Beiträge mit Tag ‘irak’

Curveball

Kleiner TV-Tipp: morgen, 9. Juni 2015, 22.45 Uhr auf ARD -“Krieg der Lügen”

[Film in der ARD-Mediathek]

Synopsis

“Die Quelle ist ein Augenzeuge. Ein irakischer Chemieingenieur, der eine dieser Anlagen betreute. Er war tatsächlich anwesend, als biologische Kampfstoffe hergestellt wurden.” (US-Außenminister Colin Powell vor der UN-Vollversammlung am 05. Februar 2003 mit der Begründung für “Operation Iraqi Freedom”)

Heute wissen wir: Der Krieg basiert auf einer Lüge. Der Lüge von der Existenz mobiler Massenvernichtungswaffen im Irak. Der Mann, von dem Colin Powell spricht, lebt heute in Deutschland. Er heißt Rafed Ahmed Alwan, auch bekannt als “Curveball”. Seine Informationen über mobile Massenvernichtungswaffen gingen über den Tisch von BND, MI6 und CIA, schafften es in eben diese berühmte Rede von Colin Powell und machten den irakischen Flüchtling über Nacht zum Kronzeugen des Zweiten Golfkrieges.

2007 wurde Aljanabi von amerikanischen Journalisten enttarnt und in der Presse als der Mann dargestellt, der die Schuld am Irakkrieg trägt. Er hingegen nimmt stolz für sich in Anspruch, bei der Beseitigung Saddam Husseins geholfen zu haben.

“Die Wahrheit ist dieser Film. Alles andere ist falsch. Selbst, wenn es meine eigenen Aussagen waren.” (Rafed Ahmed Alwan)

Tikrit

Es geht wieder vorwärts

Nachdem die irakische Armee (im Verbund mit zahlreichen, vor allem schiitischen Milizen) vor 10 Tagen eine Offensive zur Rückeroberung von Tikrit begonnen hatte, erzielt sie nun außergewöhnlich schnelle Erfolge. Zur Stunde dringt sie nach eigenen Angaben in die von drei Seiten umzingelte Stadt ein, stößt auf recht geringen Widerstand, wird jedoch von zahlreichen Sprengfallen verlangsamt.

Die Dynamik ist hierbei nur einer von mehreren Hinweisen, dass sich sowohl in der Innen-, als auch Außenpolitik des Iraks einiges getan hat.

Rückblick

IS-Staatsräson: Grabschändung in al-Qa'im,  Provinz Anbar (Irak); via @ajaltamimi

IS-Staatsräson: Grabschändung in al-Qa’im, Provinz Anbar (Irak); via @ajaltamimi

Die Terrororganisation hatte, wie hier allseits bekannt, im Juni letzten Jahres die irakische Armee überrumpelt und binnen Tagen mehrere Großstädte eingenommen, von denen Mosul (erobert am 10.06.) und Tikrit (erobert am 11.06.) die bedeutendsten sind.

Ob, oder vielmehr inwieweit und wie sehr außenpolitische Akteure wie die USA, Israel, Saudi-Arabien, die Türkei, Katar und Jordanien darin verwickelt waren, sei erst einmal dahingestellt.

Aus meiner Sicht ist der einem Dammbruch sehr ähnliche Vormarsch der späteren IS ohne massive Aufklärung und Koordination mit zahlreichen sunnitischen Stammesführern kaum zu erklären, und es hat auch ein Geschmäckle vom Irakkrieg 2003, als zahlreiche Offiziere bestochen worden waren. Größere Kämpfe, vor allem um Bagdad, blieben daher auch damals aus.

Diese Verschwörungstheorie gilt umso mehr, wenn man die Berichterstattung der westlichen Journaille über die russische Invasion im Donbass als Maßstab nimmt, wo die Krise vergleichsweise gemäßigt und nachvollziehbar eskalierte.

Aber da die Realität in beiden Fällen weitaus komplexer ist, die schwer definierbaren Interessen der oben genannten Staaten sich bei weitem nicht immer überschneiden und zahlreiche Akteure alles andere als durchschaubar agieren, sei diese Frage ausgeklammert.

Tatsache ist, dass der Vormarsch von ISIS auf starker Unterstützung ortsansässiger sunnitischer Stämme fußte, und die irakische Zentralregierung tat sich mit Gegenoffensiven ins feindliche Territorium lange Zeit sehr schwer.

