Beiträge mit Tag ‘ukraine’

Auf dem grünen Felde

Es gäbe zwar eine Menge zu den taktischen Umbrüchen und einigen Hintergründen nach dem Fall von Slawjansk zu sagen – unter anderem, wie allmählich die „Linie Moskaus“ zutage tritt – aber das, so die Zeit bleibt, kommt etwas später.

Ein Anzeichen dafür, dass in Donezk jetzt langsam „Ordnung“ im Sinne eines einheitlichen Militärkommandos einkehrt, ist die heutige Vernichtung der 24. und 79. ukrainischen mot. Brigade durch Artilleriefeuer der Volkswehr Lugansk.

Die Panzerbrigade wurde am heutigen Morgen nahe Selenopolje aus einer Entfernung von ca. 20 Kilometern mit Feuer aus Gardewerfern eingedeckt. Präzisionsfeuer. Im ersten Chaos gab es Meldungen über dutzende, ja hunderte Tote, so dass man erst einmal abwarten musste, was überhaupt vor sich geht. Die Kiewer Machthaber kündigten für 17 Uhr Ortszeit eine offizielle Stellungnahme an; inzwischen gibt es aber auch eine grundsätzliche Bestätigung von Strelkow. Momentan wird von 30 Toten und über 100 Verletzten gesprochen.

Die ukrainische 24. mot. Brigade ist normalerweise im westukrainischen Jaworow beheimatet und gilt mit dem heutigen Tag als zerschlagen.

Slawjansk, 19.06.2014: Einkesselung

Die im Video und im Lagebericht weiter unten erwähnten Ortschaften auf der Karte:

Nun, soeben habt ihr Detonationen gehört. Das sind Panzer, die Semjonowka angreifen. Sie beschießen dort direkt unsere Stellungen. Der Angriff erfolgt von mehreren Seiten aus. In Semjonowka ist es noch ok, dort haben sich unsere Soldaten recht gut verschanzt.

An anderer Stelle hat der Gegner gleichzeitig unsere Stellungen bei Jampol angegriffen. Das ist in Richtung Krasnyj Liman. Von Süden aus hat er die Stadt Sewersk angegriffen, wo wir nur eine sehr kleine Garnison haben. Kurz, es gibt dort fast niemanden, der dort kämpfen könnte – 30 Mann Bürgerwehr mit Karabinern sind keine Macht, die eine Panzerrotte und ein Bataillon motorisierte Infanterie aufhalten könnte.

Ich bin soeben aus einem Gefecht bei Jampol zurückgekehrt; wir haben schwere Verluste an Technik und Wafffen. Und das aus einem einfachen Grund: der Gegner hat dort wieder über 100 Einheiten Panzerfahrzeuge gegen uns geworfen, bei massiver Unterstützung durch Artillerie – Gardewerfer und Mörser.

Den ersten Angriff haben unsere Kämpfer abgewehrt. Es wurde ein Panzer zerstört. Aber zwei Haubitzen können es kaum mit 15-20 Panzern aufnehmen. Das Gefecht dort dauert noch an; unsere Soldaten halten sich, doch für den Abend ist es nicht ausgeschlossen, dass der Gegner es schafft, dort durchzubrechen.

Andererseits hat es keinen Sinn, die Stellung Jampol zu halten, nachdem Sewersk gefallen ist. Unsere Garnison gerät somit in eine komplette operative Einkesselung, und wird wohl so kämpfen müssen, wie die Garnison der Festung Brest – also ohne jeglichen Nachschub.

Meinerseits danke ich zutiefst der Russischen Föderation, die uns und das russische Volk im Donbass so massiv unterstützt.

Ich hoffe andererseits immer noch, dass das Gewissen – falls es ein solches in Moskau überhaupt gibt – noch dazu reicht, wenigstens irgendwelche Maßnahmen zu ergreifen.

Vielen Dank.

