Beiträge mit Tag ‘frankreich’

Die jemenitische Spur

Bis zum jetzigen Zeitpunkt haben sich wahrscheinlich nur die ganz besonders Faulen noch nicht zu den “False-Flag”-Indizien des Gemetzels in Paris geäußert: der mutmaßliche Fehlschuss, der den gestolperten Polizisten auf dem Gehweg tötete, das dreimal gleiche Rettungsteam an drei verschiedenen Opfern, die wahrscheinlich aus Gründen der Treibstoffersparnis nur zwei Krankenwagen (für insgesamt 32 Opfer) im Einsatz, Hollande schon dreißig Minuten später an einem potentiell gefährlichen (vielleicht verminten) Ort und so weiter und so fort.

AQAP

AQAP

Regelrecht langweilig wird es dann, wenn es um im Auto liegengelassene Ausweise oder Führerscheine der Terroristen geht. Aber es kam ja noch etwas, und zwar, dass die Terroristen unmittelbar vor dem Anschlag, die Granatwerfer schwenkend, gegenüber irgendwelchen Passanten eine kleine Ansprache gehalten zu haben scheinen, deren Essenz in der folgenden Aufforderung formuliert wurde: “Vous direz aux médias que c’est Al-Qaïda au Yémen” – also: ihr sagt den Medien, dass es die Al-Kaida im Jemen war. Diese Story wurde denn auch glatt von den “médias” aufgegriffen und breitgetragen.

Hätten sich die Attentäter als Algerier, Libyer, oder wenigstens noch als Syrer ausgegeben, dann könnte man das noch irgendwie verstehen, aber warum ausgerechnet als AQAP? Die Al-Kaida im Jemen ist eine recht “spezialisierte” Al-Kaida und exakt darauf ausgerichtet, mit den schiitischen Zaiditen und der jemenitischen Regierung Krieg zu führen. In vielerlei Hinsicht gilt sie als einer der Kettenhunde der saudischen Geheimdienste, geschaffen in Kooperation mit analogen US-amerikanischen Diensten, um im Großen und Ganzen dem iranischen Einfluß auf der Arabischen Halbinsel entgegenzuwirken. Kurz, Frankreich und die dort wirkenden Vollidioten von Karikaturisten sollten der Al-Kaida im Jemen eigentlich vollkommen egal sein.

La Resistance

Zu Beginn vielleicht erst einmal ein Zitat:

“Er ist es, der 1994 den Präsidentenpalast schützen wird. Er ist es, der die Operation zur Einnahme Grosnys planen und durchführen und die Verhandlungen in Chassawjurt leiten wird. Und als Jelzins Geisel festsitzt, während dieser ins “unterworfene” Tschetschenien fährt, um dort seinen Pyrrhussieg zu feiern. Er streckt die Hand des Friedens aus, woraufhin man ihn demonstrativ töten wird – ihn, den Präsidenten der Tschetschenischen Republik Itschkerija.

Die Welt wird schweigen, und als Antwort auf dieses Schweigen wird sie blutigen Terror ernten.

Vor genau sechs Jahren wurde im tschetschenischen Dorf Tolstoj-Jurt, das nach dem großen russischen Schriftsteller benannt ist, der Präsident des unabhängigen Itschkerija vom russischen Speznas erschossen.” (08.03.2011)

hebdoEs handelt sich dabei um eine Elegie auf Aslan Maschadow, den “Anführer des tschetschenischen Widerstands” (sic), und sie trägt die Überschrift “Ich habe gegen Russland gekämpft, aber nie meine Würde verloren (in memoriam Aslan Maschadow)”.

Veröffentlicht wurde dieser Text nicht etwa auf irgendwelchen Islamisten- oder Terroristenressourcen, sondern auf der offiziellen Internetseite von Radio France International. Wo es zu diesem Thema noch eine ganze Menge an weiteren wunderbaren Dingen gibt, wie z.B. zu Herrn Bassajew, den man dort u.a. als “Anführer der Separatisten des Kaukasus” bezeichnet, oder Geschichten über den russischen Speznas, der die Schule von Beslan mit Raketenwerfern in Schutt und Asche gelegt habe.

Gestern und heute sind die Seiten von RFI voll von Tränen und Jammer über den gestrigen Terroranschlag auf die Redaktion des französischen “Charlie Hebdo” (von diesem Blatt war hier in einem Nebensatz vor über zwei Jahren schon einmal die Rede).

Erpressung

Der Rahbar plaziert persönlich einen Brennstab in einem Atomreaktor.

Der Rahbar plaziert persönlich einen Brennstab in einem Atomreaktor.

Rote Linien sind derzeit in Mode. Irans Präsident Rohani besteht auf dem Recht seines Landes, Uran anzureichern; dieses Recht ist keine Verhandlungssache. Dabei ist er nicht näher darauf eingegangen, was genau dieses Recht beinhaltet. Insofern also ein Hinweis darauf, dass der Iran durchaus kompromissbereit ist, was die Umsetzung dieses Rechts angeht, wie etwa die Anreicherungsstufe und -mengen – aber die Sache an sich steht nicht zur Diskussion.

Die kommende Woche bis zum 20. November wird also für den Feinschliff der Probleme verwandt werden, die eine Einigung bisher unmöglich gemacht haben. Das größte Problem dabei ist allerdings Frankreich. Es gibt eine gewisse Menge an Fragen, warum sich ausgerechnet die Franzosen querstellen. Eine wahrscheinliche Antwort ist banale Korruption. Anders gesagt, wenn Sarkozy sich hat von Gaddafi sponsorn lassen, ist es nicht abwegig zu vermuten, dass andere Scheichs auch andere Franzosen bei den Weichteilen gepackt haben mögen. Man hat Sorge getragen, dass die Ankündigung Saif al-Islams, die entsprechenden “Spendenkanäle” offenzulegen, nicht umgesetzt werden kann; und zwar sicher nicht, um Herrn Sarkozy zu schützen, sondern eher um das ganze System nicht zu gefährden. Es ist bei alledem mit weit größerer Wahrscheinlichkeit die Hand der Saud als die der Israelis, die hier im Spiel ist.

Die Forderung Frankreichs, den Schwerwasserreaktor in Arak zu schließen, hat dabei mutmaßlich auch einen weiteren Grund: vom Iran werden Garantien dafür verlangt, dass die Franzosen zum Zuge kommen, wenn es gilt, im Iran Reaktoren zu bauen. Auf diese Weise könnte Frankreich seiner Atomindustrie zu Beschäftigung verhelfen – nicht nur durch den Bau von Reaktoren, sondern auch durch die entsprechende Lieferung von Brennstoffen.