Paradigmenwechsel

Dies scheint sich jedoch mittlerweile geändert zu haben, und es gibt viele Indizien, dass diese Stämme ein weiteres Mal die Seite gewechselt haben, was wiederum einen gewissen Paradigmenwechsel im innerirakischen Machtgefüge bedeuten muss, auch wenn die Offensive vor allem von schiitischen Kräften getragen wird.

Lektionen im Terrormanagement

Ortseingangsschild von Al-Bukamal, Syrien, nahe der Grenze zum Irak: jetzt eine Stadt im "Wilayat al-Furat" (Provinz Euphrat) des "Islamischen Staates"

Ortseingangsschild von Al-Bukamal, Syrien, nahe der Grenze zum Irak: jetzt eine Stadt im “Wilayat al-Furat” (Provinz Euphrat) des “Islamischen Staates” (via @ajaltamimi)

Zu den derzeit scheinbar recht träge dahinlaufenden US-Bombardements gegen den sogenannten “Islamischen Staat” wird sich offenbar in recht kurzer Zeit auch Großbritannien gesellen, ganz in klassischer, 2003er-Manier der “coalition of the willing”. David Cameron meinte dazu, dass es “bald” (innerhalb von Wochen) losgehen würde, und zwar nachdem die neue britische Regierung steht. Präzisiert wurde das einstweilen mit der Erklärung, dass die Briten “irakische und kurdische” Militärs ausrüsten, trainieren und anleiten werden – in etwa so, wie es z.B. die Bundeswehr wohl schon tut. Dabei wird von Vizepremier Clegg süffisant angemerkt, dass “Luftschläge allein nicht funktionieren” werden.

Der Akzent, der seit Wochen auf eine Aufpeppelung insbesondere der Kurden gelegt wird, kommt nicht von ungefähr. Peschmerga hin oder her, die Kurden werden im Endeffekt eine ausgerüstete, trainierte Armee haben – eines der Attribute eines jeden Staates, der die Kraft hat, sich nachhaltig in der Weltgeschichte zu manifestieren.

Dahingegen taucht eine Unterstützung der “nicht-kurdischen” “irakischen Streitkräfte” bestenfalls auf Platz 2 auf, was bedeutet, dass die schiitischen Teile des Irak letztlich dem “Islamischen Staat” zum Fraß vorgeworfen werden, beziehungsweise dem Iran, der sich in diesen Sumpf wird hineinziehen lassen müssen.

George Friedman, Stratfor-Chef und, was ein offenes Geheimnis ist, einer der Sprecher der US-amerikanischen Geheimdienstcommunity, spricht in seinem Artikel “Ukraine, Iraq and a Black Sea Strategy” unzweideutig davon, dass die USA davon abrücken, eine Einheit des Irak unter einer Regierung in Bagdad zu unterstützen. Der Schwenk geht in Richtung einer “Nutzung” von Proxies, um den “Islamischen Staat” zu “containen”, das heißt: einzudämmen und… die Richtung seiner Aktivitäten zu steuern.

Ein Umstand der Veröffentlichung dieses Friedman-Strategiepapiers ist hochinteressant. Unlängst hatte Al-Arabiya die Absicht des “Islamischen Staats” verbreiten lassen, in absehbarer Zeit “Tschetschenien und den gesamten Kaukasus zu befreien”. Diese Meldung kam entweder zeitgleich oder kurz nach der Publikation des Friedman-Artikels auf, fast wie auf Kommando. Inhaltlich nichts anderes hatte Friedman nämlich in seinem Text als jene “US-Strategie” angekündigt, in deren Zuge die beiden aktuellen Konfliktherde – Irak/Syrien und Ukraine – mit einer einheitlichen Herangehensweise zu einem großen Konflikt zu gruppieren wären, der von den Vereinigten Staaten gemanaged wird.

Nach den Toren von Bagdad

Thanks, Yanks. ISIS-Humvees

Thanks, Yanks. ISIS-Humvees

Von wegen Bagdad. US-amerikanische “intelligence agencies” melden, die ISIS/ISIL bewegt die im Irak gekaperte Militärtechnik – Kampfpanzer, Panzerfahrzeuge, Artillerie – rückwärts von Bagdad weg und nach Syrien hinein. Natürlich war Bagdad nicht das Ziel – schon gar nicht jetzt, da die Amerikaner 275 Drohnen dahin entsandt haben.

Breitbard News: Warum scheinen die irakischen Sicherheitskräfte gar nicht wirklich Widerstand zu leisten?

