Odessa. Ein Jahr später

Liebe Leser,

am heutigen Tage, dem 2. Mai 2015, jährt sich das Massaker in Odessa zum ersten Mal, welches im folgenden Video schön zusammengefasst ist:

Wir erinnern uns: Antimaidan-Aktivisten hatten im Kulikowo-Park vor dem Gebäude ein Zeltlager aufgestellt, demonstrierten (im Gegensatz zum Euromaidan) friedlich für eine Föderalisierung der Ukraine und gegen die in Kiew (was Fakt ist) durch einen Putsch an die Macht gekommene Junta.

Zum Thema, einschließlich der grausamen Details, ist eigentlich alles gesagt worden.

odessa_20140502Die Unklarheiten zu diesem Ereignis, seines Ablaufes und seiner Akteure, sind minimal, die Beweislast gegenüber dem Mob, der den von Oligarchen kontrollierten Fußballklubs und dem Euromaidan treu ergeben war, erdrückend, und die Involvierung hochrangiger Mitglieder des neuen Regimes (beispielsweise Andrej Parubij, der sich am gleichen Tag in der Stadt aufhielt) ebenso wahrscheinlich wie die Vermutung, dass das Massaker vorab geplant war, denn woher hätte der Mob auf die Schnelle sich die Waffen und das Benzin besorgen sollen, wäre es lediglich eine bedauernswerte Eskalation eines Zusammenstoßes von entgegengesetzten Demonstranten gewesen, wie seitdem behauptet wird?

Das Verhalten zweier Akteure nach diesem Massaker verdient eine besondere Erwähnung:

Die Junta und der ihr unterstellte Sicherheitsapparat kehrte Täter- und Opferrollen um. Jene Polizeieinheiten, die sich sehr zaghaft am Anfang der Katastrophe sich dem Euromob in den Weg gestellt hatten, wurden dafür scharf angegriffen und verfolgt, ebenso über hundert der Antimaidananhänger, die es geschafft hatten, das Massaker zu überleben, und daraufhin eingesperrt wurden.

Der westliche Medienapparat wiederum stellte sich, wie von der Anstalt vorbildlich persifliert, der Junta treu zur Seite.

Hat man sowohl zuvor, als auch danach nie gezögert, mit Leichenfledderei Hetze gegen „Separatisten“ und anderes Untermenschentum zu betreiben (z.B. bei MH17), so lautete die Schlagzeile beispielsweise bei der Tagesschau so:

„In Odessa sind bei Zusammenstößen zwischen pro-russischen Aktivisten und Regierungsanhängern mindestens 46 Menschen ums Leben gekommen.“

Wobei die Täter- und Opferrollen zwar offengelassen werden, durch die Erstnennung der „pro-russischen Aktivisten“ deren Täterschaft insinuiert wird.

Hanlons Rasiermesser („Never attribute to malice that which can be adequately explained by stupidity.“) findet in der westlichen Berichterstattung zur Ukraine ebenso wenig Anwendung wie zu vielen anderen außenpolitischen Themen, denn das Muster ist eindeutig, selbst wenn einzelne Patzer angeblich ein Versehen waren.

Die Kriegstreiberei mit Bezug auf dem Abschuss der MH17 oder dem Chemiewaffenangriff wurde betrieben, obschon, für alle deutlich erkennbar, die Täterschaft nicht eindeutig feststand oder feststeht. Als also beim Massaker von Odessa mit seiner eindeutigen Täterschaft außer einer bloßen Zurkenntnisnahme jegliche Reaktion ausblieb, so war das eine bewusste Wahl. Sollte den verantwortlichen Redakteuren die Täterschaft wirklich unbekannt sein, was aufgrund des äußerst geringen Rechercheaufwandes unwahrscheinlich erscheint, so wäre dies wieder eine bewusste Wahl (plausible deniability).

Auf die Spitze getrieben kann deshalb behauptet werden, dass der westliche Medienapparat mindestens das Massaker deckt, wenn nicht sogar es gutheißt, und durch ihre Deckung einen Teil der moralischen Verantwortung trägt.

Das Gewerkschaftshaus in Odessa wurde am 02. Mai 2015, dem Jahrestag des Massakers, von bewaffneten Einheiten abgeriegelt.

Das Gewerkschaftshaus in Odessa wurde am 02. Mai 2015, dem Jahrestag des Massakers, von bewaffneten Einheiten abgeriegelt.

Wie dem auch sei: Es sollte an diesem Jahrestag eher um die Totenandacht denn um (ob begründet oder nicht) politisches Agitieren gehen, alles andere wäre pietätslos.

