Wieder vom Weißen Pulver

Zemanta Related Posts ThumbnailVor ein paar Tagen veröffentlichte Reuters einen Bericht über angeblich in Syrien (andere Quellen konkretisieren: in Barzeh) gefundene Spuren von Sarin und VX, was Beweise dafür sein sollen, die syrische Regierung habe eine gewisse Menge an chemischen Kampfstoffen vor den OPCW-Inspektoren „verheimlicht“. Außerdem gebe es Untersuchungen „systematischer und mehrfacher“ Chlorgasangriffe auf syrischem Territorium in der jüngsten Zeit. Selbstverständlich ist die Regierung der einzigen Demokratie der Welt sogleich zur Stelle und bezichtigt Assad einer groben Verletzung der entsprechenden Abmachungen von 2013.

Das alles liefert einen wunderbaren Informationshintergrund für ein Herumwedeln mit einem Reagenzglas und eine darauffolgende, nun schon vollkommen unverhohlene Demontage eines Landes. Der Vorwand könnte diesmal allerdings auch anders formuliert werden, etwa, man müsse verhindern, dass die „verheimlichten“ Kampfstoffe in die Hände von Terroristen fallen. Selbstredend werden diese Terroristen im Zweifelsfall ungeschoren davonkommen, die syrische Regierung aber könnte dabei entfernt werden.

Eine erste Welle von nach „neuen Maßstäben“ ausgebildeten „gemäßigten“ Terrorbrigaden hat, aus der Türkei kommend, zum Fall von Idlib geführt. Insgesamt waren darin rund 5.000 Takfiris involviert. Ähnlich groß ist die Zahl der Islamisten bei der derzeit von Süden aus gegen Syrien geführten Terroroffensive.

Die Amerikaner und ihre Komplizen haben längst alle Formalitäten und jegliche Etikette über Bord geworfen und bilden Terroristen zu Tausenden aus, bewaffnen sie mit modernen Waffensystemen, die effektiv gegen Panzer und Luftwaffe einzusetzen sind, statten sie mit gut ausgerüsteten und bewaffneten leichten Panzerfahrzeugen aus – mit anderen Worten, sie machen kein Hehl mehr aus dem, was wirklich läuft.

US-amerikanische TOW-Panzerabwehrraketen "gegen Apostaten". Bild: "ISIS Media" via levantreport.com

US-amerikanische TOW-Panzerabwehrraketen „gegen Apostaten“. Bild: „ISIS Media“ via levantreport.com

Alle Nachbarländer Syriens – die erwähnte Türkei, Jordanien, Israel, Saudi-Arabien – pfeifen inzwischen ganz genau so auf jeglichen Schein des Anstands und unterstützen die Terrorbrigaden und die USA offen und unverhohlen im Kampf gegen das „blutige Regime“. Die Luftwaffe der (nominell „Anti-IS“-)Koalition rauscht ununterbrochen und ungehindert durch den syrischen Luftraum. Es fehlt nur noch ein Jota bis zur faktischen Etablierung einer sogenannten „Flugverbotszone“. Ohne irgendwelche Anstalten wie den UN-Sicherheitsrat. Gut möglich, dass man die abgelenkte Weltöffentlichkeit bald bloß noch in einem Nebensatz darüber informiert, dass es diese Flugverbotszone jetzt gibt.

In Anbetracht all dessen kann es durchaus sein, dass das koordinierte Vorgehen des Westens und der Terrorbrigaden in dieser Iteration Ergebnisse bringt.

Gewisse Hinweise gibt die Zurückhaltung oder schon eher das Schweigen Moskaus dazu. Kaum noch, dass einmal „Besorgnis“ geäußert wird. Die Neutralität Moskaus in dem oben skizzierten Vorhaben wäre nämlich eine nicht zu gering zu schätzende Bedingung.

