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“Al-Kaida“ im Jemen: Wir waren’s!

Nasser al-AnsiNasser al-Ansi, ein Mann mit dezent vergilbtem Bart, den man als „einen der Führer“ der Al-Kaida im Jemen (AQAP) bezeichnet, beharrt darauf, dass der Angriff gegen die infernalischen Pariser Karikaturisten auf das Konto seiner Organisation geht. Das macht ganz den Eindruck, als würde die AQAP in enger Zusammenarbeit mit den saudischen Geheimdiensten in dieser Situation ganz exakt in deren Auftrag handeln und versuchen, die Aufmerksamkeit der Europäer auf den Jemen zu lenken.

Nur zu verständlich das Bestreben, sich die offenbar ausstehenden Vergeltungsmaßnahmen der „zivilisierten“ Welt, resp. der führenden Militärmächte, zunutze zu machen. Derzeit kann man nicht verkennen, dass die Saud über die vermutliche Zielrichtung der wahrscheinlich bevorstehenden „europäischen Antwort“ – den „Islamischen Staat“ – nicht gerade erbaut sind. Der IS ist für Saudi-Arabien trotz dessen martialischer Drohungen und selbst trotz kleinerer Grenzzwischenfälle im Norden nicht so aktuell, wie es beispielshalber die gestrige Drohung des Iran ist, jene Länder, welche für den akuten Ölpreisverfall der vergangenen Monate verantwortlich sind, „bereuen“ zu lassen. Wie Rohani diese Länder zur Reue bringen will, sagte er nicht – dass sich der Iran und Venezuela zu einem Club der ausgestoßenen Erdölexporteure zusammentun, hat noch nicht ein Gewicht, das den Golfmonarchien, oder auch nur den Saud allein, allzu großes Kopfzerbrechen bereiten müsste. Vorsichtshalber fühlen sie aber natürlich vor, ob nicht eventuell „der Russe“ mit Maduro und Rohani in ein Triumvirat aus bedrängten Rohstoffexporteuren einsteigen will.

Anders gesagt, die Lage an der Grenze zum Jemen ist für das Königreich derzeit weit gefährlicher als alles andere – und hier hat der Iran eben auch seine Hebel in Form von schiitischen Milizen, die den Norden des Landes einschließlich der Hauptstadt Sanaa besetzt halten.

Die Europäer trommeln stattdessen in eine ganz andere Richtung und reagieren gar nicht auf die jemenitische Spur. Ganz und gar ignorieren kann man das „Bekenntnis“ der Pariser Terroristen und der AQAP-Führung natürlich nicht, aber es ist der „Islamische Staat“, den man beharrlich als Verantwortlichen benennt. Die Gruselgeschichte von Syriens „Atomfabriken“ im Spiegel kann durchaus auch andeuten, wohin die Reise eigentlich gehen soll – kein Sicherheitsrat müsste konsultiert werden, und unter Umständen zielt man auf ein „Tripolitaner“ Szenario für Damaskus ab, bei dem Spezialeinheiten u.a. aus Frankreich und Katar die Tore der libyschen Hauptstadt für die tobenden Rebellenbanden öffneten.

Allem Anschein nach wird derzeit noch im Hintergrund verhandelt, wer denn nun vor den Augen der Weltöffentlichkeit für den Anschlag auf die Redaktion des französischen Blatts bestraft werden soll, und wie. Die Saud können sicher ihren finanziellen Beitrag dazu leisten, dass man die AQAP ins Visier nimmt (und die schiitischen Verbände im Nordjemen in einem Aufwasch mit erledigt). Das Problem ist, dass der IS für Amerikaner wie Europäer ein lohnenderes Ziel ist – es gilt, dort Aktivitäten zu entfalten, in deren Schlagschatten man gut und gern Gelegenheiten bekommt, Assad aus dem Weg zu räumen. Die „Pitbulls“ (in Fursows Terminologie) haben Syrien ja nicht etwa vergessen, und hier bietet sich die Gelegenheit, dem Krieg gegen Syrien ohne juristische Formalitäten, wie etwa der UNO, neues Leben einzuhauchen.

