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Grüne Legenden

Ali Seidan, Ministerpräsident LibyensIn Libyen wurde vom Parlament die neue Regierung bestätigt. Das sieht nach einer recht normalen und ins Langweilige tendierenden Meldung aus, allerdings steht dahinter ein schwer erkämpfter Sieg von gegen den Einfluss des Katar arbeitenden Kräften der neuen Elite des Landes. Was im Kontext der ganzen Opferländer des “Arabischen Frühling” noch bemerkenswerter ist: es handelt sich dabei im Wesentlichen um Kräfte, die sich in keiner Weise aktiv religiös positionieren, sprich: weltlich sind. Interfax zitiert dabei den neuen libyschen Premier Ali Seidan mit den Worten, der neuerliche Erfolg bei der Regierungsbildung komme daher, dass “die Balance in einer gleichmäßigen geographischen Vertretung der unterschiedlichen Regionen” gefunden wurde, damit man so “die früheren Fehler” vermeide.

Nur am Rande: es ist eine andere Sache, dass wieder einige Ministerposten beanstandet wurden. Unter den Ministern der neuen Regierung ist übrigens Sami Mustafa Al-Saadi, ein Kumpel von Abdel Hakim Belhadsch, als “Minister für Märtyrer und Vermisste”.

Es hat erst einmal mehr Sinn, sich auf den vom Premier zitierten Inhalten von “Balance” und “frühere Fehler” zu konzentrieren. Der frühere Premier Schagur ist genau daran gescheitert, dass er keine Balance, sondern seinen Willen (natürlich nicht seinen, sondern den der Sponsoren) gegen die Interessen der Stämme und Regionen durchsetzen wollte. Wenn man ein offenkundiger Vertreter pro-katarischer Gruppierungen bzw. der Salafiten ist, hat man es selbstredend schwer, innerhalb der zahlreichen Stämme eine Balance zu finden. Es ist offensichtlich, dass die Stämme die Aktivität solcher Gruppierungen ohne jeden Enthusiasmus registrieren.

Damit nicht genug. Die jüngsten Ereignisse in Bani Walid sehen unter diesem Aspekt auch ein wenig anders aus, als man gewohnt ist, darüber zu hören. Fakt ist, dass die Misurata-Brigaden brutal und rücksichtslos auch unkonventionelle Waffen gegen die Stadt einsetzten, alles Lebendige beschossen, ohne groß danach zu fragen, wer oder was das ist – deshalb auch die enormen Opferzahlen unter den Zivilisten. Ohne diese Banden rechtfertigen zu wollen, kann man nur bitter anmerken, dass eine Revolution generell keine Angelegenheit ist, die ohne viel Blut abläuft oder in deren Zuge “humanistischere” Zeiten eintreten.

Wichtiger anzumerken ist, dass es der Premier war, der den Befehl gab, die salafitischen Gruppierungen aus der Küstenregion zurückzudrängen. Damit waren zwei Aufgaben ins Auge gefasst worden: einerseits die Befreiung der Küstenregion aus den Händen von nicht zu kontrollierenden Banden und andererseits sollten damit die pro-katarischen Kräfte ihres paramilitärischen Machtarguments beraubt werden. Die Einsätze gegen die salafitischen Gruppierungen gab es auch vorher schon – realisiert in erster Linie durch die Misurata-Brigaden – allerdings beteiligen sich nun auch Regierungstruppen daran.

Und das ist der Punkt: eine gewisse Zahl dieser salafitischen Einheiten zog sich nach Bani Walid zurück. Selbstverständlich, ohne die Bewohner um Erlaubnis zu fragen, welche sich ohnehin wohl noch nicht von den schrecklichen Ereignissen des vergangenen Jahres erholen konnten. Eine der Salafitenbrigaden wurde überhaupt erst in Bani Walid ins Leben gerufen. Zu Gesprächen mit dieser wurden demnach die Gaddafi-Mörder gesandt, und von diesen ist der halbstarke Spinner, der mit der goldenen Pistole des Oberst posierte, dann auch erledigt worden. Die Sache ist ja die. Man kann schon jung und dumm sein, das gibt es. Aber nur ein vollendeter Idiot begibt sich in eine Stadt, die von Leuten bewohnt wird, deren Blutrache man verfallen ist. Da er sich also dahin begeben hat, wird er wohl sicher gewesen sein, dass ihn dort wahrscheinlich niemand des Gaddafi-Mordes wegen etwas anhaben wird. Mehr noch, Ben Schabaan muss sich eigentlich sicher gewesen sein, dass die Sache glimpflich ausgehen wird.

Das ist sie denn wohl, die ganze traurige Geschichte dieser unglücklichen Stadt Bani Walid. Angegriffen wurden dort nicht so sehr irgendwelche vermeintlichen “Gaddafi-Anhänger”, sondern salafitische Kommandos, die sich dort verschanzt hatten. Die unglaubliche Brühe in den Köpfen und auf Internet-Portalen von fernen Aktivisten, plus Aufnahmen aus Sirte vom vergangenen Jahr, wo noch die grünen Fahnen wehten, dazu die Mär vom abermaligen Tod des Khamis Gaddafi und des Moussa Ibrahim – Geschichten, die übrigens von der neuen libyschen Regierung verbreitet worden sind: wozu wohl? – all das ergab zusammen ein Bild, in dem ein “grüner Widerstand” heldenhaft gegen die Feinde Gaddafis kämpfte. Allein so war es wohl kaum.

Al-Kaida im Maghreb

Wenn diese nach Ockhams Rasiermesser doch recht nahe liegende Annahme einigermaßen zutrifft und die Agenda so weitergeht, so werden wir bald Nachrichten vom heldenhaften Widerstand sich plötzlich irgendwoher materialisierter Gaddafi-Anhänger in Sabha hören. Auch dort haben sich nämlich in den vergangenen Monaten die Salafiten und, wie man hört, Einheiten der libyschen AQMI befestigt. Und auch mit denen muss der neue Premier über kurz oder lang etwas unternehmen, anders gesagt, bald werden wahrscheinlich wieder neue „grüne Legenden“ kursieren. Und irgendwann, wer weiß, kommen vielleicht auch endlich die zigtausend Tuareg an, die sich im vorigen Jahr irgendwo in Luft aufgelöst haben.

Wochenschau, Folge 50

Zeit für die russische „Wochenschau“. Zu den dort erwähnten Ereignissen in Bani Walid sei vorweg angemerkt, dass heute vom libyschen Verteidigungsministerium die Meldung kam, dass die Lage in der Stadt „nicht von der Regierung kontrolliert“ werde. Viele „Freunde der Dschamahirija“ weltweit nahmen diese Nachricht mit Freuden auf, da sie als Erfolg eines „grünen Widerstands“ interpretiert wurde, jedoch sahen Meldungen in manchen russischen Quellen etwas anders aus: die Regierung kontrolliere zwar Bani Walid nicht, aber die Misurata-Banden tun es (weitgehend), und diese wiederum werden nicht von der Regierung kontrolliert.