Dazu noch sein schriftlich verbreiteter Lagebericht vom heutigen frühen Abend:

Die Einheit in Jampol ist zerschlagen. Die Männer von der Bürgerwehr, von denen drei Viertel über keinerlei Kampferfahrung verfügten, haben dem Sperrfeuer der Artillerie und dem Panzerangriff nicht standhalten können und haben sich ungeordnet in verschiedene Richtungen zurückgezogen. Die wenigen, die an Ort und Stelle verblieben, starteten einen Gegenangriff, griffen den Gegner von der Flanke an und konnten 4 Infanteriepanzer zerstören, bevor sie an ihre Positionen zurückkehrten; indes hat der Gegner sie allerdings bereits von einem möglichen Uferwechsel abgeschnitten. Die Reste der Einheit und der ihr zur Unterstützung entsandte Entsatz führen derzeit ein Gefecht, um aus der Einkesselung auszubrechen. Die Brücke in Zakatnyj ist vom Gegner besetzt und wird von einem Kampfpanzer bewacht.

Ich würde aber denen, die die Bürgerwehr jetzt einer mangelnden Standhaftigkeit bezichtigen, einmal empfehlen, hierher zu kommen und sich selbst einmal in dieser Lage zu versuchen: der Gegner hat pro 10 Mann einen Panzertransporter oder Schützenpanzer (ganz abgesehen von den zwei Dutzend Kampfpanzern), wir hatten dagegen für die ganze, sich verteidigende Einheit kein einziges Panzerfahrzeug. Sie feuerten mit einer Batterie Gardewerfer und einer Division Selbstfahrlafetten und von Kampfjets aus auf unsere Stellungen, an „Artillerie“ haben wir 2 rückstoßfreie SPG-9 und eine SU-23-2. All unsere Kommunikation haben sie mit Mitteln der elektronischen Kampfführung lahmgelegt, so dass unsere Funkgeräte vollkommen nutzlos waren. Das Kräfteverhältnis bei der Infanterie ist 1 zu 10. Da hätte sich wahrscheinlich auch die Garde nicht halten können.

In Sewersk läuft noch ein Gefecht. Da versuchen die Jungs von Mosgowoj, den Gegner aufzuhalten. Aber auch dort ist das Kräfteverhältnis himmelschreiend gegen uns.

Ich lese hier und da mitunter Kommentare hinsichtlich der Aussichten der Volkswehr und der Möglichkeit, dass Russland eingreift. Dazu kann ich nur eines sagen – noch vor einer Woche hätte man die Lage retten können, sofern wir schwere Waffen bekommen hätten. Jetzt ist diese Zeit verstrichen. Wir brauchen militärische Hilfe von Russland.

Eilige Machwerke – zu den neuen NATO-Satellitenbildern

Vorgestern gab es von der NATO eine frische Portion Satellitenbilder, mit denen zweierlei belegt werden soll: a) die Russen liefern den „Separatisten“ ausgemusterte T-64 per Tieflader an und irgendwie über die Grenze nach Neurussland, und b) der „Truppenaufmarsch“, den die Russen unsinnigerweise auf ihrem eigenen Territorium veranstalten, ist nach wie vor bedrohlich.

Die Sache mit den ewigen Aggressoren und ihren Satellitenbildern ist nun freilich schon eine Serie von Märchen in Bildern, deren Richtigstellungen nur ganz besonders Faulen noch nie untergekommen sein werden. Spätestens seit Homs im Februar 2012, wo man ohne viel Federlesens „syrische Artilleriestellungen“ per Photoshop-Pinsel in die monochrome Pixellandschaft setzte, sollte man diese Art „Beweis“ erst einmal ganz genau so behandeln, wie die Pressemeldungen und Verlautbarungen von „interessierten“ Organisationen und Staaten: nämlich als Propaganda, die zum großen Teil aus Lügen besteht, und als kriegsvorbereitende Meinungsmache. Es springen aber immer wieder Leute darauf an oder geben es wissentlich weiter, wie z.B. hier  — das diesen Artikel einleitende Bild wurde auch schon im Syrienkrieg dazu verwendet, eine bevorstehende Offensive der syrischen Armee gegen Bandenformationen in Aleppo zu belegen, es stammt aber aus Nordossetien und ist von 2008. Solche Dinge halten sich eben.

