Beiträge mit Tag ‘aserbaidschan’

Nichts persönliches, nur Business

Nach Herrn Kerry eilt der britische Premier Cameron nach Moskau. Zum gleichen Thema – Syrien. Das Motto dieser Visiten: “Die Gewalt nimmt weiter zu, deshalb müssen wir schleunigst einen Ausweg aus dieser Situation besprechen.”
Die Frequenz, mit der Führungspersönlichkeiten und oberste Amtsträger derzeit in Moskau vorsprechen, zeugt zweifelsfrei von zwei Fakten: Erstens, die Lage in Syrien bricht insgesamt tatsächlich zugunsten der legitimen syrischen Regierung um. Geht es so weiter, wird die Lage bald irreversibel, wenn sich nicht schnell jemand einmischt – die rein militärische Niederschlagung der “terroristischen Internationale” ist durchaus wahrscheinlich.
Zweitens, der Iran hat keinerlei Anstalten gemacht, auf die Winke und Augenzwinkereien der USA einzugehen und lehnt ein “Einlenken”, d.h. einen Deal mit dem Westen, ab – exemplarisch dafür die entsprechenden Äußerungen des Großayatollah vom Februar und März diesen Jahres. Damit kann man die hier mal erfolgte Spekulation eigentlich größtenteils ad acta legen. Man hat zwar erreicht, dass der Iran bei den Verhandlungen zum Atomprogramm Zugeständnisse gemacht hat, aber es scheint, als sei es nicht das gewesen, was die USA wirklich interessiert hat. Die Phase der Präsidentschaftswahlen im Iran beginnt gerade erst, aber es ist bereits absehbar, dass die Reformer aus der Gruppe Rafsandschānī eigentlich chancenlos sind. Es sieht nicht nach Änderungen in der Politik des Iran aus. Aber in der Richtung muss “gearbeitet” werden – die nächste Chance kommt nicht so schnell.
Kerry und Cameron werden in Moskau folglich ihrerseits gewisse Deals angeboten haben. Einen anderen Grund für die plötzlichen Aufmärsche in Moskau gibt es nicht. Es ist jedenfalls nicht plausibel, dass die Sponsoren der Aggression gegen Syrien plötzlich wegen der dort herrschenden Gewalt besorgt sind.
Möglich ist nämlich, dass die westlichen “Partner” Russlands unter dem Deckmantel von Gesprächen zu Syrien das altbewährte Schema “angelsächsischer” Politik fahren: in einer bestimmten Frage wird Druck bis hin zu Drohungen aufgebaut, wonach man sich betont unwillig auf frühere Positionen zurückzieht und dabei Zugeständnisse in einer ganz anderen Sache bekommt. Simpel, aber seit Jahrhunderten bewährt.
Syrien ist Russland viel zu wichtig. Und dabei ist für Syrien ein Sieg möglich. Der Westen muss folglich drohen, die Lage zurück ins totale Chaos zu stürzen, bis hin zum Szenario einer direkten militärischen Intervention. Das Ziel der Amerikaner ist aber der Iran. USA und Großbritannien können sehr wohl bezüglich Syrien zurückrudern und dafür von Russland Neutralitätszusicherungen hinsichtlich ihrer Aktionen im Iran erwirken.
Das Problem für Russland besteht darin, dass eine “Iran-Krise” höchstwahrscheinlich von Aserbaidschan aus lanciert wird. Das kann man aus den Meldungen der vergangenen Wochen und Monate eigentlich recht deutlich erkennen. Die aserbaidschanischen Medien begannen recht exakt zum Zeitpunkt des Beginns der diesjährigen Präsidentschaftswahlen im Iran, bzw. ungefähr zum Zeitpunkt des Beginns der Registrierung der Kandidaten, deutliche anti-iranische Kampagnen, wo der Iran vielleicht noch nicht ganz als Feind, aber doch als schwieriger Nachbar dargestellt wird. Die Inhalte und Vorwände variieren, derzeit sind es gewisse Verhaftungen von Aserbaidschanern im Iran auf Grundlage von Spionagevorwürfen. Vesti.az exemplarisch zum Tenor:

Dort ist es inzwischen einfach nur gefährlich für Aserbaidschaner. Jeder Aserbaidschaner läuft Gefahr, im Iran als Geisel genommen zu werden, wonach man aus ihm Geständnisse über die Verbindung zum Mossad herausprügeln wird… nach den Worten des Analytikers [der Chef des aserbaidschanischen “ATLAS-Zentrums für politische Forschung” Elhan Schahinoglu - apxwn] seien die Worte Ahmadinedschads über seine Liebe zu Aserbaidschan eine glatte Lüge… usw.