Bill Roggio: …Manche behaupten, sie wurden angewiesen, keinen Widerstand zu leisten… Es gibt sogar Gerüchte, dass höhere Regierungsbeamte dem Militär befohlen hätten, sich zurückzuziehen…
(Bill Roggio von “The Long War Journal” bei Breitbart News — Quelle)

Man kann dieser faktischen, monströsen Bewaffnung der (immer noch in Syrien operierenden) Terrorbrigaden eine gewisse perfide Originalität nicht absprechen. Gegen alle Regeln, Sanktionen, Absprachen und sonst alles. Krasse Zeiten erfordern krasse Entscheidungen.

Auch originell: so passen mehr davon auf den Karren. ISIS-Humvees auf dem Weg  nach Syrien. (via Islamisten-Twitter)

Auch originell: so passen mehr davon auf den Karren. ISIS-Humvees auf dem Weg nach Syrien. (via Islamisten-Twitter)

Vor den Toren von Bagdad

Gefechte in Tikrit, 13.06.2014

Gefechte in Tikrit, 13.06.2014

Es ist zwar nicht so, dass sich die derzeitige akute Lage im Irak nicht schon vor Monaten so in etwa abgezeichnet hatte, aber die Behendigkeit, mit der die Dschihadisten derzeit die Kontrolle im Norden des Landes übernehmen, ist doch ein wenig überraschend. Heute fielen der ISIS/ISIL zwei weitere Städte – Saadiyah und Jalawla – in die Hände. In den letzten Meldungen hieß es, Stoßtruppen der Dschihadisten stünden 50 Kilometer vor Bagdad.

Ein Fall Bagdads – falls es dazu kommt – hieße noch nicht, dass „der Irak“ dann komplett an die Dschihadisten gefallen ist. Südöstlich der Hauptstadt beginnen Gebiete mit mehrheitlich schiitischer Bevölkerung, und bei allen Erfolgen kann man noch nicht wirklich davon sprechen, dass die ISIS-Terrorgruppen dazu in der Lage wären, wirklich feindliche Städte zu übernehmen. Eine Eroberung Bagdads wäre freilich ein politisches Resultat; mit allen dort vorhandenen Strukturen würde die Ausrufung eines islamistischen Staatsgebildes dann auch mit gewissen Realitäten hinterlegt sein, die allein es gestatten würden, den momentan durchaus noch „Guerilla-Krieg“ zu nennenden Konflikt auf eine qualitativ höhere Ebene zu befördern – einschließlich einer politischen.

Im Prinzip sind die Taliban in Afghanistan seinerzeit nach genau demselben Schema an die Macht gekommen. Die ISIS/ISIL hat zwar weiter südlich/südöstlich wohl kaum eine reelle Chance, so dass es keine vollwertige Kopie der damaligen Vorgänge in Afghanistan geben wird, aber ein eigenes Emirat ist inzwischen mehr als nur theoretisch möglich - womit ein Zerfallen des Irak recht wahrscheinlich ist.

Im weiteren Verlauf müssten die Terrorbrigaden es irgendwie organisieren, ihr Territorium zu halten; es ist überhaupt nicht klar, ob und wie das funktionieren soll, allein schon, weil der Iran sich auf die eine oder andere Weise in die Sache einbringen wird – und es auch schon tut. Andernfalls haben die Saud mittelbar vor seinen Grenzen das Sagen. Der Iran hat dabei bereits alles nach derzeitigem Ermessen mögliche unternommen – es gab eine Teilmobilisation und eine Verlagerung von Truppen – sowohl reguläre Truppen als auch Revolutionsgarde und Anti-Terror-Einheiten – an die Grenze zum Irak, teils unter Preisgabe des permanent unruhigen Belutschistan. Aus dem Irak selbst kamen Meldungen, dass mobile iranische Einheiten in den Kämpfen um Tikrit beteiligt seien.

saudi_pufferWie immer es sich im weiteren Verlauf ergibt, es wurde einmal mehr bewiesen, dass ein Marionettenregime per definitionem instabil ist. Es reicht ein sanfter oder auch beherzter Schubser, und alles bricht zusammen, weil niemand große Lust hat, diese Marionetten mit seinem Leben zu verteidigen. Sicher ist auch unabhängig von den letztlichen Ergebnissen der derzeitigen Katastrophe, dass die noch Ende des vergangenen Jahres angekündigten ambitionierten Erdölförderpläne des Irak, denen zufolge das Land zum Ende des Jahrzehnts 6-8 Millionen Barrel pro Tag zu fördern gedachte (im Vergleich dazu heute – 3,3 Millionen), zerschlagen sind. Summarisch wollten Iran und Irak auf 12 Millionen Barrel pro Tag kommen – und wen das störte, braucht man nicht lange zu rätseln. Der „schiitische Pol“ im Nahost-Erdölgeschäft ist, wie es aussieht, vorerst zerschlagen.