Bei den aktuellen NATO-Satellitenbildern ist in genau solcher Eile und genauso plump verfahren worden, so dass man anhand nur einer der Aufnahmen beispielhalber demonstrieren kann, wie hanebüchen die Mittel & Methoden der Meinungsmache sind. Dieses Foto stellt insgesamt ein Areal von rund 10×6 Kilometern um den Truppenübungsplatz Kadamowskij, ungefähr 15 Kilometer nordnordöstlich von Nowotscherkassk in der russischen Region Rostow dar:

NATO-Satellitenbild der Gegend um den russischen Truppenübungsplatz Kadamowskij. Quelle: http://aco.nato.int/statement-on-russian-main-battle-tanks.aspx

NATO-Satellitenbild der Gegend um den russischen Truppenübungsplatz Kadamowskij. Quelle: http://aco.nato.int/statement-on-russian-main-battle-tanks.aspx

Das ist erst einmal viel Grau, aber die herausgezoomten Sektoren sollen dann die Belege liefern. Und diese braucht man sich nur einmal grob anzusehen. Zuerst vielleicht zur Erklärung eine kleine Legende, was man auf dem NATO-Bild eigentlich sieht:

Igor Strelkow: Kampfgeist (Interview vom 26.05.2014)

Das gestern von KP.ru geführte Interview mit dem Kommandeur der Volkswehr in Slawjansk, Igor Strelkow, verantwortlich für Verteidigung der VRD, gibt Aufschluß über einige Details der Konfrontation in und um Slawjansk und die derzeitige Lage. Nach dem gestrigen Tag in Donezk mit um die 50 Toten unter Zivilisten und Angehörigen der Volkswehr sieht die Lage derzeit nicht allzu rosig aus – Strelkow spricht an anderer Stelle davon, in Donezk sei die Lage schlecht, was vor allem mit einem unfähigen Kommando bei der Sicherung des Flughafens zu tun habe. Slawjansk selbst aber ist, wie man zu sagen pflegt, eine „Festung“. Strelkow äußert sich auch zum Grund der insgesamt mangelnden Unterstützung im Donbass und anderswo in der Ukraine – nach den blutigen Übergriffen der Junta in Odessa, Mariupol und gestern in Donezk eigentlich unbegreiflich.

Mit Dank an Anja Müller für die Übersetzung!

igor-strelkow

KP: Igor Iwanowitsch, beschreiben Sie bitte die Lage in und um Slawjansk.

Strelkow: Es sind weiterhin massive Kräfte der “Nationalgarde”, der 25. und 95. Fallschirmjägerbrigaden um die Stadt herum konzentriert. Sie haben eine Menge an Artillerie und Panzerfahrzeugen. Der Gegner befestigt seine Positionen, dabei sind seine konkreten Absichten nicht ganz klar. Aber die wesentlichen Objekte der Volkswehr sind mit Artillerie-Dummies angepeilt worden, so dass wir den Beginn einer massiven Bombardierung der Stadt nicht ausschließen können.

KP: Was sollten Ihrer Meinung nach die Einwohner der Stadt tun? Es sind ja noch 100.000 in der Stadt, diese Leute haben die Stadt ja nicht verlassen.

Strelkow: Ich empfehle der Zivilbevölkerung nach Möglichkeit aus der Nähe von Objekten der Volkswehr wegzuziehen, um nicht im Falle eines Artilleriebeschusses oder von Luftangriffen zu Schaden zu kommen. Wir sind sicher, dass wir einen beliebigen Angriff von Infanterieeinheiten zurückschlagen können, selbst solche, die von Panzerfahrzeugen verstärkt werden. Aber leider können wir die Menschen nicht vor einem Artilleriebeschuss oder vor Bombenangriffen aus der Luft beschützen, sollte es dazu kommen. Aber im Falle von Angriffen durch Bodentruppen des Feindes sind wir gewiss, dass wir solche recht effizient zurückschlagen können.

KP: Was war denn mit dem getöteten Journalisten und seinem Dolmetscher? Es gibt dazu viele Gerüchte und Phantasien.

Strelkow: Sehr einfach. Sie fuhren in die Außenbezirke der Stadt, in ein neutrales Territorium in der Nähe der Siedlung Andrejewka, um von dort eine Reportage zu machen. Sie wurden bemerkt. Und da die ukrainischen Truppen dort auf alles schießen, was sich bewegt, sind sie mit Artilleriefeuer eingedeckt worden.

KP: Waren sie denn nicht als Presseleute zu erkennen? Haben die dort nicht gesehen, dass es sich um Journalisten handelt?