Eine Intensivierung des „Kriegs gegen den Islamischen Staat“ birgt die Möglichkeit, die Bereiche auszuweiten, die im Fadenkreuz der Koalition stehen – im Bedarfsfall auf das ganze Syrien. Wahrscheinlicher wäre in dem Fall aber eine indirektere Variante, nämlich eine Aufrüstung jener „gemäßigter Banditen“, die auf syrischem Boden gegen den IS (und zufälligerweise auch gegen die syrische Regierung) kämpfen. Einen Korridor zum Präsidentenpalast in Damaskus würden dann zu gegebener Zeit Fachleute ohne militärische Abzeichen legen.

Syrien 2015

Baschar al-Assad, Dschobar, Jahreswechsel 2014/2015Wie vor einiger Zeit schon abzusehen war, hört und liest man – wenn man nicht gerade gezielt danach sucht – jenseits von IS/Daesh kaum noch Nachrichten aus Syrien, insbesondere, nachdem die False flag mit dem chemischen Bombardement von Ostghouta durch ein beispielloses Biegen und Brechen der „großen Politik“ nicht zu einem regionalen Großkrieg geführt hat. Das ehemalige Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ präsentiert eine vollkommen hirnlose Räuberpistole von unterirdischen MenschenAtomfabriken (sic beim Spiegel) („Atomfabriken“ sind Dinger, für die ganze Volkswirtschaften am Rande der Erschöpfung zu arbeiten haben, und das in Friedenszeiten – nur so am Rande), die aber kaum Beachtung fand. Irgendein Schauspieler fordert Baschar al-Assad zur „Ice Bucket Challenge“ in einem Flüchtlingslager heraus (tatsächlich ist Damaskus derzeit einigermaßen zugeschneit, und im Libanon liegen in bergigeren Regionen bis zu zwei Meter Schnee – klar, dass es in den dortigen Flüchtlingslagern unerträglich sein muss), und da war ja noch die Episode zu Silvester, als Baschar al-Assad seinen Truppen in Dschobar einen Besuch abstattete. Was vermuten ließ, dass diese Vorstadt von Damaskus nun relativ sicher sei. Was sie aber immer noch nicht endgültig so ist. Wie sieht’s anderswo aus?

Aus den relativ spärlichen (zugänglichen) Quellen weiß man, dass die Syrische Arabische Armee derzeit zwei Punkte hat, an denen sie ihre Aufmerksamkeit und Energie konzentriert: Aleppo und Deir ez-Zor. Die Provinz Deir ez-Zor ist entlang des Euphrat de facto zu einer Grenze zum sogenannten „Islamischen Staat“ geworden, und nördlich davon engagiert sich die SAA lediglich punktuell – beispielsweise in Qamishli und Al-Hasaka in Zusammenarbeit mit der kurdischen YPG; Al-Hasaka steht nach massiven IS-Offensiven in den vergangenen Tagen möglicherweise kurz vor der Einnahme durch IS/Daesh. Damit kann man den nächsten Genozid schon aufdämmern sehen: die Gegend nordwestlich von Al-Hasaka wird von assyrischen Christen bewohnt, welche zwar auch bewaffnete Einheiten aufgestellt haben, die sich aber recht unbedeutend ausnehmen und nicht viel mehr machen können, als ihr eigenes Haus & Hof eine Weile lang zu halten.

Nach Deir ez-Zor wurde die 104. Brigade der Republikanischen Garde verlegt, genau die, welcher im Frühjahr 2013 ein israelischer Bombenangriff galt, weil dort vermutlich „iranische Instrukteure“ tätig sind. Es ist allen Parametern nach eine der hervorragendsten Eliteeinheiten des syrischen Militärs.

Die in Aleppo verharrenden Terroristen – vor allem Al-Nusra und Reste der FSA – stecken seit Mitte Dezember 2014 in einer nahezu vollständigen Einkesselung. Das ist zweifelsohne ein (noch nicht vollständiger) wichtiger Erfolg; in mancherlei Hinsicht entscheidet Aleppo die Geschicke der Region, und diese Stadt wurde noch im vergangenen Spätsommer als eines der größeren Ziele der IS/Daesh ins Feld geführt. Die Versorgung der SAA dort ist – durch die blockierte M5 erschwert, ist aber vermutlich noch einfacher als die Versorgung von Deir ez-Zor. Eine ebenso immer noch belagerte, aber nicht gefallene Enklave sind die beiden Orte Nubl und Zahraa, von denen (und deren Zustand) bereits vor über zwei Jahren die Rede war – vor einigen Tagen gab es einen abermaligen heftigen Angriff der Terrorbrigaden auf die belagerten Ortschaften, der unter einigen Mühen von vereinigten NDF- und Hisbollahverbänden zurückgeschlagen werden konnten.