Brennpunkte der Woche

In Syrien wurde zum islamischen Opferfest auf Vorschlag des Sondergesandten der UN und der Arabischen Union Brahimi eine viertägige Waffenruhe vereinbart. Dass diese Waffenruhe, genau wie die vorangehenden Vereinbarungen dieser Art, wohl nicht eingehalten werden wird, war vorher schon fast klar. Schon am Freitag ist im Wohnviertel Daf al-Shouk im Süden von Damaskus eine Autobombe explodiert. Verschiedenen Angaben zufolge sind dabei bis zu 47 Menschen ums Leben gekommen. Am gleichen Tag wurden in Deraa Militärangehörige von Terroristen in die Luft gesprengt, im Ort Maaret Numan an der Strasse von Damaskus nach Aleppo wurde ein Militärstützpunkt überfallen. Selbstredend hat die Armee diese Angriffe zurückgeschlagen. So ist der Waffenstillstand letztlich nicht zustande gekommen.
Dabei ist es interessant zu erwähnen, dass Russland vor der UNO eine Verurteilung der blutigen Anschläge gegen Zivilisten in Damaskus beantragt hat. Das wurde vom Westen allerdings abgelehnt. Der stellvertretende russische Aussenminister Gennadij Gatilow schrieb dazu im Twitter-Netzwerk:

Der Westen blockiert im UN-Sicherheitsrat wieder die Verurteilung des Terroranschlags in Damaskus. Die Opposition bricht die Waffenruhe. Ihr Kurs zur Fortsetzung der Gewalt ist offensichtlich.

Tatsächlich, warum sollte man den Anschlag verurteilen. Es ist ja nicht irgendeine, sondern eine demokratische Bombe explodiert. Und wir wissen, dass es nicht zu viele demokratische Bomben geben kann.
Wie sieht es derweil mit dem Überfall der Türkei auf Syrien aus? Glücklicherweise ist unsere Prognose bislang nicht wahr geworden, obwohl es weiterhin dahingehende Signale gibt. In dieser Woche sollen wieder angeblich syrische Geschosse auf türkischem Territorium niedergegangen sein, wodurch ein Krankenhaus beschädigt wurde. Es kam zu einem Skandal um die Äußerungen des Oberbefehlshabers der US-Streitkräfte in Europa, Mark Hertling. Er sagte, dass vor dem Hintergrund der sich verschlechternden Lage in Syrien ein “kleines” Militärkontingent in die Türkei entsandt worden ist. Diese Nachricht wurde von der türkichen Öffentlichkeit sehr negativ aufgenommen. Denn wie wir wissen, gibt es in der Türkei ohnehin schon eine US-Luftwaffenbasis, auf welcher übrigens bis zu 70 Atomraketen gebunkert sind.
Schließlich sahen sich amerikanische Diplomaten gezwungen, ein Dementi abzugeben. Man habe alles falsch verstanden und es gehe nicht um eine Stationierung US-amerikanischer Streitkräfte in der Türkei. Es gehe vielmehr um die Entsendung amerikanischer Fachleute, welche helfen sollen, die Probleme mit den Flüchtlingen aus Syrien und den Terroristen zu lösen sowie die türkische Luftabwehr verstärken sollen. Diese Rechtfertigung ist offen gesagt schwach, denn wir wissen ja bereits, wie die “amerikanischen Fachleute” Probleme mit Terroristen zu lösen helfen, schon allein aus der Angelegenheit mit der Tötung Osama bin Ladens in Pakistan.
Dieser Tage reist Erdogan nach Deutschland, wo er mit Bundeskanzlerin Angela Merkel unter anderem die Lage in Syrien besprechen wir. Deutschland besitzt die wohl kampfstärksten Streitkräfte in Europa, zeigt aber wenig Interesse an einer Beteiligung am Konflikt in Syrien, ähnlich, wie es keine Ambitionen beim Krieg gegen Libyen zeigte. Wahrscheinlich wird die Position Deutschlands Gegenstand der Gespräche.

Kurz vor Krieg

In Libyen gingen die blutigen Auseinandersetzungen zwischen den dortigen Stämmen auch diese Wocher weiter. Die Stadt Bani Walid wurde mit Artillerie und Luftwaffe angegriffen. Einige Quellen sprechen über Einsätze von Weißem Phosphor gegen Zivilisten. Ende der Woche kam die Nachricht, die Stadt sei gefallen und man gehe nun daran, lokale Widerstandsnester auszuschalten. Bislang scheint es nicht möglich, die Zuverlässigkeit dieser Angaben zu prüfen. Allein innerhalb des vergangenen Jahres kamen solche Meldungen nämlich schon um die 10 Mal. Bekannt ist dagegen, dass die Misurata-Brigaden, welche die Stadt belagern, nach dem üblichen “Ratten”-Schema vorgehen, das bereits bestens aus Syrien bekannt ist. Es wurde eine Waffenruhe für die Dauer von 48 Stunden angekündigt, damit Zivilisten die Stadt verlassen können. Diese Feuerpause machten sich die Angreifer zunutze, brachen den Waffenstillstand und deckten Bani-Walid mit Feuer aus Grad-Raketenwerfern ein. Ein simples, aber effektives Schema.
Alarmierend bleibt die Lage im Nachbarland Syriens, dem Libanon. Anfang der Woche kam es hier zu Straßenkämpfen zwischen unzufriedenen Städtern und der Polizei, in deren Verlauf es 8 Tote und weitere 80 Verletzte zu beklagen gibt. Anlass war die Bestattung des vor kurzem bei einem Attentat getöteten Geheimdienstchefs Wisam al-Hassam. Das am wenigsten stabile Land der Region befindet sich somit offenbar wieder am Rande eines Bürgerkriegs mit allen Konsequenzen, die sich daraus für die Nachbarländer ergeben.

Herausforderung

Ende der Woche rief der Anführer der Al-Kaida, Aiman az-Zawahiri, die Moslems weltweit dazu auf, Ausländer zu entführen und damit den Kampf gegen Assad in Syrien zu unterstützen.

Wir müssen so viel wie möglich Bürger solcher Staaten entführen, die gegen die Moslems kämpfen, um damit im Austausch unsere gefangenen Brüder freizubekommen.

Kurz zuvor hat ein weiterer bekannter Islamist, Scheich Yusuf al-Qaradawi, Russland für seine Unterstützung Syriens scharf kritisiert:

Brüder, Moskau ist dieser Tage zu einem Feind des Islam und der Moslems geworden. Es ist nun der Feind Nummer 1 für den Islam und die Moslems, weil es sich gegen das syrische Volk gewandt hat. Die arabische und die islamische Welt muss sich in einer einheitlichen Front gegen Russland erheben. Wir müssen unseren Feind Nummer 1, Russland, boykottieren.

Mit anderen Worten, Russland wird von Seiten islamischer Radikaler offen herausgefordert. Das ist gar nicht so schlecht, denn es ist immer besser, offen Krieg zu führen. Wir hatten beispielsweise mehrfach davon berichtet, wie sich in Tatarstan zielstrebig ein wahhabitischer Untergrund heranbildet und dabei festgestellt, dass die Staatsmacht dieses Problem nicht wirklich ernstzunehmen scheint. Es kam soweit, dass frischgebackene “Waldbrüder” das Internet mit ihren Aufforderungen zur Vernichtung aller Russen überschwemmten, und im Zentrum von Kasan hielt trotz des Verbots der Regierung ein fanatischer Pöbel seine Kundgebungen ab.
Lage Tatarstans (Hauptstadt: Kasan) in Russland (Karte: TUBS/Wikimedia Commons)
Doch in dieser Woche gab es da Bewegung. In Kasan wurde durch Sondereinheiten des FSB eine Bande von Islamisten liquidiert. Ihr Anführer und zwei Komplizen leisteten bewaffneten Widerstand, infolge dessen ein FSB-Mann getötet und ein weiterer verletzt wurde. Die Terroristen wurden liquidiert. Man fand Sprengsätze. Nach Angaben des FSB war es diese Bande, welche für die Anschläge auf die geistlichen Führer in Tatarstan verantwortlich war. Für die Zeit des islamischen Opferfests wurde ausserdem ein weiterer Anschlag vorbereitet. Wie sich herausstellte, war der Anführer ein Mann namens Raïs Mingalijew, der bereits in einer unserer Folgen besprochen wurde. Hier ist er, der selbsternannte “Amir von Tatarstan”:

Am 19. Juli 2012 wurde auf meinen Befehl ein Einsatz gegen die Feinde Allahs Ildus Fajsow und Waliullah Jakupow durchgeführt. Alhamdullillah befinde ich, dass der Einsatz erfolgreich verlief. Inschallah werden wir auch weiterhin solche Aktionen gegen die Feinde Allahs durchführen.