Auf die gleiche Weise äußern sich in dem Beitrag bei Vesti.az ranghohe Militärs, ehemalige Präsidentenberater und andere “hohe Tiere”. Sieht ganz so aus, als mache man den Iran in den Augen der Aserbaidschaner langsam und stetig zu einer Ausgeburt der Hölle. Wenn es bei um die oder nach den Präsidentschaftswahlen zu erwartenden (weil geplanten) Unruhen im Iran gelingt, den Eindruck von gepeinigten, unterdrückten, gevölkermordeten iranischen Aserbaidschanern zu vermitteln, so hat man den Boden für das übliche “alle Optionen auf dem Tisch” schon bereitet.
Bestimmte aserbaidschanische Politiker werden aktiv, speziell solche, die noch vor ungefähr einem Jahr mit der These aufgetreten sind, ihr Land in “Nordaserbaidschan” umzubenennen – als Analogie zu Nord- und Südkorea, weshalb es also auch Nord- und Südaserbaidschan (also den jetzt iranischen Teil) geben könne, und Westaserbaidschan (sprich Armenien) gleich mit.
Kurzum, es gibt die Wahrscheinlichkeit von Provokationen aus Richtung Norden. Und damit zurück zu Kerry und Cameron in Moskau und dem, was Russland zu überlegen hätte, wäre die russische Neutralität zu den geplanten Vorgängen im Iran wirklich des Pudels Kern: Spannungen in Transkaukasien bleiben nicht dort stecken, sondern schwappen unweigerlich in den ohnehin geladenen Nordkaukasus über. Die USA müssten der aserbaidschanischen Führung zusichern können, dass Russland bei jeglicher Reaktion auf Vorgänge im Innern des Iran neutral bleiben wird.
In diesem Lichte sieht auch der Angriff Israels auf Damaskus etwas anders aus. Israel demonstriert nicht Syrien, sondern Russland, dass – sollten die Russen beim Angebot von Kerry und Cameron etwa starrköpfig sein – die israelischen Angriffe gegen Syrien auch auf die Gefahr eines größeren regionalen Konflikts hin weitergehen werden. Israel fürchtet Syrien nicht, das ist Fakt. Aber es braucht auf Teufel komm raus den Iran. Und den fürchtet es.
Die USA, Großbritannien und Israel spielen ein und dasselbe Spiel. Sie überlassen Syrien Russland im Austausch für den Iran. Der “Austausch” wäre recht unvorteilhaft, da die syrische Regierung sich inzwischen wirklich recht gut freigekämpft hat und die Entwicklung positiv ist. Aber die Aggressoren müssen den Eindruck erwecken, dass sie das nicht zulassen. Egal wie: “chemische Waffen”, Bewaffnung der “Rebellen”, direkte Angriffe auf das syrische Militär und so weiter. Ein Bluff. Aber sehr überzeugend. Der israelische Angriff auf Damaskus ist überzeugend. Die durch den US-Kongress beschlossene Bewaffnung der “Rebellen” ist es auch.
Kerry und Cameron wollen Putin glauben machen, dass sie weiterhin Druck auf Syrien ausüben und ihn erhöhen werden. Sobald er daran glaubt, bieten sie ihm den Tausch. Dabei drängt die Zeit, die Präsidentschaftswahlen im Iran sind bereits am 14. Juni.
Kann man “dem Westen” vertrauen? Natürlich nicht. Es wird so oder so weiterhin Druck auf Syrien geben. Wenn jetzt nicht mehr, so später sicher wieder. Dabei wäre der simpel ausgedrückte “Austausch” Syrien gegen Iran natürlich abzulehnen. Der Iran schafft das allein. Genau wie Syrien. Es sei denn, sie werden zynisch verraten, und das wahrscheinlich – wie gehabt – ohne irgendwelche Vorteile für den, der sie verrät. Auf einen Bluff hereingefallen, der freilich sehr überzeugend daherkommt.

Wochenschau Nahost, Folge 39

Waliulla Jakupow und Ildus Faisow, Tatarstan, Russland
Waliulla Jakupow und Ildus Faisow, Opfer von Anschlägen

Die neue Folge des Wochenrückblicks der russischen VK-Gruppe “Umgestaltung der Welt” beleuchtet zusammenfassend die Entwicklungen in Syrien, Aserbaidschan und Tatarstan (Russland). Das sind relativ kurzweilige achteinhalb Minuten Videoreportage, die Kollege Halfdralf dankenswerterweise mit einem deutschen Voice-Over versehen hat. Unter dem Video findet sich der Text der Reportage mit einigen weiterführenden Links.