Es gibt eine nette Übersichtskarte auf OSM-Basis, auf der die jüngsten Entwicklungen eingetragen und mit entsprechenden Links versehen werden. Dort ergibt sich folgendes Bild:

Ar-Raqqa und der Angriff auf Syrien

Wie man solche Bilder doch kennt… die notorischen Aggressoren, allen voran die USA, bombardieren wieder jemanden, selbstverständlich aus rein humanitären Beweggründen.

Die Luftwaffe der Amerikaner und ihrer „Koalition“ – momentan vorwiegend aus den arabischen Monarchien – hat das syrische ar-Raqqa unter Beschuss genommen. Ar-Raqqa wurde nun vor gut 1,5 Jahren von islamistischen Terrorbrigaden überrannt, zuerst von der „Ahrar al-Scham“, deren Häuptling Hassan Aboud – einer der vordersten Verfechter der Behauptung, der „Islamische Staat“ sei Produkt einer Koalition aus syrischem „Regime“ und iranischen Revolutionsgarden – vor ein paar Tagen umgekommen ist. Seit ungefähr einem Jahr hat IS(IS/IL) die Kontrolle über die gepeinigte Stadt. Bislang sprechen die Meldungen nach den Angriffen der Amerikaner von rund 50 Toten, überwiegend Zivilisten.

ar-raqqaDer syrische UN-Botschafter wurde von den Amerikanern vor den Angriffen darüber informiert.

Trotzdem geht es de facto zumindest um das Anwerfen einer Aggression gegen Syrien unter dem vorläufigen Vorwand eines Vorgehens gegen die Terrorgruppen vom IS. Übrigens wurde Russland – gleich wie dem Iran, der das dankend ablehnte – angeboten, sich der Attacke anzuschließen. Ein recht grobschlächtiger Zug, aber er funktioniert: wenn Russland sich jetzt, wie auch immer, gegen den Angriff auf syrisches Gebiet ausspricht, so kann man es bequem dessen bezichtigen, dass es den „Terrorismus gewähren“ lassen will. Gleiches zieht übrigens gegen die syrische Regierung: Assad braucht bloß seinen Unmut zu äußern, schon ist er unter Generalverdacht. Es passt, dass der informelle Boden dafür schon bereitet wurde:

„Beispielsweise würden schon allein 3 Fahrzeuge, die über’s Land unterwegs sind, von Assads Luftwaffe angegriffen, da man diese für einen [Rebellen-]Konvoi hielte. Nun sagen Sie mir bitte, wenn sich jegliche Bewegung unter solch genauer Beobachtung befindet, wie konnte die ISIS mit einem Konvoi von 200 Fahrzeugen von einer Provinz in die andere und schließlich in den Irak fahren, ohne dass sie auch nur einmal unter Feuer kamen oder auf Widerstand an einem der Checkpoints des Regimes trafen?“ (Scheik Hassan Abboud, Ahrar al-Scham – Quelle)

Wäre Syrien irgendein „Failed state“ wie Somalia oder die Ukraine, so könnte man fast geneigt sein, das „Weltpolizisten“-Gehabe zu akzeptieren, aber Syrien hat in einer dreijährigen Aggression gegen genau die Terroristen standgehalten, die man jetzt als Vorwand für einen Angriff auf Syrien nimmt. Es hat nicht einmal Sinn, jetzt davon zu sinnieren, inwieweit die Amerikaner jetzt Präzedenzen schaffen, um gegebenenfalls dann schon syrische Regierungstruppen und Infrastruktur anzugreifen.

