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Auf dem Weg zur alawitischen Bastion

[Daesh/IS] greifen gerade massivst Rebellengebiete im Norden an. Es gibt Meldungen von dutzenden Toten auf der Rebellenseite. 150 sollen es sein… (Kommentar von Achillus)

Foto: Andrej Filatov

Foto: Andrej Filatov

Sicher, die Feindschaft zwischen Daesh und der Al-Nusra-Front ist nicht vom Tisch, und die ganze Zeit über bekriegen sich die Terroristen um Aleppo, die IS drängt Al-Nusra-Brigaden im Umland von Idlib zurück, so dass es eine gewisse, nicht von der Hand zu weisende Perspektive gibt, dass die IS hier, westlich von den kurdischen „Problemzonen“, an die Grenze zur Türkei vorrückt.

Dabei hat aber die Feindschaft zwischen IS und Al-Nusra-Front keinen konzeptuellen Charakter: im Grunde geht es dabei um nichts anderes als um Unstimmigkeiten zwischen den Führungsetagen dieser Strukturen. Seinerzeit hat die Al-Nusra-Front sich der „Al-Kaida“ angebiedert, einzig um einer Unterstellung unter die Schura des IS zu entgehen. Hier geht es also eher um Verwaltung als um weltanschauliche oder prinzipielle Meinungsverschiedenheiten.

Abgesehen von solchen „Kollateralschäden“ innerhalb der Terroristenstrukturen sieht es für die syrische Armee nämlich wirklich schlimmer aus. Vor drei Tagen haben sich die Regierungstruppen aus Ariha zurückgezogen – der letzten mehr oder weniger nennenswerten Stadt in der Provinz Idlib, die noch nicht in die Hände der Takfiris gefallen war. „Idlib down“ ist nunmehr endgültig eingetreten.

Man kann es wenden wie man will, aber die Variante eines möglichen „Syrien ohne Assad“ ist wieder im Diskurs. Auch für die „Partner“ – am 28. Mai seien um die hundert russische Offiziere samt Familien aus Latakia ausgeflogen worden. In Damaskus sei eine zusammengesetzte operative Gruppe aus Militärs – Russen, Iraner und Hisbollah-Offiziere – aufgelöst worden. Solche Meldungen kommen zwar momentan noch aus „panarabischen“, Syrien durchaus nicht freundlich gesonnenen Quellen (hier: Asharq al-Awsat), werden aber in der russischen Presse zitiert, womöglich um vorzufühlen und sich vorerst nicht selbst auf dünnes Eis zu begeben.

Aber auch ohne solche, allgemein nicht sehr objektive Quellen, muss man eingestehen, dass die Lage in Syrien kritisch ist. Die Armee hat nach über vier Jahren Aufreibungskrieg keine Kräfte mehr, die neuerliche Schwemme an terroristischen Interbrigaden aufzuhalten. Die im Irak durch die IS gekidnappten Waffen und Militärtechnik („2.300 Humvees“, wie ein Jahr danach zugegeben werden musste), haben es den Terrorbrigaden gestattet, eine Unmenge neuen Kanonenfutters auszurüsten; es herrscht nach wie vor ein stetiger Zufluss aus den 4 wichtigsten Trainingslagern in der Türkei, Jordanien, Saudi-Arabien und Katar. Dazu kommen nicht unter den Teppich zu kehrende Zuströme terroristischer Irrläufer aus Zentralasien und auch Europa. Alles in allem sind auf diese Weise im Verlauf des vergangenen halben Jahres rund 20-25 Tausend Mann zum IS gestoßen; bei der Al-Nusra-Front & „moderaten“ Splittergruppen sind die Zahlen bescheidener, aber die Dynamik ist dieselbe.

Gefangene syrische Soldaten in Palmyra

Gefangene syrische Soldaten in Palmyra

Der Durchbruch der IS bei Palmyra war dabei ein durchaus logischer Schritt: hier gab es kaum nennenswerten Widerstand durch die Armee, das einzige strategische Objekt der Gegend ist die Verbindungsstraße zwischen Damaskus und Deir-es-Zor. Es ist ein Ding der Unmöglichkeit, diese Straße in ihrer Gesamtlänge zu verteidigen, was sich die Terrorbrigaden auch zunutze machten. Mit dem Verlust der Straße verliert die syrische Regierung in baldiger Perspektive und vermutlich unumkehrbar Deir-es-Zor, wo die Republikanische Garde noch bis Ende März den einen oder anderen Erfolg zu melden hatte. Damit wäre auch die Grenze zum Irak verloren.

Je weiter Daesh nach Süden vorrückt, desto besiedelter werden die Gebiete wieder und desto mehr Widerstand ist zu erwarten. Trotzdem sind es an manchen Ausläufern der Kampfhandlungen nur noch 70 Kilometer bis Damaskus…

Man muss wohl oder übel der Realität ins Auge sehen: die Syrische Arabische Armee ist inzwischen wohl kaum noch zu Gegenangriffen fähig, und das, obwohl es auswärtige Hilfe gibt – abgesehen von der Hisbollah soll sich das Kommando auf verschiedenen Ebenen zu bis zu einem Drittel aus Offizieren der iranischen Revolutionsgarden rekrutieren. Eine Möglichkeit wäre es jetzt, die Erfahrung von Ende 2012 – Anfang 2013 („Waffenstillstand“) zu wiederholen und die Banden in vorsorglich evakuierte Vororte von Damaskus einfallen zu lassen, wonach man sie unter enormen Verlusten für Infrastruktur, Mensch & Maschine ausräuchern müsste. Man hätte sie zwar dann blockiert, aber das „Ausräuchern“ bspw. von Dschobar dauert bis heute an. Das Kräfteverhältnis ist jetzt auch ein solches, dass man fast schon fürchten muss, die Terrorbrigaden drehen den Spieß um und räuchern die Armeeeinheiten irgendwo in den Damaszener Vororten aus.

dschobar-soldat

Dschobar. Foto links vom 31.12.2014, rechts die Todesmeldung vom 26.05.2015

Die andere Variante, hier auch oft genug erwähnt, weil sie einer gewissen Ratio nicht entbehrt, wäre der Rückzug in die „alawitische Enklave“ in Latakia. „Rumpfsyrien“, höhnte einmal ein Kommentator. Dort könnte man dem Konglomerat aus Terrorbrigaden noch auf lange Zeit Widerstand leisten, die auswärtige Unterstützung wäre trotzdem kritisch wichtig. Das ist dann wohl auch das, was die syrische Führung ernsthaft erwägt – es gibt bereits Meldungen über den Aufbau einer „alawitischen Bastion“ in Latakia, einschließlich des Aufbaus einer „Küstengarde“ mit Freiwilligen (die Rede ist von rund 1.500 Mann) aus der iranischen Revolutionsgarde.

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