Beiträge mit Tag ‘china’

Große Fische

Die Welt sah gespannt zu, als Putin vor knapp zwei Wochen in Schanghai war und samt dem “staatstragenden” Konzern Gazprom darum rang, den lang geplanten Erdgasdeal mit China Wirklichkeit werden zu lassen. Großes “Hurra” gab es, als das Geschäft über die zum Jahr 2018 jährlich zu liefernden 38 Milliarden Kubikmeter Gas perfekt war – das brachte nicht nur den Russen die (rein rechnerischen) 400 Milliarden USD, sondern der Welt auch den “brzezinskischen” Shift Russlands nach China.

Grubanguly Berdymuhammedow und Xi Jinping

Gurbanguly Berdymuhammedow und Xi Jinping

Im Vorschatten dieses Trubels und dabei völlig unbemerkt lief aber ein analoges Geschäft, das Putin mit seinem Gazprom wie Peanuts aussehen lässt. Der Arkadag daselbst, Turkmenistans Präsident Gurbanguly Berdymuhammedow beschließt mit China den Export von Erdgas im läppischen Volumen von 65 Milliarden Kubikmetern p.a. zum Jahr 2020 (derzeit liefert Turkmenistan immerhin 25 Milliarden Kubikmeter pro Jahr). Nochmals zur Erinnerung: mit Russland strebt China ein Volumen von 38 Milliarden Kubikmetern zum Jahr 2018 an. Über den Preis des Deals zwischen Turkmenistan und China schweigen die Philosophen.

Der “strategische Shift” und militärische Kooperation sind auch inklusive – zwar positioniert sich Turkmenistan in allen außenpolitischen Fragen anerkanntermaßen als “permanent neutral”, ist aber mit dem Erdgas-Deal nunmehr “strategischer Partner” Chinas. Das ist wahrscheinlich auch nötig, denn obwohl Turkmenistan wirklich wie ein Gasbetonklotz in der zentralasiatischen Landschaft liegt und überhaupt kein Herankommen möglich zu sein scheint, so haben sich doch fatale Grenzzwischenfälle an der Grenze zu Afghanistan in letzter Zeit gehäuft. China seinerseits sichert sich in dieser für sich äußerst volatilen Richtung zusätzlich ab – mit Afghanistan, dem durch mehrere “Farb-Revolten” gepeinigten Kirgisien, dem US-dominierten Usbekistan samt seinen Islamisten, einem ständig brodelnden Tadschikistan und der eigenen uigurischen Autonomie am Pelz ist nicht zu spaßen.

Erdgas Russland – China: Noch nicht ganz

Am Rande des derzeit laufenden China-Besuchs des russischen Präsidenten teilt dieser mit, dass man sich mit den Chinesen noch nicht über den fortan gültigen Preis für Erdgaslieferungen hat einigen können. Bisher haben die Russen sich damit einverstanden erklärt, keine Rohstoffförderungssteuer für nach China exportiertes Erdgas zu erheben, die Chinesen ihrerseits erklären, dass aus Russland importiertes Erdgas von Zöllen und Steuern befreit wird – mit anderen Worten, die beiden wollen. Und das sehr.

Mit diesen Schritten erweitert sich der Spielraum bei den Preisverhandlungen um ein ganzes Stück. Gestern noch wurde gemeldet, dass der letztendlich gültige Preis für Erdgas zwischen 360 und 380 USD pro Tausend Kubikmeter liegen wird. Mit der Abschaffung der Zölle und Steuern sieht es eher nach dem unteren Ende dieser Spanne aus.

Hier geht es natürlich um einen Liefervertrag zwischen Gazprom und der CNPC, aber es ist soweit allen klar, dass dieser Vertrag nicht einfach nur ein Handelsabkommen zwischen zwei Großunternehmen ist. Die Politik tritt hier absolut in den Vordergrund. Aus diesem Grunde ist auch der veranschlagte Preis nicht einfach nur mit dem Rechenschieber zu bestimmen. Abgesehen von den üblichen Größen wie Aufwendungen und Transportkosten und dgl. spielen bei der Preisbildung natürlich auch politische Risiken (und Chancen!) eine Rolle; solche großen Verträge bringen einen massiven Multiplikationseffekt mit sich und betreffen dann eine ganze Reihe an Branchen, wo gleichermaßen Kooperationen möglich werden – mit anderen Worten, das Erdgas ist nur Rückgrat für viel weitreichendere wirtschaftliche und politische Beziehungen. Ganz das Instrument, von dem Putin noch 2007 gesprochen hat, als er in seiner “Münchener Rede” Russlands Streben nach einer multipolaren Welt proklamierte.