Beugung und Vergewaltigung des internationalen Rechts sind spätestens seit dem Überfall auf Libyen Tradition. Eines der US-amerikanischen „verrückten Weiber“, nämlich Samantha Power, teilte im Vorfeld mit, die USA hätten auch ohne UN-Mandat eine Rechtsgrundlage für Attacken auf syrisches Gebiet:

„Die Iraker haben sich an die internationale Gemeinschaft gewandt, diese möge ihnen nicht nur im Irak bei der Verteidigung Unterstützung leisten, sondern auch Rückzugsgebiete in anderen Ländern mit einbeziehen. Was sie damit meinen ist selbstverständlich Syrien.“ (Quelle)

Um das einmal von US-amerikanisch ins Menschliche zu übersetzen: Die USA haben durch die Bitte der Iraker das Recht, Syrien zu bombardieren und müssen sich dabei nicht unbedingt darum Sorgen machen, dass da irgendwas nicht diesem und jenem entspricht. Die USA sind im Recht, alle anderen können abtreten. Sie folgen genau den Präzedenzen des Rechtsbruchs im großen Stil, die sie sich in der Vergangenheit selbst verschafft haben, und ein anderes Recht als das Präzedenzrecht kennen sie nicht.

Theoretisch wäre es jetzt das einzige Mittel, diese weitere Präzedenz nicht durchgehen zu lassen, mit dem Abschuss aller ausländischen Militärflugzeuge zu drohen, die den syrischen Luftraum verletzen. Wenn man jetzt wieder einmal die Augen davor verschließt, was hier wirklich passiert, dann kommen wir früher oder später zum Beispiel zur Bitte der Ukraine, die Krim ein wenig zu bombardieren, damit diese „von der Okkupation befreit“ würde. Die Amerikaner jedenfalls hätten jetzt aus ihrer Sicht alle „Rechts“grundlagen dafür, und auf irgendwelche UN-Sicherheitsräte können sie schon lange pfeifen.

Bislang ist allerdings nichts an Protesten zu lesen gewesen. Die heutige diplomatische Note des Außenministeriums der RF jedenfalls nimmt sich wie gespielte Entrüstung in der x-ten Iteration aus. Oder nicht einmal das.

Lektionen im Terrormanagement

Ortseingangsschild von Al-Bukamal, Syrien, nahe der Grenze zum Irak: jetzt eine Stadt im "Wilayat al-Furat" (Provinz Euphrat) des "Islamischen Staates"

Ortseingangsschild von Al-Bukamal, Syrien, nahe der Grenze zum Irak: jetzt eine Stadt im „Wilayat al-Furat“ (Provinz Euphrat) des „Islamischen Staates“ (via @ajaltamimi)

Zu den derzeit scheinbar recht träge dahinlaufenden US-Bombardements gegen den sogenannten “Islamischen Staat” wird sich offenbar in recht kurzer Zeit auch Großbritannien gesellen, ganz in klassischer, 2003er-Manier der “coalition of the willing”. David Cameron meinte dazu, dass es “bald” (innerhalb von Wochen) losgehen würde, und zwar nachdem die neue britische Regierung steht. Präzisiert wurde das einstweilen mit der Erklärung, dass die Briten “irakische und kurdische” Militärs ausrüsten, trainieren und anleiten werden – in etwa so, wie es z.B. die Bundeswehr wohl schon tut. Dabei wird von Vizepremier Clegg süffisant angemerkt, dass “Luftschläge allein nicht funktionieren” werden.

Der Akzent, der seit Wochen auf eine Aufpeppelung insbesondere der Kurden gelegt wird, kommt nicht von ungefähr. Peschmerga hin oder her, die Kurden werden im Endeffekt eine ausgerüstete, trainierte Armee haben – eines der Attribute eines jeden Staates, der die Kraft hat, sich nachhaltig in der Weltgeschichte zu manifestieren.

Dahingegen taucht eine Unterstützung der “nicht-kurdischen” “irakischen Streitkräfte” bestenfalls auf Platz 2 auf, was bedeutet, dass die schiitischen Teile des Irak letztlich dem “Islamischen Staat” zum Fraß vorgeworfen werden, beziehungsweise dem Iran, der sich in diesen Sumpf wird hineinziehen lassen müssen.

George Friedman, Stratfor-Chef und, was ein offenes Geheimnis ist, einer der Sprecher der US-amerikanischen Geheimdienstcommunity, spricht in seinem Artikel “Ukraine, Iraq and a Black Sea Strategy” unzweideutig davon, dass die USA davon abrücken, eine Einheit des Irak unter einer Regierung in Bagdad zu unterstützen. Der Schwenk geht in Richtung einer “Nutzung” von Proxies, um den “Islamischen Staat” zu “containen”, das heißt: einzudämmen und… die Richtung seiner Aktivitäten zu steuern.