Wenn der Iran in dieser Frage Entgegenkommen zeigt, riskiert er es, ähnliche Forderungen auch von den anderen Ländern der 5+1-Gruppe auf den Tisch zu bekommen. Übrigens auch von Russland. Der iranische Außenminister gebrauchte in Genf nicht von ungefähr den Terminus “Erpressung”. Erpressungen sind dadurch gefährlich, dass sie sich ewig lange fortsetzen können, wenn man ihnen einmal nachgibt. Anstatt dieser französischen Erpressung nachzugeben, haben sich die Iraner also erst einmal eine Auszeit bis zum 20. November ausgebeten.

Wochenschau, Folge 61

Zu Mali ein kleines Vorwort. Diverse Outlets berichten von französischen Bombardements gewisser “Trainingslager” der Islamisten in Tessalit, nahe der Grenze zu Algerien. Dazu liest man, dass die Franzosen zwar den Flughafen in Kidal kontrollieren, die Stadt aber in der Hand der Tuareg, d.h. der MNLA sei.
Auf diese Weise ist die Visite Hollandes, bei der er – ähnlich wie einst George Bush auf dem Flugzeugträger – den Sieg verkündete und meinte, die französischen Soldaten können bald wieder nach Hause, eigentlich nur ein Dunstvorhang vor dem Fakt, dass das Vorrücken der “Koalitionsstreitkräfte” durchaus noch nicht abgeschlossen ist. Mehr noch, die Perspektiven der weiteren Entwicklung sind immer noch irgendwie unklar.
Klar ist bislang nur, dass das nicht nach einem Ende des Kriegs aussieht. Freilich hat der Quasipräsident von Mali sich für Verhandlungen mit der MNLA ausgesprochen, was eine gewisse Hoffnung birgt. Wenn die MNLA dem, wie angekündigt, folgt, und es zumindest einen Waffenstillstand gibt, kann sich die Lage durchaus auch früher beruhigen.



Das zentrale Ereignis der vergangenen Woche war wohl der geheimnisvolle Angriff der israelischen Luftwaffe auf Syrien. In der Nacht zum 31. Januar drangen israelische Militärflugzeuge von Libanon aus im Tiefflug auf syrisches Territorium vor und griffen ein militärisches Forschungszentrum in einem der Vororte von Damaskus an. 2 Menschen sind dabei ums Leben gekommen, weitere 5 wurden verletzt. – Soweit die offizielle Version der syrischen Regierung. Allerdings hat Israel, gleichwie die USA, den Vorfall auf keinerlei Weise kommentiert. Aus inoffiziellen, angeblich israelischen Diplomatenkreisen hieß es, dass der Angriff nicht einem Forschungszentrum, sondern einer syrischen militärischen Fahrzeugkolonne galt, die sich mit russischer Waffentechnik in Richtung Libanon bewegte. Die syrische Regierung streitet diese Version ab.

Dass dieser Angriff stattgefunden hat und er von den Israelis durchgeführt wurde – daran besteht kein Zweifel. Das ist auch durchaus nicht die erste vergleichbare Militäroperation. Aus der Vergangenheit wissen wir, dass Israel durchaus dazu in der Lage ist, die Verurteilungen der Weltöffentlichkeit über sich ergehen zu lassen, solange es nur seine Ziele erreicht. – Und in diesem speziellen Fall wird niemand groß verurteilen. Die wichtigste Frage ist also, was genau zerstört worden ist und weshalb.
Es gibt bereits eine Menge an Versionen zu dem Vorfall, die man weder bestätigen noch widerlegen kann. Eine prosaische Variante lautet, dass man tatsächlich ein Labor mit Vorräten an Chemiewaffen zerstört habe. Und das nicht etwa, weil man deren Anwendung durch Assad fürchtete, sondern die Gefahr bestand, dass sie in die Hände der Rebellen fallen. Die Terroristen hatten kurz zuvor Angriffe gegen dieses Labor gestartet. Für diese Variante sprechen die häufigen Erklärungen israelischer Offizieller, dass die syrischen Chemiewaffen eine Bedrohung darstellen und man entschlossen sei, gegen diese Bedrohung mit allen, also auch mit militärischen Mitteln vorzugehen.
Es braucht keine große Phantasie dazu, sich vorstellen zu können, wozu die sogenannten Rebellen fähig sind, würden ihnen Chemiewaffen in die Hände fallen. Eine weitere schlimme Nachricht der Woche nämlich kam aus Aleppo, wo man mehr als 60 hingerichtete Zivilisten fand. Sie alle wurden von den Rebellen brutal ermordet, da man sie der Loyalität zur Regierung Assad verdächtigte. Es war klar, dass der Westen die Schuld für dieses Verbrechen automatisch der syrischen Regierung zuschob.
Dies nun sind schon andere Bilder – die sogenannten Freiheitskämpfer beschießen ein ziviles Verkehrsflugzeug beim Landeanflug. Und laden die Aufnahmen auch noch selbst ins Internet hoch.
Es ist erstaunlich, dass man bislang noch nicht gehört hat, Assad selbst habe sein eigenes Forschungslabor zerbombt.
Nach einer etwas verschwörerischen Version soll Israel eine Fahrzeugkolonne mit chemischen Waffen zerstört haben, die aus dem Libanon kommend für die Rebellenbanden bestimmt war. Faktisch hätte Israel damit Assad geholfen und sich davon leiten lassen, dass besser ein “schlechter Assad” am Steuer sitzt als hirnverbrannte Salafiten.
Welches Ziel auch immer die israelische Luftwaffe verfolgt hat – die militärische Aggression ist ein unbestreitbarer Fakt. Syrien beschwerte sich bei der UNO, auch Russland hat den israelischen Angriff verurteilt. Doch die Sache wird wohl kaum weiter vorankommen, selbst ungeachtet der Versprechen des Iran, für den Überfall auf Syrien Rache zu üben. Beobachter merken an, dass Elemente der israelischen Luftverteidigung “Iron Dome” an die syrische Grenze verlegt werden. Gleichzeitig sind die Patriot-Batterien in der Türkei in Stellung gegangen.
Es ist derzeit noch schwierig, Prognosen abzugeben. Der in sein Amt eingeführte US-Außenminister John Kerry hat bereits das Ziel seiner ersten Auslandsvisite bekannt gegeben – es ist Israel. Wir wollen aufmerksam sein, wie dieser Besuch ablaufen wird.