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Wichtig ist, abgesehen von dem Preis, ja noch der weitere Kontext: das Handelsvolumen zwischen Russland und China beträgt jetzt schon um die 90 Milliarden USD, im nächsten Jahr sollen’s runde 100 Milliarden werden und bis 2020 soll sich diese Summe wiederum verdoppelt haben. Solche Volumina gestatten es dann schon, eine Umstellung des Handels auf die jeweiligen nationalen Währungen anzugehen – keine so leichte Frage, aber sie stellt sich immer dringender. Erst gestern hörte man vom chinesischen Ex-Botschafter in Russland, dass die gegenwärtigen politischen Aktivitäten Russland und China zwangsläufig zu einer Allianz zusammenbringen. Während Russland im Westen blockiert wird und die USA gleichzeitig China im Osten zu bedrängen versuchen, kann es nur zu einer Allianz kommen – die in erster Linie eine Allianz “gegen etwas” sein wird, und wogegen wird gar nicht verschwiegen – gegem die Vereinigten Staaten von Amerika.

Fursow: Ukraine – Rammbock gegen Russland

Der “Publikumsliebling” Prof. Andrej Fursow hat dann und wann, immer mal wieder seine Auftritte, so auch ganz selbstverständlich im Zusammenhang mit dem Putsch in Kiew Ende Februar. An seinen Einschätzungen der Lage ist wahrscheinlich der geisteswissenschaftliche Faktor die Komponente, die sie dem Leser unabhängig von Glaubwürdigkeit oder Nachvollziehbarkeit einerseits hochinteressant, andererseits schwer verdaulich macht. Es kann gar nicht anders gehen, als von relativ fest umrissenen, lokalen Problemen gleich auf die Weltarena auszuholen und Dinge herzuleiten, die man selten, wenn überhaupt, je wahrgenommen hat.

andrej_iljitsch_fursowFursow ist dabei Vertreter einer Linie an Ideologen, die vom “westlichen” – oder besser gesagt: liberalen – Standpunkt aus immer falsch eingeordnet werden, indem man sie recht ohnmächtig mal als “post-stalinistisch”, mal als “post-faschistisch” verunglimpft. Am besten erkennt man das an den eigenartigen Versuchen, den Präsidenten der Russischen Föderation, Wladimir Putin, ideologisch im herkömmlichen – d.h. im liberalen – Weltbild zu platzieren. Er sei “Post-Faschist”, er sei “Neo-Stalinist”, “Zar”, “kein Linker”, will dabei aber die Sowjetunion wieder aufbauen usw. usf. – alles Unsinn, der bestenfalls den Urheber solcher Äußerungen qualifiziert. Es wurde sogar eigens eine neue Kategorie geschaffen, worin die ganzen mühsamen liberalen Gedankengänge gespiegelt werden.

Natürlich gibt es auch Publikationen, die in die richtige Richtung deuten. Die gleichen Medien fallen aber im Allgemeinen recht schnell in gewohnte Schemata zurück, und schon sind wir wieder beim Alten.

Wer sich dem angeblichen “Phänomen” Putin nähern will, kann das, indem er sich – wie Alexander Rahr bei der “Welt” meint – mit Solschenizyn beschäftigt, oder, wer’s etwas eigenartiger und dabei moderner mag – mit Alexander Dugin oder Sergej Kurginjan. Zwar finden sich all diese Personalien vom liberalen Diskurs gewohnt unter “rechtsextrem” verortet – weil da einfach die passenden Kategorien fehlen, so dass man sich einstweilen mit “kreml-nah” oder  “Putin-Versteher” behilft – , aber Dugin beispielsweise ist bekennender Altritualist, steht insofern im Erbe einer klassischen Opposition zur herrschenden Klasse in Russland und kann schon allein deshalb sicher nicht als “kreml-nah” bezeichnet werden. Kurginjan nun ist Restaurator einer Sowjetunion, vertritt dabei aber die Meinung eines russischen “exceptionalism”. Das Schlagwort bei all dem ist aber: Eurasien.