Syrien

ab 00:43

Der Konflikt in Syrien nimmt an Dramatik zu. Nach wie vor nimmt Ankara eine der Führungsrollen in der Aggression gegen Syrien ein. Die Türkei hat als Reaktion auf das Erstarken der Kurdenbewegung erstmals seit Jahren Manöver nahe der syrischen Grenze durchgeführt. Diese Manöver laufen in den Provinzen Şanlıurfa und Mardin nur 2 Kilometer von der Grenze zu Syrien entfernt. Ziel ist die Vorbereitung von Operationen gegen Ortschaften auf syrischer Seite. Die Türkei hat ebenso, bestätigten Angaben zufolge, bisher 20 MANPADS an die in Syrien operierenden bewaffneten Kämpfer übergeben.
Jüngsten Angaben zufolge befindet sich in der türkischen Stadt Adana, die rund 100 Kilometer von der syrischen Grenze entfernt liegt, das Kommandozentrum der in Syrien operierenden Militia. In unmittelbarer Nähe befindet sich der Militärstützpunkt Incirlik, welcher US-amerikanische Streitkräfte und Aufklärungsdienste beherbergt.
Charakteristisch ist, dass dieser Tage ein Streit um ein Foto mit Barack Obama entbrannt ist. Darauf sieht man diesen bei einem Telefongespräch mit dem türkischen Premier Erdogan; er hält einen Baseballschläger in der Hand. Man interpretiert das als dezenten Hinweis darauf, wer in Wahrheit der Herr der Lage im Nahen Osten ist. Die türkische Opposition hat bereits ihren Protest geäußert und Erdogan aufgefordert, auf diese implizite Beleidigung des türkischen Volks zu reagieren.
Der US-amerikanische Präsident lässt sich überhaupt gern mit Baseballschlägern ablichten. Hier ist Barack Obama mit einem solchen Gerät, hier wieder, und hier hat seine Frau einen, und hier Barack Obama als Kind mit Baseballschläger. Würde Väterchen Freud noch leben, hätte er vielleicht etwas dazu zu sagen.

Das sind nur Übungen…

ab 02:17:
Von der direkten Verstrickung der USA in den syrischen Konflikt haben wir von den ersten Ausgaben an gesprochen, inzwischen hat diese Information ihre offizielle Bestätigung.
Es geht um eine geheime Anweisung Barack Obamas, welche es dem CIA gestattet, den Rebellenkämpfern auf syrischem Territorium Hilfe zu erweisen. Derweil sieht man in den USA vor, die finanzielle Unterstützung der Terroristen auszuweiten. Zusätzliche 15 Millionen Dollar sollen für die Gewährung nichtmilitärischer Hilfe freigestellt werden.
Diese nichtmilitärische Unterstützung der USA ist dieser Tage in den Persischen Golf eingelaufen. In Gestalt des Flugzeugträgers “Eisenhower” samt Begleitschiffen.
Von der anderen Seite sind die nichtmilitärischen Angriffsboote “Aleksandr Otrakowskij”, “Georgij Pobedonosez” und “Kondopoga” bereit, den Hafen von Tartus anzulaufen. An Bord jedes der Schiffe befinden sich rund 120 bewaffnete Marinesoldaten.
Auch China entbietet der Region nichtmilitärische Grüße. Wie bekannt wurde, hat das Verteidigungsministerium der VR China die Genehmigung erhalten, bis zu 12 Schiffe durch den Suezkanal Richtung Tartus zu manövrieren. Es sind gemeinsame Manöver mit den Flottenverbänden Russlands und des Iran vorgesehen. Offiziell wird das dementiert, allerdings ist das erste chinesische Kriegsschiff bereits an der israelischen Küste vorbei- und in syrische Hoheitsgewässer eingezogen und erregte damit einiges an Aufsehen. Allerdings ist die Sorge des Westens unbegründet, denn es handelt sich um gewöhnliche Antipiraterie-Manöver.

Groß-Aserbaidschan

ab 03:50:
Im Falle eines Militärschlags gegen den Iran wird dessen nächster Nachbar, Aserbaidschan, unweigerlich in den Konflikt hineingezogen. Aus diesem Grunde widmen wir unsere Aufmerksamkeit wieder dieser Republik.