Nun, die Herausforderung ist angenommen. Wir hoffen, dass sich weitere “Waldbrüder” genauso schnell und effektiv zu Allah begeben werden wie diese hier.

Wochenschau, Folge 47 – zum Tod des Oberst

Oberst Muammar al-Gaddafi
Sie ist schon seit ein paar Tagen draußen, die neue Wochenschau namens „Umgestaltung der Welt“. Die aktuelle Folge widmet sich vollumfänglich den Umständen des Todes eines der wahrscheinlich letzten herausragenden Männer unserer Zeit – Oberst Muammar al-Gaddafi. Damit sind die russischen Kollegen natürlich nicht die einzigen. Gaddafi war vor ein paar Tagen in vielen Berichten wieder Thema. Die meisten werden es mitbekommen haben.
Der Autor der „Umgestaltung der Welt“, Jewgenij, hat natürlich recht – die Sache wurde praktisch gleich nach der Vorführung des Chefs der Leibwache des Oberst, Mansur Dao, mysteriös. Gaddafi wurde recht „frisch“, mit nur leichter Blessur im Gesicht, gar mit sauberen Händen aus dem Drainagerohr gezogen – und das nach über einem Monat, die er in einem Keller in Sirte verbracht haben soll, nach der Flucht des Autokonvois, dessen Bombardierung und der Erschießung aller Beteiligten – bis auf Mansur Dao. Dazu noch die goldene Pistole, ein paar Audiobotschaften (vom Oberst?). Die eilige Hinrichtung Mutassims, Gaddafis verschwundener Pressesekretär – mit anderen Worten, schon Anfang November vorigen Jahres wies ziemlich vieles darauf hin, dass hier Theater gespielt wurde. Insofern ist Tripolis der Ort, der für eine Ergreifung Gaddafis am wahrscheinlichsten ist. Dazu werden auch die NATO-Sondereinheiten an Land gegangen sein. Doch sicher nicht dazu, die schwangere Aischa zu fangen. Die damals in Tripolis festgestellten SAS werden wohl kaum unverrichteter Dinge wieder abgezogen sein.

Was muss man der Welt denn nach dem Tod Miloschewitschs, Saddam Husseins, dem ins Koma gejagten Mubarak, dem erhängten Nadschibullāh, MacCains Drohungen gegen Putin noch alles demonstrieren, damit die Menschen begreifen, was vor sich geht? Die Zeiten der edlen Dons sind vorbei. Man mordet. Entweder einfach und direkt ohne Spitzfindigkeiten, oder in komplizierten Schach- und Winkelzügen. Und eine „Pfählung“, wie Peter Scholl-Latour den Tod Gaddafis beschrieb, ist offenbar der Trend der Saison.
Man könnte sich ja langsam einmal fragen, warum die einen das können, die anderen aber nicht. Wodurch zeichnet sich denn jener füllige Emir Hamad vor allen anderen aus? Aus welchem Grunde soll denn Genosse Bürger Erdoğan ein solches Juwel für die Menschheit sein? Was ist denn mit den Weisen von House & Hill, dass sie so unantastbar und erwählt sein sollen, dass sie über Leben und Tod entscheiden dürfen, sie selbst aber keinen Mucks abbekommen dürfen? Je später der Abend, desto rhetorischer die Fragen.

Anmerkung. Die aktuelle Ausgabe der „Umgestaltung der Welt“ enthält zwei Fehler. Erstens, in der ersten Zwischenüberschrift wird ein Umlaut nicht richtig abgebildet. Das haben die Russen nicht erkannt. Zweitens, der kurze Ansagetext bei 08:43 (“Der Mord an Gaddafi ist das Werk internationaler Geheimdienste…” – ein Zitat von Mahmud Dschibril) gehört nach 09:34. Letzteres ist die Schuld des Autors dieses Blogs. Die deutsche Vertonung entstand in Aserbaidschan, es war sehr heiß…

Update. Die Fehler wurden inzwischen behoben!

Spezialausgabe. Wer hat Gaddafi wirklich umgebracht?

In dieser Ausgabe wird eine Version des Todes von Gaddafi vorgestellt, die auf offenen, aber kaum beachteten Quellen beruht. Wir selbst sind der Meinung, dass die Ergreifung und der Mord am Oberst eine Inszenierung gewesen sind, doch wir gehen davon aus, dass jeder für sich selbst seine Schlüsse ziehen wird. Schritt für Schritt wollen wir versuchen zu zeigen, wie schmutzige politische Spielchen getrieben werden und wie wenig dabei ein Menschenleben wert ist. Wir wollen vorwegschicken, dass einige Bilder dieser Folge zu gewaltsam für Frauen, Kinder und unausgeglichene Personen sein könnten.

Der Mann, der Gaddafi tötete

In dieser Woche fand in Misurata die pompöse Bestattung eines der Kämpfer gegen das Gaddafi-Regime statt. Solch hohe Ehren wurden Omran Dschumaa ben Schaaban für seine herausragende Tat, die Ergreifung Gaddafis, zuteil. Er war es, der den Oberst in dem Drainagerohr auffand. Die Bilder, die um die Welt gingen, zeigen, wie der Rebell freudig vor der Kamera posiert und den wehrlosen Mann verspottet. Er hatte weniger als ein Jahr, um in seinem Ruhm zu baden. Omran ben Schaaban teilte das traurige Schicksal des Oberst.
Im Juli diesen Jahres wurde ben Schaaban mit dreien seiner Mittäter in wichtiger Mission nach Bani Walid gesandt. Bemerkenswert, dass alle drei seiner Begleiter ebenso bei der Ergreifung Gaddafis zugegen waren. Diese ganze verdiente Truppe wurde also nach Bani Walid entsandt, um dort mit den Ältesten über die Freilassung von zwei dort festgehaltenen Journalisten zu verhandeln. Bani Walid ist die Stadt, die bis zuletzt für Gaddafi kämpfte, weder die täglichen NATO-Bombenangriffe, noch die zahlreichen Erstürmungsversuche der Rebellen konnten den Widerstand brechen. Durch ihre Standhaftigkeit hat diese Heldenstadt sich das Recht verdient, in der gegenwärtigen Zeit recht autark gegenüber den neuen Machthabern zu sein. De facto ist sie selbständig – die neue Hymne wird dort nicht anerkannt, in den Schulen gelten die alten Unterrichtsprogramme. Die neue Staatsmacht kann nichts dagegen unternehmen. Bani Walid ist die Hauptstadt des Warfalla-Stamms, und die Leute dieses Stamms haben keine Veranlassung, die proamerikanischen Machthaber zu lieben. Unter Gaddafi hatte dieser Stamm zahlreiche Privilegien, nunmehr sind die Warfalla von allen höheren Regierungsposten vertrieben worden und werden regelrecht diskriminiert. Es scheint fast, als müsse die neue Staatsgewalt die aufmüpfige Stadt erneut stürmen, damit dieses Problem ein für alle Mal gelöst ist. Doch das ist nicht machbar. In Bani Walid leben insgesamt rund 100.000 Menschen, und die sind bestens bewaffnet und an diesen Waffen ausgebildet. Wenn die Stadt selbst mit Unterstützung der NATO-Luftwaffe nicht gefallen ist, so sollte man sich jetzt da gerade heraushalten.
Deshalb entsenden die neuen Machthaber auch “diplomatische Vertreter” nach Bani Walid, als sei das kein libysches Territorium, sondern ein Nachbarstaat.
Also kam ben Schaaban mit drei genau solch Halbstarken und fehlgeleiteten Revoluzzern, wie er selber einer war, nach Bani Walid. Die Ansässigen haben aber angesichts solch hoher Gäste die Regeln der Diplomatie glattweg vergessen und alle vier eingesperrt. Was dort mit ihnen geschah, kann man nur mutmaßen. Um diese neuerlichen Gefangenen freizuhandeln, kam der zeitweilige libysche Führer, Mohamed Yusuf Al Magariaf, persönlich vorbei.
Die Ansässigen gaben nur drei Gefangene, darunter ben Schaaban, heraus. Der vierte, so muss man annehmen, hat diesen Zeitpunkt einfach nicht mehr erlebt. Aber auch die Befreiten sahen nicht gerade gut aus: ben Schaaban war gelähmt, er wurde schleunigst in ein Krankenhaus in Paris überführt, aber auch die dortigen Leuchten der Medizin konnten nichts mehr retten.
“Der Mann, der Gaddafi fing” starb nach wahrscheinlich noch schrecklicheren und länger dauernden Foltern als der Oberst.