Schattengefechte

Ende der Woche kam Frankreichs Präsident Hollande in Mali an. In der letzten Zeit konnten die Franzosen die Islamisten zu einem guten Teil zurückdrängen und so Kontrolle über wichtige Ortschaften erlangen. Hollande versicherte, dass die Franzosen schon in wenigen Wochen nach Hause zurückkehren können, da der Großteil der Arbeit bereits erledigt sei.
Freilich sollte Hollande seinen Optimismus etwas zügeln. Die Sache ist die, dass man die Militärerfolge Frankreichs durchaus differenziert betrachten muss. Die Islamisten haben die bestmögliche Taktik gewählt – sie haben die direkte Konfrontation weitestgehend vermieden und sich einfach in den Norden des Landes zurückgezogen. Deshalb hat die französische Luftwaffe auch die ganze Zeit erfolgreich Ortschaften mit Zivilbevölkerung bombardiert; — niemand versucht auch nur, die Zahl der Opfer zu ermitteln. Doch danach zu urteilen, dass selbst die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, die normalerweise die Augen vor den militärischen Heldentaten des Westens verschließt, Alarm schlägt, ist die Zahl der Opfer bedeutend.
Außer alledem veranstaltet die Armee Malis in den “befreiten” Gebieten ihre Racheakte gegen alle, die der Zusammenarbeit mit den Islamisten verdächtigt werden. Araber und Tuareg werden gleichermaßen ohne viel Gerede vernichtet. All das legt natürlich fruchtbaren Boden für gegenseitigen Hass für lange Zeit. Es besteht also große Wahrscheinlichkeit, dass die Auseinandersetzungen nach dem Weggang der Franzosen von Neuem aufflammen.

Nicht alles Gold, was glänzt

Während die Finanzkrise ihren Lauf nimmt und das Vertrauen in die Währungen weiter schwindet, bekommt Gold einen immer größeren Stellenwert. In der letzten Zeit ist ein interessanter Trend zu beobachten – die Regierungen verschiedener Länder rufen ihre in den Lagern in den USA, Frankreichs und Großbritanniens deponierten Goldreserven zurück. Längere Zeit war von diesen Vorgängen die Rede, als seien es Hirngespinste, doch die Wahrheit hat die Zweifler letztendlich eingeholt.
Anfang des vergangenen Jahres hat Venezuela seine 160 Tonnen Gold nach Hause geholt. Hugo Chavez handelte weise. Erstens gibt es ja keinerlei Garantien dafür, dass die Hüter des Goldes, wie etwa die USA, das Gold in Ausnahmesituationen nicht zu ihrem Eigentum erklären und den rechtmäßigen Besitzer einfach enteignen. Zweitens gibt es ernsthafte Befürchtungen, dass das in Übersee gelagerte Gold überhaupt zurückgeführt werden kann. Die Goldreserven der Zentralbanken wurden schon so oft umverlagert, dass es durchaus schwer fallen kann, jetzt noch den eigentlichen Eigentümer zu bestimmen. Daher hat sich Venezuela in dieser Angelegenheit beeilt, und zum Glück sind dessen im Ausland gelagerte Goldreserven nicht allzu umfangreich.
In Folge bildete sich eine ganze Schlange – Ecuador, die Schweiz, Holland und als wichtigstes Land Deutschland. All diese Länder sprechen von ihrem Wunsch, ihr Gold heimzuholen.
Nur zur Information, das Gold wird beispielsweise in den USA gelagert, um so den Erwerb von Dollars möglich zu machen. Die Abgeordneten des Deutschen Bundestages hatten mehrfach versucht, ihre in London und Paris gelagerten Goldreserven einer Inspektion zu unterziehen, doch eine solche Möglichkeit wurde ihnen bisher immer verwehrt.
Der Chefredakteur von CNBC, John Carney, erklärt indes, dass es keinerlei Bedeutung habe, ob bei der Federal Reserve in New York tatsächlich Gold vorhanden ist oder ob die Lager mit Wolframriegeln angefüllt oder auch leer sind. — Seiner Meinung nach seien “das einzige, was Bedeutung hat, die Buchungseinträge bei der Federal Reserve, wo verzeichnet steht, wieviel Gold vorhanden ist”. Er sagte weiter, dass es nichts gibt, was man durch eine Inspektion der Goldvorräte an Erkenntnissen gewinnen könne. Wenn es dieses Gold nämlich wirklich gar nicht gibt, so könne das in einem Chaos münden.
In der Tat kann es zu unbeschreiblichem Chaos kommen, aus diesem Grunde handelt Deutschland auch sehr vorsichtig. Zum derzeitigen Zeitpunkt wird erklärt, dass das Land zum Jahr 2020 lediglich 50% der eigenen Goldvorräte im Lande beherbergen will. Dabei werden die Goldvorräte nur aus Frankreich komplett abgezogen, in New York sollen 37% davon verbleiben.
Ein interessantes Detail – nachdem Deutschland seine Absicht erklärt hat, all sein Gold aus Frankreich heimzuholen, schickte Hollande seine Truppen nach Mali. — Doch nicht etwa deshalb, weil dieses Land Afrikas drittgrößter Goldexporteur ist?

Gold und Silber lieb ich sehr,
könnt es auch gebrauchen,
hätt ich nur ein ganzes Meer, 
mich hinein zu tauchen;
‘s braucht ja nicht geprägt zu sein, 
hab´s auch so ganz gerne,
||: sei´s des Mondes Silberschein, 
sei´s das Gold der Sterne. :||
Doch viel schöner ist das Gold, 
das vom Lockenköpfchen
meines Liebchens niederrollt
in zwei blonden Zöpfchen.
Darum du, mein liebes Kind
laß uns herzen, küssen,
||: bis die Locken silbern sind 
und wir scheiden müssen. :||
Seht, wie blinkt der goldne Wein 
hier in meinem Becher;
horcht, wie klingt so silberrein 
froher Sang der Zecher!
Daß die Zeit einst golden war,
will ich nicht bestreiten,
||: denk’ ich doch im Silberhaar 
gern vergangner Zeiten. :||

Wochenschau, Folge 58

Die Serie geht weiter: 10 Minuten relativ kurzweiliger und zugänglich aufbereiteter Zusammenfassung der “welt”politischen Ereignisse der vergangenen Tage aus – und das sei nochmals betont – Sicht eines russischen Journalisten, der dieses Projekt betreibt. Auch hier ist – und das nun aber wirklich unabhängig von diesem Blog – die Rede von einer “geopolitischen Kehrtwende” der US-amerikanischen Politik. Am Ende der Folge geht es um den Krieg in Mali, den der Autor der Folge recht positiv oder zumindest nicht als “verbrecherisch” einzustufen scheint.
Die englische Fassung der Folge gibt es in Textform hier. Ich glaube, die Kollegen sind auf der Suche nach jemandem, der ihnen das auf Englisch vertonen kann. Falls jemand Interesse hat und dazu in der Lage ist, meldet euch einfach. Nun denn, Film ab. Text unter’m Cut.