Für Liebhaber von “Light”-Versionen von alledem gibt’s den Historiker Professor Fursow. Viel Spaß beim Lesen. Das folgende Interview mit Fursow erschien am 1. März 2014 auf VZ.ru. Die Übersetzung ist leicht gekürzt.


“Vsgljad” (VZ.ru) führt ein Interview mit Andrej Fursow über die Vorgänge in der Ukraine, über die wichtigsten geopolitischen Herausforderungen für Russland und über das derzeitige Kräfteverhältnis auf dem globalen Schachbrett

Ukraine

Andrej Iljitsch, sind Sie damit einverstanden, dass die “Februarrevolution” in der Ukraine nicht nur vom Verzicht Kiews auf die Euro-Integration hervorgerufen wurde, sondern auch damit zusammenhängt, dass der Westen im Jahr 2013 eine empfindliche geopolitische Niederlage in Syrien einstecken musste?

Im vergangenen Jahr ist es dem Westen in beiden Fällen nicht gelungen, die Ergebnisse zu erreichen, die er sich zum Ziel gesetzt hatte – nämlich die Regierung Assad zu stürzen und in der Ukraine pro-westliche Kräfte an die Macht zu bringen, um damit die Ukraine endgültig Russland zu entreißen. Während es aber nun in der Syrien-Frage Differenzen innerhalb der kapitalistischen Welt-Führungsschicht gab – es gab eine einflußreiche Gruppierung, die eine Eskalation des Konflikts in Syrien und einen daraus erwachsenden regionalen Krieg nicht wünschte – so trat der Westen in der ukrainischen Frage geschlossen auf. Dabei ist vollkommen klar, dass die Ukraine rein wirtschaftlich keinerlei Interesse für die nordatlantischen Eliten darstellt – es geht darum, die Ukraine im geopolitischen Sinne Russland zu entreißen und sie zu einem Aufmarschgebiet gegen Russland zu machen.

Der Westen braucht die Ukraine einzig als geopolitisches Aufmarschgebiet gegen Russland

In der jetzigen Situation mit der Ukraine haben die USA und die Europäische Union deutlich und ohne Scham sowohl Heuchelei, als auch Doppelstandards und Russophobie demonstriert. Nur mit letzterer kann man ihr mehr als nur “tolerantes” Verhältnis zu den ukrainischen Nazis erklären, die zu SS-Marschmusik durch die Straßen Kiews marschierten. Die Logik dahinter ist simpel: wenn die Nazis in der Ukraine (genau wie die im Baltikum) gegen Russland sind, dann lässt man sie gewähren. Daran müssen sich die Amerikaner nun nicht erst noch gewöhnen: in den Jahren 1945-1946 haben sie unter aktiver Mitwirkung des russophoben Vatikan alles unternommen, um hochrangige Nazis (darunter auch offenkundige Kriegsverbrecher) dem Schlag zu entziehen und sie in die USA oder nach Lateinamerika zu verfrachten, um sie dann gegen die UdSSR einzusetzen. Die ukrainischen Ereignisse sind eine anschauliche Demonstration dessen, mit wem wir es hier zu tun haben.

Jahresrückblick 2013: Russland

Quelle: itar-tass.com

Wäre da nicht das “Weihnachtsgeschenk” der alles übertönenden Terroranschläge in Wolgograd, könnte man sich ganz einfach mit einer Aufzählung der schönen Dinge und verdienten Erfolge Russlands auf außenpolitischem Terrain begnügen. Leider sind diese aber nur wenig durch Fortschritte im Lande selbst gesichert.

Dieses Fehlen von erkennbaren und ernstzunehmenden Fortschritten in der Innenpolitik macht die außenpolitischen Erfolge in vielerlei Hinsicht zunichte. Diese Schieflage ist allzu offensichtlich, und, offen gesagt, sogar gefährlich. Ein Sieg, dessen Früchte man nicht genießen kann, macht wenig Sinn.

