner am 22.03.2015; Quelle: Twitter

Der naive Najem hat, gleich wie der gesamte “Euromaidan”, wahrscheinlich nicht damit gerechnet, dass die “Revolution der Würde” zu solchen Exzessen führt. Das tut nicht Wunder; wenn man auf den Verfall gesellschaftlicher Werte setzt, degradiert man offenbar selbst.

Inzwischen kommen allerdings auch Meldungen über den Abzug von Terrorkommandos aus der Zone der “Anti-Terror-Operation” nach Kiew, um dort dem langsam warmlaufenden Oligarchenkrieg etwas mehr Nachdruck zu verleihen. NB, Kolomojski ist “Stifter” einer ganzen Reihe dieser Sonderkommandos, in erster Linie des Bataillons “Donbass”, aber auch einiger anderer.

Die Auseinandersetzungen als solche sind nicht verwunderlich – die Quellen für Exportdevisen versiegen; für Kolomojskij hat es absolute Priorität, die Kontrolle über das Ölgeschäft zu behalten. Zum Einen, weil Erdöl und Erdölprodukte eben Devisenquelle sind, und zum Anderen steht die Saatperiode bevor, während die Landwirtschaft schon längere Zeit unter einem katastrophalen Mangel an Treibstoff leidet. Die “Privat”-Gruppe nun kreditiert die landwirtschaftlichen Betriebe in Form von Naturalien, nämlich Kraftstoff. Und streicht die Rückzahlungen dieser Kredite ebenso in Form von Naturalien, nämlich Getreide, ein. Wieder eine Devisenquelle.

In einer solchen Konstellation ist ein Monopol auf Erdölprodukte nichts anderes als Überlebensstrategie. Die Kolomojskij wichtig genug ist, mit den anderen Oligarchen – insbesondere Poroschenko – einen offenen Krieg zu riskieren, aber auch auf die Meinung der Amerikaner zu pfeifen, was natürlich nichts anderes verheißt als eine weitere Verschärfung des Bandenkriegs. Kolomojskij jedenfalls hat sich in Stellung gebracht.

So viel zur Revolution, und so viel zu den Stichworten Würde, Freiheit und Demokratie. Es wäre spätestens jetzt absolut nicht falsch, auch einmal in “unseren Medien” zu konstatieren, dass die ehemalige Ukraine nichts anderes mehr darstellt als ein loses Staatsgefüge, das von kriminellen Strukturen beherrscht wird. Die ungehinderte Verlagerung von bewaffneten Einheiten aus Konfliktzonen in die scheinbar friedliche Hauptstadt kann man durchaus als bewaffnete Oligarchenrevolte klassifizieren. Innenminister Awakow kündigt zwar – wie gewohnt über Facebook – an, dass im Lande keine irregulären bewaffneten Verbände geduldet werden; als Druckmittel kann er aber eigentlich nur ins Feld führen, dass er Kolomojskij bei Facebook “entfreundet”, sollte dieser der Anordnung keine Folge leisten.

Noch vor einem Jahr wären solche Zustände vielleicht normal, aber inzwischen hat die Ukraine eine legitime, von allen – einschließlich Moskau – anerkannte Regierung. Nur scheint sie ganz offenkundig kaum Macht zu haben, wenn sie keinerlei Möglichkeit hat, Staatseigentum zu verwalten oder bewaffnete Einheiten unklarer Subordination daran zu hindern, sich frei über das Land zu bewegen. Die Konsequenzen dessen, das frei anzusprechen, reichten ja viel weiter: mit wem wurde denn in Minsk nun verhandelt, wer garantiert die Einhaltung der dort getroffenen Abmachungen, wenn die Regierung de facto keine Kontrolle ausübt? Ist es denn überhaupt sinnvoll, mit “Kiew” zu verhandeln?

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Trackback von deiner Website.

