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S-300: Iran – ja, Syrien – nein

Die dreistündige „Volks-Fragerunde“ mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin am vergangenen Donnerstag wurde von vielen russischen Medien standardmäßig als „wie immer super“ dargestellt, während ausländische Meldungen oft davon sprachen, dass Putin „erstaunlich friedfertig“ gewesen sei. Die Rezeption in der russischen Öffentlichkeit ist dabei sehr verhalten: im Grunde waren sich alle einig, dass man einen „farblosen“, wenig inspirierenden Auftritt Putins erlebt habe. So farblos, dass die Glosse mit der brennenden Sauna und dem von Kanzler Schröder vor dem Rettungswurf noch in Ruhe ausgetrunkenen Bier anscheinend das Highlight war.

Es ging bei der Fragerunde natürlich auch um außenpolitische Themen, zum Beispiel um die Frage der Lieferung der S-300-Luftabwehrsysteme an den Iran, die nun endlich doch stattfindet. In einem Halb-Absatz offenbarte Putin aber noch etwas mehr:

„…vor gar nicht langer Zeit äußerten die Israelis ihre Befürchtungen zum Thema der Lieferungen der S-300-Systeme an ein anderes Land der Region und lenkten unsere Aufmerksamkeit darauf, dass – käme es zu solchen Lieferungen – diese schwerwiegende Veränderungen bewirken würden, es käme zu geopolitischen Verschiebungen in der gesamten Region, denn vom Territorium dieses Landes aus könnten die S-300 das Territorium Israels erreichen… Wir haben diesen Vertrag storniert und auch die Anzahlung in Höhe von 400 Millionen US-Dollar bereits wieder zurückerstattet.“

Dieses „andere Land der Region“ ist ganz selbstverständlich Syrien. Putin hätte es ruhig beim Namen nennen können.

Natürlich sind Luftabwehrsysteme vom Typ S-300 kaum für die Bekämpfung von Al-Nusra-Front, ISIS und anderen Terrorbanden geeignet. Allerdings war der Sinn dessen, Syrien mit solchen Systemen auszurüsten, natürlich auf der Ebene der regionalen Kräftebalance angesiedelt. Die Stornierung zementiert nun aber gerade das regionale Ungleichgewicht.

Es war die russische Diplomatie, welcher man die Lorbeeren für die geglückte Deeskalation 2013 nach der mutmaßlich saudischen False-Flag mit dem Chemiewaffenangriff in Ostghouta verlieh. Die “Kosten” des Nichtangriffs beliefen sich auf das syrische Chemiewaffenarsenal, das das Land abzugeben und der Vernichtung zu überantworten hatte. Zum heutigen Tage ist diese wohl hundertprozentig und zur Zufriedenheit aller „Partner“ abgeschlossen.

Die Hauptfeinde Syriens in der Region sind Israel und die Türkei. Beide haben eine moderne und schlagfertige Luftwaffe. Wenn die Chemiewaffen als Garantie dafür herhielten, dass es zu keinem Angriff dieser feindseligen Nachbarn kommt oder die Kosten dafür enorm zu werden versprachen, dann hätten die S-300 diese Funktion zu einem guten Teil und womöglich sinnvoller anstelle von Chemiewaffen erfüllen können.

Dabei ist nach der Vernichtung des syrischen Chemiewaffenarsenals die Eintrittswahrscheinlichkeit solcher Scharmützel und Konfrontationen eher noch gestiegen, und es ist gerade auch Israel, das mit seiner Luftwaffe praktisch unbehelligt im syrischen Luftraum herumfliegt und ab und zu Luftangriffe unternimmt, die hie und da von den Medien gemeldet werden. Die „Koalition“, die vorgibt, gegen den IS vorzugehen, nutzt den syrischen Luftraum wie ein Durchgangszimmer für ihre undurchsichtigen Aktionen. Was hindert sie daran, “aus Versehen” – wie weiland die chinesische Botschaft in Belgrad – militärische oder sonstige Infrastruktur der Syrischen Arabischen Republik zu treffen?

Ist die Region jetzt, nach Abschluß der Chemiewaffenvernichtung, eher sicherer, oder eher unsicherer geworden? Es ist ganz offensichtlich letzteres. Noch vor zwei Jahren wären die jetzigen Zustände kaum vorzustellen gewesen.