Möchte man für Russland eine Bilanz der Erfolge und Misserfolge im Jahr 2013 ziehen, muss man genau aus diesem Grund besonders vorsichtig mit seinen Bewertungen sein. Die besorgniserregende wirtschaftliche Situation, welche die Regierung eingestehen musste, nivelliert die nicht abzusprechenden Durchbrüche unseres Landes in der Nahostpolitik.

russland-rollt

Den Rückzug der USA aus der Nahost-Region darf man nicht als vollendete Tatsache ansehen – bisher gibt es zum Ausklang des Jahres 2013 und zu Beginn 2014 nur eine offensichtliche Tendenz Obamas zur Umverteilung der eigenen Ressourcen in eine für die USA viel gefährlichere Richtung: die Asiatisch-Pazifische Region. Allerdings werden seine Möglichkeiten durch den harten Widerstand der politischen Kräfte innerhalb der USA selbst eingeschränkt. Eine bestimmte Korrektur der Pläne Obamas ist daher nicht nur wahrscheinlich, sondern wird sogar unumgänglich sein.

Der Winter naht (Teil 1)

Adli Mansur, der ägyptische InterimspräsidentDer ägyptische Interimspräsident Adli Mansur hat nicht vor, sich als Kandidat an den kommenden Präsidentschaftswahlen zu beteiligen. Das ist eigentlich nichts Neues – der nimmerlächelnde Mansur hatte das Amt nach zähen Verhandlungen mehr oder weniger widerwillig übernommen.

Man kann ihn natürlich gut verstehen, denn das Schicksal eigentlich aller ägyptischen Präsidenten macht nicht eben Lust auf diesen Posten. Sie werden entweder gleich umgebracht oder über kurz oder lang eingesperrt und zum Tode verurteilt. Der letzte Präsident Ägyptens, dem nicht irgendwie zu seinem Ableben verholfen wurde, war Gamal Abdel Nasser; aber das war damals, in der Blütezeit des Landes. Jetzt haben wir ganz andere Zeiten.

Abgesehen davon kommt Adli Mansur aus richterlichen Kreisen, er ist kein Politiker. Seine Bemerkung, er gedenke nach den Wahlen zu seiner früheren Arbeit am Verfassungsgericht zurückzukehren, sieht nicht nach dem Resultat von äußerem Druck aus – eher wie sein wirklich eigener Wunsch, und womöglich hat er diese Möglichkeit sogar zur Bedingung gemacht, als man ihn zur Interimspräsidentschaft überredete.

Wallungen

In den vergangenen Tagen dominieren zum Thema Nahost im Allgemeinen und Syrien im Speziellen Meldungen über die von Kerry & Putin initiierte und wohl demnächst bevorstehende “internationale Syrienkonferenz” (Genf II.?), die auffällig zeitnah zu den Präsidentschaftswahlen im Iran stattfinden soll. Die Situation sieht für Syrien recht interessant aus: die Konferenz soll, so mutmaßt man, auf höchstem politischen Niveau verlaufen. Die Amerikaner äußern gegenüber Baschar al-Assad in fast befehlendem Ton die Empfehlung, doch bitte daran teilzunehmen, und dieser merkt wohl, was man ihm für Trümpfe in die Hand gibt, und will sich die Sache “überlegen”. Niemand wird sich mit einer “politischen Leiche” an einen Tisch setzen, und schon bringt Al-Manar mit Verweis auf die CIA (Al-Manar hat sicher einen ganzen Stab an Informanten in Langley) eine Meldung, derzufolge man bei der CIA gewiss sei, dass Assad bei Wahlen im Jahr 2014 gewinnen würde und die Unterstützung für ihn bis zum Ende der nächsten Legislaturperiode anhalten wird. Dabei gibt es schon genügend Andeutungen darüber, dass diese Konferenz zu nichts Greifbarem führt – aber kein Problem, versammelt man sich eben später noch einmal. Vielleicht im September, nach den Präsidentschaftswahlen im Iran und dem, was ihnen unmittelbar folgen mag.

Islamisches Erdgas: Frieden & Freundschaft

Erdgas aus dem Iran hat heute, am 11. März, mehrfach Schlagzeilen gemacht. Abgesehen von der Meldung, dass der Iran bereits ab Sommer 2013 Erdgas über die “Islamic Gas”-Pipeline, oder, wie die Eingeborenen sie nennen, die Freundschaftspipeline in den Irak liefern wird, so führte der heute in Pakistan erfolgte Baubeginn eines Abschnitts einer anderen Gaspipeline namens “Frieden” (Iran – Pakistan) zum Börseneinbruch in Karachi. Die Händler fürchteten natürlich sofort Repressalien aus den USA und der übrigen Wertegemeinschaft.