Es ruft aber auch schmerzlich in Erinnerung, dass die Verantwortlichen nicht nur noch nicht gefasst wurden, sondern immer noch die Macht halten. Massaker wie das bei Ghouta und möglicherweise die MH17 hatten ja eben ihre mediale Ausnutzung zum Ziel. Das Massaker von Odessa wiederum stellt in der ukrainischen Geschichte eine weitere Zäsur dar und hat die Spaltung des Landes vertieft. Die Ukraine markiert diesen Jahrestag übrigens dadurch, dass sie weitere 3.000 Polizisten nach Odessa verlegt hat.

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  • Der einzige Grund, aus dem sich die Ermittlungen nach dem Massaker in Odessa noch keinen Zentimeter Richtung Aufklärung bewegt haben, ist die direkte Beteiligung der faschistischen Kiewer Regierung an diesen Ereignissen.

    Davon ausgehend, was man heute über die Hintergründe weiß, kann man sagen, dass es durchaus kein Exzess und nicht nur Stampede und Instinkte waren, die zur Katastrophe vom 2. Mai 2014 führten. Das Massaker, oder dessen Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit, waren geplant und gewollt. Inzwischen „verquatschen“ sich diverse ukrainische Faschisten oft genug damit, dass „Odessa“ der Preis dafür gewesen sei, keine „Donezker Zustände“ in anderen Regionen der Ukraine zuzulassen.

    Dabei kann man sich ruhig noch einmal vor Augen führen, dass die Ereignisse vom 2. Mai 2014 nicht in Odessa begannen. Die Tragödie dort wurde erst am Abend des Tages offenbar. Der 2. Mai 2014 begann mit dem ersten massiven Erstürmungsversuch von Slawjansk. Seit den frühen Morgenstunden gab es Artillerie- und Luftangriffe, mehrere Checkpoints der Volksmilizen wurden überrannt, und von den zu dem Zeitpunkt noch praktisch unbewaffneten Leuten (siehe die Bilder von damals) wurden mindestens zwei umgebracht. Die „Checkpoints“ hatten in diesem Stadium mehr oder weniger Signalfunktion, von Abwehr konnte gar keine Rede sein.

    Der Erfolg der faschistischen Strafkorps (keine reguläre Armee, sondern „Sondereinheiten des Innenministeriums“ und der Euromaidan-Selbstwehr, sprich militärisch bewaffnete und ausgestattete faschistische Terrorgruppen) an diesem Tag war die Einnahme des Berges Karatschun mit seinem charakteristischen TV-Mast; von diesem Berg aus wurde Slawjansk und Umgebung in den kommenden Monaten immer wieder mit veheerenden Artilleriebombardements eingedeckt. Die Volkswehr hatte zum damaligen Zeitpunkt nur ein einziges Ziel: eine Woche lang durchzuhalten und das Referendum am 11. Mai durchführen zu lassen, wonach es, wie man meinte, entschiedene Hilfe aus Russland geben würde. Diese entschiedene Hilfe kam aber nie.

  • Jones Bones

    Nachtrag:
    Sowohl das ZDF, als auch viele andere Medien der Welt illustrierten am gestrigen Tag schön, was ich im Artikel über ihr Verantwortungsbewusstsein und ihre Pietät gesagt habe: Sie haben keine.
    Plötzlich wird die eine Seite als „Pro-ukrainisch“ bezeichnet, als ob irgendeine ihrer Taten im Interesse der Ukraine wäre. Die andere Seite besteht aus „pro-russischen Aktivisten“ und „Freunden Moskaus“, also im Klartext Kreml-Agenten, als ob es die Tatsache nicht gebe, dass die Ukraine wirtschaftlich immer schon ein gespaltenes Land war, dass der Süden und Osten des Landes doppelt so viel verdient wie die Provinzen im Westen, dass diese Teile nicht nur die Krawalle des Westens satt hatten, sondern auch die Tatsache, diese auch noch bezahlen zu müssen und deshalb auch auf eine Föderalisierung drängten. Aber diese Innenpolitik findet keine Anerkennung. Wer nicht pro-ukrainisch, also Rechter Sektor ist, ist offensichtlich ein Freund Putins.