Die viele Stunden andauernden Gespräche zwischen John Kerry und Lawrow am gestrigen Tage hatten auch die Lage in Syrien zum Thema. Die Nachrichten über Krisen sind derzeit aber – zumindest in Russland – mit allen möglichen Meldungen, Analysen und Spekulationen zur Ukraine verstopft, so dass es eine günstige Gelegenheit wäre, liegengebliebene Probleme anzugehen, die nicht mehr so stark in der öffentlichen Aufmerksamkeit stehen. Dass es, klar ausgedrückt, zu einem an Moskau gerichteten „Tauschangebot“ „Ukraine gegen Syrien“ gekommen sein mag, wurde heute auch tatsächlich von einer der betroffenen Seiten artikuliert. Öffentlich. Und zwar:

„Beim Treffen in Sotschi hat Kerry die Ukraine teilweise gegen Syrien eingetauscht. Die Amerikaner sehen wohl die Perspektivlosigkeit ihrer Erwartungen an eine positive Entwicklung in der Ukraine, und gleichzeitig ist Russland dazu bereit, ihnen in Syrien nicht mehr im Weg zu stehen und das Assad-Regime stürzen zu lassen. Wenn das so weitergeht, kommen bald erste Andeutungen über einen Regime change in Kiew.“

Führungsspitze der "Radikalen Partei" der Ukraine. Im Zentrum Ljaschko, Popow auf 5 Uhr

Führungsspitze der „Radikalen Partei“ der Ukraine. Im Zentrum Ljaschko, Popow auf 5 Uhr

Diese Aussage stammt von einem Abgeordneten der Kiewer Rada von der „Radikalen Partei“. Sein Name ist Igor Popow. Im Gegensatz zum Parteiführer Oleg Ljaschko und dessen Tuntentruppe ist er aber kein Entertainer und Anheizer, sondern hat – im Auftrag des eigentlichen Eigentümers der Partei, des Millionärs Sergej Ljowotschkin – die Aufgabe, diese Partei und ihre Initiativen „zu beraten“. Nicht herumzukaspern, sondern die Wünsche der Auftraggeber auf die politische Ebene zu transportieren und den „Drive“ der Partei zu deren Umsetzung zu nutzen also.

Die oben zitierte Aussage trifft Popow im Kontext des heutigen Poroschenko-Besuchs in Berlin, bei dem Merkel diesem „ungebührliche Vorschläge zur Umsetzung des Minsker Abkommens“ unterbreiten wolle – „nämlich die Einführung von Elementen einer Föderalisierung in die [ukrainische] Verfassung und baldige, von Kiew weitgehend unabhängige Wahlen im Donbass“. Popow sieht darin ein „Fallenlassen“ der Ukraine und begründet das mit einem Kuhhandel zwischen den Amerikanern und den Russen – Syrien gegen die Ukraine („teilweise… eingetauscht“ ist ein Hinweis auf die Krim).

In diesen Kontext passte auch die Nachricht, die hinter dem Kommentar von M. K. Bhadrakumar in der „Asia Times“ steckt (Dank an Dike für den Link): Quite possibly, the transfer of S-300 missiles to Iran will be kept in abeyance for several months.“ Und dass Obama den Iran, vermutlich Syriens letzte Hoffnung, als „Terror-Sponsor“ bezeichnet, urplötzlich und so kurz nach den scheinbar erfolgreichen Atomverhandlungen.

Dass ein Tauschgeschäft Syrien gegen Ukraine (oder auch nur die Krim) theoretisch möglich ist, kann man annehmen. Den „Preis“ der Krim hat Merkel erst unlängst in einer verbalen Eskalation als besonders hoch eingestuft. Was das den Russen in der Perspektive bringen soll, ist dabei weniger plausibel. Denn selbst, wenn Poroschenko und die faschistische ukrainische Regierung durch irgendwelche anderen, Moskau genehmeren Satrapen ersetzt würde – was sollte die Amerikaner daran hindern, nach getaner Arbeit in Syrien wieder zum Thema Ukraine und Krim zurückzukehren? Die USA sind kein Land, das Kompromisse eingeht. Die Amerikaner verfolgen ausschließlich ihre eigene Linie, und wenn es dafür nötig ist, irgendwen zu belügen oder irgendjemandem etwas zu verschweigen, so tun sie das, ohne mit der Wimper zu zucken. Sie sind es schließlich, die später ihre Version der Geschichte in die diversen Wikipedias schreiben, damit der globale Ochlos seinen Informationshunger gestillt bekommt.

Ein solches „Tauschgeschäft“ böte Russland wenn, dann höchstens eine Atempause von vielleicht anderthalb bis zwei Jahren, sofern die von Popow oben befürchteten „ungebührlichen Vorschläge“ dem Donbass eine gewisse Autonomie einbringen. Das ändert nichts daran, dass es Verrat wäre. An Syrien und überhaupt an allen Idealen. Umso schlimmer, dass er nichts zu bringen imstande ist als einen Aufschub des Unvermeidlichen.

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