Die Stornierung der S-300-Lieferung seitens von Russland erfolgte auf Ersuchen, und somit im Interesse Israels. De facto haben die Russen, vom heutigen Standpunkt aus betrachtet, also mit den Feinden Syriens einen Deal ausgehandelt, bei dem Syrien einen Teil seines Abschreckungspotentials verlor und im Gegenzug dafür nichts erhielt.

Auffallend ist, dass die Syrer noch Ende 2014 eisern von der Erfüllung dieses Rüstungsdeals überzeugt zu sein schienen, zumindest kann man das aus den damaligen Äußerungen des syrischen Außenministers Walid al-Muallem schließen:

AA: Have you received the S-300?

WM: No, but we will and other advanced weapons in a reasonable timeframe. Russian defense companies operate under a slow bureaucracy, but the main issue is going to be resolved quickly – that is, the Kremlin’s political approval. This could happen very soon. (Al-Akhbar, 06.11.2014)

Die (noch ein wenig verklausulierte) Äußerung Putins bei seiner diesjährigen Antwortrunde war damit wohl das erste deutliche Anzeichen dafür, dass dieser Deal nicht stattfindet. Die Stornierung dieses Vertrags muß also erst unlängst erfolgt sein. Übrigens wurden in Russland auch bereits Mannschaften des syrischen Militärs dazu ausgebildet, die S-300 zu bedienen. Auch das nicht etwa kostenlos.

Es ist schwer zu sagen, was genau diese Entscheidung der Russen bedingt hat. Es gibt zwar immer noch die wenig wahrscheinliche Möglichkeit, dass die Syrer diese Luftabwehrsysteme über irgendwelche halboffiziellen Kanäle erhalten, aber dazu müssten die Russen sie erst irgendwem verkaufen. Abgesehen von dem nun doch stattfindenden Deal mit dem Iran gibt’s dafür aber keine Anzeichen. Damit können es bestenfalls und rein hypothetisch nur noch die Iraner sein, die – irgendwie, und eine vollumfängliche Konfrontation riskierend – in die Bresche springen könnten. Alles andere (wie beispielsweise die Lieferung einer gewissen Modifikation, die nicht exakt gleich „S-300“ ist) sind kaum mehr als Gedankenspiele.

Andererseits muss es nicht ausgeschlossen sein, dass man im Einvernehmen mit Syrien gehandelt hat. Die Drohung Israels, diese Luftabwehrsysteme, sollten sie jemals in Syrien landen, vom Fleck weg auszuschalten, lässt – neben den infrastrukturellen, personellen und finanziellen Risiken – eine solche Waffenlieferung hochgradig fragwürdig werden und mindestens beiderseitigen Gesichtsverlust in Aussicht treten.

Aber unabhängig davon, ob es doch noch einen Weg gibt, so hat Putin deutlich vernehmbar geäußert, dass Russland in dieser Hinsicht seinen Verpflichtungen Syrien gegenüber nicht nachkommen wird. Somit kann man in dieser Geschichte, wenigstens vorerst, einen Schlussstrich ziehen.

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  • Jones Bones

    Macht nix, wir im Forum hier haben unser eigenes Waffensystem.
    Feuer frei!

    • urkeramik

      sehr hübsch!-)

  • Reinhard

    S-300 hätte den Angriffsfall der westlichen Wertegemeinschaft provoziert. Langfristig wird man aber nicht drumherum kommen. Warten wir es ab.

  • Walter Mandl

    Russland wollte also keine „geopolitischen Verschiebungen in der gesamten Region“.
    Diese Erkenntnis kann man so oder auch anders deuten. Nachvollziehbar – aus russischer Sicht – ist sie allemal.
    Das die Region mit der Beseitigung der syrischen Chemiewaffen unsicherer geworden ist, kann ich selbst aus syrischer Perspektive nicht wirklich nachvollziehen. Ich kann kein Hemmnis bei den regionalen Hauptgegenern Syriens ausmachen, verdeckt oder offen Syriens Staatsstrukturen auch vor der C-Waffenvernichtung anzugreifen.
    Und die Frage, was nutzt es Syrien nachhaltig, wenn es zwei drei Jagdflieger vom Himmel holt, bleibt schwer zu beantworten.
    Was weder Syrien noch Russland aktuell brauchen, ist eine Vorwandschaffung für eine ungehemmte (offene) Intervention in Syrien. Ob mit oder ohne UN-Segen spielt im Realfall für Syrien keine Rolle.
    Die drängendsten Feinde Syriens sind ohnedies bereits im Land und am Boden.
    Vereinzelt gibt es sogar wieder hoffnungsvolle Meldungen über den Kampf der SAA in der Region Idleb. Kann dazu ein Insider mehr Informationen bringen?