Zu viele Zufälle

Und hier beginnt der intrigante Teil. Der Hauptheld der Festsetzung Gaddafis ist tot, drei seiner Kumpane sind entweder tot oder nahe daran. Mehr noch, weitere drei Männer, die am Mord an Gaddafi beteiligt waren, sind kurz zuvor unter ungeklärten Umständen ums Leben gekommen. Noch ein wenig, und es wird keine lebenden Zeugen der Ermordung des Oberst mehr geben. Passiert das rein zufällig? Es sieht nicht so aus. In dieselbe Verkettung von Umständen passt auch der kürzliche Mord am US-amerikanischen Botschafter Christopher Stevens, welcher einer der Organisatoren der Aggression gegen Libyen war und mit Sicherheit von vielen Einzelheiten Kenntnis hatte.
Dabei ist es in dieser Woche zu einem weiteren Skandal gekommen – in den USA wurden die Tagebuchnotizen von Botschafter Stevens veröffentlicht. Darin schreibt er, dass sich die Siutation in Benhazi verschlechtert, er spüre von dort ausgehende Gefahr und fordert von State Department eine Verstärkung seiner Leibwache, dieses reagiert aber nicht. Auch die neuen libyschen Machthaber hatten vor einem Angriff auf das Konsulat gewarnt.
Nun hat das State Department sich entrüstet gezeigt, dass die Journalisten Stevens’ Tagebuchnotizen veröffentlicht haben, dabei wurde aber bestätigt, dass der Angriff tatsächlich geplant gewesen ist.
Allerdings zurück nach Libyen. Es sind also fast alle Zeugen der Ermordung Gaddafis tot, der informierte Botschafter ist tot, aus dem zerstörten Konsulatsgebäude wurden Dokumente gestohlen. Weshalb beseitigt man die Spuren? Doch scheinbar dazu, dass niemand mehr übrig bleibt, der Zeuge dessen ist, was Gaddafi wirklich widerfuhr. Und warum passiert solches ausgerechnet jetzt? Am 20. Oktober jährt sich der Todestag Gaddafis zum ersten Mal. Kurz danach sind Präsidentschaftswahlen in den USA. Jemand könnte eine nette Mine unter Obamas Hintern platzieren, indem er hässliche Informationen an die Öffentlichkeit gibt. Eine Mine, von deren Folgen er sich bis zur Wahl nicht mehr erholen kann.

Der Mord an Gaddafi

Gehen wir ein Jahr zurück und schauen uns die Ereignisse damals vom heutigem Standpunkt aus an. Im Oktober geriet die Situation in eine Sackgasse. Ungeachtet dessen, dass ein bedeutender Teil des Territoriums unter der Kontrolle der Rebellen stand, haben die Städte Sirte und Bani Walid jegliche Angriffe erfolgreich abgewehrt. Gaddafi selbst lebte und wahr allem Anschein nach in Sirte. Die NATO-Luftwaffe bombte und bombte, unter Trümmern und Zementstaub wurden mehr und mehr Zivilisten begraben. So konnte es nicht weitergehen, denn schon damals stand ja Syrien in der Warteschlange, wo eine ganz ähnliche Militärkampagne vorgesehen war.
Und nun Achtung. Am 19. Oktober, am Tag vor der Gefangennahme Gaddafis, kommt die US-Außenministerin Hillary Clinton plötzlich und unangekündigt nach Libyen. Sie trifft sich mit dem damaligen Chef des Nationalen Übergangsrates Mahmut Dschibril. Was war der Grund für die Eile und den Anflug des nicht eben ungefährlichen Flughafens in Tripolis? Die Sache ist die, schon zu diesem Zeitpunkt sprach die NATO-Einsatzleitung offen davon, sich in Bälde aus Libyen zurückzuziehen. Die zeit drängte, das Budget ächzte, Syrien stand bevor, und das, was in Libyen vom Zaun gebrochen war, sollten die Rebellen selbst zu Ende bringen. Doch wie sollte man sich aus Libyen zurückziehen, ohne das Hauptziel erreicht zu haben, wenn nämlich Gaddafi noch lebt? Das würde der amerikanische Fernsehzuschauer nie verzeihen, auch nicht die europäischen Steuerzahler. Damals ging Frankreich ja den Wahlen entgegen, auch die in den USA konnte man schon am politischen Horizont erahnen. Kurzum, es war undenkbar, sich aus Libyen zurückzuziehen, ohne Gaddafi umgebracht zu haben. Die Wähler hätten es sonst nicht zugelassen, in den nächsten Ländern – allen voran Syrien – Druck aufzubauen.
Wie auf Bestellung wird Gaddafi am nächsten Tag gefangen. Allerdings unter sehr rätselhaften Umständen. Es wird gemeldet, dass er in einem Autokonvoi Sirte verlassen hat. Die NATO-Luftwaffe griff diesen Konvoi an, doch der Oberst entkam dem Angriff und verbarg sich in einem Wasserrohr, wo er dann von unserem Helden Omran ben Schaaban gefangen wurde. Die Gefangennahme sah dabei doch recht theatralisch aus. Aus irgendeinem Grund hatte Gaddafi seine Paradeuniform an, in der man ihn von den Fernsehbildern kannte. Er hatte seine goldene Pistole dabei, das besondere Merkmal, welches das Bild eines arabischen Diktators in der Vorstellung der Fernsehzuschauer noch vervollständigte. Wie dem auch sei, wichtiger ist, dass der Leichnam Gaddafis nach der ganzen großen Show einfach verschwand. Erst ließen die neuen libyschen Machthaber verlauten, er sei an einem geheimen Ort bestattet worden, dann hieß es, der Leichnam sei eingeäschert worden, wonach man die Asche im Meer ausstreute. Damit war die Sache erledigt, ganz ähnlich wie im Fall mit Osama bin Laden.
Direkt nach der Ermordung Gaddafis stellt die westliche Koalition die Militäroperation in Libyen ein, die öffentliche Wahrnehmung schwenkt auf Syrien um. Die Fragen bleiben aber bestehen. Wer hat denn nun wirklich Gaddafi umgebracht, falls er überhaupt umgebracht wurde?