Geopolitische Kehrtwende

Das zentrale Ereignis der ersten Wochen war in Syrien die Rede Baschar al-Assads. Assad begann mit einer Wendung, die er sich von Stalin abgeguckt haben muss, nämlich “Brüder und Schwestern”, und schaffte es, seine Zuhörer so in den Bann zu ziehen, dass diese ihn am Ende seines Auftritts beinahe erdrückt hatten.
Als Zeichen war diese Rede wichtig und wurde zur rechten Zeit gehalten. Von der praktischen Seite hat Assad seinen Gegnern wieder angeboten, sich an den Verhandlungstisch zu begeben. Alle, einschließlich des syrischen Präsidenten selbst, verstehen natürlich, dass es einfach niemanden gibt, mit dem man verhandeln könnte. Weshalb dann diese ins Leere gehende Aufforderung? Die Sache ist die, dass diese Worte durchaus von spürbaren Erfolgen der Regierungstruppen untermauert sind. Zusammengenommen heißt das Signal: die Regierung sitzt fest im Sattel und ist offen für Gespräche. Im diplomatischen Sinne also ein makelloser Zug.
Wir hatten bereits angemerkt, dass Obama nach seiner Wiederwahl die “syrische Frage” entweder grundlegend entscheiden oder den Rückwärtsgang einlegen wird. Derzeit deutet vieles darauf hin, dass der wiedergewählte US-Präsident die zweite Variante vorzieht – die USA werden sich wohl kaum direkt militärisch in Syrien engagieren.
Auf eine Änderung des Kurses der US-Außenpolitik deuten auch die Kandidaten hin, welche von Obama für die entsprechenden Schlüsselpositionen vorgesehen sind. Es geht um John Kerry, welcher Hillary Clinton ablösen soll sowie um Chuck Hagel, den designierten US-Verteidigungsminister. Beide zeichnen sich durch ausgewogene Positionen zur Zukunft in Nahost aus und teilen nicht die bisherige menschenverachtende Politik der US-amerikanischen “Falken”. Beispielsweise hat die Führung des Iran die Kandidatur Hagels begrüßt, während Israel Zeter und Mordio schreit. Allein das ist eine treffliche Charakterisierung dieses Kandidaten.

Während Präsident Obama es immer wieder unterstreicht, dass man alle Optionen für das Verhindern einer Entwicklung von Atomwaffen durch den Iran in Betracht ziehen soll, ist Hagel davon überzeugt, dass eine Militärintervention keine zielführende Variante zur Lösung dieser Frage ist. Präsident Obama! Chuck Hagel ist keine zielführende Variante als Kandidat auf den Posten des Verteidigungsministers. (Quelle: www.commiteeforisrael.com)

Die Kandidaten stehen, sind allerdings noch nicht bestätigt. Daher sendet Baschar al-Assad ein deutliches Signal: wir sind durchaus zu einer diplomatischen Klärung aller Fragen bereit und können warten, bis ihr auf der anderen Seite des Ozeans eure politischen Intrigen abgewickelt habt und uns ein Angebot macht. Wir wollen nichts vorwegnehmen, aber es wäre sehr wünschenswert, wenn diese Version zuträfe.
Ein ebenso deutliches Signal sendet Russland. Ende Januar sollen unweit der syrischen Küste von ihrem Ausmaß bis dato beispiellose Marinemanöver unter Beteiligung von gleich vier russischen Flotten abgehalten werden. Zwischendurch sind auch Abstecher in die Häfen Griechenlands, Zyperns, und selbstverständlich ins syrische Tartus vorgesehen.
Übrigens wird ebenso Ende Januar Tom Donil, der US-amerikanische Berater für nationale Sicherheit, in Moskau erwartet. Er kommt in wichtiger Mission, und zwar in Vorbereitung einer geplanten Visite Barack Obamas nach Russland. Die Beziehungen zwischen beiden Ländern haben sich im Verlauf der vergangenen Monate merklich abgekühlt, und Donil eilt, Putin darin zu versichern, dass die USA bereit sind, alle gewesenen Unstimmigkeiten zu vergessen und wieder Hände zu schütteln. Es ist bemerkenswert, dass der amerikanische Berater nach Moskau kommt und der amerikanische Präsident die kommende Visite initiiert und vorbereitet. Weshalb ist es so- und nicht andersherum?
Obamas neue Strategie sieht vor, die militärische Präsenz im Nahen Osten und in Zentralasien zurückzufahren und sich gleichzeitig stärker im Asiatisch-Pazifischen Raum aufzubauen. Die USA können es sich nicht mehr leisten, überall gleichzeitig präsent zu sein. Folglich muss man sich in erster Linie mit Russland absprechen, für das beispielsweise Zentralasien durchaus ein Interessensgebiet ist. Insofern ist die bevorstehende Visite Barack Obamas nach Russland wahrscheinlich der Notwendigkeit geschuldet, dass die beiden Präsidenten ihre jeweiligen Verantwortungssphären abstecken. Abmachungen unter Gentlemen erfolgen immer unter vier Augen. Obama ist derzeit wie nie zuvor bereit, Gentleman zu sein; schauen wir also mal, ob er sein Versprechen hält, nach den Wahlen “flexibler” zu sein.
Wenn jemand nun meint, die US-Führung habe aus in ihr plötzlich erwachten sentimentalen Gefühlen den Rückwärtsgang eingelegt, irrt sich freilich sehr. Es sind die Umstände, die sich derzeit so ungünstig gestalten, welche Anlaß geben, vorherige Positionen zu überdenken. Russland freilich sollte diese historische Chance nutzen, wenn man auch im Auge behalten sollte, dass neue Möglichkeiten auch neue Bedrohungen mit sich bringen.