    • Jones Bones

      Walter, ich stimme dir weitestgehend zu, nur sind C-Waffen vor allem in einer abschreckenden Funktion wichtig gewesen, denn das Worst Case Szenario ist da schwer abschätzbar.
      Wirklich schweren dauerhaften Schaden hätten sie aber aller Wahrscheinlichkeit nach nicht verursacht. Die israelische Gesellschaft ist Raketenangriffe gewohnt und reagiert schnell und professionell, begibt sich in Schutzräume, während die Wirkung der Chemiewaffen vergleichsweise schnell nachlässt.

      Die S300 sind da ähnlich. Sie wären dafür da gewesen, die längst schon sehr umfangreiche syrische Luftabwehr, die über nahezu jedes russische und sowjetische Modell verfügt, zu komplettieren. Dass die schon sehr gut funktioniert, sieht man dabei unter anderem an der Tatsache, dass bei allen Luftangriffen auf Regierungsterritorium allenfalls gestreift wurde. Die Türkei schoss syrische Helikopter meist aus eigenem Territorium ab, wartete dafür den passenden Moment aus, wenn sie exponiert waren.
      Die israelische Armee wiederum hat in den meisten Fall über dem Libanon agiert und syrisches Grenzgebiet ebenfalls allenfalls gestreift. Diese Fälle würde eine S300 aber auch nicht verhindern, weil es die Flugzeuge wohl kaum über fremdem Territorium abschießen wollte, und der Abschuss von Luft-Boden-Raketen mit einer ~1 mio. Euro teuren S300er-Rakete irgendwie eine wirtschaftliche Niederlage darstellen würde, selbst wenn das Abfangen erfolgreich verlaufen sein sollte.

      Also ja, es wäre nicht schlecht gewesen zu haben, aber Syrien kann andere Dinge momentan besser gebrauchen. Und das Risiko, dass Mossad/IDF/NATO dieses überaus teure Waffensystem über einen Schleichangriff zerstören.
      Eine bunte Kombination mit unter anderem Pantsir und Buks, wie Syrien sie eh schon hat, ist meines Erachtens die Kombination, die am meisten Sinn macht.

      Syriens Plan für gegnerische Luftangriffe sind offensiver Natur.
      Während die russischen Flugzeuge auch von kurzen Behelfslandebahnen Gebrauch machen können, sind die F-Teens und ihre Nachfolger auf einwandfreie und längere Bahnen angewiesen. Ein Stein auf der Landebahn, der unglücklich eingesaugt wird, kann denen das Triebwerk schrotten. Das äußerst umfangreiche Raketenarsenal der syrischen Streitkräfte reicht aus, sämtliche Flugplätze in der Nachbarschaft zu zerstören, selbst wenn einige davon abgefangen werden. Daher das PATRIOT-Programm für die Türkei, dessen Erfolg im Ernstfall allerdings zweifelhaft wäre.

      Sieht man aber davon mal ab, sind zwei oder drei abgeschossene Flugzeuge durchaus sehr abschreckend.
      Die Kosten eines Fliegers und seines/seiner Piloten ist beträchtlich, vom Imageschaden ganz zu schweigen.