Aserbaidschan. Demonstration an der iranischen Botschaft

Die Beziehung zwischen Aserbaidschan und Iran verschlechtern sich weiter. Das ist nicht verwunderlich, denn Alijew orientiert sich mehr und mehr am Westen. Die letzten Ereignisse geben Grund zur Annahme, dass im Falle eines Kriegs mit dem Iran Aserbaidschan die Seite der USA einnehmen wird und diesen allseitige Unterstützung leistet.
In der vergangenen Woche wandte sich der US-amerikanische Kongressabgeordnete Dana Rohrabacher mit dem Aufruf an Hillary Clinton, den Unabhängigkeitskampf der im Iran lebenden Aserbaidschaner zu unterstützen.
Zur Erinnerung: im Norden des Iran leben rund 18 Millionen Aserbaidschaner. Das abenteuerliche Projekt der Schaffung eines Groß-Aserbaidschan sieht die Vereinigung der iranischen Provinzen Aserbaidschan mit dem heutigen Aserbaidschan vor. Nicht verwunderlich, dass der Iran davon nicht begeistert ist. Keinen großen Enthusiasmus ob dieser Sache verspüren auch die Aserbaidschaner selbst, denn ihre südlichen Nachbarn leben bereits lange Zeit nach anderen Regeln und Sitten.
Allerdings gilt die Meinung der Bevölkerung wenig, wenn Politiker das Sagen haben. Der US-amerikanische Kongressabgeordnete tut damit nichts weiter, als einen Konflikt zu provozieren, wodurch sich die Beziehungen zwischen dem Iran und Aserbaidschan weiter verschlechtern sollen.

Russische “Rebellen”

ab 05:31:
Zurück zur Lage in Russland. Wenn man die Nachrichten von den Greueln der Islamisten in Syrien, Libyen, dem Irak und Afghanistan hört, scheinen diese Ereignisse weit entfernt und für uns irrelevant. Allerdings ist das ein Irrtum. In Russland bildet sich tatsächlich ein wahhabitischer Untergrund.
Die dreisten Anschläge auf religiöse Führungspersönlichkeiten in Tatarstan haben die Behörden veranlasst, dem Problem endlich Aufmerksamkeit zu schenken. Der Staatsrat, also das Parlament Tatarstans verschärfte die Beschränkungen im “Gesetz über die Meinungs- und Religionsfreiheit” der Republik. Es ist jetzt ausländischen Staatsbürgern untersagt, in Tatarstan Organisationen mit religiöser Ausrichtung zu gründen, außerdem werden Kandidaten für ein geistliches Amt, die im Ausland ausgebildet wurden, zusätzlichen Prüfungen unterzogen.
Gleichzeitig wurde in Tscheljabinsk eine Untergrundzelle der islamistischen Organisation Hizb ut-Tahrir ausgehoben. Solche Maßnahmen gehen sicher in die richtige Richtung, greifen aber allem Anschein nach verspätet.
Denn die tatarischen Wahhabiten scheuen die Öffentlichkeit und verhüllen ihre Gesichter nicht mehr. In Kasan gibt es Proteste gegen die Verhaftung von Verdächtigen im Mordfall des Mufti von Tatarstan. Fast unverhohlen werden Menschen von extremistischen Organisationen angeworben.
Die Islamisten, die erstmals massiv bei den regierungskritischen Protesten des vergangenen Herbstes und Winters aufgefallen sind, bereiten auch für den kommenden Herbst weitere Aktionen vor. Dabei geniesst deren “zivilisierter Flügel”, die Hizb ut-Tahrir, Unterstützung von Seiten der russischen Menschenrechtler, was sie in den Augen des Westens zu willkommenen Oppositionellen qualifiziert.
Zur Erinnerung: der Terrorist Doku Umarow hat bei den Protesten die russische Opposition unterstützt und geäußert, ihnen durch Anschläge gegen russische Sicherheitskräfte und Militäreinrichtungen zur Hilfe kommen zu wollen.
Um die Situation einschätzen zu können, wenden wir uns an einen Experten und bitten ihn um einen Kommentar.
Raïs Sulejmanow, Leiter des Zentrums für regionale und ethnoreligiöse Forschung des RISF in Kasan
Mit uns verbunden ist der Leiter des Zentrums für regionale und ethnoreligiöse Forschung des Russischen Instituts für strategische Forschung in Kasan, Raïs Rawkatowitsch Sulejmanow.
- Raïs, guten Tag!

- Guten Morgen, Jewgenij!