Neurussland

Flag_of_Novorussia_(project).svgIn Donezk wurde auf einer Delegiertenversammlung aus 8 ostukrainischen Provinzen heute der Staat Neurussland gegründet. Momentan besteht er aus den vereinigten Volksrepubliken Donezk und Lugansk, aber es wurde auch gleich gesagt, was Neurussland eigentlich ist – nämlich die 8 folgenden ukrainischen Oblaste (Provinzen): Charkow, Donezk, Lugansk, Dnepropetrowsk, Zaporoschje, Cherson, Nikolajew und Odessa. Der Anschluss einer jeden dieser Provinzen an Neurussland soll im Verlauf von Referenden entschieden werden -analog zu denen, die es am 11. Mai in Donezk und Lugansk gegeben hat.

Die für morgen anberaumte ukrainische Präsidentschaftswahl verliert damit im Osten auch de facto immer mehr an Bedeutung und Sinn. Jedenfalls hat Putin heute recht unzweideutig gesagt, dass der morgen zu wählende ukrainische Präsident – insbesondere, wenn danach, wie es aussieht, eine neue Verfassung verabschiedet werden soll – eine „Übergangsfigur“ werden wird, an deren Legitimität den Kiewer Machthabern nicht gelegen sein muss:

„Alles spricht jetzt dafür, dass … eine neue Verfassung angenommen wird. Wenn das so ist, kann der neu gewählte Präsident eigentlich eine Übergangsfigur sein oder, im Gegenteil, die Machtbefugnisse in seinen Händen maximal konzentrieren. Sowohl das eine als auch das andere Szenario werden mit einer Zuspitzung des politischen Kampfes im Lande verbunden sein“ (Quelle: RIAN)

Der Hintergrund für diese Aussage ist, dass die Rest-Rada nach dem Putsch die Rechte des Präsidialamtes stark beschnitten hat, indem die Verfassung (zurück zum Status von ca. 2004) geändert wurde. Dieser Fakt steht Timoschenko quer im Hals. Da sie momentan aber maximal Aussicht darauf hat, Poroschenko nicht gleich im ersten Wahlgang gewinnen zu lassen, hat sie schon einen „nächsten Maidan“ für den Fall angekündigt, dass sie nicht zur Präsidentin gewählt wird.

Wie dem auch sei. die ehemalige Ostukraine – nun Neurussland – nimmt langsam, aber sicher politische Konturen an. In diesem Sinne können die Russen einen ukrainischen „Übergangspräsidenten“ auch gut und gern anerkennen – schon aus rein pragmatischen Gründen, denn mit irgendwem muss man ja reden können.

Donezk, 24.05.2014

Donezk, 24.05.2014

Donezk, 24.05.2014. Abstimmung zur Konstituierung von Neurussland

Donezk, 24.05.2014. Abstimmung zur Konstituierung von Neurussland

 

LifeNews

Den beiden am 18. Mai von der Kiewer Junta verschleppten russischen LifeNews-Journalisten Marat Saijtschenko und Oleg Sedjakin werden zwei Vergehen zur Last gelegt: Erstens, sie hätten einen Angriff der “Separatisten” koordiniert, angeleitet und dabei gefilmt. Konkret geht es um diese Aufnahmen, die tatsächlich über LifeNews verbreitet worden sind:

Es ist nicht unüblich, dass Journalisten Aufnahmen aus anderen Quellen zur Verfügung gestellt bekommen. Ein ähnliches Beispiel waren erst unlängst Mitschnitte eines nächtlichen Artillerieangriffs auf Positionen des SBU / der “Nationalgarde”, die von KP.ru und den in Slawjansk arbeitenden Journalisten Dmitrij Steschin und Aleksandr Kots verbreitet – aber natürlich nicht von ihnen gemacht – wurden.

''Motorola'', Kommandeur und Filmer der Bürgermilizen

“Motorola“, Kommandeur und Filmer der Bürgermilizen

LifeNews hat inzwischen den wirklichen Kommandeur und Filmer des obigen Angriffs ausfindig gemacht: sein Spitzname ist “Motorola”, und wie unschwer zu erkennen ist, hat er eine Halterung für eine Kamera (“GoPro”) am Helm. Aber auch seine Stimme ist wiederzuerkennen – hier im heutigen Interview ab 1:02.