  • Beinstuhl

    Es ist zwar unangenehm, diesen Schmutzfinken auch noch Klicks zu generieren, aber dies hier war eine, der leider zum Thema russische Welt, sehr seltenen Sternstunden des Deutschlandfunks. Thema ist die westukrainische Oligarchie.

    http://www.deutschlandfunk.de/politik-die-ukraine-am-abgrund.1170.de.html?dram%3Aarticle_id=311262

    • jowi

      Vielen Dank für diesen Hinweis, zur Abwechslung mal Information statt Propaganda, so sollte es normal sein. Leider ist es eine große Ausnahme.

  • Jowi

    Zu offensichtlich zeigt sich in dieser Posse der wahre Charakter der neuen Ukraine.
    Deshalb berichten unsere Medien kaum darüber und zeigen einmal mehr ihre Selektivität bei der Themenwahl und damit ihre Instrumentalisierung in einem Informationskrieg.

    Danke für den Artikel!

  • SouthFront

    Bzgl. Kolomojskij… Hat jemand für mich evtl. eine seriöse Quelle, das er neben dem “Dnepr” auch das “Asow” Battalion finanziell unterstützt? Danke!

    • Sind für Dich ukrainische Medien zu diesem Thema seriös genug? Darüber, dass Kolomojskij “Asow” finanziert, erfuhr man Anfang August 2014, als er diese Finanzierung kurzzeitig einstellte (zum Beispiel: http://www.dialog.ua/news/11609_1407010542)

      Hintergrund war ein Zerwürfnis mit dem stellv. Bataillonskommandeur Igor Mosijtschuk [Ihor Mosiychuk] und Ljaschko. Nachdem Mosijtschuk das Bataillon verlassen hatte, wurde die Finanzierung durch Kolomojskij wieder aufgenommen. (Quelle: http://vesti-ukr.com/strana/63937-ljashko-otkazalsja-idti-pod-krylo-kolomojskogo – dort unter «АЗОВ» БОЛЬШЕ НЕ С ЛЯШКО; generell zu den Quellen: Boris Filatov ist die rechte Hand Kolomojskis).

      Zur Seriösität dieser Quellen: es werden vor allem Meldungen der Beteiligten aus “Facebook” zitiert. Man kann also sagen, dass das so stimmt.

  • jens frank

    Stimmt es, dass Kolomoiski 600 Soldaten seiner Armee aus Odessa abgezogen hat? Wenn ja: Wäre es nach diesem Abzug denkbar, dass sich die bislang von den 600 Soldaten eingeschüchterte Bevölkerung jetzt wieder, wie einst vor dem 2. Mai, zu demonstrieren trauen könnte – um etwa so Kiews Regierung ihren Unmut über der Aufrüstung dem Osten des Landes gegenüber auszudrücken? Oder hat man sich in Kiew inzwischen mit der neuen Regierung harmonisch arrangiert?

    • palette

      Nein, Kolomoiski’s bewaffnete Kräfte sind noch in Odessa.
      Am 23.3.2015 verkündete Zoya Kazanzhi, die Beraterin des Odessiter Gouverneurs Igor Palitsa (Kolomoiski’s Mann, der infolge des 2. Mai Gouverneur wurde), dass diese Kräfte die Stadt verlassen hätten.
      http://timer-odessa.net/news/oga_strukturi_zaschischavshie_odessu_pokinuli_gorod_207.html

      Am nächsten Tag berichtete Timer, dass dem nicht so sei: Niemand habe die Stadt verlassen, es gehe anscheinend eher darum, diese Kräfte “neu einzukleiden”. Wahrscheinlich werde man die selben Leute bald in offiziellen Uniformen der Staatsgewalt sehen.
      http://timer-odessa.net/news/istochnik_palitsa_ne_vivodil_iz_goroda_svoih_pyatnistih_chelovechkov_734.html

      Und mal abgesehen davon: Selbst wenn sie weg wären, ob die Odessiter sich wieder “zu demonstrieren trauen” würden – es wäre a) kein Problem, diese Kräfte zurückzubeordern, und b) Kiev hat im Donbass ziemlich unmissverständlich klargemacht, wie weit zu gehen man bereit ist…

      Deinen letzten Satz interpretiere ich mal als Schreibfehler: Odessa statt Kiev. Und nein, Odessa hat sich nicht “harmonisch arrangiert”. Arrangiert, ja, notgedrungen, niemand hat Lust auf Krieg. Aber geschätzte 70-75% der lokalen Bevölkerung sympatisiert mit den Aufständischen im Donbass.