Ein Umstand der Veröffentlichung dieses Friedman-Strategiepapiers ist hochinteressant. Unlängst hatte Al-Arabiya die Absicht des “Islamischen Staats” verbreiten lassen, in absehbarer Zeit “Tschetschenien und den gesamten Kaukasus zu befreien”. Diese Meldung kam entweder zeitgleich oder kurz nach der Publikation des Friedman-Artikels auf, fast wie auf Kommando. Inhaltlich nichts anderes hatte Friedman nämlich in seinem Text als jene “US-Strategie” angekündigt, in deren Zuge die beiden aktuellen Konfliktherde – Irak/Syrien und Ukraine – mit einer einheitlichen Herangehensweise zu einem großen Konflikt zu gruppieren wären, der von den Vereinigten Staaten gemanaged wird.

Nach den Toren von Bagdad

Thanks, Yanks. ISIS-Humvees

Thanks, Yanks. ISIS-Humvees

Von wegen Bagdad. US-amerikanische „intelligence agencies“ melden, die ISIS/ISIL bewegt die im Irak gekaperte Militärtechnik – Kampfpanzer, Panzerfahrzeuge, Artillerie – rückwärts von Bagdad weg und nach Syrien hinein. Natürlich war Bagdad nicht das Ziel – schon gar nicht jetzt, da die Amerikaner 275 Drohnen dahin entsandt haben.

Breitbard News: Warum scheinen die irakischen Sicherheitskräfte gar nicht wirklich Widerstand zu leisten?

Bill Roggio: …Manche behaupten, sie wurden angewiesen, keinen Widerstand zu leisten… Es gibt sogar Gerüchte, dass höhere Regierungsbeamte dem Militär befohlen hätten, sich zurückzuziehen…
(Bill Roggio von „The Long War Journal“ bei Breitbart News — Quelle)

Man kann dieser faktischen, monströsen Bewaffnung der (immer noch in Syrien operierenden) Terrorbrigaden eine gewisse perfide Originalität nicht absprechen. Gegen alle Regeln, Sanktionen, Absprachen und sonst alles. Krasse Zeiten erfordern krasse Entscheidungen.

Auch originell: so passen mehr davon auf den Karren. ISIS-Humvees auf dem Weg  nach Syrien. (via Islamisten-Twitter)

Auch originell: so passen mehr davon auf den Karren. ISIS-Humvees auf dem Weg nach Syrien. (via Islamisten-Twitter)

Vor den Toren von Bagdad

Gefechte in Tikrit, 13.06.2014

Gefechte in Tikrit, 13.06.2014

Es ist zwar nicht so, dass sich die derzeitige akute Lage im Irak nicht schon vor Monaten so in etwa abgezeichnet hatte, aber die Behendigkeit, mit der die Dschihadisten derzeit die Kontrolle im Norden des Landes übernehmen, ist doch ein wenig überraschend. Heute fielen der ISIS/ISIL zwei weitere Städte – Saadiyah und Jalawla – in die Hände. In den letzten Meldungen hieß es, Stoßtruppen der Dschihadisten stünden 50 Kilometer vor Bagdad.

Ein Fall Bagdads – falls es dazu kommt – hieße noch nicht, dass „der Irak“ dann komplett an die Dschihadisten gefallen ist. Südöstlich der Hauptstadt beginnen Gebiete mit mehrheitlich schiitischer Bevölkerung, und bei allen Erfolgen kann man noch nicht wirklich davon sprechen, dass die ISIS-Terrorgruppen dazu in der Lage wären, wirklich feindliche Städte zu übernehmen. Eine Eroberung Bagdads wäre freilich ein politisches Resultat; mit allen dort vorhandenen Strukturen würde die Ausrufung eines islamistischen Staatsgebildes dann auch mit gewissen Realitäten hinterlegt sein, die allein es gestatten würden, den momentan durchaus noch „Guerilla-Krieg“ zu nennenden Konflikt auf eine qualitativ höhere Ebene zu befördern – einschließlich einer politischen.

Im Prinzip sind die Taliban in Afghanistan seinerzeit nach genau demselben Schema an die Macht gekommen. Die ISIS/ISIL hat zwar weiter südlich/südöstlich wohl kaum eine reelle Chance, so dass es keine vollwertige Kopie der damaligen Vorgänge in Afghanistan geben wird, aber ein eigenes Emirat ist inzwischen mehr als nur theoretisch möglich – womit ein Zerfallen des Irak recht wahrscheinlich ist.