Hallo mal wieder, Afghanistan

Die Zahl der in Afghanistan stationierten US-Streitkräfte ist im vergangenen Jahr stetig gesunken, und das wird auch so weitergehen. Im Jahr 2014 soll die Mission der internationalen Koalition beendet sein. Dabei schließt man in Washington die “Null-Variante”, bei der die derzeit 68.000 in Afghanistan stationierten US-amerikanischen Militärs das Territorium des Landes komplett verlassen, nicht aus. Das stellt für Russland eine gewaltige Herausforderung dar, denn in gewissem Sinne müsste dann russisches Militär diese Positionen einnehmen.
Dabei versucht Russland, diesen Zeitpunkt, so gut es geht, hinauszuzögern. Unlängst hieß es, dass die internationale Koalition nicht einfach so, zu jedem beliebigen Zeitpunkt, ihre Präsenz in Afghanistan aufgeben könne. Dafür bedürfe es eines entspechenden Mandats, ganz genau so, wie sie dieses Mandat bei Beginn ihrer Mission bekommen hatte.
Andererseits ist es klar, dass der Zeitpunkt des kompletten oder überwiegenden Rückzugs des ausländischen Militärs unvermeidlich kommen wird. Russland wird somit eine Menge an Problemen zu schultern haben. Im vergangenen Jahr sind in diesem Zusammenhang Schlüsselfragen geklärt worden – die Präsenz russischer Militärbasen in Tadschikistan und Kirgisien wurde gesichert. Es wird verstärkt an ihrer Modernisierung gearbeitet. Die Zusammenarbeit im Rahmen der OVKS – eines NATO-Analogons der GUS-Staaten – wird weiter ausgebaut.
Das russische Einverständnis mit dem NATO-Umschlagpunkt in Uljanowsk erfolgte aus genau der gleichen Überlegung. Für Russland ist es derzeit nicht von Vorteil, die Beziehungen zu den Ländern der Afghanistan-Koalition zu belasten, da es in naher Zukunft wohl zu einer engen Zusammenarbeit kommen muss. Eine kleine Anmerkung – ein Jahr nach der Hysterie über die vermeintliche “NATO-Basis” in Russland ist der Umschlagpunkt in Uljanowsk bis dato von keinem einzigen Flugzeug der westlichen Koalition angesteuert worden. Der Grund dafür ist banal – der Hauptexpediteur, das russische Unternehmen “Wolga-Dnjepr”, fordert für seine Leistungen derartige Summen, dass die westlichen “Partner” sich bisher nicht dazu überwinden konnten, diese Versorgungsroute zu aktivieren. Es hat aber auch niemand behauptet, dass es einfach werden wird.

Wie in alten Zeiten

In der vergangenen Woche ging eine Intrige, die bereits seit einem Jahr heranreifte, in die aktive Phase über. Frankreich hat endlich, mit Rückendeckung aus Deutschland, seine Militärintervention im afrikanischen Mali gestartet. Wir hatten diesem Thema in der Vergangeneit bereits einiges an Aufmerksamkeit gewidmet. Erinnern wir uns an das Wichtigste daraus.
Zu Problemen in Mali kam es nach dem Sturz Gaddafis. Es kam zu einem unkontrollierten Einstrom von Waffen und radikal eingestellten Islamisten. Gleichzeitig gab es keine Subventionszahlungen an die ortsansässigen Stämme mehr, die der Oberst vorbildlich geleistet hatte, um an seinen Grenzen Ruhe zu haben. Als Folge kam es zu einer akuten Verschlechterung der Lage, die sich zu einer Rebellion von Islamisten auswuchs. Dabei zeigte sich die Armee in Mali aufgrund fehlender Finanzierung derart desorganisiert, dass sie den Glaubenskriegern das riesige Territorium Nord-Malis praktisch kampflos ausgeliefert hat.
Die Islamisten setzten sich in den eroberten Ortschaften fest und gingen munter daran, ihr Schariat zu errichten. Der Norden Malis ist ein Knotenpunkt des internationalen Drogenschmuggels, beispielsweise geht Kokain kolumbianischen Ursprungs hier durch weiter in Richtung Europa. Gleichzeitig setzte sich hier AQIM, die “Al-Kaida im islamischen Maghreb” fest. Alles das lief mehr oder weniger widerstandslos im Verlauf eines Jahres ab. Frankreich war zwar sogleich bereit, in Mali zu intervenieren und die Islamisten zu vertreiben, hat sich mit der endgültigen Entscheidung allerdings noch Zeit gelassen, selbst, nachdem ein entsprechendes Mandat des UN-Sicherheitsrats erging. Weshalb die Verzögerung ist ein Rätsel. Möglicherweise “störte” der Krieg in Syrien, der sich in jedem Augenblick zu einer militärischen Aufgabe höherer Priorität hätte entwickeln können.
Die Intervention Frankreichs im Norden Malis ist einer der seltenen Fälle, der kein Befremden hervorruft. Hier wird nicht gegen eine legale Regierung, sondern gegen islamistische Banden vorgegangen und damit die bestehende Regierung unterstützt. Außerdem läuft die Aktion bemerkenswerterweise unter völliger Gleichgültigkeit von Seiten der USA ab. US-amerikanische Streitkräfte sind nicht an den Operationen beteiligt. Den Grund dafür haben wir am Beginn dieser Ausgabe angemerkt. Dass nun Frankreich hier die erste Geige spielt, ist dagegen vollkommen logisch. Wie die Dinge auch liegen, Mali ist eine ehemalige französische Kolonie, es verbleibt weiterhin eine Menge an wirtschaftlichen Interessen hier konzentriert. Dabei haben alle afrikanischen Nachbarstaaten ein Zeugnis ihrer Handlungsunfähigkeit gegeben und schließlich die Europäer um Hilfe gebeten.
Mit anderen Worten, die Umgestaltung der Welt macht eine Wendung durch und kehrt in ihre Ausgangslage zurück. Die Europäer sind wieder in Afrika. Russland wieder in Zentralasien. Und nur im Asiatisch-Pazifischen Raum scheint sich etwas Neues zusammenzubrauen. Doch darüber reden wir in kommenden Folgen.