      • jens frank

        Ich hatte spekuliert, Kolomoiski erpresse Poroshenko mit dem Abzug seiner Leute aus Odessa. Kiew war kein Schreibfehler. Aus Kiew scheint kein zweiter-diesmal echter – Maidan zu erwarten. Vielleicht gibt es überhaupt keinen Volksaufstand-gab es niemals einen.

    • palette

      Noch was, Eindrücke aus Mariupol:
      http://www.taz.de/!156933/
      Von vor drei Tagen. Nicht zu viel erwarten, ist halt die taz, klar, wer da zu Wort kommt. Aber es macht einiges deutlich, gerade auch zwischen den Zeilen…

      Kann man auch auf Odessa übertragen (mal abgesehen von der Nähe zur Front), nur ist Mariupol zu gut 90% “pro-russisch” (ich hasse diesen Ausdruck…) und nicht bloß zu 70-75%. Alles ungebildete “Vatniks”, Proleten ohne Stimme…

      • Walter Mandl

        Ich habe den taz-Artikel gelesen. Eine furchtbare Mischung aus pornografischer Kopf-Propaganda und einem stinkenden Urin-Lappen. Die – selbst in diesem Klo-Artikel – zwischen den Zeilen zu findenden Fakten haben es dennoch in sich. Ich bin mir ziemlich sicher, dass für die Regionen Odessa, Mariupol und noch weitere, passende Hufeisen geschmiedet werden. Die sorgsamen “Schmiedemeister” bereiten diese elementaren Laufstrukturen mit Liebe und Bedachtsamkeit. Sie werden – von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen – für die Menschen passen wie ein Maßanzug vom Schneider. “Made by Ukraine/USA/EU” wird nicht zu finden sein. Die Architekten der neuen Freiheit verwenden eine andere Punzierung. Das (erfundene) Fräulein “Margo” (taz-Artikel) kann den Rucksack mit den wertvollen Personalpapieren im Schrank belassen. Sie wird sich freuen, wenn sie diese Fetzen gegen ordentliche Dokumente ersetzen kann.

        • palette

          Ich glaub da nicht dran, das “passende Hufeisen geschmiedet werden”. Denn die Hufeisen sind doch eigentlich schon da, ebenso deren Träger, aber sie ziehen es (noch) vor, im Stall zu stehen…

          Die Russen haben anscheinend eine andere Herangehensweise, es gibt keine russischen NGOs oder so was, keine direkte Einflussnahme (mal abgesehen von Kanälen auf hohem Niveau, die gibt es natürlich).
          Ich hab den Eindruck, dieses propagandistische “Die Wahrheit ist mit uns” ist zugleich auch ernst gemeintes Programm. Die Russen scheinen darauf zu vertrauen, dass sie für das Richtige einstehen, und dass immer mehr Menschen dies begreifen und so eine quasi “natürliche” pro-russische Bewegung entsteht. Einerseits.

          Andererseits sind die im Kriegsmodus. Die erwarten einen massiven Angriff, und ihnen ist bewusst, dass er ziemlich hybrid sein wird. Also scharren sie alle potenziellen Partner um sich und schaffen bzw, festigen Kontakte in Feindesland, die ebenso hybrid zuschlagen könnten – aus eigener Initiative heraus wohlgemerkt!
          Das wird auch der Hintergrund dieses bescheuerten Kongresses in St.Petersburg sein (die Stadt der Blockade! Unglaublich eigentlich!). Mit den Linken kannst du a) keinen Krieg mehr führen, und b) sind die dermaßen postmodern durchdrungen, dass sie all ihre Hoffnungen in die “westliche Zivilisation” setzen…

          Wie gesagt, die Russen vertrauen auf die Wahrheit. Und sie haben einen ziemlich breiten Begriff davon. Einen Begriff, der hierzulande weitgehend in Vergessenheit geraten zu sein scheint…

        • Avarec

          Hallo Palette!

