Tal Abyad

tal-abyadDie gestrige Niederlage des IS in Tal Abyad wird zwar von den Medien als großer Sieg gehandelt, sieht aber bei näherer Betrachtung nicht danach aus, als wären das die ersten Anzeichen einer endlich greifenden und weiterhin erfolgversprechenden Strategie gegen die Islamisten. Der IS hat zwischen 50 und 70 Tausend Mann unter Waffen und operiert auf seinem sehr großen Territorium an praktisch vier Fronten gleichzeitig – gegen Damaskus, gegen Bagdad, gegen die Kurden und gegen die Islamistenkollegen von der Al-Nusra-Front bzw. der sogenannten „syrischen Opposition“, vor allem nahe Aleppo. Es ist deswegen kaum verwunderlich, dass der Angriff der Kurden auf Tal Abyad nicht zurückgeschlagen werden konnte. Ganz ähnlich lief es vor einer Weile im irakischen Tikrit, wo irakische Einheiten und schiitische Freiwilligenverbände erst eine sechs- bis siebenfache Übermacht aufbauten und die IS/Daesh-Verbände aus der Stadt herauspressten. Aber viel weiter ging es dann eben nicht.

An sich ist Tal Abyad für den „Islamischen Staat“ ein recht bedeutender Ort gewesen. Er fungierte als Tor von und in die Türkei, durch das ein guter Teil des vom IS geraubten Erdöls verschachert wurde, in entgegengesetzter Richtung gingen Waffen und Kämpfer. Es ist klar, dass ein solcher Grenzverkehr und das faktische Terrorsponsoring nicht ohne das Wissen & Zutun der türkischen Regierung (wenigstens aber gewisser bedeutender und einflußreicher Kreise in der Türkei) vonstatten gehen konnte, aber das bedeutet andererseits auch wieder, dass der IS den Verlust dieses „Tors“ an jeder beliebigen anderen Stelle der syrisch-türkischen Grenze wird kompensieren können; mag es auch weniger bequem sein als in Tal Abyad, die Tanklaster sind doch keine Pipeline, die, einmal verlegt, zu einer Lebensader wird, welche es zu verteidigen und zu halten gilt.

Interessanter ist deswegen die Frage, ob die Kurden nach Tal Abyad ihre Dynamik beibehalten und weiter gegen den „Islamischen Staat“ vorrücken. Es gibt gewisse Zweifel daran, dass sie das tun.

Denn sollte es weiter nach Süden gehen, dann kämen die Kurden recht schnell an die „Hauptstadt“ des „Islamischen Staates“, nach Ar-Raqqah. Es ist zwar nicht anzunehmen, dass der IS (für den amorphe Netzwerkstrukturen typisch sind) sich an irgendwelche Städte oder Punkte auf der Landkarte klammert und massiv Leute aus anderen Richtungen abzieht, um diese zu halten, aber die Kurden stehen vor einem weiteren Problem als nur dem militärischen Widerstand des IS.

Zemanta Related Posts ThumbnailEs gab schon vor ein paar Tagen Meldungen darüber, dass die Kurden in den von ihnen befreiten Gebieten zu nichts anderem als ethnischen Säuberungen der Zivilbevölkerung übergehen. Das betrifft die ansässigen Araber und Turkmenen. Die Kurden selbst bestreiten das auch gar nicht, erklären die massenhafte Umsiedlung dieser Leute aber mit der Notwendigkeit, sie außerhalb der umkämpften Gebiete zu bringen. De facto sagen Kurden und Vertriebene ein und dasselbe, nur ist die Motivation der beiden Parteien entgegengesetzt: „ethnische Säuberungen“ versus „Umsiedlung aus Sicherheitsgründen“; letzteres wird dadurch untermauert, dass die YPG in Tal Abyad mit irgendwelchen versprengten (bzw. aus der Türkei kommenden) Einheiten der offensichtlich nichtkurdischen FSA gemeinsame Sache machte. Für die Vertriebenen macht das im Endeffekt keinen Unterschied, zumal man als sicher annehmen kann, dass die bewaffneten Kurdenverbände diese Vertreibungen wohl schwerlich nur mit einem Augenaufschlag und flehentlichen Bitten in Gang setzt. für die Araber und Turkmenen ist es deswegen kaum zu unterscheiden, ob denn die Vertreibung jetzt aus Sicherheitsgründen oder aus Gründen einer „ethnischen Säuberung“ passiert.

Was aber, kurz gesagt, bedeutet, dass es die YPG allein durch diese – wie auch immer motivierte – Politik künftig nicht nur mit dem Widerstand des IS, sondern auch mit dem Widerstand der „normalen“ Bevölkerung zu tun bekommt. Ein weiteres Vorrücken ist damit vorhersehbar wesentlich schwieriger, da es sich in vielen kleinen Scharmützeln aufzulösen droht.

Es ist am wahrscheinlichsten, dass die Kurden sich in Tal Abyad verschanzen werden und maximal noch für eine gewisse „Sicherheitszone“ sorgen. Die Chancen, sich dort nachhaltig zu befestigen, stehen momentan recht gut; der „Islamische Staat“ hat derzeit in diesem Bereich keine Ressourcen, um eine großangelegte Gegenoffensive zu starten.

Freilich muss das Erdöl auch weiterhin über die türkische Grenze verkauft werden, solange es noch keinen direkten Zugang zum Mittelmeer gibt. Die aus vormaligen Saddam-Offizieren bestehende Militärführung des IS hat in der Vergangenheit schon einige Male unter Beweis gestellt, dass sie zu recht originellen und unerwarteten Manövern in der Lage ist. Wenn das „Tor in die Türkei“ zurückgeholt werden soll, so wird es entspechende Versuche schon in relativ kurzer Zeit geben, bevor die Kurden sich dort allzu tief eingraben können.

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