The Missing link

Wir erwähnten ja bereits Mahmud Dschibril, der am Tag vor Gaddafis Tod von Clinton besucht wurde. Dieser Tage ließ der gute Alte eine interessante Verlautbarung ab. Auf der Kairoer Konferenz der Länder des “Arabischen Frühlings” gab er dem ägyptischen Fernsehkanal “Dream TV” ein Interview, in welchem er den Mord an Gaddafi direkt einem “internationalen Sicherheitsdienst” anlastete.

Der Mord an Gaddafi ist das Werk internationaler Geheimdienste, und nicht etwa der libyschen Revolutionäre, wie es alle glauben. Ziel war es, Gaddafi zum Schweigen zu bringen, denn er kannte viel zu viele Geheimnisse und besaß immer noch einiges an Geheimdokumenten.

Auf diese Weise rückt alles an den rechten Platz: Gaddafis verdächtig theatralischer Tod, die Vernichtung des Leichnams, die methodische Liquidierung aller Zeugen, der rätselhafte Mord am amerikanischen Botschafter Christopher Stevens, das Verschwinden seiner Archive.
Es ist möglich, dass Gaddafi lange vorher von Sicherheitsdiensten festgesetzt wurde, vielleicht noch als Tripolis gefallen ist. Man ließ das jedoch nicht an die Öffentlichkeit gelangen, da man ihn eben noch ein wenig bearbeiten musste. Ausserdem brauchte man da noch die Bedrohung durch einen nicht zu fangenden Gaddafi, um weiter militärisch gegen seine Anhänger vorgehen zu können.
Es gibt natürlich auch noch die Version, dass Gaddafi gar nicht umgebracht wurde, sondern in eines der afrikanischen Nachbarländer fliehen konnte. Der Welt wurde eine Inszenierung vorgeführt, die entweder vorher oder mit einem Doppelgänger des Oberst gefilmt worden war. Wie es wirklich gewesen ist, wissen wir nicht, doch wir werden versuchen, die Sache in künftigen Folgen weiter im Auge zu behalten.

Nachwort

Am 6. September veröffentlichte die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch einen Bericht, aus dem hervorgeht, dass die westlichen Geheimdienste bereits seit 8 Jahren faktisch direkt mit Gaddafi zusammengearbeitet haben. Seine Feinde wurden weltweit verfolgt und aufgespürt, sie wurden verhört und gefoltert und dann in die Hände des Oberst nach Libyen ausgeliefert, der ihnen gegenüber durchaus nicht immer gnädig war.
Tags zuvor hat Mauretanien den ehemaligen Geheimdienstchef der Dschamahirija, Abdallah as-Senussi, an Libyen ausgeliefert. Dieser Mann ist Träger von höchst wichtigen Geheimdienstinformationen, die sich jetzt “unter Kontrolle” befinden.
Am 27. September, nach der Veröffentlichung von Stevens’ Tagebüchern, forderte der US-Kongress von der Obama-Administration eine vollständige Aufklärung der Vorfälle. Das State Department ließ eine Untersuchungskommission bilden, welche im kommenden Frühjahr einen Bericht zu den Ereignissen liefern soll, aber die Senatoren von den Republikanern sind ungeduldig. Sie wollen natürlich noch vor den Präsidentschaftswahlen die entsprechenden Ergebnisse bekommen.

Vom "grünen Widerstand"

Omran ben Schaaban, Gaddafis Mörder
Omran ben Schaaban
Seit dem Sturz von Muammar Gaddafi herrscht in Libyen Chaos und praktisch eine Herrschaft einzelner Clans anstelle einer Zentralregierung. Die Spaltung ist nach der Ermordung des amerikanischen Botschafters Chris Stevens noch vertieft worden, denn diese ohnmächtige Zentralregierung hatte es sich plötzlich auf die Fahnen geschrieben, alle von ihr vorher unterstützten Militia nun zu entwaffnen und zu zerschlagen. In den Medien liest und hört man immer öfter den Begriff “Gaddafi-Anhänger” – wenn all das, was man diesen inzwischen zuschreibt, wirklich in die Verantwortung einer solchen Gruppe fällt, dann ist das wohl immer noch oder inzwischen wieder eine Macht, mit der man rechnen muss. Aber gibt es sie wirklich?

Omran ben Schaaban ist genau der “Glückspilz” gewesen, welcher – der offiziellen Version zufolge – Muammar Gaddafi stellte, als sich dieser in einem Wasserrohr von einem NATO-Luftangriff verbarg. In den schrecklichen Videoaufnahmen der letzten Minuten des Oberst ist das gut dokumentiert – ben Schaaban posierte vor den vielen Kameras und Handys, fuchtelte mit dem goldenen Revolver des libyschen Führers herum und verspottete den schutzlosen, noch lebenden Gefangenen.

Wie sich nun herausstellte, ist dieser halbstarke Poser letztlich doch seiner in Bani Walid erfolgten Hinrichtung erlegen – bis Paris hatte er es noch geschafft. Übrigens ist es gerade die Episode mit dem goldenen Schießeisen, die den Gedanken aufkommen läßt, dass Gaddafis Flucht aus Sirte sowie der Angriff und die Zerstörung seines Konvois nichts als eine Inszenierung ist. Die Sache mit der güldenen Waffe ist dermaßen hollywood-mäßig, dass man sich wirklich fragt, ob das jetzt ernstgemeint war. Nach dem “potemkinschen” Tripolis in der Wüste des Katar braucht man sich aber über nichts mehr zu wundern. Realiter ist es gut möglich, dass man den Oberst einfach nur an diese Stelle brachte und ihn einem herumlungernden Trupp der Misurata-Brigaden übergab, der sein Glück nicht fassen konnte und Gaddafi umbrachte.
Omran ben Schaaban wurde mit dreien seiner Kumpane im Juli von unbekannten überfallen und nach Bani Walid gebracht. Ja, das ist das Bani Walid, das eine der letzten “Hochburgen” des Oberst war und trotz permanenter NATO-Luftangriffe dutzende Angriffswellen der “Rebellen” abwehren konnte.
Das derzeitige Oberhaupt Libyens, Mohammed al-Magharif, hatte persönlich mit den Ältesten der Stadt um die Befreiung der Gefangenen verhandelt. Er erreichte schließlich die Freilassung Schaabans und zweier seiner Kumpane; der dritte hatte wohl inzwischen das Zeitliche gesegnet, und auch Schaaban war bereits halbtot. Man brachte den “Helden der Revolution” zur Behandlung nach Paris, und die Geschichte geht eben so aus, dass vorgestern, am 25. September, sein Sarg wieder in Misurata eintraf.
Was nach und nach mit den Verrätern Gaddafis passiert, ist geradezu mysteriös, man könnte fast einen Kriminalroman darüber zusammenbekommen. Omran ben Schaaban ist ja nicht der erste, der von den geheimnisvollen “Gaddafi-Anhängern” umgebracht wird.
Wenn die Sache sich so weiter entwickelt, wird es bald niemanden mehr geben, der Zeuge der Gefangennahme und der Ermordung Gaddafis ist – falls es heute überhaupt noch Zeugen gibt. Es scheint fast, als wird eine Legende über die “Rache der Gaddafi-Jünger” gesponnen, damit man sich unter diesem Deckmantel der Zeugen dieser Vorgänge entledigt. Eigentlich eine ganz normale Sache. Politik.
Plausibel wäre auch, dass “Gaddafi-Anhänger” eine Vereinfachung der Medien ist und man damit den Warfalla-Stamm meint. Das hätte seine Richtigkeit, denn dieser Stamm war die Hauptstütze Gaddafis und zu seiner Zeit einigermaßen privilegiert – unter den neuen Machthabern aber genau aus diesen Gründen diskriminiert und verdrängt. Die Warfalla sind indes nicht nachtragend – sie rächen sich und vergessen die Sache danach.
Ach, und “der Mann, der Gaddafi umbrachte” war ja theoretisch Anwärter auf die von der USA verprochene Kopfprämie i.H.v. umgerechnet 800.000 US-Dollar. Dieses vollkommen unbedeutende Versprechen hat man aber ganz fix wieder vergessen.