          Ich weiss zwar nicht, ob du mit “breitem Begriff” (der Wahrheit) Putins Zitat (vor wenigen Monaten, InterTass-Interview) aus dem Film Brat 2 meinst (Kurz vor Ende des Films), aber dafür weiss ich, was für einen echten Russen ein Kriterium der Wahrheit ist :) die Praxis! Und auch wie die Herangehensweise der echten Russen heisst: Konzept – da gibt es nicht so ein “einerseits”, “andererseits” – da ist der Krieg Priorität Nummer 6 (die letzte) und Ideologie Nummer 3 – konzeptuelle Macht wird stets durch alle 6 Prioritäten gewährleistet… und die Frage ist auch nicht, ob direkt oder indirekt, sondern inwieweit anhand von Strukturen oder strukturlos Einfluss genommen wird… Das Verständnis von strukturloser Einflussnahme wird in Russland immer breiter, vor allem unter den normalen Menschen, die also sowieso strukturlos sind… (strukturlose Einflussnahme ist sowieso wichtiger bei Enflussnahmen als eine strukturelle… systembedingt…) und das breite daran ist, dass mitlerweile mehr einfache Russen ein genügenderes Verständnis von strukturloser EInflussnahme haben als Wissenschaftler im Westen… und die Linken sind es zumeist nicht, weil sie ja eh immer auf den Westen setzten und deshalb nur verlieren konnten und immer verlieren werden. Alexei Chamjakow hat bereits 1839 den ganzen entsprechenden Algorithmus niedergeschrieben und ausgerechnet sie wurde im Sommer 1991 kurz vor Auflösung im sowjetischen Radio verlesen – Albion zuckt über dem Abgrund!

          PS (an alle sozusagen): Albion beim Sterben zusehen ist genauso, wie sich an RTL u.Ä. ergötzen (soll nur zur Eigenrevision anregen).

          LG

  • palette

    @ jens frank, 28.3. 03:56, und, weil’s so lang geworden ist, auch allgemein:

    Kolomoiski hat/hätte zwar das Potenzial, Poroshenko herauszufordern, aber das würde ihm letztlich selbst auf die Füße fallen. Außerdem steht K. für Dnepro-Petrovsk, nicht für Kiev (ich versteh noch immer nicht deinen “Schreibfehler”).

    Herr K. ist eine Schlüsselfigur des Euromaidans, in vielerlei Hinsicht, besonders jedoch die Integrierung eines beträchtlichen Teils der russisch-sprachigen Bevölkerung betreffend, welche den Ukrainisierungs-Bestrebungen seit der Unabhängigkeit traditionell feindlich gesinnt ist, sowohl bewusst als auch intuitiv.

    Seit Jahren schon versucht man, die russisch-sprachigen [!] Ukrainer gezielt zu spalten: in pro-ukrainische aka pro-westliche, “modern” und “fortschrittlich” orientierte, europäische Ukrainer (die sich, zumindest perspektivisch, “ukrainisieren” lassen) – und “ungebildete”, ewig gestrige, pro-russische “Vatniks”, vom Aussterben bedrohte Überreste asiatischer Sowjet-Ukrainer, kurz: “Moskaly”.
    (- Ich hoffe, es ist klar, dass ich mich des gegenwärtigen Diskurses bediene, und diese Spaltung in eigenen Worten anders definieren würde…)

    Ohne Kolomoiski kann man kaum verstehen, wie es zu dieser doch recht erfolgreichen Neuerzählung des Bandera-Mythos kommen konnte: weg vom anti-semitischen und anti-russischen Kern, hin zu einer russisch-sprachigen und philo-semitischen Bewegung (z.B. “Zhido-Bandera”).