Mali – einerlei Maß

Azawad. Bild: Wikimedia Commons
Die Franzosen beweinen ihr erstes Opfer in Mali. Indessen beträgt die Zahl der getöteten Islamisten / Rebellen bereits über Hundert.
Seit dem 11. Januar gilt im gesamten Land der Ausnahmezustand, der, wie es heißt, eine “Reaktion auf die Eskalation im Norden des Landes” darstellt. Freilich ist kurz vorher französisches Militär eingetroffen und hat auch schon ein paar Rebellenstellungen probegebombt. Und wer hätte das gedacht, da kam auch schon die “Eskalation”, so dass man den Ausnahmezustand verhängen konnte. Ein klitzekleiner afrikanischer “Fall Weiß”.
Der UN-Sicherheitsrat hatte einen Monat zuvor eine Resolution verabschiedet, die eine “Friedensmission” in Mali ermöglichte – damals war die Rede davon, dass die ECOWAS-Staaten und Frankreich irgendwie ein Kontingent von 3.300 Armeeleuten zusammentrommeln dürfen, um diesen Einsatz durchzuführen. Ein knapper Monat verging über den Abstimmungen, und die Nachbarn Malis konnten diese Menge nicht aufbringen. Frankreich sprang hilfsbereit ein.
Das Interesse Frankreichs gilt den Uranvorkommen im Norden Malis. Das Interesse der Nachbarländer eher einer möglichst stabilen Gesamtlage. Seit dem Einfall der Tuareg und dem Ausruf des unabhängigen Azawad hatte sich die Lage stabilisiert. Es wurde nicht wirklich ruhiger, aber es gab kaum akut bedrohliche Entwicklungen mehr. Aus genau diesem Grunde war es für die Nachbarländer Malis nicht unbedingt so dringlich, in die Sache einzusteigen. Das führte dann wohl zu dem Monat Verzögerung nach der entsprechenden UN-Resolution.
Die Freunde von der ECOWAS zogen nach – der Chef dieses Gremiums, Alassane Ouattara – seines Zeichens Präsident der Elfenbeinküste -, teilte mit, dass 3.300 Militärangehörige der Mitgliedsländer nach Mali entsandt werden. Durch eine Ironie des Schicksals wurde Ouattara vor gar nicht so langer Zeit ungefähr auf dieselbe Weise auf den Präsidentenposten seines Landes gehievt, nur war er eben der Rebellenhäuptling, der nach relativ undurchsichtigen Wahlen Krieg gegen seinen Präsidenten führte. Nun bedrängt er ganz genau solche Rebellen im Nachbarland. Freilich gibt es zwischen ihm und seinen Kollegen in Mali (übrigens Glaubensbrüder) einen feinen Unterschied – er wurde durch Frankreich unterstützt, die Rebellen in Mali nun aber nicht.
Hinter den Ereignissen in der Region steht so oder so, offensichtlich oder nicht, Frankreich. Es sind französische Interessen, die von praktisch allen dort – d.h. in den ehemaligen französischen Kolonien – installierten Präsidenten gewahrt werden. In vielerlei Hinsicht ist der jetzige Konflikt in Mali ein neokolonialer Krieg. Die Franzosen sind ernsthaft besorgt darüber, dass diese Region mit sanftem Druck, ohne Eile und dabei der Unnachgiebigkeit einer Dampfwalze durch die Chinesen abgesteckt wird.
Das war wohl die Ursache für den Militärputsch in Mali, der Präsident Touré im März 2012 das Amt gekostet hat. Die Erschütterungen im Land machten sich die im Norden herumziehenden herrenlosen Tuareg zunutze, gleichzeitig sahen die Islamisten aus der Ansar ed-Din ihre Gelegenheit kommen, und die ortsansässigen Islamisten aus Gao, die bis dato diversen sinstren Geschäften wie beispielsweise Drogenschmuggel Richtung algerische Küste und weiter nach Europa frönten, sahen diese ihre Interessen bedroht und schalteten sich ihrerseits in die Ereignisse ein. Das Resultat ist, dass der Norden Malis endgültig im Chaos versank. Zusammen mit seinen Bodenschätzen, nämlich den Phosphaten und dem Uranerz.
Frankreich unterstützt die Chaotisierung des Nahen Ostens mit allen Mitteln, reagiert aber unwirsch auf exakt dieselben Prozesse in seiner Interessensspähe in Westafrika. Während die radikalen Islamisten in Syrien ihre Freunde und Weggenossen sind, sind dieselben in Mali Feinde. Nein, das ist nicht zweierlei Maß. Das sind hie und da ein und dieselben Interessen des Imperiums.
Dabei entwickelt sich die jetzt angelaufene Militäroperation anhand eines vollkommen vorhersehbaren Szenarios. Durch die absolute Luftüberlegenheit scheinen die Franzosen Kidal eingenommen zu haben. Diese Stadt befindet sich im äußersten Norden des noch regulär bewohnten Landesterritoriums. Zwischen der Provinz Kidal und dem regierungstreuen Süden befindet sich die Provinz Gao – schon immer eine sehr fruchtbare Brutstätte für Islamisten. In der Provinz Kidal selbst gibt es das, worum es zum großen Teil gehen dürfte: Bodenschätze, speziell Uranerz und Phosphate. Das Mindestprogramm, das die Franzosen in diesem Krieg anstreben, ist durch die Kontrolle über Kidal also fast schon erreicht. Nun brauchen sie der autochthonen und sonstigen, durch die Gegend ziehenden Bevölkerung bloß noch einen Überlebensreflex beibringen: macht, was ihr wollt, aber haltet euch von unserer “Sicherheitszone” fern.
Die Franzosen werden einen Teufel tun, sich in die Sande des Sahel oder in den Urwald des Nigerbeckens zu begeben – hier und da kann man zehn- oder auch hunderttausend Soldaten im sprichwörtlichen Nichts auflösen, ohne dadurch irgendeinen Effekt zu erzielen. Deswegen ist die Aufgabe tatsächlich so einfach, wie es den Anschein hat – Tuareg zurück in die Wüste, ortsansässige Banditen zurück nach Gao. Ein sicherer Korridor von Kidal nach Süden, und fertig ist der Lack.
Karte vereinfacht nach mineral.ru
Kleiner Nachtrag: Es ist klar, eine solche Agenda kann man schlecht medial verkaufen – wir haben immerhin nicht mehr das 18. Jahrhundert. Deswegen kommt auch die Story, dass es nicht um Uran und andere Bodenschätze geht, sondern gegen Terroristen und deren “Vormarsch auf Bamako”. Mal sehen, wie elegant man dann die Frage übergeht, weshalb die Basen der Al-Nusra-Front in Syrien dann nicht gleichermaßen bombardiert werden.
An zweiter Stelle, nicht ganz so vordergründig, geht es um eine Demonstration an die regionalen Regierungen, dass die Franzosen entschlossen sind, keinen Einfluss der Chinesen zuzulassen. Zwei anschauliche Beispiele dafür gibt es schon. Wie sehr doch die Franzosen einst Laurent Gbagbo, den damaligen Präsidenten der Elfenbeinküste, unterstützt hatten! Da kamen 2002 auch einmal französische Truppen vorbei, um ihn zu stützen. Kaum hat er aber mit den Chinesen angebandelt und ihnen Kakao vercheckt, wodurch die renommierten französischen Konditoren auf dem Trockenen sitzenblieben, holten die Franzosen Alassane Ouattara aus dem Urwald, ohne sich darum zu bekümmern, dass dieser ein ausgekochter Moslem ist. Der gestürzte Gbagbo ist Christ, aber wen interessiert sowas im laizistischen Kolonialreich? Und nun diese unangenehme Sache mit Amadou Toumani Touré… jedenfalls, die Afrikaner verstehen den Wink.
Ganz offensichtlich geht man in Frankreich davon aus, dass die aktive Phase jetzt noch ein-zwei Wochen anhalten wird, wonach die Expeditionskorps ihre Posten an die eintreffenden ECOWAS-Truppen abtreten werden, womit man diese Episode des Kolonialkriegs für beendet erklären kann. Weiter kommt ihr selber klar, Jungs, aber wenn ‘was ist, klingelt durch. Wir sind nicht weit.