Dieser Umstand allein rechtfertigt für Saudi-Arabien all seine Investitionen in den Krieg. Jetzt braucht es nur noch indirekt und recht entspannt dafür zu sorgen, dass die derzeitige instabile Lage möglichst lange anhält. Was mögliche US-Interventionen anbelangt, so braucht man auch nicht allzu viel Phantasie dazu, dass diese sich auch auf syrisches Territorium erstrecken würden. Ein Teil der syrischen Luftwaffe wurde Ende August 2013 in den Iran evakuiert. Dieses Kontingent wäre im Fall von US-Luftangriffen auf die ISIS/ISIL aus dem Spiel.

ISIS: Ruhe im Karton!

going-underVorgestern gab es erste Meldungen darüber, dass die ISIS (“Islamischer Staat im Irak und Syrien”) nach schweren Gefechten mit der Al-Nusra-Front & mit “mehr als einem Dutzend” von mit dieser alliierten Terrororganisationen die syrische Provinz Deir ez-Zor räumt und in Richtung al-Raqqah und Hasaka abzieht. Die Suche nach dem Ursprung dieser Nachricht stößt auf Umwegen wieder zum “Syrischen Observatorium”, dessen Ein-Personen-Team in einem Telefoninterview mit AFP erklärt haben soll, ISIS-Einheiten hätten die Provinz Deir ez-Zor bereits komplett geräumt und seien nur noch an den Grenzen zur Provinz al-Raqqah präsent.

Die ISIS wurde durch die Kräfte anderer Terrororganisationen verdrängt, so dass man hier schwerlich von “Erfolgen” sprechen kann. Es handelt sich einzig um eine Art Frontbegradigung im Kontext von größeren Hintergrundereignissen, denn so nehmen die Bemühungen Saudi-Arabiens, die ISIS aus dem verlorenen Syrienexperiment in den Irak zurückzuziehen und damit “Rebellen” umzusortieren, langsam Gestalt an. Noch ist nicht hundertprozentig klar, ob diese Rechnung aufgeht, aber ein Meilenstein ist es allemal.

Unter Geiern – Mission ISIS

spinnerIn kurzfristiger Perspektive ist die Auseinandersetzung zwischen den Kosmopoliten und “Verfechtern des reinen Islam” von der Al-Nusra-Front und den eigenartig regional-nationalistischen Terrorbrigaden vom “Islamischen Staat Irak und Sham” sowohl der syrischen Regierung, als auch Bagdad und darüber hinaus Moskau und selbst Washington auf manche Weise von Vorteil. Vorteile gibt es in diesem Szenario auch für gewisse Schattenmächte – Frankreich und Großbritannien; dadurch wird das eher europäische Projekt namens “FSA” scheinbar geadelt. Diese Auseinandersetzung gereicht ebenso Erdogan kurzfristig zum Vorteil, der derzeit auf rein innenpolitischer Ebene ums politische Überleben kämpfen muss. Und, so wie die Dinge liegen, hat die Al-Nusra-Front selbst etwas davon, während die ISIS wohl erst einmal “leidtragend” sein wird.

Das alles kurzfristig. Wenn man etwas weiter denkt, dann ist es genau andersherum. Das durch den Krieg durchaus nicht wenig gebeutelte Syrien ist nicht in der Lage, mit allen Gegnern gleichzeitig Krieg zu führen – und ganz abgesehen vom Szenario “Löwe in Damaskus” ziehen auf praktischer Ebene immer noch taktische Überlegungen. In diesem Fall bedeutet das, dass die Regierung sich mit den einen zu einigen versuchen wird, die anderen bis zum Ende bekämpft. Bekämpft werden zweifelsohne jene, die eine Einheit und die Sicherheit des Landes direkt bedrohen. Und das ist die Al-Nusra-Front, während jene, welche man als “säkulare Opposition” bezeichnet, durchaus in den Genuss einer taktischen Allianz mit der Regierung kommen können.