Im weiteren Verlauf müssten die Terrorbrigaden es irgendwie organisieren, ihr Territorium zu halten; es ist überhaupt nicht klar, ob und wie das funktionieren soll, allein schon, weil der Iran sich auf die eine oder andere Weise in die Sache einbringen wird – und es auch schon tut. Andernfalls haben die Saud mittelbar vor seinen Grenzen das Sagen. Der Iran hat dabei bereits alles nach derzeitigem Ermessen mögliche unternommen – es gab eine Teilmobilisation und eine Verlagerung von Truppen – sowohl reguläre Truppen als auch Revolutionsgarde und Anti-Terror-Einheiten – an die Grenze zum Irak, teils unter Preisgabe des permanent unruhigen Belutschistan. Aus dem Irak selbst kamen Meldungen, dass mobile iranische Einheiten in den Kämpfen um Tikrit beteiligt seien.

saudi_pufferWie immer es sich im weiteren Verlauf ergibt, es wurde einmal mehr bewiesen, dass ein Marionettenregime per definitionem instabil ist. Es reicht ein sanfter oder auch beherzter Schubser, und alles bricht zusammen, weil niemand große Lust hat, diese Marionetten mit seinem Leben zu verteidigen. Sicher ist auch unabhängig von den letztlichen Ergebnissen der derzeitigen Katastrophe, dass die noch Ende des vergangenen Jahres angekündigten ambitionierten Erdölförderpläne des Irak, denen zufolge das Land zum Ende des Jahrzehnts 6-8 Millionen Barrel pro Tag zu fördern gedachte (im Vergleich dazu heute – 3,3 Millionen), zerschlagen sind. Summarisch wollten Iran und Irak auf 12 Millionen Barrel pro Tag kommen – und wen das störte, braucht man nicht lange zu rätseln. Der „schiitische Pol“ im Nahost-Erdölgeschäft ist, wie es aussieht, vorerst zerschlagen.

Dieser Umstand allein rechtfertigt für Saudi-Arabien all seine Investitionen in den Krieg. Jetzt braucht es nur noch indirekt und recht entspannt dafür zu sorgen, dass die derzeitige instabile Lage möglichst lange anhält. Was mögliche US-Interventionen anbelangt, so braucht man auch nicht allzu viel Phantasie dazu, dass diese sich auch auf syrisches Territorium erstrecken würden. Ein Teil der syrischen Luftwaffe wurde Ende August 2013 in den Iran evakuiert. Dieses Kontingent wäre im Fall von US-Luftangriffen auf die ISIS/ISIL aus dem Spiel.

Dieselben Schützen

Seinerzeit hatte der recht kurze Exkurs eines „Slawischen Korps“ in Syrien für einiges an Aufsehen gesorgt, besonders da es sich nach den damaligen Informationen nicht etwa um eine Undercover-Unterstützung der russischen Regierung, sondern scheinbar um eine Privatinitiative gehandelt hatte.

Das Slawische Korps in Syrien

Das Slawische Korps in Syrien

Die Kämpfer dieses „Slawischen Korps“ waren insgesamt um die anderthalb Monate in Syrien und wurden nur einmal in der Gegend von al-Sukhnah in ein Gefecht mit Dschihadisten verwickelt, von denen sie rund 400 über Es Sireth sandten und dazu ein knappes Dutzend ihrer diversen leichten Militärfahrzeuge (üblicherweise Pick-Ups mit MGs) vernichteten. Das alles bei vollkommen katastrophaler Versorgung, keinem Nachschub und Munitionsknappheit. Nach diesem Zusammenstoß brachen sie ihren Syrieneinsatz ab und flogen – insgesamt, bis auf Verwundete, ohne Verluste – zurück nach Moskau, wo sie vom russischen FSB in Empfang genommen und festgehalten wurden – die Organisatoren der “Slavonic Corps Ltd.” kamen dabei angeblich in U-Haft, während man die einfachen Söldner nach Hause ziehen ließ.

Die Story wurde dann vor allem durch die im Gefecht bei al-Sukhnah verlorene Ausrüstung publik, unter der Dschihadisten russische Dokumente fanden und sich auf den üblichen Handyfotos eines Sieges über die “Kuffar” brüsteten. Die russische Presse machte die Inhaber der Dokumente ausfindig und traf sie bei bester Gesundheit zu Hause an; so kam der ganze Hintergrund an die Öffentlichkeit.