Wochenschau, Folge 46

"Tag der Liebe zum Propheten" in Pakistan

“Tag der Liebe zum Propheten” in Pakistan

Umgestaltung der Welt – eine russische Perspektive. Der aktuelle Wochenrückblick versucht, folgende Fragen zu behandeln: Wozu provoziert Eurpoa die Moslems mit neuen Mohammed-Karikaturen? Wer ist nun schon wieder Opfer in Libyen und weshalb gibt es in Georgien Proteste? Wird Mikhael Saakaschwili weitere Teile seiner Konfektion verspeisen?

Viel Spass beim Anschauen. Die “Bilder der Woche” sind wieder als Extra-Video dabei.

Brennpunkte der Woche

In Syrien setzen die Regierungstruppen die Säuberungsaktionen in den Vorstädten von Damaskus und anderer Städte fort. In Aleppo wurden allein bei einem der Zusammenstöße mehr als 100 Rebellenkämpfer liquidiert, welche, wie sich herausstellte, Söldner aus Afghanistan gewesen sind. Angesichts der Tatsache allerdings, dass die Kommandozentren der Rebellen außerhalb Syriens liegen, ist es unmöglich, sie endgültig auszuschalten. Wie bei einer Hydra wachsen an der Stelle einer vernichteten Bande neue, die ebenso mit neuesten Waffen ausgerüstet und von westlichen Militäranleitern ausgebildet sind. Derweil hat Russland bereits das zweite Frachtflugzeug mit humanitärer Hilfe nach Syrien geschickt. Die IL-76 brachte Zucker, Fisch- und Fleischkonserven sowie Kindernahrung nach Damaskus.

Ein eklatanter Vorfall ereignete sich in Afghanistan. Die ISAF-Luftwaffe nahm Taliban-Stellungen in der Provinz Laghmān unter Beschuss. Wie sich später herausstellte, war kein einziger Bewaffneter unter den Opfern. Durch diesen Beschuss sind 7 Frauen umgekommen, die an diesem Ort Feuerholz sammelten. Ein weiteres Mädchen ist dort infolge eines Herzanfalls gestorben. 19 Frauen und Kinder wurden verletzt. Wie bekannt ist, trennt die Demokratie nicht nach Geschlecht und Alter, sondern sucht jeden gleichermaßen heim.

Der Märchenonkel von Marseille

ANNA-News interviewt einen aus Frankreich kommenden und in Syrien festgesetzten „Dschihadisten“. Hierunter der Text der Reportage, der Videobeitrag ist am Ende des Textes eingebunden. Quelle: ANNA-News.

Ein 48-jähriger Franzose algerischer Abstammung aus Marseille wurde in der Gegend von Al-Haffah bei schweren Kämpfen mit größeren Rebelleneinheiten, die von der Türkei aus nach Syrien eingedrungen sind, gefangen genommen. Fachkundiges Verminen der Bergstraßen und professionell angelegte Hinterhalte hatten es den Terroristen gestattet, den Regierungstruppen empfindliche Verluste zuzufügen. Eine Anzahl moderner Panzer sind durch Minen oder durch den Einsatz von Panzerabwehrwaffen vom Typ „MILAN“ aus deutsch-französischer Produktion außer Gefecht gesetzt worden. Das ist nun allerdings die Handschrift von Profis, nicht von „bewaffneten Demonstranten“.