Zehn Jahre Demontage Nahost

Es sind heute morgen genau zehn Jahre, dass mit dem US-amerikanischen Überfall auf den Irak die zweite Phase des Irakkriegs begann.
Heute ist deutlich, dass die damals deklarierten taktischen Ziele – eine Entmachtung Saddam Husseins, Kontrolle über das irakische Erdöl und viel mehr natürlich ein Anpflanzen von “Demokratie” – nichts als die Maskierung eines ganz anderen Ziels gewesen sind. Eines, das um einiges globaler ist, zu groß, als dass es damals hätte jemand formulieren können. Eigentlich ist dem auch heute noch so. Jedenfalls haben selbst die höchsten Ränge der US-Regierung dazumal wahrscheinlich nur einen Teil dieses eigentlichen Ziels erfasst, das von ganz anderen Leuten und Strukturen vorgegeben wurde.
Mit diesen Begriffen ist nicht eine schattenhafte “Weltregierung” gemeint; die Existenz eines gewissen Machtzentrums mit weltweiten Kompetenzen ist etwas zu mythologisiert. Doch die Interessen internationaler, globaler Strukturen erforderten es – und erfordern es heute weiterhin – dass die gesamte Nahost-Region destabilisiert wird. Die Sache ist die, dass es in der Welt gar nicht so viele Regionen gibt, die dem Globalisierungsszenario des Westens potentiell Paroli bieten könnten. Die Globalisierung als solche scheint erst einmal unvermeidlich – es existiert eine internationale Arbeitsteilung, es gibt den Begriff “Weltwirtschaft”, schon deshalb ist es nicht zu vermeiden, dass inter- oder transnationale Regulierungsbehörden geschaffen werden. Wie aber genau das Szenario aussieht, nach dem sich diese Weltwirtschaft entwickeln wird, ist eigentlich gar nicht so offensichtlich oder alternativlos.
Deshalb ist dem Westen daran gelegen, dass alle sein Globalisierungsprojekt potentiell bedrohenden Projekte beseitigt werden. Die Region Nahost bietet mit ihren kolossalen Ressourcen die Mittel, ihre Wirtschaft und Gesellschaft radikal zu modernisieren und konkurrenzfähig zu machen. De facto wäre der Nahe Osten in der Lage, die Errungenschaften der damaligen Sowjetunion und Chinas zu wiederholen, welche sich beide nur auf ihre inneren Ressourcen stützten und damit in sehr kurzer Zeit dazu in der Lage waren, einen beeindruckenden industriellen und technologischen Sprung zu bewerkstelligen.
Nun bedeutet “de facto in der Lage sein” natürlich nicht, dass das auch passiert. Dem steht eine Reihe an nicht von der Hand zu weisenden Faktoren entgegen.
Ein großangelegtes wirtschaftliches, gesellschaftliches und politisches Modernisierungsprojekt erfordert es, dass die verfügbaren Ressourcen darauf konzentriert werden, es ist notwendig, die Menschen zu mobilisieren, wofür es einer Ideologie bedarf. Das zu bewerkstelligen wäre für Nahost nicht einfach: Führungsfrage, Islam als Kern einer auf Modernisierung hinarbeitenden Ideologie… dabei ist der Weg des Iran, der im Zuge der Revolution von 1979 und der späteren schwierigen Zeit die Grundlagen seiner eigenen Modernisierung schaffen konnte, nicht unbedingt auf die übrige islamische Welt anwendbar. Die Ideologie im Iran stützt sich nicht nur auf den Islam (und da nun auf dessen schiitische Version, welche für die Mehrzahl der Moslems immer noch unannehmbar bleibt), sondern auch auf nationalistische und, geschichtsbedingt, auf imperiale Denkweise. Das Zusammenspiel dieser drei Faktoren schuf die spezifisch iranische Ideologie, welche innerhalb des Establishments und der Gesellschaft gewisse Widersprüche generierte, die zur Quelle eines Fortschritts aller wurden.