    K. ist außerdem der zentrale Akteur gegen ein potentielles Novorossia, denn er kontrolliert mit Odessa und Dnepro-Petrovsk den gesamten westlichen Teil dieses Gebietes (Kharkov hingegen ist mehr oder weniger weiterhin Teil der Yanukovich-Strukturen, während der Donbass neue Strukturen hervorgebracht hat und sich lediglich administrativ der Yanuk-Strukturen bedient) und hat in mehrfacher Hinsicht Qualitäten, die ihn zu einem echten und wirklichen Aushängeschild und Faktor einer Integrierung “Novorossias” in das Projekt Ukraine machen. Mir ist niemand bekannt, der in dieser Hinsicht an K. herankommen, und Dnepro-Petrovsk erfolgreich für Kiev halten könnte.

    Timoshenko z.B. ist gescheitert (auch sie ist aus Dnepro-Petrovsk, Muttersprache Russisch, aber spricht ausschließlich Ukrainisch – zumindest öffentlich), weil sie innerhalb des Denkmusters der “Rukh”-Bewegung der 90er agiert hat, und sich somit eher von der Schlüsselregion Dnepro-Petrovsk entfremdete, anstatt dieses Gebiet erfolgreich zu integrieren. K. hingegen hat das hingekriegt.

    Ich habe K. noch nie Ukrainisch sprechen gehört, während ich Poroshenko, Timoshenko etc pp noch nie Russisch sprechen gehört habe. Auch der Rechte Sektor und die diversen Nazi-Bataillone (von K. finanziert) wirken explizit im russisch-sprachigen Segment der Ukraine.
    - ebenso Klitchko, seine Partei UDAR, und Teile der sog. Zivilgesellschaft.

    Sollte es zu einem offenen Bruch dieser Koalition zwischen Kiev (Poroshenko) und Dnepro-Petrovsk (Kolomoiski) kommen, ist das ganze Projekt “Euromaidan” definitiv gescheitert, und fällt zurück in die “Rukh”-Bewegung der 90er, wo sich Ukrainisch- und Russisch-Sprachige direkt gegenüberstehen – mit der möglichen Konsequenz, dass die Situation wirklich in einen ethnischen Konflikt hinauswächst (denn bisher ist es kein ethnischer Konflikt!).

    Und ich denke, dieses mögliche Szenario ist allen bewusst (zumindest den Entscheidungsträgern).

    Fazit: Kolomoiski wird sich Kiev unterordnen, denn er hat keine andere Wahl. Er ist Teil dieses Lagers und war maßgeblich an der bekannten Form des Euromaidan-Sieges beteiligt, inklusive dessen neo-faschistischen Einschlags.

    Erpressungspotenzial hat da eher Poroshenko, und ich könnte mir vorstellen, dass er versuchen wird, sich Putin-gleich zu inszenieren, und mit Kolomoiski eine ukrainische Version der “Khodorkovski-Story” durchzuziehen. (Wobei die beschriebene integrative Rolle und Funktion K.’s Klitchkos UDAR und Teilen der Zivilgesellschaft zufallen würde, denen ich jedoch K.’s Erfolg nicht in der nötigen Breiten- und Tiefenwirkung zutraue.)

    Das wäre ein ziemlich riskanter Schritt, geradezu gefährlich: denn im Gegensatz zu Khodorkovski verfügt Kolomoiski über eine beträchtliche Privat-Armee und enormes Ansehen. Außerdem kommt Poroshenko nicht mal im Ansatz an Putins Qualitäten ran…

    Außerdem haben die Rebellen durchaus das Potenzial, ein neues Selbstbewusstsein der Russisch-Sprachigen zu verkörpern. Fällt man Kolomoiski, fällt man zugleich den mächtigsten Pfeiler Kievs innerhalb dieser Community. Mit nicht vorhersehbaren Konsequenzen.
    - Kolomoiski ist der wichtigste Trumpf Kievs gegen die Rebellen. Und das weiß er.