Die Erdgas-Pipeline Iran-Pakistan bringt ein anderes regionales Projekt in enorme Schwierigkeiten, nämlich die TAP-Pipeline Turkmenistan – Afghanistan – Pakistan – Indien, Indien als Endabnehmer für turkmenisches Erdgas kommt in eine unangenehme Lage. Für Russland ist das iranisch-pakistanische Projekt von Vorteil, auf diese Weise werden für Turkmenistan, das über die weltweit viertgrößten Erdgasreserven verfügt, die Möglichkeiten beschnitten, seine Lieferungen zu diversifizieren und so weniger von Russland, sprich Gazprom, abzuhängen.

Wochenschau, Folge 63

Ich würde ja Thierry Meyssan nicht unbedingt als Kronzeugen für irgend etwas heranziehen. Die Kollegen aus Perm tun’s aber in dieser Folge der “Wochenschau”, was ihnen gegönnt sei. Unvergessen bleibt jedenfalls sein Live-Bericht aus dem Rixos-Hotel im libyschen Tripolis, als dieses von NATO-Kommandos infiltriert und erstürmt wurde.


Die Ereignisse vom Beginn dieses Jahres geben uns einen Grund dafür, uns kurz vom Laufenden abzuwenden und die Lage der Welt etwas globaler zu betrachten. Es hat sehr wichtige Änderungen in den Machtstrukturen der USA gegeben. Wir haben diese schon in vergangenen Folgen im Voraus betrachtet, nun wollen wir einmal sehen, was genau abgelaufen ist.
Der US-Senat hat am vergangenen Dienstag den 66-jährigen Chuck Hagel als Verteidigungsminister bestätigt. Zuvor war seine Aufstellung als Kandidat im House Armed Services Committee ziemlich problematisch verlaufen und fand nur unter einer knappen Stimmenmehrheit statt. Die Ursache dafür war wohl die Unzufriedenheit der Republikaner mit dem Kandidaten sowie eine massive Kampagne der Israel-Lobby gegen ihn.
Die Sache liegt gar nicht so sehr in der Person Hagels begründet. Obama hat für seine zweite Amtszeit eine Mannschaft versammelt, die keinen Zweifel daran läßt, dass er die Spielregeln ändern will. Das ist das wichtigste, denn gleichzeitig wurde John Kerry als US-Außenminister eingesetzt, CIA-Chef ist nun John Brennan. Dabei wurde die alte “Falken”-Mannschaft nicht einfach nur friedlich nach Hause entlassen, sondern aufgrund ihrer Überflüssigkeit faktisch vor die Tür gesetzt.
Wir wollen uns nicht wiederholen und jeden der Neuen einzeln beleuchten, sondern die Position der neuen Obama-Mannschaft insgesamt betrachten. Erstens, und das ist das Wichtigste – diese Neuen sehen Russland nicht als Feind an, sondern eher als Konkurrenten, mit dem man sich zu Schlüsselfragen absprechen kann und auch sollte.
Zweitens, diese Leute haben wohl nicht die Absicht, den Konflikt im Nahen Osten, einschließlich in Syrien, auszuweiten, sondern suchen nach Kompromissen. Drittens, sie haben bezüglich Israels keinerlei Illusionen und halten das Land nicht für die geheiligte Kuh wie ihre Vorgänger. Viertens, sie halten den Iran nicht für das Reich des Bösen und wären bereit, Zugeständnisse zu machen und einen gemeinsamen Ausweg aus der Situation zu suchen. Und schließlich fünftens, sie sind sich der Gefahr des durch die USA selbst herangezüchteten radikalen Islamismus bewußt und haben wohl nicht vor, weiter mit diesem zu liebäugeln.
Das allgemeine Bild sieht für Russland also geradezu günstig aus, doch wollen wir mit solchen Schlüssen nicht voreilig sein und schauen etwas genauer hin.
Recht interessante Schlüsse aus der aktuellen Konstellation zieht der bekannte Politologe Thierry Meyssan. Er ist überzeugt davon, dass Obama dazu bereit ist, den Kurs der US-Nahostpolitik radikal zu ändern. Syrien soll so Gelegenheit bekommen, mit den immer schwächer werdenden Banden “aufzuräumen”, und dem Land sollen internationale Friedenstruppen zur Hilfe gestellt werden. Was wichtig ist: es sollen Truppen aus OVKS-Staaten sein. Diese sollen damit auch zu einem Garant der Stabilität in der Region werden.