Das zweite Verbrechen, das man den LifeNews-Leuten zur Last legt, ist der Transport einer tragbaren Flugabwehrrakete (“MANPAD”) im Kofferraum ihres Fahrzeugs. Es ist dabei niemandem eingefallen einmal zu testen, wie gut man so ein rund 1,60 m langes Gerät in den Kofferraum eines Schiguli bekommt. Es ist wohl eher so, dass das Ding am Checkpoint gerade zur Hand war und man es den beiden – in Ermangelung von Koks – einfach unterjubelte.

Inzwischen in Moskau, gegenüber der US-Botschaft

Inzwischen in Moskau, gegenüber der US-Botschaft

Formal ist es wohl ein Vergehen, wenn Journalisten als Privatpersonen einreisen und dann journalistischer Tätigkeit nachgehen – wie im Falle der beiden LifeNews-Leute. Aber die Details sind gar nicht mehr wichtig, seit aus Washington zu hören war, man sei sich sicher, dass die “ukrainischen” Militärs richtig gehandelt und in Wahrheit “Terroristen” festgenommen haben, die ganz bestimmt Luftabwehrrakten im Kofferraum ihres Autos durch die Gegend fuhren. So kann man jetzt ruhigen Gewissens einen kleinen Schauprozess angehen – und sich so einen netten Trumpf im Geschacher mit den Russen sichern.

Etwas anderes als Kidnapping und Menschenhandel – allerdings auf Betreiben einer “Staatsmacht” – ist das dabei aber eben nicht. Während freilich auch ihrem Äußeren nach wie Banditen aussehende Strolche wie etwa Saschka, der Weiße, ihr Geschäft noch direkt von richtigen Terrorbrigaden z.B. in Tschetschenien erlernt haben, so hat die derzeitige Kommandoebene des ukrainischen SBU diese Schule direkt bei denen durchlaufen, die die Lehrmeister der Lehrmeister von Musytschko waren. Das Geschäft ist und bleibt aber das selbe.

Achmetow: “Die Macht bin ich“

Rinat_AkhmetovRinat Achmetow, der “reichste Mann der Ukraine”, Oligarch, und – zumindest bis vor kurzem – erbitterter Feind anderer solcher Gestalten wie beispielsweise Kolomojskij – hatte in der Nacht zum 19. Mai relativ unerwartet zu Protesten und Streiks im Donbass aufgerufen. Höchst interessant – ein Oligarch ruft zum Streik und zum Protest. Nicht nur der Fakt allein, dass er sich damit in der momentanen ukrainischen Gemengelage entschieden hat und sich gegen die Willensbekundung der Menschen vom Referendum am 11. Mai wendet – nicht minder interessant ist auch der Zeitpunkt, zu dem er das tut.

Was der Aufmerksamkeit der meisten entgangen sein wird, ist die kleine “Palastrevolte” am 16. Mai in der Führung der Volksrepublik Donezk. Die bis dahin sehr an PR interessierte, von ihren reellen Aktivitäten her aber recht träge Führung wurde etwas beiseite gedrängt; nunmehr ist der russische Staatsbürger Alexander Borodaj Premierminister der VRD. Borodaj ist eher der aktiveren, “Strelkow”-Fraktion zugehörig und macht kein Hehl daraus, dass er vorher schon auf der Krim aktiv war, bevor diese sich der Russischen Föderation angeschlossen hat.

Achmetows Aufruf folgte relativ zeitnah auf den Wechsel an der Spitze der “Volksrepublik Donezk”, was die vorher bestehenden Gerüchte stützt, weite Teile des “Projekts” der Unabhängigkeit des Donbass seien von Achmetow gebilligt, wenn nicht gar von ihm als Joker in der Positionierung in der Ukraine nach dem “Euromaidan” gebraucht worden. Bis dahin musste nicht einmal Strelkow und sein Trupp ihm großes Unbehagen bereiten, denn er versteht sehr wohl, wie sehr ein politisches Resultat allen möglichen paramilitärischen Teilerfolgen vorzuziehen ist. Es lief bis vor kurzem auch alles darauf hin, dass die relativen Erfolge der Bürgermilizen durch Geplänkel und Ränkespiele innerhalb der Kabinetts und neuen Organe kaputtgemacht wurden; von Achmetow handzahm gemachte politische Führungspersönlichkeiten der VRD waren allein durch ihr relativ zielloses Agieren und lasches Auftreten drauf und dran, die Erfolge der Bürgermilizen und des Referendums zu zersetzen. Eines der Zeugnisse dafür ist der dramatische Aufruf Strelkows von vor ein paar Tagen, wo er sich über fehlenden Zustrom von Freiwilligen in die Reihen der Bürgermilizen beklagt – de facto aber konstatiert, dass dieser Prozess massiv behindert wird.