  • urkeramik

    Ich verstehe ehrlich gesagt das Herumreiten auf der S-300 Geschichte nicht wirklich. Der Wert der S-300 ist in der gegenwärtigen Situation für Syrien ehr begrenzt, es ist teuer, als Einzelsystem sehr verwundbar, ein dankbares Ziel für TOW-Raketen… die halbe SAA müsste künftig die Dinger bewachen um sie gegen Angriffe vom Boden abzusichern, denn es gibt kein „sicheres Hinterland“ aus dem heraus die S-300 ihre Wirkung entfalten könnte. Auf der anderen Seite kann jedes Ziel in Syrien angegriffen werden, auch ohne den syrischen Luftraum zu verletzen.
    Beim Iran sieht das ganz anders aus, hier ist der sichere Raum vorhanden um das System zu entfalten und effektiv in einer gestaffelten Luftverteidigung einsetzen zu können, hier ist auch die notwendige Zeit vorhanden es in die vorhandene Luftverteidigung zu integrieren, hier stellt es eine reale Bremse für Agressionsgelüste dar, und, und dies scheint mir der Hauptzweck der putinschen Ankündigung, es stärkt dem Iran den Rücken in den Verhandlungen mit dem Imperium. In Syrien war dies von Anfang an mehr Symbolpolitik und politische Verhandlungsmasse als ein echter militärischer Mehrwert.

  • Ein paar Gedanken dazu, wobei ich vorweg sagen muß, daß ich nicht für einen Nahostexperten halte.

    Wie unten schon dargelegt, gerät Syrien durch die Nichtlieferung der S-300 nicht in ernsthafte Probleme. Auf der anderen Seite werden dadurch die relativ guten Beziehungen Rußlands zur Türkei und zu Israel nicht beschädigt. Beide Staaten sind für Moskau wichtig. Die Türkei ökonomisch, Israel vor allem politisch-moralisch.
    Und die bilateralen Beziehungen der Türkei bzw. Israels zu den USA sind nicht erst seit gestern ziemlich abgekühlt. Es zeichnet sich ab, daß dort Prozesse der geopolitischen Umorientierung laufen – in der Türkei schon länger, demnächst vielleicht auch in Israel.

    Angesichts der aktuellen Gesamtlage, in der es letztlich um die Entwicklung einer neuen, multipolaren Weltordnung geht, steckt hier wichtiges Entwicklungspotential.

    Gerade in Israel wird man sich zunehmend fragen, weshalb ihre seit Jahren vorgetragene Kritik an der Rehabilitation des Nationalsozialismus in Osteuropa in den Staaten der „westlichen Wertegemeinschaft“ meist ungehört verhallt. Stattdessen wird in Kiew, dem Baltikum und Polen fleißig weiter die Geschichte umgeschrieben – der Umgang mit den aktuellen Gedenktagen liefert dafür hinreichend Beispiele.

    Ebenso wird nun die Position des Iran weiter gestärkt, der nach dem offziellen Ende der UN-Sanktionen weitere gemeinsame Projekte mit der RF, China sowie im Rahmen der SOZ realisieren kann.

    Fazit: Die RF hat in den letzten Tagen ihre ohnehin schon guten Beziehungen zum Iran, zur Türkei und zu Israel gefestigt, ohne dadurch Syrien ernsthaft zu schaden.

    • Jones Bones

      Die Außenpolitik im nahen und mittleren Osten ist ja traditionell sehr widersprüchlich und janusköpfig, denn fast alle involvierten Akteure sind zu groß und verschieden, um wirklich gemeinsame Interessen zu haben, aber Erdogan setzt dem noch den Fes auf.
      Der Rückzug der Amerikaner, der teilweise stattfindet, schafft ein Vakuum und belastet die Beziehungen zur Türkei, Israel und Saudi-Arabien. In dieser Frage und bezüglich Syrien stehen die drei Länder vereint auf Seiten der „liberal interventionists“ (Killary-Fraktion) und der Neocons.

      Was die S300 angeht, so glaube ich aber, dass die den Türken völlig egal sind. Es betrifft sie kaum, sondern nur die Israelis, deren militärische Hegemonie dieses System weiter ankratzt. Und es wird für die russische Absage wohl, neben einem Risk assessment, eben die Verhandlungen mit Israel sein. Welche Zugeständnisse die Israelis im Gegenzug geleistet haben, ist aus meiner Sicht schwer nachvollziehbar. Zwar sind so komplexe Entscheidungen selten monokausal, allerdings wird es einen Deal gegeben haben müssen. Allerdings sind die Beziehungen derart umfangreich, dass sich die Gegenleistung zumindest bei meinem äußerst begrenzten Wissen schwerlich herausfinden lässt.
      Hypothesen gibt es da einige.

