Pufferzone Nordsyrien

Jowi hat natürlich recht, bzw. hat der „Hintergrund“ recht: die Türkei beginnt endlich mit dem Aufbau der seit Jahren geplanten „Pufferzone“ in Nordsyrien. Aber es ist auch noch ein wenig mehr.

YPG-KämpferAm morgigen 28. Juli wird auf Anruf der Türkei eine NATO-Sondersitzung stattfinden. Die von den Türken aufgeworfene Frage wird durch Artikel 4 des NATO-Vertrags abgedeckt – das heißt, es geht um eine Bedrohung für die territoriale Integrität eines der Mitgliedsstaaten. Zumindest kann man den Türken zubilligen, dass sie das wirklich so sehen und eine solche Bedrohung aus ihrer Sicht besteht. Die Bedrohung besteht aber nicht etwa durch den „Islamischen Staat“, sondern dieser ist nur der Anlass für den wiederholten Versuch der Türken, ein Einvernehmen oder wenigstens eine neutrale Zurückhaltung der Bündnispartner zum Aufbau der Pufferzone in Nordsyrien zu bekommen.

Die Idee dieser Pufferzone ist nun nicht gerade neu; erste solche Äußerungen sind inzwischen vor ungefähr 3 Jahren gefallen. Die Idee an sich hat auch einen rationalen Kern: zwei Millionen Flüchtlinge aus Syrien, einschließlich der Rückzugsgebiete und Ausbildungsstätten von Terrormilizen, eine auf weiten Strecken durchlässige Grenze – all das führt im Süden der Türkei zu einer Lage, die vom Gesichtspunkt der lokalen Verwaltung einer Katastrophe gleicht. Im Grunde kontrollieren die Türken ihr Gebiet im Süden nur genau an den Stellen, wo sie militärisch präsent sind. Militärisch präsent sind sie an der Grenze zu Syrien zwar massiv, aber auch das kann nicht genügen, um alles zu kontrollieren.

Trotzdem ist das nur ein Anlass. Die Ursachen liegen tiefer, denn der Erzfeind der Türken sind die Kurden. Der Krieg in Syrien hat es den Kurden nicht nur gestattet, ihre eigenen Milizen in offensiv schlagkräftige Einheiten zu wandeln, sondern weite Teile ihrer Leute zu mobilisieren und so für eine enorme Reserve zu sorgen, die dazu in der Lage ist, etwaige Verluste schnell und recht problemlos zu kompensieren. Allein auf syrischem Gebiet stehen zwischen 100 und 200 Tausend Kurden latent unter Waffen und sind entsprechend ausgebildet. Die eigentlichen Kämpfer zählen zwischen 15 und 18 Tausend; aus den geschulten Reserven ist es dazu noch relativ schnell möglich, je nach Situation Guerilla und Selbstverteidigung (aka „Volkswehr“) aufzubauen, wie das beispielsweise in Kobane der Fall gewesen ist. Eine gute Doku zu diesem Thema gab es unlängst bei RTД.

Das ist es, was für die Türkei nicht hinnehmbar ist – und nicht etwa der IS, der z.B. seine Erdölexporte nach wie vor größtenteils über die Türkei realisiert. Die Massenverhaftungen nach dem Anschlag in Suruç galten denn auch eher den Kurden als irgendwelchen IS-Zellen, wie man vielleicht angenommen hätte. Man kann sich wohl zu Recht die Frage stellen, ob die türkischen Machthaber da nicht an einem Strang gegen einen gemeinsamen Feind ziehen.

Ein weiteres Ziel der Türken ist natürlich Baschar al-Assad. In diesem Kontext wird die alte „Ente“ wiederbelebt, Assad koordiniere seine Luftangriffe gegen „Rebellen“ mit dem IS, welcher damit de facto die syrische Luftwaffe gegen seine lokalen Gegner „bestellen“ könne. Die tatsächliche Lage interessiert dabei niemanden, denn dieses Thema wird zu nichts anderem, als zum Zwecke der Errichtung einer Flugverbotszone über dem künftigen „Puffer“ auf syrischem Territorium aufgeworfen. Zur Durchsetzung dieser Flugverbotszone wird es dann selbstverständlich auch keine Absprachen mit der syrischen Regierung geben.

Schließlich gibt es noch ein eher innenpolitisches Ziel – die jetzigen Machthaber brauchen nichts dringender als einen medialen Sieg und einen Ausbruch von Patriotismus im Lande, mindestens seit der letzten Wahl. So könnte der Drift im Feld der Wählerschaft und die lädierte Autorität der Islamisten korrigiert werden, wofür es nichts besseres geben kann als einen kleinen und siegreichen Krieg. Es gibt natürlich hinsichtlich des „Sieges“ gewisse Fragen, aber wenn man sich nicht gar so ambitionierte Ziele setzt, ist dieses Problem in den Griff zu bekommen. Syrien ist nun wirklich nicht in der Lage, um noch einer Aggression gegen sich adäquat entgegenzutreten.

Im Folgenden könnte dieses Beispiel Schule machen und zu analogen Pufferzonen etwa von jordanischer Seite führen. Kurz, es geht bei alledem mitnichten um den „Islamischen Staat“, der bestenfalls gelenkt, aber nicht bekämpft wird.

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