Nun hatte Strelkow und sein Trupp eben offenbar wenig Lust auf die Rolle von Opfern und Bauern in den gewieften Spielchen der ukrainischen Magnaten. Wie genau die kleine Palastrevolte vom 16. Mai in Donezk verlief, wird vielleicht gar nicht an die Öffentlichkeit kommen, aber Fakt ist, dass Achmetow danach langsam Lunte zu riechen begann. Und sich nun entgegen all seinen vorherigen Verlautbarungen von den “vier Szenarien” einer Beilegung des Konflikts im Donbass offen auf die Seite der Junta stellte.

Indes ist der für heute erstmals anberaumte “Streik” und der “Protest” eher verpufft:

Stadion von Donezk, 20.05.2014 - Warnstreik und Protest von Arbeitern nach Aufruf von Achmetow

Stadion von Donezk, 20.05.2014 – Warnstreik und Protest von Arbeitern nach Aufruf von Achmetow

Ungefähr 1.000 Leute sind Achmetows Aufruf heute gefolgt (andere Meldungen sprechen von nur der Hälfte). Sie füllten mit Mühe und Not einen Block im Donezker Stadion “Schachtjor”. Die Sache sieht bislang also eher komisch aus.

Wenn Arbeiter streiken, dann ist das klar und verständlich, passt normalerweise in solche Kategorien wie “Gewerkschaft”, “Lohnerhöhung” oder auch “Klassenkampf”. Wenn allerdings die Besitzer von Großunternehmen streiken und dazu aufrufen, dann nennt man das ganz anders: Sabotage. Nichts anderes lief im nachrevolutionären Russland der Jahre 1917 und 1918. Firmen- und Großgrundbesitzer, Banken und andere Unternehmen haben versucht, die damals noch junge Sowjetmacht mit solchen Maßnahmen in die Knie zu zwingen.

Wie die Sowjets damals geantwortet haben, ist auch bekannt. Stichwort Tscheka. Diese Organisation wurde überhaupt aus der Notwendigkeit heraus geschaffen, Sabotage von Seiten der damaligen “Oligarchen” und Beamten zu bekämpfen. Die Tscheka sorgte dann – teilweise durchaus nicht unblutig – für den Übergang von Privateigentum in staatliche Kontrolle. Auf diese Weise waren solche Sabotageaktionen schließlich unterbunden worden.

Ob die Volksrepubliken Donezk und Lugansk – kurz: Neurussland – die Mittel und die Entschlossenheit haben, Achmetow einer ähnlichen “Nationalisierung” zu unterziehen, bleibt natürlich fraglich. Aber letztendlich hat der Oligarch nichts anderes ausgesagt, als dass er die eigentliche Macht im Donbass ist. Und diese Herausforderung hängt viel zu deutlich im Raum, als dass man sie einfach ignorieren könnte.

Anfänge eines solchen Prozesses scheint es auch zu geben; RIA meldete heute, die VRD habe im Zusammenhang mit dem Unwillen “einiger” Unternehmer und Oligarchen, ihre Steuern ins Budget der neuen Volksrepublik zu zahlen, einen Prozess der “Nationalisierung” (ihrer Betriebe) angestoßen. Dass sie sich damit einzig auf die Twitter-Meldung von PR-Mann Puschilin berufen, macht die Sache erst erst einmal wenig fest. Es wäre also sinnvoller, offizielle Meldungen dazu abzuwarten. Es soll demnächst eine Liste an Unternehmen veröffentlicht werden, welche “nationalisiert” (lies: enteignet) werden.

In keinem Fall aber geht es, Achmetows Positionierung und seine Sabotageaufrufe zu ignorieren; dazu hat er wirklich zu viel an realer Macht. Wer genau die Macht in Neurussland ist, sollten die Menschen dort sicher in Bälde klären.