    Auf der anderen Seite ist den Rebellen die zuvor beschriebene Bedeutung Kolomoiskis mehr als bewusst, und dementsprechend verhasst ist er. Ein eventuelles Zusammengehen von Kolomoiski und den Rebellen (im Falle, dass P. versucht K. auszuschalten; und nur in diesem Fall, freiwillig kann und wird K. diesen Schritt nicht gehen) würde nicht über ein taktisches Manöver hinausgehen. Beide Seiten würden versuchen, den jeweils anderen so schnell wie möglich auszuschalten.
    - dieses Szenario kann man also getrost ausschließen.

    Ich könne mir aber vorstellen, dass man in Kiev (wie auch in Berlin, Brüssel und Washington) darauf vertraut, dass die zuvor beschriebene Integration mittlerweile tragfähig genug ist und man Kolomoiski trotz allem absägt. Plan A ist gescheitert, also improvisieren und Plan B: “Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen”…
    Denn es ist ziemlich offensichtlich, dass die Ukraine ihren eigenen “Putin” braucht, um zu einer Konsolidierung zu finden. Nur ist Poroshenko weder eine “natürliche” Wahl, noch hat er das Potenzial dazu (Kolomoiski hingegen schon eher, und das will viel heißen…).

    Ich schätze, die erfolgreiche Rebellion im Donbass war genau so wenig von den transatlantischen Strategen vorhergesehen worden wie die Wiedervereinigung von Krim und Russland. Die Rebellen stellen a) einen unkalkulierbaren Faktor dar, der eine Spaltung der Ukraine entlang der Sprachgrenze zur Folge haben könnte, und b) sind sie derzeit der effektivste Schutz Kolomoiski’s vor einem ukrainischen “Putin-Khodorkovski”-Szenario.

    Aber ich schätze, man wird’s trotz allem darauf ankommen lassen…

    • palette

      Nachtrag, bin ich erst gestern Abend drauf gestoßen:
      Einer von Kolomoiskiys Intimfeinden, der Journalist und Rada-Abgeordnete (Block Poroshenko) Sergei Leshenko, hat Freitag Abend in seinem Blog bei pravda.com.ua berichtet,
      http://blogs.pravda.com.ua/authors/leschenko/551589f637c05/
      dass Joe Biden persönlich bei Yatsenyuk angerufen hat, und ihn dazu drängte, die Einigkeit des Duos Yatsenyuk-Poroshenko zu demonstrieren, und Kolomoiskiy in seine Schranken zu weisen.
      Kolomoiskiy traf sich daraufhin, vermittelt über den einflussreichen Dnepro-Petrovsker Rabbi Kamenetskiy, mit dem US-Botschafter Pyatt, dem gegenüber er seine patriotischen Leistungen für die UA hervorhob, jedoch eine barsche Absage erntete.

      Leshenko scheint ein definitives Ende von Kolomoiskiy zu erwarten. Er erinnert an den Fall des zu seiner Zeit ebenfalls einflussreichen Lazarenko, und an einen Auftragsmord, welcher Kolomoiskiy vorgeworfen wird – und setzt seine Hoffnungen auf Viktor Shokin, welcher 2005 die Ermittlungen in diesem Mordfall gegen Kolomoiskiy einleitete.

      Shokin ist der derzeitige Generalstaatsanwalt, laut apxwn ein Mann Kolomoiskiys
      http://www.chartophylakeion.de/blog/2015/02/12/was-in-minsk-unterzeichnet-wurde/#comment-1850605273
      was mich dann doch irritierte… Kolomoiskiy ist zwar bekannt dafür, seine Feinde an sich zu binden (so war gestern Oleg Lyashko Gast seiner Veranstaltung in DP), aber wie haltbar sind diese Bindungen? Woher hast du die Info, dass Shokin K.’s Mann sei?