Baschar al-Assad soll Verhandlungen mit der Opposition führen, die sich nicht am bewaffneten Kampf beteiligt, und die auch von Russland anerkannt wird, wodurch ein politischer Kompromiss herausgearbeitet werden soll. Letztlich würde so Russland dank seiner Beharrlichkeit und Unnachgiebigkeit in der syrischen Krise hier seine Positionen nachhaltig festigen, Baschar al-Assad wird insofern auch wahrscheinlich am Steuer bleiben und zu einer Symbolfigur des Sieges über die Dschihadisten werden.
Gleichzeitig soll es zum großen Prozess einer kompletten Umformatierung des Nahen Ostens kommen. Russland wird in Syrien als Garant dafür auftreten, dass die Araber nicht über Israel herfallen und umgekehrt. Das israelisch-palästinensische Problem wird unter der Mittlerschaft Syriens und nicht eben zugunsten Israels endgültig beigelegt werden. Der Irak teilt sich, es bildet sich ein kurdischer Staat, die Kurden in der Türkei erhalten ihre langersehnte Autonomie. Die Sanktionen gegen den Iran werden aufgehoben, die Verteufelungen des Landes hören auf, im Ausgleich dafür stoppt der Iran sein Engagement in Lateinamerika.
Und schließlich das interessanteste – Saudi-Arabien hört auf, als einheitlicher Staat zu existieren, was ein Abflauen des Wahhabismus weltweit nach sich zieht. Ohne Sponsoren gibt es eben keinen Wahhabismus.
Sicherlich sind die Prognosen Meyssans sehr gewagt, doch enthalten sie eine Menge an vernünftigen Schlüssen. Beispielsweise sind die USA inzwischen schon nicht mehr in der Lage, ihre militärische Präsenz und die Finanzierung des Arabischen Frühlings im Nahen Osten aufrecht zu erhalten – sie haben genügend eigene Probleme. Das hatten wir schon mehrfach angemerkt.
Weiterhin sehen wir, wie massiv die USA ihre eigene Erdöl- und Erdgasförderung ausbauen. – Sicherlich ist Schiefergas ein ziemlich undurchsichtiges und uneindeutiges Thema, doch es ist schwer, mit Zahlen zu streiten – die Kohlenwasserstoffförderung der USA wächst und wird in recht kurzer Zeit die Fördermengen Saudi-Arabiens übertreffen.
Das könnte zum Rückgang des Interesses an den Saudis als einem Faktor auf der politischen Arena führen. Was wiederum zu einem Umschwenken der gesamten Konzeption der US-amerikanischen Außenpolitik führen wird und bereits schon führt.
Wir sind uns dessen bewußt, dass die meisten unserer Zuschauer sich fragen, woher denn die plötzliche Freigebigkeit der USA gegenüber Russland rührt. — Wie immer gibt es auch hier einen Haken. Obama oder die Kreise, die hinter ihm stehen – je nachdem, wie ihr das gern sehen wollt – haben bei alledem durchaus pragmatische Ziele. Indem sie einen Teil der Verantwortung im Nahen Osten auf die Schultern Russlands legen und sich Israel und Saudi-Arabien vom Hals schaffen, werden die USA ihre Bemühungen im Asiatisch-Pazifischen Raum konzentrieren können.
Das hat nichts mit Verschwörungstheorien zu tun, sondern ist ein unzweifelhafter Fakt, der von genügend offiziellen Verlautbarungen und Maßnahmen der US-Regierung bestätigt wird. China wirft durch sein beharrliches Wachstum unvermeidlich die Frage danach auf, wie man es wohl eindämmen kann, wenn die USA ihre Dominanz in der Welt bewahren will. Der Alptraum der Obama-Administration wie auch eines jeden US-Politikers ist eine weitere Annäherung zwischen Russland und China. In absehbarer Zukunft werden wohl viele Bemühungen der USA darauf gerichtet sein, eine solche Annäherung zu verhindern. — Genau deshalb bekommt Russland einen Teil der Verantwortung in Nahost, denn ebenso wie die USA ist Russland eigentlich nicht dazu in der Lage, gleichzeitig in allen Richtungen effektiv zu agieren. Mit anderen Worten, durch ein solches Konzept wählen die Amerikaner das geringere Übel. Sie pflegen damit also durchaus keine Wohlfahrt, wie es hätte scheinen können. Das ist nun jedenfalls wie gewohnt.