      Wie gesagt: Es ist nicht so, dass die S300 nutzlos gewesen wären, oder ein all zu einfaches Ziel. Aber die Wahrscheinlichkeit von Schleichangriffen wäre zu hoch, und ohne diese teure Lieferung schlafe ich doch um einiges ruhiger.

      • Enis

        liebe Freunde,
        Undankbarkeit ist keine syrische Tugend. Russland ist Syrien in Not beigestanden und tut es wahrscheinlich auch auf verschiedenen Ebenen weiterhin. Wir sind dafür sehr dankbar. Die Russen sind weiterhin unsere Freunde.

        Auch unter Freunden darf man das sagen:
        Die Entscheidung ist sehr sehr enttäuschend. Auch die Argumente hier -welche diesen in der Wichtigkeit relativieren- sind nicht stichfest.

        Losgelöst von strategischen Auswirkungen kann ich nur folgendes sagen:
        Es gab ein Vertrag, auch eine Vorauszahlung wurde geleistet. Ein Geschäftspartner -welcher gleichzeitig ein Freund ist- steigt einfach aus dem Vertrag aus. Da gibt es dem Freund nur mitzuteilen, dass es sehr bedauernswert ist und dieser Entscheid nicht nachvollzogen werden kann.

        Mag S-300 teuer und nutzlos sein. Fakt ist Syrien wird von allen Seiten aus der Luft bedroht. Vorallem ein Inzesthaufen zeigt immer Agressionsgelüste, wenn die Terroristen am Boden am Wanken sind. Dem galt einfach mal ein Ende zu setzten.

        Zudem kann ich auch nicht nachvollziehen, warum Russland nicht an ein rasches Verschieben der Kräfteverhältnisse am Boden hinarbeiten will. Auch die letzte Uno-Sicherheitsentscheidung, wonach in Jemen einzig die Houthis mit Waffenembargo belegt wurden -mit der Enthaltung der Russen- kann ich persönlich verstehen. Zudem stellt Sputnik ein Kommentar hoch, wo die Dankbarkeit des saudischen Kinderschänders für diese Entscheidung grossartig dargestellt wird.

        Ich kann nur Kopfschütteln. Auch wenn mal der Freund spinnt.

        Vielleicht liegt es daran, dass ich Politik in erster Linie mit Aufrichtigkeit bewerte.

        Wenigstens hat es auf der Frontseite wieder gute Nachrichten aus Idleb-Umland, Suweida und Daraa… Ich persönlich halte die Rückeroberung Idlebs immer noch nicht als eine wahrscheinliche Variante. Ich denke die SAA will mal zuerst eine sichere Pufferzone rundherum bilden…

        Die Helden geben zumindest nicht auf für ihre gerechte Sache zu kämpfen. Sie verdienen die Hochachtung.

        • Enis

          Korrektur:

          wonach in Jemen einzig die Houthis mit Waffenembargo belegt wurden -mit
          der Enthaltung der Russen- kann ich persönlich NICHT verstehen.

        • Jones Bones

          Enis,
          Die S300 ist nicht nutzlos. Sie ist heftig. Je nach Raketentyp, könnte sie von Damaskus aus den Luftraum bis nach Jerusalem kontrollieren, und das wäre noch nicht mal der härteste Typ.
          Genau das ist aber der springende Punkt. Sie hat dann auch schon keine abschreckende Wirkung mehr, sondern die Israelis nutzen die erstbeste Gelegenheit, sie durch eine hinterhältige Aktion in Metallschrott zu verwandeln. Sei es eine Luft-Bodenrakete, abgefeuert von Flugzeugen, die von der S300 nicht abgeschossen werden würden, weil über dem israelischen oder lebanesischen Territorium, während die Luft-BodenRakete nicht von der S300 abgefangen werden sollte, sondern von einem anderen System. Die Deckung der S300 müsste ein anderes System übernehmen. Nicht, weil sie sich nicht selbst verteidigen könnte, sondern weil jede Rakete eine Million kostet. Also würde allein durch die Existenz der S300 eine Batterie Pantsir oä. gebunden.