Wochenschau, Folge 45

Barack Husseinowitsch Obama
Der aktuelle Wochenrückblick widmet sich ganz den bekannten Interaktionen zwischen „Al-Kaida“ und den Vereinigten Staaten von Amerika. Angemerkt sei, dass es wohl noch nirgends Klarheit gibt, wer konkret hinter dem Film „The Innocence of Muslims“ steckt; es gibt verschiedene Theorien. Webster Tarpley hat eine (Dank an Jörg für den Hinweis), die Kollegen aus Russland, die für diese Wochenschau inhaltlich verantwortlich sind, haben eine andere.
Es gibt in dieser Folge zwei inhaltliche Schnitzer: m.W. finden die US-Präsidentschaftswahlen am 04., nicht am 06. November statt und das bei 06:44 gezeigte Bleichgesicht neben dem Leichnam von Oberst Gaddafi ist nicht Christopher Stevens. Das ist hier bekannt. Nichtsdestotrotz, es sei ein frohes Anschauen gewünscht nebst der Bitte, das Video bzw. die Folge zu verbreiten, wenn es Anklang findet.
Video(s) sind eingebettet, der Vollständigkeit halber und zum Nachlesen für Youtube-geblockte Umgebungen findet sich der Text darunter.

Die vergangene Woche wird durch eine ungeheure Provokation in die Geschichte eingehen, die zur Ursache antiamerikanischer Proteste in der ganzen Welt wurde und für dutzende Menschen den Tod für politische Interessen bedeutete. Wir haben die Vorgänge sorgfältig beobachtet und können euch nun eine schrittweise Analyse der Situation präsentieren, die alle Ereignisse an den rechten Ort rückt.

Wir wollen vorausschicken, dass einige Bilder in dieser Folge zu grausam für Frauen, Kinder und sensible Zuschauer sein könnten.

Misslungene Allianz

Die Woche begann mit einer hochinteressanten Nachricht: am Vortag des Jahrestages der Tragödie vom 11. September haben radikale Islamisten, wie auf Bestellung zu einem schönen Datum, der USA und den Westländern einen Waffenstillstand angeboten. Die Initiative ist von zwei Todfeinden der USA ausgegangen – der “Al-Kaida” und den Taliban. Dabei waren die Bedingungen des Waffenstillstands durchaus annehmbar. Die “Al-Kaida” forderte im Austausch für das Einstellen von Terrorangriffen die USA dazu auf, sich nicht weiter in die Angelegenheiten islamischer Staaten einzumischen und gefangene Dschihadisten auf freien Fuss zu setzen. Die Taliban stellten analoge Bedingungen, haben aber ihrerseits noch dazu angeboten, die wichtigsten Militärbasen der USA in Afghanistan zu akzeptieren.
Am 6. November sind in den USA Präsidentschaftswahlen. Viele haben das Angebot der Islamisten als eine gute Chance für Obama gewertet, mit einem Schlag alle schwelenden Kriege zu beenden und dabei gleichzeitig Alliierte zu gewinnen, welche die Interessen der USA in den islamischen Ländern verteidigen. Doch lasst uns einmal darauf schauen, wer genau denn da mit dem Friedensangebot aufgetreten ist.
Von Seiten der “Al-Kaida” war das Mohammed al-Zawahiri, der Bruder des derzeitigen Al-Kaida-Führers Ayman al-Zawahiri, der an die Stelle von Osama bin Laden getreten war. Über Mohammed al-Zawahiri ist bekannt, dass er 14 Jahre seines Lebens in ägyptischen Gefängnissen verbracht hat und erst dank der Revolution vom vorigen Jahr die Freiheit erlangte. Er besitzt keinerlei Einfluss auf die Politik der “Al-Kaida”. Niemand aus der Organisation, auch nicht sein Bruder, haben seine Vollmachten, mit solchen Initiativen aufzutreten, auch nur auf irgendeine Art bestätigt. Mit anderen Worten, das Angebot scheint nach einer ersten Prüfung nicht wirklich ernstzunehmen zu sein.
Mit den Taliban ist die Lage noch nebulöser. Die Information über das Waffenstillstandsangebot tauchte in britischen Medien auf, die sich auf ungenannte Quellen in der Bewegung berufen. Angeblich meint ein Teil der Taliban, dass ein Friede möglich sei, will dabei aber nicht namentlich genannt werden. Mit anderen Worten, die von den Medien verbreitete Information über einen bevorstehenden Waffenstillstand ist zumindest zweifelhaft. Doch ihren Effekt hat sie gehabt – in den Augen der Bürger des Westens kamen die Führer der Feinde Obamas zu Kreuze gekrochen, um ihn um Frieden zu bitten.
Wir hatten allerdings gleich gesagt, dass es keine Waffenruhe geben wird. Zitat:

„Es genügt, sich vor Augen zu führen, dass das beiweitem nicht der erste Verhandlungsversuch ist. Aus irgendeinem Grunde passierten immer, wenn die Verhandlungen ein wenig in Gang kamen, irgendwelche Zwischenfälle, die den weiteren Verlauf der Verhandlungen unmöglich machten. Mal sprengt bin Laden etwas in die Luft, mal pinkeln US-Marines auf die Leichen getöteter Taliban oder zünden einen Koran an. (“Terroristen bieten Obama Waffenstillstand an. PR oder Legalisierung?”, odnako.org, 11. September 2011)

Als hätten wir’s geahnt. Schon am nächsten Tag wurde die Welt von einer Welle antiamerikanischer Proteste erschüttert, die mit der Veröffentlichung eines Trailers zu einem die religiösen Gefühle der Moslems verletzenden Film zusammenhingen. Es geht um den Trailer zum Film “The innocence of muslims”. Der Film stellt den Propheten Mohammed in einem äußerst ungünstigen Licht dar. Solches einem militanten Islamisten vorzuführen ist genau das selbe, wie ihm einfach Unrat an den Kopf zu werfen..
Inzwischen ist vollkommen klar, dass dieses Video eine vorbereitete Provokation gewesen ist. Urteilt selbst, das Video war bereits seit 3 Monaten im Netz, wurde allerdings erst jetzt ins Arabische übersetzt und genau am 11. September, nach der Information über das Waffenstillstandsangebot, unter Moslems verteilt. Man muss nicht allzu schlau sein, um die Reaktion darauf vorauszusehen. Wer als Kind einmal Hefe ins Klo geschmissen hat, kann sich vorstellen, wie die Sache ausgehen musste.
Übrigens ist der Film, dem Trailer nach zu urteilen, in jeder Hinsicht eine geistlose Billigproduktion. Nach dessen Erscheinen konnte man unter anderem lesen, dass sein Budget nur 5 Millionen US-Dollar betrug und er von mysteriösen “100 Juden” finanziert wurde. Das heißt, jeder dieser mysteriösen Juden spendete dafür 50.000 Dollar. Es ist klar, dass die Juden kein wohlhabendes Volk sind, mehr konnte man sich einfach nicht leisten.
Doch was den Nutzen angeht, haben sich die Investitionen absolut gelohnt. Um die Sache noch etwas hervorzuheben, wurde die Information verbreitet, der berüchtigte Pastor Jones hätte Teil an der Schaffung des Streifens. Das ist der Provokateur, der auch früher schon den Koran an den Pforten seiner Kirchgemeinde verbrannt hatte. Damals kam es im Nachhinein zu Massenprotesten in Afghanistan, die bis zu 100 Tote zur Folge hatten.