Für die sunnitische Welt hätte der Widerspruch zwischen dem säkularen Charakter einer typischen Staatsordnung und dem Islam zur Quelle einer Entwicklung werden können. Der Irak war in diesem Sinne eines der erfolgreichsten Projekte. Die Türkei ist mit Anbruch des 21. Jahrhunderts faktisch aus dem Rennen um die Führugnsrolle ausgeschieden: dort siegte das islamisierte Dorf letztlich über den säkularen kemalistischen Charakter der Staatsmacht und löste somit den Widerspruch auf. Der Irak Saddam Husseins war dazu in der Lage, als säkulares Projekt eine Führungsrolle in der Region zu übernehmen, und genau deswegen wurde er zum Feind Nummer 1 für das (sit venia verbo) westliche Projekt. Die USA sind so gesehen nur das Instrument zu seiner Beseitigung gewesen. Die Amerikaner haben das gestellte Ziel erreicht – das irakische Projekt mit regionalem Führungsanspruch ist vom Tisch. Die Demontage des Irak war es, die allen säkularen Staaten des Nahen Ostens vor Augen führte, was passiert, wenn sie einen Sprung der Modernisierung versuchen.
Das westliche Globalisierungsprojekt konnte sich allerdings nicht nur auf eine Demonstration verlassen, sondern fordert die Liquidierung selbst potentieller Bedrohungen. Der “Arabische Frühling” erledigte das; alle säkularen Regierungen der Region wurden gestürzt oder gerieten unter schweres Feuer. Erdöl und Erdgas sind sicherlich ein weiterer, gewichtiger Faktor, welcher das Interesse des Westens an diesen Prozessen bedingt. Doch das dem übergelagerte, allgemeine Ziel ist die Vernichtung eines Konkurrenzprojekts und Machtpols.
Der Iran verbleibt als letzte Hoffnung für diese Zivilisation, und er ist es, der das nächste Ziel ist. Mit dem Iran wird man vermutlich auf zweierlei parallele Weise arbeiten. Die eine Variante wird man wohl schon in diesem Jahr fahren, als “Grüne Revolution v2.0”. Die zweite folgt etwas später, wenn der Iran in einen Krieg mit den sunnitischen Golfmonarchien gestoßen und einer gigantischen, degradierten Menschenmasse aus den Bevölkerungen der durch den “Arabischen Frühling” Ländern vernichteten Staaten als Hauptstoßkraft konfrontiert wird. Die Amerikaner haben nach ihren Verausgabungen für den Irakkrieg kein Interesse und wohl auch keine Möglichkeit, sich direkt und unmittelbar an diesen kommenden Kriegen zu beteiligen, deshalb besteht ihre Aufgabe darin, die Bedingungen dafür zu schaffen und den Stein ins Rollen zu bringen. Es geht den USA dabei nicht nur und nicht so sehr um eine Niederlage des Iran, als vielmehr um eine Erschöpfung aller möglichen Ressourcen der gesamten Region, gesellschaftliche und Humanressourcen natürlich inklusive. Und das mit dem Ziel, potentielle Konkurrenzprojekte ein für allemal zu beseitigen.
Und hier meine abendlich trübsinnigen zweieinhalb Cent für die, welche in den derzeitigen Krisen viel von Russland erwarten. Der libysche Oberst sagte inmitten der NATO-Aggression einmal sinngemäß, dass, gäbe es das Russland noch, all das nicht möglich wäre. Mit Russland ist man nämlich bereits so umgesprungen, dieses Projekt ist in den 1990’ern eigentlich ausgeschaltet worden. Russland wurde nicht nur im Kalten Krieg “besiegt”, sondern wird seither systematisch von seinen Ressourcen her ausgedünnt. Durch direkte Dezimierung der Humanressourcen, durch den gezielten Verfall von Bildung, Gesundheit, Schaffenskraft der übrigen, durch Vernichtung des Industriepotentials, aber am bedeutendsten ist wohl das Abpumpen der Ressourcen nach Außerhalb, so dass diese nicht mehr für die Modernisierung und den Aufbau der eigenen Gesellschaft zur Verfügung stehen. Russland ist in gewisser Weise jetzt schon das, was der Nahe Osten wohl in Zukunft sein wird, so, wie ihn sich die Amerikaner vorstellen. Eine Art Kolonialverwaltung, Verdummung der Bevölkerung, eine Vernichtung jedweder auf Vorankommen ausgerichteter Ideen und Ideologien. Erlaubt ist nur die Ideologie des Konsums und der Bereicherung. Ein bißchen wie Deutschland, oder ein sonstiges Land, das man dem “Westen” zurechnet und in dem den Menschen schon ein schauriges Erzittern vor den Begriffen “Ideologie”, “Patriotismus”, “Moral”, usw. anerzogen worden ist. Das ist ebenso auch als Zukunft für den Nahen Osten angedacht. Und der Irakkrieg von vor 10 Jahren bedeutete den ersten Schritt auf dem Weg in dieses Szenario für die Region.