          Syrien hat schon eine formidable Luftabwehr. Die wird auch schon der Hauptgrund dafür sein, dass auf eine „Flugverbotszone“ westlicherseits bislang verzichtet wurde, denn die Syrer könnten diese auch durchsetzen. Die S300 hätte mehr als nur den eigenen Luftraum gedeckt. Bei Damaskus aufgestellt, würde das System locker den ganzen Lebanon, Nordisrael bis Haifa und Jerusalem decken.
          Das wäre eine Flugverbotszone auf fremdem Territorium.
          Und wie kannst du sicherstellen, dass dieses Hightech-Gerät nicht in irgendeiner Weise, sei es ein schnöder Luftangriff, oder eine Aktion am Boden, zerstört werden würde? Du kannst das eben nicht.
          Also scheitert dieser Deal allein schon bei einem ganz normalen Risk assessment.

          Ich bin mir sicher, dass dies allen Beteiligten von Anfang an bekannt war. Ich vermute daher sehr stark, dass der Vertragsabschluss von vornherein ein Bluff war, um diplomatische oder wirtschaftliche Zugeständnisse zu erzwingen.
          Nicht auszuschließen, dass die Syrer das von Anfang an auch gewusst haben.

          Syrien hat zwar den Bürgerkrieg erstaunlichst gut überstanden, was die Wirtschaft angeht. Trotzdem ist es mittlerweile auf russische, chinesische und iranische Kredite angewiesen. Die Anzahlung für die S300, die Syrien bekommen hat, war also gewissermaßen eine Zahlung Russlands an sich selber.

          Du magst weiter moderne Waffenlieferungen fordern, ich aber bin Ingenieur. Ingenieure vergleichen Aufwand und Nutzen.
          Nachtkampffähigkeiten kosten verdammt viel, finden aber kaum statt.
          Syrien braucht das nicht.
          Es ist wie gesagt für den Verschleiß- und Bürgerkrieg hervorragend ausgerüstet, davon bin ich als Ingenieur überzeugt.

          2. Weiter mit den Houthis:
          Ich teile mit dir waage, leichte Sympathien mit der Ansarullah.
          Fakt ist aber, dass beispielsweise China und Venezuela sich NICHT enthalten haben, sondern FÜR das Embargo gestimmt haben.
          Warum? Bei Venezuela kann ich es selbst nicht nachvollziehen, bei China kann es mit den Beziehungen zu Pakistan zu tun haben, oder Zugeständnissen seitens der Saudis.
          Russland hat sich enthalten, und das war eine konsequente Entscheidung.
          Erstens haben sie so nicht gegen ihre Verbündeten gestimmt, zweitens ist die RF gegen Waffenlieferungen an jede Kriegspartei eingetreten, und das Stimmen GEGEN eine zwar unausgeglichene Resolution wäre bei einer solchen Haltung inkonsequent.
          Fakt ist, diese Resolution war reiner Symbolismus, und ein schwacher Akt zudem.
          Erstens hatten die Houthis zu keinem Zeitpunkt mit Waffenlieferungen zu rechnen, zweitens umschließt diese Resolution meiner Erinnerung nach beispielsweise nicht die jemenitische Armee, die zu großen Teilen auf Seiten der Ansarullah kämpft.

        • Enis

          Jones,
          leider ist das alles nicht überzeugend. Ich kann mir beim besten Willen vorstellen, dass das Ganze von vornherein ein Scheindeal war. Dass die S-300 bis Jerusalem reichen können, hat man vor dem Deal sicherlich auch gewusst. Dass eine S-300 auch vom Gegner zerstört werden kann, gehört eben zu den Regeln des Krieges. Zudem ist Syrien kein Schurkenstaat indem ein schräger Vogel wie Kaddafi regiert und einfach mal auf den Knopf drückt. Die syrische Führung ist Weise und sehr geduldig. Das wissen die russischen Freunde. Sie werden nicht bei jeder kleinsten Aggression mit der S-300 herumfuchteln.