Lizenz Nr. 8/559 des syrischen Komitees für Nationale Sicherheit

Lizenz Nr. 8/559 des syrischen Komitees für Nationale Sicherheit

Einige Zeit später – nach der Veröffentlichung hier – haben einige der russischen Söldner, insbesondere aus der Kommandoebene, versucht, die Sache ins rechte Licht zu rücken und übergaben der Presse Dokumente, welche die völlige Legalität ihres Einsatzes bezeugen sollten. Das war vor allem der Vertrag der syrischen Regierung mit dem technischen Dienstleister und dem „Slawischen Korps“, ebenso auch die Lizenz des syrischen Komitees für Nationale Sicherheit, aus dem die Genehmigung für einen Waffeneinsatz durch die Söldner des “Slawischen Korps” hervorging. Insgesamt handelte es sich diesen Dokumenten zufolge um eine reine Sicherheitsdienstleistung im Zusammenhang mit einer ingenieurstechnischen Instandsetzung von Anlagen der Energiewirtschaft – von Kraftwerken, Verteilerstationen, Stromleitungen und dergleichen. Also nicht etwa um einen geplanten Zukauf von Feuerkraft und militärischem Know-How gegen „Rebellen“. Diese doch relativ wenig verbreitete “Richtigstellung” in der Presse machte keine große Runde mehr, zumal der Informant aus den Reihen des “Korps” anonym blieb und man ihn nur als “informierte Quelle” bezeichnen konnte.

Aus heutiger Sicht kann man sagen, dass der Einsatz der “Slavonic Corps Ltd.” in Syrien sehr wohl mit russischen Sicherheitskreisen abgestimmt und vereinbart wurde, zumal der Transport und die Evakuation des Korps nach und aus Syrien auf völlig legalen und offiziellen Flügen – teils Charterflügen – ab und an Moskau VKO erfolgte. Die Intervention des FSB bei Rückkehr sollte wahrscheinlich als eine Art Notbremse große Wellen vermeiden, denn obwohl der Einsatz tatsächlich nicht als Kampfeinsatz im Interesse der syrischen Regierungstruppen geplant war, so war es doch zu einer Konfrontation gekommen, und die ersten reißerischen Meldungen über eine “russische Intervention” in Syrien zirkulierten bereits auf Islamisten-Webseiten.

Es hat aber natürlich einen Hintergrund, dass diese Sache gerade jetzt wieder aktuell wird.

Fursow: Ukraine – Rammbock gegen Russland

Der “Publikumsliebling” Prof. Andrej Fursow hat dann und wann, immer mal wieder seine Auftritte, so auch ganz selbstverständlich im Zusammenhang mit dem Putsch in Kiew Ende Februar. An seinen Einschätzungen der Lage ist wahrscheinlich der geisteswissenschaftliche Faktor die Komponente, die sie dem Leser unabhängig von Glaubwürdigkeit oder Nachvollziehbarkeit einerseits hochinteressant, andererseits schwer verdaulich macht. Es kann gar nicht anders gehen, als von relativ fest umrissenen, lokalen Problemen gleich auf die Weltarena auszuholen und Dinge herzuleiten, die man selten, wenn überhaupt, je wahrgenommen hat.

andrej_iljitsch_fursowFursow ist dabei Vertreter einer Linie an Ideologen, die vom “westlichen” – oder besser gesagt: liberalen – Standpunkt aus immer falsch eingeordnet werden, indem man sie recht ohnmächtig mal als “post-stalinistisch”, mal als “post-faschistisch” verunglimpft. Am besten erkennt man das an den eigenartigen Versuchen, den Präsidenten der Russischen Föderation, Wladimir Putin, ideologisch im herkömmlichen – d.h. im liberalen – Weltbild zu platzieren. Er sei “Post-Faschist”, er sei “Neo-Stalinist”, “Zar”, “kein Linker”, will dabei aber die Sowjetunion wieder aufbauen usw. usf. – alles Unsinn, der bestenfalls den Urheber solcher Äußerungen qualifiziert. Es wurde sogar eigens eine neue Kategorie geschaffen, worin die ganzen mühsamen liberalen Gedankengänge gespiegelt werden.