Die Revolution frisst ihre Väter

Die günstig plazierte Hefe fing also an zu brodeln. Erst kam es zu Unruhen in Ägypten. In Kairo brach eine Menge an Demonstranten zur US-Botschaft durch, verbrannte Flaggen der USA und hisste an ihrer Stelle das schwarze Banner des Islam.
Zur gleichen Zeit kam es zu weit dramatischeren Ereignissen im libyschen Benghazi. Benghazi gilt als die Hauptstadt der letzten libyschen Revolution. Heute gibt es verschiedene Versionen der Trägodie, die sich dort ereignet hat. Wir wollen versuchen, die Chronologie der Ereignisse anhand unserer Quellen wiederherzustellen.
Schon am Dienstagabend wurde die US-Botschaft in Benghazi von einer Menge belagert, die gegen das erwähnte Video protestierte. Es flogen Steine auf das Gebäude, woraufhin die Wache das Feuer auf die Demonstranten eröffnete. Die Menge wich zurück, allerdings begann ein paar Stunden später die zweite Welle der Angriffe. Doch nun waren die Leute nicht mit Steinen, sondern mit schweren Schusswaffen ausgestattet. Das Gebäude geriet unter Granatwerferbeschuss und begann zu brennen. Die Menge brach auf das Botschaftsterritorium durch, wo sie sich des Botschafters Christopher Stevens bemächtigte. Den Diplomaten ereilte das traurige Schicksal Gaddafis – die wahnsinnig gewordene Menge mißhandelte und tötete ihn, man schleifte seine Leiche dann unter Jubelrufen durch die Straßen.
Angemerkt sei, dass Christopher Stevens eine wesentliche Rolle beim Sturz der Regierung unter Gaddafi spielte. Er war der Koordinator der ersten Luftangriffe und war voll von überschwenglichen Gefühlen gegenüber den jungen demokratischen Kräften in Libyen.

Ich hatte die Ehre, während der Revolution als Vertreter Amerikas bei der libyschen Opposition zu dienen, habe mit Begeisterung beobachtet, wie das libysche Volk seine Rechte verteidigt. Nun bin ich sehr glücklich, wieder nach Libyen zurückzukehren, um die große Arbeit weiterzuführen, die wir angefangen haben…

Doch zurück zur Botschaft. Außer Stevens ist bei dem Angriff noch ein weiterer Amerikaner getötet worden, die anderen konnten an einen geheimen Ort fliehen. Allerdings haben sich die Angreifer der Botschaftsarchive bemächtigt, wo es auch Informationen zu diesem geheimen Ort sowie auch Listen aller Treffpunkte und US-Agenten in Libyen gab. Die libyschen Machthaber konnten den Schutz der Amerikaner oder ihre Evakuierung nicht gewährleisten. Die Geflohenen mussten sich also wieder zur Wehr setzen, solange die Machthaber darum bemüht waren, eine Transportmöglichkeit für ihre Evakuierung zu organisieren. Es starben weitere zwei US-Marines, wobei angemerkt wird, dass die Attacke höchst professionell ausgeführt wurde. Lediglich eine amerikanische Sondereinheit konnte ihre Landsleute schließlich evakuieren.
Als die Lage sich entspannte, folgte die Reaktion des Weißen Hauses. Obama entsandte zwei Kriegsschiffe an die libysche Küste. Über Benghazi wurde eine lokale Flugverbotszone errichtet. Ganz genau, wie bei der vergangenen Revolution. Schon in der ersten Nacht danach haben Unbekannte versucht, amerikanische Drohnen, die über der Stadt kreisten, vom Himmel zu holen. Es kam zu weiteren Schießereien in Sirte und zu Explosionen in Tripolis. Eine Einheit der Navy Seals ging in Libyen an Land, um Anti-Terror-Einsätze durchzuführen. Wahrscheinlich werden wir in den kommenden Tagen Zeugen von US-Angriffen auf vermeintliche Terroristenlager in Libyen werden.

Ergebnisse und Folgerungen

Zu allen Zeiten wurde Mord an Botschaftern als Kriegserklärung gegen den Staat gewertet, der von diesem Botschafter vertreten wird. Hier ist es wichtig zu verstehen, wer genau Stevens umgebracht hat. Es gibt unzählige Versionen. Von unbekannten Gaddafi-Anhängern bis zu lokalen Vollidioten, die einfach aus Spaß morden und brandschatzen. Die USA verkündete, eine sorgfältige Untersuchung in die Wege zu leiten und die Schuldigen zu bestrafen. Mit großer Wahrscheinlichkeit kann man vermuten, dass die Schuldigen letztendlich als “Al-Kaida” identifiziert werden.
Wir wollen uns nicht im Detail bei den Protesten aufhalten, von welchen die gesamte islamische Welt erfasst wurde. Angemerkt sei nur, dass großangelegte Protestaktionen an den US-amerikanischen Botschaften in Ägypten, Jemen, Tunesien, im Kaschmir, in Pakistan, Sudan, Marokko, Katar, im Irak, Iran und vielen anderen Ländern abliefen. Die Zahl der Verletzten kommt nahe an die Tausend heran, es gab Dutzende Tote. Barack Obama entsandte Spezialeinheiten an die heißesten dieser Orte – in den Sudan und nach Jemen. In Afghanistan überfielen die Taliban eine US-Militärbasis und töteten zwei Marines.
Die wichtigste Folgerung – es kann keinerlei Waffenstillstand zwischen den Islamisten und dem Westen geben. Es bleibt ein Rätsel, wer hinter der Organisation der ganzen Sache steckt. Bekannt ist aber, dass zum Beispiel die Botschaft in Libyen Warnungen vor bevorstehenden “Aktionen” bekommen hatte, noch bevor das provokative Video auftauchte. Wenn man sich das Prinzip von Ermittlern zueigen macht und danach fragt, wem die Sache genützt hat, so ist das zweifelsohne Barack Obama. Ein besseres Geschenk konnte man ihm vor den Wahlen gar nicht machen.
Erst kamen die Islamisten auf Knien zu ihm gekrochen und bettelten um Frieden. Aber Obama braucht diesen Frieden nicht, deswegen demonstrierte die grandiose Provokation sogleich die Haltlosigkeit eines solchen Angebots. Wie sollte sich Amerika auch mit den Mördern seiner Botschafter anfreunden? Dafür konnte Obama die Härte demonstrieren, deren Mangel sein Konkurrent Mitt Romney an ihm kritisierte. Die Kriegsschiffe, die Sonderkommandos in der ganzen Welt – das nun ist typisch amerikanisch. Außerdem gelang es Obama, die Aufmerksamkeit seiner Bürger mit einem Fingerschnippen von inneren Problemen auf äußere lenken. Er ist außerstande, die inneren Probleme, solche wie das Wachsen der Auslandsverschuldung, die Arbeitslosigkeit usw. zu lösen, aber eine Kampfshow mit der unsichtbaren “Al-Kaida” inszenieren – das geht. Und nun klingt das Statement Mitt Romneys darüber, dass der Hauptfeind der USA nicht die Terroristen sind, sondern Russland, geradezu lächerlich. Lächerlich klingen auch seine Behauptungen, Obama sei zu weich und zu entschlossenem Handeln unfähig.
Kurz gesagt, bis zum 6. November erwartet uns eine unterhaltsame Show für die amerikanischen Wähler, der eine noch unbekannte Zahl weiterer Menschen in allen Teilen der Welt erliegen wird. Was soll’s, die amerikanische Politik fordert eben Opfer.