- Sagen Sie bitte, was ist Ihrer Meinung nach die Ursache für die neuerliche demonstrative Aktivität von Extremisten in Tatarstan und wie wird sich die Situation weiter entwickeln?

- Meiner Ansicht nach wird sich die Lage analog zum Szenario im Nordkaukasus entwickeln. Es hat den Anschein, als gebe es in Tatarstan das Projekt eines Transfers nordkaukasischer Zustände in diese Region. Der Grund dafür, was jetzt passiert, ist eine Zunahme des islamischen Fundamentalismus, der revanchistische Züge annimmt. Dazu wurde ein Anschlag gegen ein ideologisches Zentrum geführt – der Mord an Waliulla Jakupow, einem bekannten tatarischen islamischen Theologen und einem Befürworter des traditionellen Islam und entschiedenen Gegners des radikalen Islamismus; gleichzeitig traf ein Anschlag das institutionelle Zentrum des traditionellen Islam in Person des Mufti von Tatarstan, Ildus Faisow – bekanntermaßen ein Gegner des islamischen Fundamentalismus. So üben die islamischen Fundamentalisten Vergeltung und nutzen dafür alle erdenklichen Mittel: Protest auf der Straße, Demonstrationen, Kundgebungen, aber auch bewaffneten Untergrundkampf. Das Auftreten von Untergrund-Militia ist für all das ein deutlicher Beweis.

Schlimmer als Bunker-Buster

Süd-Aserbaidschan innerhalb des iranischen Territoriums
Süd-Aserbaidschan
Eine aktuelle Ergänzung zu „Divide et dele“, da die „Eurovision 2012“ nun endlich vorbei sein dürfte.
Der US-amerikanische Kongressabgeordnete Dana Rohrabacher ist eine äußerst interessante Persönlichkeit. Und das nicht etwa deshalb, weil es ihm irgendwie gelungen ist, seinen Allerwertesten schon seit 20 Jahren in einem Sessel auf dem Hügel zu wärmen – das spricht lediglich von seinem Einfluss in seinem Bundesstaat Kalifornien, ihm in diesem Sinne ähnliche Leute gibt es eine ganze Menge – sondern aus einem anderen Grund: er ist ein „Elefant“, äußert dabei aber fortwährend die außenpolitische Meinung der Regierung der „Esel“.
Interessant war zum Beispiel seine noch vor Obamas Thronbesteigung getroffene Äußerung, im „Fünftagekrieg“ von Russland in Georgien 2008 sei Russland eher auf der richtigen Seite gewesen, nicht etwa Georgien. Fazit seiner Rede war insofern, dass Bush und Condi damals mit ihrer Einschätzung falsch lagen.
Später, als auf dem Tahrir-Platz gerade die ersten Volksbelustigungen anfingen, äußerte er seine Ansicht, Mubarak solle sofort abtreten, dabei die Macht nicht etwa an Omar Suleiman, sondern an den einen Militärrat abtreten. Das Spaßige war, dass zu diesem Zeitpunkt noch niemand von der noch bevorstehenden kurzzeitigen Erhöhung von Suleiman träumte.
Noch etwas später forderte das State Dept. von Oberst Gaddafi, sich auf Verhandlungen mit den libyschen Rebellen einzulassen; nach Beratungen mit der Afrikanischen Union stimmte der Oberst dem zu, was niemand für möglich gehalten hatte. Und da spricht Rohrabacher nun just in dieser Episode davon, dass der Zug abgefahren sei und Verhandlungen ohnehin nichts mehr ändern würden. Was – allerdings erst fast zwei Tage später – von Frau Clinton genauso geäußert, folglich also bestätigt worden ist.
Ein bemerkenswerter Republikaner. Sehr demokratisch einerseits, prophetisch begabt andererseits. Nun gab es vor knapp zwei Wochen wieder ein interessantes Statement von ihm:

Das (aserbaidschanische) Territorium wurde 1828 im Friedensabkommen von Turkmantschai zwischen Russland und Persien aufgeteilt … Russland ist kein Faktor mehr, und der heutige Iran ist etwas vollkommen anderes, als es Persien vor fast zwei Jahrhunderten gewesen ist. (…) Eine Unterstützung der berechtigten Hoffnungen des aserbaidschanischen Volkes auf Unabhängigkeit stellt für die iranischen Tyrannen eine weit größere Gefahr dar, als die Drohung, ihre unterirdischen Nuklearanlagen zu bombardieren.