          Aber wie gesagt. Russland ist ein souveräner Staat und hat das Recht eigene Interessen zu verfolgen. Machen wir auch. Nur das Problem ist, dass Russland ständig das Gefühl hat, der Westen goutiert solche „sympathischen“ Handlungen und es kann wieder einschmeicheln. Da hat die syrische Führung schon mehrmals vorausgesagt; vergisst es. Das andere Problem ist auch, dass Russland als verlässlicher Partner in Frage gestellt wird. Die Beziehung zwischen Russland und Syrien ist keine gewöhnliche. Es hat einen tiefen kulturellen und historischen Hintergrund. Es sind tausende Ehen eigegangen. Viele syrische Offiziere haben in der Sowjetunion ihre militärische Ausbildung absolviert.

          Syrien hat russisch neuerdings als Fremdsprache eingeführt. Die momentane politische Situation zwischen beiden Ländern kann man folgendermassen zusammenfassen. Syrien will eine Heirat, Russland will jedoch verlobt bleiben -um jederzeit aussteigen zu können.

          Nur kann ich Dir versichern -bei einem möglichen Regimechange in Syrien wird Russland für den nächsten Jahrhundert aus dem Land ausgeschlossen werden. Die Schänder der Golfmonarchien und der Osman werden sich wie Geschwüre festsetzen. Da wird Russland nie mehr platz haben.

          Die russiche Führung muss deshalb folgende Rechnung machen:
          Was bringt uns ein befreundetes Syrien? Wie schlimm ist ein Verlust eines Allierten im Nahen Osten. Ich persönlich würde den Russen empfehlen die zweite Variante gar nicht in Betracht zu ziehen.

          Was Jemen angeht. Die Chinesen und Venezuala habe ich gar nicht erwähnt, weil die für mich keinen Stellenwert haben können wie die Russen! Die Chinesen sind Geldgesteuert und würden sogar ihre Mütter vermarkten. Venezuela ist heute da, morgen vielleicht schon wo anders…
          Ich habe keine speziellen Sympathien für die Houthis. Ich bevorzuge sie eher, weil die saudischen Kinderschänder gegen sie sind. Alles was SA nicht mag, muss besser sein. Ausser für die Hezbollah habe ich für keine einzige andere schiitische Bewegung eine nennenswerte Sympathie. Denn libanesischen Brüder sind auch gute Patrioten. Zudem bewundere ich ihre aufrichtige und mutige Art für den Westen „unsympathische“ Entscheide treffen zu können. Sie sind die treusten Freunde, die ein Land haben kann!

        • Enis

          Korrektur: beim besten willen NICHT vorstellen…

        • Jones Bones

          Enis,
          vllt. habe ich mich falsch ausgedrückt.
          Gemeint war nicht, dass es komplett ein Scheindeal war.
          Aber beiden Seiten war von Anfang an die Tragweite klar.
          Das Geld für das System ist gewissermaßen auch aus Russland gekommen, man hat sich also ab Vertragsabschluss reichlich Zeit zur Umsetzung gelassen, hat einzelne Schritte dorthin geleistet, und auf irgendein Gegenangebot Israels oder der USA gewartet.

          Es gibt viele Erklärungsmöglichkeiten dafür, eine wäre bsw. die Iranverhandlungen.
          Tatsache ist, dass die S300 für die geographischen Gegebenheiten Russlands entwickelt wurde. Tatsache ist, dass Syrien diese Gegebenheiten nicht hat. Tatsache ist, dass bei den geringen Luftdistanzen die Reaktionszeiten für einen Schutz der S300 zu gering sein könnten, wenn die verteidigende Luftbatterie (bsw. Pantsir) nicht ständig in totaler Bereitschaft stünde.
          Tatsache ist, dass es am Boden auch nicht so rosig aussieht, dass es auch zu Boden/Bodenüberfällen oder ähnlichem kommen könnte.
          Tatsache ist, dass andere Systeme, die Syrien hat, für die Verteidigung des eigenen Luftraumes längst ausreichen. Die Türken und die Israelis haben zwar schon öfters ihre Luftwaffe gegen die Syrer eingesetzt, aber sich dabei nie in syrischen Luftraum reingewagt.

          Tatsache ist, dass wir alle es gerne einfach hätten, dass wir gerne hätten, dass die Politik so wäre wie die Beziehungen zwischen den Völkern (und ja, was du erwähnt hast, ist tatsächlich eine schöne Sache, in Moskau gibt es so einige Syrer), aber sie ist es nicht.