Schlag gegen Syrien – Ziel: Russland

Nibiru

Nibiru

Das folgende Gespräch mit Professor Andrej Fursow, dem Leiter des Zentrums für Russland-Forschung an der Moskauer Geisteswissenschaftlichen Universität und dem Mitglied der Internationalen Akademie der Wissenschaften (München), erschien am 9. August 2012 bei KP.ru. Es ist bei der gegebenen Ausgangsfragestellung unerwartet weit im Spektrum dessen, was darin behandelt wird. Ausgehend von der derzeitigen Situation in Syrien und dem “Arabischen Frühling” versucht der russische Historiker Prognosen und Betrachtungen über die weitere Entwicklung danach, vom Konkreten zum Globalen.

Es sind für einen Blog-Artikel wahrscheinlich untypisch “viele Buchstaben”. Der Übersetzer möchte die Lektüre aber jedem ans Herz legen, der sich für “Weltpolitik” interessiert – man liest es dann fast in einem Zug. Wer ungeduldig ist, kann sich einfach an den Zwischenüberschriften und den Fragen entlanghangeln. Aber der Text ist in seiner Gesamtheit wichtig genug, ihn in die “Grundsätze” dieses Blogs aufzunehmen.

Die Rache der Sith

Können diese Ohren lügen?

Der Abschiedsgruß der Familie Gaddafi an Nicolas Sarkozy hat genau in dem Moment eingeschlagen, an dem es am effektivsten ist und am meisten weh tut. Im unmittelbaren Vorfeld der Stichwahlen in Frankreich interessiert sich kaum jemand mehr für Details aus dem politischen Programm der Kandidaten, sondern eher für skandalöse Einzelheiten aus der Vergangenheit derselben – mit anderen Worten, es ist die Zeit der Schlammschlacht, nicht der Inhalte.

Zur Erinnerung, die Worte von Saif al-Islam Gaddafi zu dieser Angelegenheit aus einem Interview kurz vor dem Angriff auf Libyen, datiert auf den 15. oder 16. März 2011:

„Das erste, was wir von diesem Clown [Sarkozy] verlangen werden – er soll dem libyschen Volk das Geld zurückgeben. Ihm wurde geholfen, damit er das libysche Volk unterstützt. Er hat uns enttäuscht, also soll er unser Geld zurückgeben. Wir haben alle Beweise dafür, Kontoauszüge, Dokumente von Banküberweisungen. Das alles werden wir bald veröffentlichen.“

Zum Vorwurf gegen Sarkozy gibt es bereits Dementis vom ehemaligen Chef des libyschen Außengeheimdienstes Mussa Kussa sowie von Baschir Saleh, der weiland im Namen der libyschen Dschamahirija der libyschen Investmentbank für Afrika vorstand und dessen Name im Zusammenhang mit der Finanzierung des Wahlkampfes von Sarkozy ebenso auftaucht.

Die Feinheit an diesen Dementis besteht nun darin, dass Mussa Kussa sich aus Libyen abgesetzt hat, als es brenzlig wurde, erst nach London, jetzt lebt er angeblich im Katar. Eine geradezu symbolträchtige, kaum zu unterschätzende Achse der Dislokation. Dass Mussa Kussa mindestens seit 2001 für den CIA und den MI6 tätig war, steht – unter Anführung von entsprechenden Belegen – sogar bei Wikipedia. Baschir Saleh nun lebt derzeit in Frankreich. Keine Frage, dass ein solch wichtiger Mann dort von Regierungsbehörden „begleitet“ wird, und die Regierung ist – momentan jedenfalls noch – zum bedeutenden Teil Nicolas Sarkozy. Diese Dementis sind alles in allem kaum einen Pfifferling wert.

Die Reaktion Sarkozys auf die Anschuldigungen war in der Form vorhersehbar – er reagierte hysterisch, wodurch er die Aufmerksamkeit des Publikums nur noch weiter anheizte. Selbst das emotional sterile Euronews bezeichnet ihn als „beträchtlich sauer“ (sic) und zitiert ihn mit Vokabeln wie „schändlich“, die Journalisten bei Mediapart seien „gewohnheitsmäßige Lügner“, es sei alles „abgekartet“. Und das alles aus dem Munde von Sarkozy. Nur ein Wunder oder eine massive Gegen- und Desinformationskampagne könnte Sarkozy jetzt noch aus diesem Sumpf befreien. Ob er nach der Beseitigung von Gaddafi so schnell noch die Mittel dafür aufbringen kann, ist fraglich – mit Baschar al-Assad hat er sich ja bereits jetzt verscherzt. Mit dem schon lange angekündigten Auffliegen dieser Geschichte ist zwar weder Libyen noch den Gaddafis geholfen, es zeigt aber einmal mehr, dass Verräter immer gleich enden – sie werden am Ende selbst verraten.

Business für Halsabschneider

Burhan Ghalioun
Der syrische Hauptoppositionelle Burhan Ghalioun ist immer mal wieder ein beredtes Zeugnis für die Wahrheit des Sprichworts „Reden ist Silber, Kaugummikauen ist Gold“. In seinen Kommentaren zum vor ein paar Tagen stattgefundenen Treffen der selbsternannten „Freunde Syriens“ redete er: „Der Rat [SNC] wird dafür sorgen, dass an alle Offiziere, Soldaten und aktiven Mitglieder des Widerstands in der Freien Syrischen Armee ein Sold gezahlt wird“.
Bekannt ist, dass Saudi-Arabien und Katar insgesamt 500 Millionen Dollar für die Unterstützung der bewaffneten Banden in Syrien bewilligt haben. Weitere 150 Millionen kommen von der EU zur Unterstützung von „humanitären Aktionen“. Da der SNC auf der Konferenz als einziger legitimer Repräsentant des „syrischen Volkes“ anerkannt wurde, ist klar, wer diese Mittel wie verwalten wird.
Ach, und das offizielle Tripolis (nanu?) gibt weitere 100 Millionen für die Bedürfnisse der bewaffneten syrischen Opposition. Sehr symptomatisch, denn es ist noch gar nicht so lange her, da hatte der Libysche Übergangsrat selbst um Geld für den Kampf mit Gaddafi gebettelt.
Selbst wenn hier ausschließlich von wirklichen „humanitären Projekten“ die Rede und es nicht offensichtlich wäre, dass diese Mittel für den Krieg gegen die syrische Regierung eingesetzt werden, so wäre selbst das eine offene Einmischung in die Angelegenheiten eines durchaus noch souveränen Staates. Doch es geht ja schon ganz offen um mehr – um „Sold“ für alle „Offiziere und Soldaten“ der Freien Syrischen Armee. Simpel ausgedrückt, die Jungs machen Krieg für Geld, nicht etwa für Freiheit oder Demokratie. Unverhohlen. Was genau der Unterschied zwischen dieser Situation und vom Ausland finanzierten Söldnern sein soll, die für fremder Leute Agenda Menschen abknallen und wegsprengen, ist schwer zu sagen.
Der Aufstand in Syrien wird langsam, aber sicher zu einem lukrativen Geschäft für die „Opposition“. Eigentlich ist daran nichts ungewöhnlich, außer der unverfrorenen Offenheit, mit der das inzwischen passiert.