    http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/2396580/Jahrestag-des-Gewaltausbruchs-von-Odessa?setTime=16.629#/beitrag/video/2396580/Jahrestag-des-Gewaltausbruchs-von-Odessa
    „Waren das Lynchmorde eines pro-ukrainischen Mobs an den Freunden Moskaus?“, fragt Klaus Kleber mit sarkastischer Stimme, um dann hinzuzufügen, dass das Propaganda sei.
    Der Vater vom ermordeten Designer wird als nicht ganz zurechungsfähig beschrieben (emotionale Attribute: „bitter“, etc.), als er die Kiewer Machthaber beschuldigt.
    Später kommt ein anderer Vater, der eines ermordeten „Pro-Ukrainers“, wie das ZDF es so schön nennt, zu Wort.
    Man braucht nicht lange zu recherchieren, es steht sogar im nachfolgenden Guardianartikel, dass Igor Ivanov, der laut Vater als Held für Rechtstaatlichkeit etc. gestorben ist, ein Mitglied des rechten Sektors war. Das ZDF lässt sich dennoch Zeit für diese Ode, erhebt keinen Einspruch, weist auf diesen für mich bestehenden Widerspruch zwischen „Pro-Ukrainern“ und Rechter Sektor nicht hin.
    Das Gewerkschaftsgebäude wird gezeigt, aber die tausenden an bewaffneten Einheiten, die Kiew dorthin verfracht hat und die die Filmcrew garantiert gesehen hat, hingegen nicht. Irrelevant, der Pointe nicht förderlich.
    Wir bekommen zu hören, die „Gruppe zweiter Mai“, eine „Freiwilligengruppe“ (wohl genauso freiwillig wie die „Freiwilligenverbände“ in der Ostukraine) herausgefunden haben will, was sie herausfinden wollte: Das ganze sei eine Verkettung böser Umstände gewesen.
    Und Igor Palitsa, der Gouverneur von Odessa, der nicht aus Odessa stammt, sondern aus dem Westen, der ein Vassal des Igor Kolomoisky ist und ihn beim Plündern gewähren lässt, erklärt uns noch, das hat den Leuten klar gemacht, wie man mit einander zu reden hat.
    Na dann ist ja doch alles gut.

    Der Guardian macht übrigens das Gleiche, referiert wieder zur „Gruppe 2. Mai“, erklärt uns aber noch, dass an alledem eigentlich die „Pro-Russen“ schuld waren. ‚Türlich.
    Kenn ick allet ja auch. Manchmal geht man so schön durch den Park spatzieren, einer rempelt mich an, ick verfolge ihn dann mit meiner Waffe quer durch den Park und die Stadt zu seinem Zuhause, und fackel den kompletten Wohnblock samt Frauen und Kindern dann mit meinem Molotovcocktail ab, ohne dass irgendwelche Polizei- oder Rettungskräfte einschreiten. Da kann man ja nix für! Ist nur eine Verkettung blöder Umstände! Waffen und Benzin habe ich immer dabei, das bedeutet nicht dass ich unbescholtener Bürger von Anfang an auf Eskalation aus war! Und überhaupt, der andere ist schuld!… Irgendwie!

    • urkeramik

      Der 2.Mai markiert das Ende des Experimentes „unabhängige Ukraine“ das 1991 gegen den Willen der Bevölkerungsmehrheit begonnen wurde. Und den Beginn des Bürgerkrieges. Was daraus werden wird wird man in fünf Jahren sehen, vielleicht mehrere Staaten, vielleicht ein grosses Neurussland, welches Galizien „in die Unabhängigkeit“ schickt, vielleicht ein Beitritt zur russischen Förderation.
      Der 2.Mai markiert auch das Ende der Illusionen über den „freien Westen“ im nachsowjetischen Raum, zT auch im Westen selbst, der ukrainische Bürgerkrieg wird zum Katalysator für die anti-hegemonialen Kräfte in der Welt. Vielleicht wird man später einmal sagen „die Ukraine war für die anglo-zionistischen Weltherschaftspläne das, was Stalingrad für den deutschen Faschismus war.“ (Syrien würde in diese Analogie dann den Platz Leningrads einnehmen) – Aber noch ist die Schlacht nicht geschlagen, noch ist das „Herz von David Jones“ nicht durchstochen.
      Mögen die Toten in Frieden ruhen!

      • Enis

        Solange das Monopol des zionistischen Drecks-Inzestlobbys in der Medienlandschaft nicht zerstückelt wird, solange werden wir noch über die Doppelmoral, die Gleichgültigkeit und die Heuchlerei dieser Anstalten über uns ergehen lassen. Gestern Afghanistan, Irak, Libyen, heute Syrien bzw. Neurussland, morgen woanders…

        Dieser Wunsch wird leider niemals in Erfüllung gehen…

        • urkeramik

          Enis: Viele Schlachten in diesem seltsamen Krieg, von dem Syrien nur ein Schauplatz von vielen ist, laufen unbemerkt. Hier eine Siegesmeldung:

          „Seit Januar 2014 haben Russische Investoren und Anleger von der CoL rund US$356 Mrd.abgezogen und nach Russland transferiert. Wie die Times (http://www.thetimes.co.uk/tto/business/economics/article4429596.ece) berichtet, ist der immense Kapitaltransfer der anhaltend russlandfeindlichen Politik der britischen Regierung geschuldet. Die im Zusammenhang mit ukrainischen Verwerfungen stehende zunehmende britische Haltung lässt offenbar immer mehr wohlhabende Russen über die Sicherheit ihres Geldes in London nachdenken – und aktiv werden.
          Britische Finanzexperten befürchten, dass der Abzug weiterer russischer Milliarden kaum mehr aufzuhalten sei und auf Sicht weitere dreistelligen Milliardenbeträge aus London entschwinden könnten.
          Sollte sich der Trend tatsächlich fortsetzen, ist ein finanzieller Exodus der CoL nicht mehr auszuschließen.“
          https://oconomicus.wordpress.com/2015/05/04/what-goes-around-comes-around-oder-wer-anderen-eine-sanktionsgrube-grabt/

  • jowi

    Ich musste im Zusammenhang mit der Übung Jade Helm in den USA an Odessa denken. Bei dieser Übung von Militärs die überwiegend dem USASOC unterstehen (Spezial-Operationen) sollen sich unter anderem diese Spezialkräfte unauffällig unter die Zivilisten mischen. Ein Sprecher des Weißen Hauses beschwichtigte mit diesen Worten:

    “The individuals participating in the exercise won’t be traveling incognito. They’ll be wearing armbands.“

    http://www.bloomberg.com/politics/articles/2015-04-29/whoa-if-true-operation-jade-helm-15-lays-groundwork-for-martial-law

    Trugen nicht auch bei den Vorkommnissen in Odessa sowohl manche Polizisten, als auch manche Demonstranten Armbänder zur Kennzeichnung?

    Ach es ist widerlich. Medienanalyse gleicht immer mehr dem Stochern in einem Scheißhaufen.

  • Ruth

    Ein aufrüttelndes Interview mit einem Anti-Maidan-Kämpfer, der sich bei dem Massaker aus dem Gewerkschaftshaus retten konnte: http://vineyardsaker.de/ukraine/der-toedliche-kampf-antimaidan-interview-mit-wlad-woizechowskij/

  • Sollten „Lauffeuer“ noch nicht alle gesehen haben.

    „Lauffeuer – Eine Tragödie zerreißt Odessa“

  • Ruth

    „Die Führungsspitze der ehemaligen DDR-Streitkräfte warnt vor Krieg und fordert Kooperation statt Konfrontation mit Russland“ http://www.jungewelt.de/2015/05-06/023.php
    Bitte vieltausendmal teilen!

  • Ruth

    Der Russenhasser und Kriminelle Saakaschwili ist im Oblast Odessa als Gouverneur eingesetzt worden, nachdem er schnell noch die ukrain. Staatsangehörigkeit erhielt.
    Scheint so, daß sich der Krieg nun doch auch noch weiter nach Süden verlagert…

    • Petrovski

      Tatsächlich, allerdings der Oligarchenkrieg. Denn glaubt man dem Rumgeunke, so soll er Kolomoyskis Leute aus dortigen Ämtern beseitigen.

      • Soll? Hat schon damit angefangen – Palitsa (nun Ex-Gouverneur) ist ein Mann Kolomojskis. Odessa ist Zankapfel zwischen Poroschenko und Kolomojski. Durch den Verlust der Krim und die schwierige Lage in Mariupol ist das praktisch der einzige ukrainische Hafen. Wer dort das Sagen hat, kontrolliert den Export des Landes.
        Eigentlich ist das alles eine derartige Farce, dass man gar keine Worte mehr findet. Als ob Klitschko in Kiew nicht genug wäre… Kein Wunder, dass die EU statt mit der Ukraine die Visafreiheit lieber mit Vanuatu, Samao und noch ein paar anderen Kleinstaaten beschließt.

    • Hier geht’s vermutlich primär um Transnistrien. Die von der ukr. Seite angrenzende Oblast steht ab sofort via Strohmann Saakaschwili unmittelbar unter US-amerikanischer Kontrolle. Ende Februar (glaube ich) hatte man sich noch gewundert, wozu man nahe Odessa Luftabwehrstellungen positioniert… Transnistrien ist ein Knoten, den die Russen nicht ohne Einbußen und Gesichtsverlust lösen können (der Transit zur Versorgung der dort stationierten „Friedenstruppen“ ist ja bereits unterbunden). Vielleicht geht’s nur um Erpressung, ähnlich wie bei der Krim-Blockade, wonach Russland (und der Donbass) brav Strom und Kohle für russ. Inlandspreise an die Ukraine lieferte und Gazprom auf sofortige Zahlung der Schulden verzichtete. Wie auch immer man es wendet, Transnistrien ist für Russland ein Problem, solange in Kiew eine faschistische, pro-westliche Regierung an den Hebeln ist. Dass man das Problem dort, in Kiew, angeht, braucht man wohl nicht mehr zu hoffen.