Dieselben Schützen

Seinerzeit hatte der recht kurze Exkurs eines „Slawischen Korps“ in Syrien für einiges an Aufsehen gesorgt, besonders da es sich nach den damaligen Informationen nicht etwa um eine Undercover-Unterstützung der russischen Regierung, sondern scheinbar um eine Privatinitiative gehandelt hatte.

Das Slawische Korps in Syrien

Das Slawische Korps in Syrien

Die Kämpfer dieses „Slawischen Korps“ waren insgesamt um die anderthalb Monate in Syrien und wurden nur einmal in der Gegend von al-Sukhnah in ein Gefecht mit Dschihadisten verwickelt, von denen sie rund 400 über Es Sireth sandten und dazu ein knappes Dutzend ihrer diversen leichten Militärfahrzeuge (üblicherweise Pick-Ups mit MGs) vernichteten. Das alles bei vollkommen katastrophaler Versorgung, keinem Nachschub und Munitionsknappheit. Nach diesem Zusammenstoß brachen sie ihren Syrieneinsatz ab und flogen – insgesamt, bis auf Verwundete, ohne Verluste – zurück nach Moskau, wo sie vom russischen FSB in Empfang genommen und festgehalten wurden – die Organisatoren der “Slavonic Corps Ltd.” kamen dabei angeblich in U-Haft, während man die einfachen Söldner nach Hause ziehen ließ.

Die Story wurde dann vor allem durch die im Gefecht bei al-Sukhnah verlorene Ausrüstung publik, unter der Dschihadisten russische Dokumente fanden und sich auf den üblichen Handyfotos eines Sieges über die “Kuffar” brüsteten. Die russische Presse machte die Inhaber der Dokumente ausfindig und traf sie bei bester Gesundheit zu Hause an; so kam der ganze Hintergrund an die Öffentlichkeit.

Lizenz Nr. 8/559 des syrischen Komitees für Nationale Sicherheit

Lizenz Nr. 8/559 des syrischen Komitees für Nationale Sicherheit

Einige Zeit später – nach der Veröffentlichung hier – haben einige der russischen Söldner, insbesondere aus der Kommandoebene, versucht, die Sache ins rechte Licht zu rücken und übergaben der Presse Dokumente, welche die völlige Legalität ihres Einsatzes bezeugen sollten. Das war vor allem der Vertrag der syrischen Regierung mit dem technischen Dienstleister und dem „Slawischen Korps“, ebenso auch die Lizenz des syrischen Komitees für Nationale Sicherheit, aus dem die Genehmigung für einen Waffeneinsatz durch die Söldner des “Slawischen Korps” hervorging. Insgesamt handelte es sich diesen Dokumenten zufolge um eine reine Sicherheitsdienstleistung im Zusammenhang mit einer ingenieurstechnischen Instandsetzung von Anlagen der Energiewirtschaft – von Kraftwerken, Verteilerstationen, Stromleitungen und dergleichen. Also nicht etwa um einen geplanten Zukauf von Feuerkraft und militärischem Know-How gegen „Rebellen“. Diese doch relativ wenig verbreitete “Richtigstellung” in der Presse machte keine große Runde mehr, zumal der Informant aus den Reihen des “Korps” anonym blieb und man ihn nur als “informierte Quelle” bezeichnen konnte.

Aus heutiger Sicht kann man sagen, dass der Einsatz der “Slavonic Corps Ltd.” in Syrien sehr wohl mit russischen Sicherheitskreisen abgestimmt und vereinbart wurde, zumal der Transport und die Evakuation des Korps nach und aus Syrien auf völlig legalen und offiziellen Flügen – teils Charterflügen – ab und an Moskau VKO erfolgte. Die Intervention des FSB bei Rückkehr sollte wahrscheinlich als eine Art Notbremse große Wellen vermeiden, denn obwohl der Einsatz tatsächlich nicht als Kampfeinsatz im Interesse der syrischen Regierungstruppen geplant war, so war es doch zu einer Konfrontation gekommen, und die ersten reißerischen Meldungen über eine “russische Intervention” in Syrien zirkulierten bereits auf Islamisten-Webseiten.

Es hat aber natürlich einen Hintergrund, dass diese Sache gerade jetzt wieder aktuell wird.