Der Gefangene aus Marseille hat offenkundig die ganze Zeit versucht, sich für jemand anderen auszugeben. Höchstwahrscheinlich handelt es sich bei diesem Pseudo-Salafiten um einen eigens abgestellten militärischen Ausbilder. Wäre er militärisch unbedarft, wie er angibt, hätte man diesen älteren Mann wohl schwerlich mit zu einem Vorstoß ins syrische Territorium mitgenommen, sondern hätte ihn – als Bürde – im FSA-Lager auf türkischer Seite gelassen. Die Franzosen kann eigentlich das Schicksal ihrer 16 Offiziere (einschließlich eines Oberst des Nachrichtendienstes), welche im März bei der Befreiung des Stadtteils Baba Amr in Homs festgesetzt wurden, schwerlich kalt lassen. Es steht außer Zweifel, dass es momentan in Syrien eine Anzahl französischer Instrukteure und Spitzel gibt.
Auf alle meine Frage hat der Gefangene aus Marseille nach dem bekannten Prinzip geantwortet: Eingeständnis bedeutet sicheren Knast. An die Namen der anderen französischen Salafiten, von denen er sprach, könne er sich nicht erinnern. Mit den bewaffneten Rebellen habe er ausschließlich über das Internet kommuniziert. Einen ständigen Arbeitsplatz oder andere Bürgen in Marseille habe er nicht. Es sieht also so aus, als könne man in Frankreich 30 Jahre lang nirgends offiziell arbeiten, dabei eine Familie mit 6 Kindern ernähren und sich mit Gelegenheitsjobs und Sozialhilfe durchschlagen. Außer seiner Frau und seinen 6 Kindern kenne er in Marseille angeblich niemanden. Sehen Sie, er gibt sich als überzeugter Salafit aus und hat dabei Mühe, den Koran zu lesen. Und das soll ein Franzose arabischer Abstammung sein. Für wie glaubwürdig kann man das halten?
Marat Musin: Wie heißen Sie?
Gefangener: Mein Name ist Dschamal Amer Hudud. Ich bin am 27. Dezember 1963 in Algerien geboren, in der Stadt Blida. Ich kam mit 19 Jahren nach Frankreich. Bin verheiratet, habe sechs Kinder. Der älteste Sohn ist 22, der jüngste 4. Zurzeit beziehe ich als Arbeitsloser 2.000 Euro Sozialhilfe.
Ich habe verschiedene Jobs gehabt. Manchmal habe ich in Hotels ausgeholfen, manchmal gehandelt oder mich mit Innendekor beschäftigt. Ich bin Moslem, Salafit, aber weltoffen und kein Radikaler.
Auf den Fernsehsendern Al-Dschasira und Al-Arabiya sah ich, was in Syrien vor sich geht. Ich sah die Demonstrationen, ich sah die Ungerechtigkeit der Staatsmacht und umgekommene Kinder. Das berührte mich, so dass ich fortwährend Tränen um das syrische Volk vergoss. Da beschloss ich, zum Dschihad zu gehen, um des syrischen Volkes willen. Ich kam in die Türkei. Dort gelangte ich ins Dorf Yayladagi, wo es Flüchtlingslager für Flüchtlinge aus Syrien gibt. Dort kam ich in Kontakt mit Syrern.
Sie haben mir geraten, nach Frankreich zurückzugehen, doch ich habe entgegnet: Nein, ich bleibe hier mit euch. Sie sagten, sie hätten keine Waffen und keine Munition. Ich antwortete, dass ich trotzdem bei ihnen bleiben wolle. Mit der Zeit änderte sich die Lage und schon drei Monate später lief ich über die Bergpfade – ich trainierte.
MM: Wo haben Sie Ihre militärische Ausbildung bekommen?
Gefangener: Ich habe mit einem Maschinengewehr und einem Infanteriegewehr geschossen. (Seltsame Antwort auf die Frage. – MM.)
Ich habe verschiedene Bekanntschaften geschlossen: mit Aba-Mouauiya, Abu-Ahmad, Zakarya, Ibrahim, Abal Batul und mit ein paar anderen. Mit vier jungen Leuten haben wir immer zusammen trainiert – sind zusammen gelaufen. Wir kamen in ein Dorf an der syrischen Grenze; dieses Dorf nennt sich Nashin. Wir erklommen die Berge und sahen Richtung Syrien. Damals haben wir Jagdwaffen benutzt.
15 Tage später gingen wir in das Dorf, wo wir noch eine andere Gruppe trafen. Man gab uns Waffen, und wir sind 2 Tage dort geblieben. Ich bekam eine AK-47.
MM: Gab es dort Leute anderer Nationalitäten?
Gefangener: Ja, es gab Scheichs und Imame von Moscheen in Jemen und in Libyen. Ein Libyer versorgte uns mit Geld.
MM: Wie sind Sie in die Türkei gelangt?
Gefangener: Ich bin auf eigene Faust dorthin gekommen.
MM: Mit wem hatten Sie denn in Frankreich Kontakt? Wie kam es, dass sie Salafit geworden sind?
Gefangener: Ich war schon immer Salafit, gehöre zum Jamaat-i Tabligh wa Dawah. Unsere geistlichen Führer leben in Indien. Ich rufe nicht zum Dschihad auf. Ich rufe zur Annahme des Islam auf. Ich habe mich mit Journalisten getroffen – einer war aus Dänemark, ein anderer aus Österreich. Der Österreicher hat mir einige Fragen gestellt, die ich ihm beantwortet habe. Ich habe ihm gesagt, dass ich nach Syrien gekommen sei, um im Dschihad gegen die Regierung zu kämpfen. Er hat ein paar Fotos von mir gemacht und ist verschwunden.
MM: Gab es da auch Journalisten von Al-Dschasira und Al-Arabiya?
Gefangener: Ja, diese kamen auch, sowohl von Al-Dschasira, als auch von Al-Arabiya. Sie haben einige Interviews mit Leuten aus dem Lager aufgezeichnet. Danach bauten sie dort eine Kamera auf, die automatisch von früh bis spät filmte. Ich habe mit ihnen aber nicht geredet. Wir sind über die syrische Grenze gegangen und haben uns bewaffnet. Es stieß noch eine weitere Gruppe zu uns, aber von der weiß ich gar nichts.
Wie liefen die ganze Nacht, und als wir an ein Feld kamen, blieben wir dort und warteten, bis uns ein Laster abholte. Darin fand unsere ganze Gruppe Platz. Wir waren 15 Leute. Wir fuhren in irgendein syrisches Dorf in der Gegend von Al-Haffah, doch an dessen Namen kann ich mich nicht erinnern.
Es gab dort auch noch weitere Gruppen. Wir wuschen uns und unsere Kleidung und ruhten aus. Reinigten die Waffen. Dort habe ich dreimal auf Steine geschossen. Wir sind in dem Haus um die 2-3 Tage geblieben und dann in ein anderes Haus umgezogen. Mitunter sahen wir Flugzeuge am Himmel, in solchen Fällen versteckten wir uns unter großen Bäumen, damit sie uns nicht bemerkten. Im diesem ersten Dorf blieben wir 5-6 Tage, danach gingen wir in ein anderes. Ich habe 10 Tage lang keinerlei Kampfhandlungen bemerkt, keine Ungerechtigkeiten gesehen. Ich sah nur die Flugzeuge, die uns beobachteten. Ich beschloss also, in die Türkei zurückzukehren, traf mich mit dem Anführer unserer Gruppe und gab ihm meine Waffe zurück, nahm meine Sachen und ging davon. Ich kam dann in irgendein Dorf, wo ich auch festgenommen wurde. Ich schwöre bei Gott, dass ich keine Waffe bei mir hatte.
MM: Ist es Ihr Wunsch, dass in Frankreich ein islamisches Kalifat gegründet wird?
Gefangener: Als ein Mensch, der den Islam liebt und als Moslem wünsche ich, dass das Banner des Islam in allen Ländern der Erde wehte. Ganz besonders in Europa und in Frankreich. Inschallah.
MM: Mal angenommen, am 1. August wird in Frankreich ein isalmisches Kalifat proklamiert. Würden Sie das unterstützen?
Gefangener: Das wäre unmöglich, denn es ist noch zu früh dafür. Aber früher oder später wird das alles kommen. Wenn man zum Islam aufruft, so braucht man Zeit. Es ist unmöglich, jetzt gleich ein islamisches Kalifat in Frankreich zu proklamieren, doch früher oder später ist es soweit, und ich wünsche mir das.
MM: Wollen Sie noch ein paar Worte ans französische oder algerische Volk richten?
Gefangener: Das, was ihr auf den Bildschirmen bei Al-Dschasira und Al-Arabiya seht – glaubt es nicht, was man euch dort zeigt. Glaubt dem, was ihr selbst seht und hört.

Marat Musin, Olga Kulygina; Agentur ANNA-News. Damaskus, Syrien.