Sehr, sehr deutlich. Deutlicher geht es wirklich nicht. Nimmt man also an, dass Mister Rohrabacher, wie gewöhnlich, vor allen anderen bescheidweiß, kommt man zu folgenden interessanten Schlüssen:
  1. Die „aserbaidschanische Mine“ ist nach Meinung des Repräsentanten vom Hügel schon geraume Zeit unter den Leib des Iran gelegt worden; sie ist zur Explosion bereit, sobald jemand auf den Knopf drückt. Schiitischer Glaube gut und schön, aber die tief sitzende, über Jahrhunderte angesammelte Verfeindung zwischen Turkvölkern und Ariern ist ein bestehendes Faktum, und ein Aufflammen in „Südaserbaidschan“ würde das Land in eine zur äußeren Verteidigung unfähigen Brühe verwandeln.
  2. Die Regierung in Aserbaidschan muss sich jetzt maximal zusammenreißen. Sich notfalls mit Knüppeln und Keulen gegen die kommenden Unruhen wappnen. Denn die „lang gehegte Hoffnung“ auf „Unabhängigkeit“ und „Vereinigung“ wird, wenn sie einmal vom Stadium einer edlen Worthülse in die Realität hinabgestiegen ist, so ausarten, dass das relativ kleine, europäisch orientierte, liberale und weltliche Land (Nord-) Aserbaidschan vom großen, sehr religiösen Süden der Nation geschluckt würde. Und dieser Tendenz wäre nichts entgegenzusetzen, denn der Süden hätte die USA im Rücken, für die Alijews und das Gros der Elite Aserbaidschans bedeutete das den unvermeidbaren Zusammenbruch, wenn nicht schlimmeres.
Es lohnt sich jedenfalls, dem Herrn Rohrabacher mal zu folgen. Der ist stellenweise noch interessanter als John McCain.

Divide et dele

Wo Sanktionen nicht helfen, werden die Beziehungen des Iran mit seinen Nachbarn vergiftet. Das gute alte „teile und herrsche“ in all seiner Pracht am Beispiel des Eurovision-Gastgebers Aserbaidschan.
Zwischen Aserbaidschan und Iran gibt es territoriale Streitigkeiten. Bisher werden sie lediglich auf einer rein verbalen Ebene angeschaukelt, aserbaidschanische Parlamentarier äußern seit Wochen laute und hastige Statements, der Iran nennt Aserbaidschan nur noch den „Baku-Staat“, hat unlängst seinen Botschafter aus Aserbaidschan abberufen. All das sind die jüngsten Entwicklungen, infolge derer die Beziehungen zwischen den beiden Staaten innerhalb von nur Monaten auf quasi Null zusammengebrochen sind. Es gibt Anzeichen dafür, dass es bald in den Negativbereich geht. Es gibt faktisch keinen diplomatischen Kontakt zwischen den beiden Ländern mehr.
Ein dümmlicher Nationalismus ist durchaus in der Lage, einem Menschen, und eher sogar noch einer Gruppe davon sozusagen ein paar Latten aus dem Zaun des gesunden Menschenverstands zu entfernen. Wenn man ihm fortwährend einredet, dass dieser Maulbeerstrauch da am anderen Ufer rechtmäßig eigentlich seinen Urahnen gehört, dann fängt sein Blut zu kochen an und dieser Mensch beginnt davon zu träumen, wie er diesen Maulbeerstrauch umarmt. Die Frage, wozu er ihn überhaupt braucht, bleibt außerhalb seines Verständnisses.
Im Fall mit Aserbaidschan und dem Iran muss man gar nicht mehr anmerken, dass diese Sache ziemlich gut in die Entwicklungen der jüngsten Zeit passt. Aserbaidschan selbst ist noch in Clintons Zeiten, genau wie der ganze Kaspi-Raum, zur nationalen Interessenszone der USA erklärt worden, und diese haben nicht erst seit der Eurovision 2012 eine Basis für diese ihre Interessensvertretung in Baku aufgebaut.
Der unter schwerem Sanktionsdruck stehende Iran wird, wenn sich die Beziehungen zu Aserbaidschan weiter verschlechtern, seine wirtschaftlichen Beziehungen zu dem Land einschränken oder gar einstellen müssen. Damit wäre er gezwungen, seine überdies schon schlimme Lage noch weiter zu verkomplizieren. Und, nicht wahr, das ist es doch, was seine geopolitischen Feinde wollen… und für einen solchen eurovisionären Coup könnte man Aserbaidschan auch unter der Hand ein „Demokratie“-Zertifikat zukommen lassen.