Natürlich gibt es auch Publikationen, die in die richtige Richtung deuten. Die gleichen Medien fallen aber im Allgemeinen recht schnell in gewohnte Schemata zurück, und schon sind wir wieder beim Alten.

Wer sich dem angeblichen “Phänomen” Putin nähern will, kann das, indem er sich – wie Alexander Rahr bei der “Welt” meint – mit Solschenizyn beschäftigt, oder, wer’s etwas eigenartiger und dabei moderner mag – mit Alexander Dugin oder Sergej Kurginjan. Zwar finden sich all diese Personalien vom liberalen Diskurs gewohnt unter “rechtsextrem” verortet – weil da einfach die passenden Kategorien fehlen, so dass man sich einstweilen mit “kreml-nah” oder  “Putin-Versteher” behilft – , aber Dugin beispielsweise ist bekennender Altritualist, steht insofern im Erbe einer klassischen Opposition zur herrschenden Klasse in Russland und kann schon allein deshalb sicher nicht als “kreml-nah” bezeichnet werden. Kurginjan nun ist Restaurator einer Sowjetunion, vertritt dabei aber die Meinung eines russischen “exceptionalism”. Das Schlagwort bei all dem ist aber: Eurasien.

Für Liebhaber von “Light”-Versionen von alledem gibt’s den Historiker Professor Fursow. Viel Spaß beim Lesen. Das folgende Interview mit Fursow erschien am 1. März 2014 auf VZ.ru. Die Übersetzung ist leicht gekürzt.


“Vsgljad” (VZ.ru) führt ein Interview mit Andrej Fursow über die Vorgänge in der Ukraine, über die wichtigsten geopolitischen Herausforderungen für Russland und über das derzeitige Kräfteverhältnis auf dem globalen Schachbrett

Ukraine

Andrej Iljitsch, sind Sie damit einverstanden, dass die “Februarrevolution” in der Ukraine nicht nur vom Verzicht Kiews auf die Euro-Integration hervorgerufen wurde, sondern auch damit zusammenhängt, dass der Westen im Jahr 2013 eine empfindliche geopolitische Niederlage in Syrien einstecken musste?

Im vergangenen Jahr ist es dem Westen in beiden Fällen nicht gelungen, die Ergebnisse zu erreichen, die er sich zum Ziel gesetzt hatte – nämlich die Regierung Assad zu stürzen und in der Ukraine pro-westliche Kräfte an die Macht zu bringen, um damit die Ukraine endgültig Russland zu entreißen. Während es aber nun in der Syrien-Frage Differenzen innerhalb der kapitalistischen Welt-Führungsschicht gab – es gab eine einflußreiche Gruppierung, die eine Eskalation des Konflikts in Syrien und einen daraus erwachsenden regionalen Krieg nicht wünschte – so trat der Westen in der ukrainischen Frage geschlossen auf. Dabei ist vollkommen klar, dass die Ukraine rein wirtschaftlich keinerlei Interesse für die nordatlantischen Eliten darstellt – es geht darum, die Ukraine im geopolitischen Sinne Russland zu entreißen und sie zu einem Aufmarschgebiet gegen Russland zu machen.

Der Westen braucht die Ukraine einzig als geopolitisches Aufmarschgebiet gegen Russland

In der jetzigen Situation mit der Ukraine haben die USA und die Europäische Union deutlich und ohne Scham sowohl Heuchelei, als auch Doppelstandards und Russophobie demonstriert. Nur mit letzterer kann man ihr mehr als nur “tolerantes” Verhältnis zu den ukrainischen Nazis erklären, die zu SS-Marschmusik durch die Straßen Kiews marschierten. Die Logik dahinter ist simpel: wenn die Nazis in der Ukraine (genau wie die im Baltikum) gegen Russland sind, dann lässt man sie gewähren. Daran müssen sich die Amerikaner nun nicht erst noch gewöhnen: in den Jahren 1945-1946 haben sie unter aktiver Mitwirkung des russophoben Vatikan alles unternommen, um hochrangige Nazis (darunter auch offenkundige Kriegsverbrecher) dem Schlag zu entziehen und sie in die USA oder nach Lateinamerika zu verfrachten, um sie dann gegen die UdSSR einzusetzen. Die ukrainischen Ereignisse sind eine anschauliche Demonstration dessen, mit wem wir es hier zu tun haben.