          Was die Houthis angeht: China, und vor allem Venezuela, werden ihre kaum nachvollziehbaren Gründe gehabt haben (ich vermute Öl und Geld). Russland hat seine Gründe, nämlich seine überaus komplexen Beziehungen in der arabischen Welt.
          Und es sollte dir auffallen, dass die Reaktionen einer langen Reihe an arabischen Staaten (bsw. Ägypten & Pakistan), die die Saudis als ihre Verbündeten hypen, bislang nix, und wirklich rein gar nix gemacht haben in der Frage, sondern nur außerordentlich verhalten reagiert.
          Warum sollte Russland es anders handhaben? Russland hat mit den Houthis nix zu tun.

  • S. Matt (triangolum)

    Wir hatten das Thema schon einmal. Technisch betrachtet ist eine Batterie S-300WM mit zwei oder vier Startern und einem Radar usw. nur schwer in Syrien zu schützen. Das bedarf erst einmal einen halbwegs sicheren Ort.

    Eventuell der Raum um Tartus oder nördlicher oder um die Base Tiyas herum. Aber selbst diese Gebiete wären nicht zu 100% sicher. Da wir hier um einen Wert von mehr als 1 Mrd. US Dollar reden und die Partner Iran, Russland und China dafür aufkommen müssten ist das nicht vermittelbar wenn solch ein System recht schnell zerstört wäre.

    Zum Schutz müsste eine ganze Brigade abgestellt werden. Dazu Buk M1 und Tor M1 sowie Panzir zum Schutz der Truppen. Beide Orte wären machbar aber dieser Schutz denn kann Syrien Aktuell nicht zusätzlich aufwenden. Dafür ist die Zusätzliche Fähigkeit zu gering.

    Dazu kommt noch das Israel deutlich machte was es tun würde damit das S-300 nicht in Syrien an den Start geht. Die Aussage von Putin dem Iran wird S-300 (wohl PMU2 aus russischen Beständen bis Ende des Jahres) unter russischer Flagge zu liefern zeigt wie ernst das manche sehen.

    Die südliche Flanke von Syrien ist schon nahezu sauber von S-xy Systemen. Syrien braucht andere Waffen und Mittel als S-300. Solche Systeme könnten später immer noch kommen vers Iran.

    Daher sind Putins Worte voller Deutlichkeit weil es einfach ist diese zu sagen. Liefert er jetzt dafür aber 30 weitere Panzir-S um mal TOW zu killen und oder TOR dazu T72B3 und moderne Schutzwesten wäre Syrien viel mehr geholfen.

    Auch der Iran sollte die Operationen mit Drohnen verstärken, Spezialkräfte massiv Aufstocken zur Aufklärung und Bekämpfung. Dazu auch seine F5 Kopie Syrien liefern. Günstig aber sehr wertvoll für Luftangriffe. Das selbe mit der AH-1 Kopie, denn Toufan2. Leider passiert das nicht.

    Zumindest der Iran wird weiter sich festigen und damit Syrien auch halten können. Wenn diese Regierung dort nicht alles kaputt macht!

  • jowi

    Politik ist die Kunst des Machbaren. Darin ist Putin, wie ich finde, nicht schlecht.
    Schon die Lieferung der Dinger an den Iran ist mutig. Die Israel-Lobby ist bekannt sehr einflussreich und sehr aggressiv.
    Der Hinweis auf Syrien war wohl ein Versuch die por-israelischen Falken zu besänftigen: schaut, wir haben uns zurück gehalten. Bezweifle, dass diese Fanatiker das beruhigt, aber es zeigt mal wieder Putin als Realpolitiker. Wo die Grenze ist, bis zu der er sein Blatt ausreizen kann, das kann er nur ahnen, wir wissen es noch sehr viel weniger.

  • Herzog

    naja, 2-3 Jagdflieger vom Himmel holen. Wenn Rußland die S-300 geliefert hätte wäre der syrische Luftraum dicht gewesen. Der „Eintrittspreis“ für jegliche Luftstreitkräfte (auch USA) wäre viel zu hoch gewesen. Allerdings erst WENN alle Systeme einsatzbereit gewesen wären.