Archiv für April, 2012

Katerfrühstück, Teil 5

5. Ausblick: Dark Future

Paradoxerweise ist nun die durchaus gut mit finanziellen, personellen, administrativen, Lobby und anderen Ressourcen ausgestattete Struktur von Gazprom vollkommen hilflos, wenn es um Aufklärung und die Auswirkungen politischer Prozesse auf die Marktentwicklung geht. Also im Bereich der strategischen Marktanalyse.

Kaum zu erklären ist das alljährlich zum Jahreswechsel wiederkehrende Schauspiel, wenn die „plötzlichen“ Manöver der ukrainischen Regierung die Bosse von Gazprom dumm aussehen lassen. Es scheint keinerlei Vorbeugungsmaßnahmen zu geben – immer nur Reaktionen auf Entwicklungen. Das kann nur bedeuten, dass es keinen gut funktionierenden betrieblichen Aufklärungsdienst und keine ordentlichen analytischen Prognosen zu geben scheint.

Ganz im Gegensatz dazu scheint’s mit der Gegenaufklärung bei Gazprom zu stimmen. Jedenfalls gibt es keine Schlagzeilen mit irgendwelchen „Leaks“, niemand aus der Führungsriege wechselt zur Konkurrenz, und im Unternehmen selbst gibt es Maßnahmen gegen von außen hineingesandte Spitzel, gegen Plauderer und so weiter. Das ist eigentlich nicht verwunderlich, der Sicherheitsdienst von Gazprom rekrutiert sich aus ehemaligen Mitarbeitern von staatlichen Sicherheitsstrukturen, Personenschutz und Geheimdienstlern, die es ganz gut verstehen, für die innere Sicherheit zu sorgen. Nach der Sachlage zu urteilen ist’s mit der Sicherheit „nach außen“ allerdings eher schlecht bestellt.

Gazprom (und damit Russland, oder anders herum) steht jetzt unweigerlich vor der Aufgabe, die Pläne der Übernahme insbesondere seiner europäischen Märkte zu durchkreuzen. Mit adäquaten Maßnahmen. Besser spät als nie, aber unbedingt „proaktiv“.

Katerfrühstück, Teil 4

4. Gaskrieg

Um jetzt nicht in alle Länge und Breite zu diffundieren, muss man einfach nur versuchen, alles das, was an Informationen verfügbar ist, in einen Zusammenhang zu bringen, so es ihn denn gibt. Gott würfelt nicht, und die plötzliche Rolle des Zwergenstaates Katar im wirtschaftlichen Engagement und besonders in den bewaffneten Konflikten der jüngeren Zeit (Libyen, Syrien) ist sicher auch kein Zufall.

Folgendes steht bisher fest. Der Katar ist aktiv dabei, die russische Elite durch vorgegaukelte Milliardeninvestitionen in die russische Wirtschaft an der Nase herumzuführen, dabei platzen alle Deals förmlich in letzter Minute durch allerlei Gründe, die dafür ins Feld geführt werden. Dabei geht der Katar allerdings so geschickt vor, dass man ihn beim nächsten Deal trotzdem sehsüchtig erwartet wie den Weihnachtsmann mit seinen Geschenken.

Die süße Aussicht auf „Cashback“ lässt die russischen Staatsbeamten die Augen vor jeglichen Aktionen des Katar verschließen, sowohl in der Politik, als auch in der Wirtschaft. Als folge haben die trickreichen Araber so ziemlich alles erreicht – aus der Befürchtung, die reichen Scheichs zu verschrecken, hat die russische Staatsmacht ihre Positionen in Libyen ohne mit der Wimper zu zucken aufgegeben und die Milliarden an Investitionen in diesem unglücklichen nordafrikanischen Land einfach abgeschrieben. Nehmt doch, wir haben Hunderte solcher Projekte! Was denn für ein Libyen, wo wir hier vor massiven Investitionen aus Katar stehen? Es ist ja wohl keine Frage, was Russland nötiger braucht – eine Eisenbahn in Libyen oder Milliardeninvestitionen in die heimische Wirtschaft.

Es ist in dieser Situation eine müßige Frage, ob man denn hier den Schlawiner erkennt. Was soll’s, dass der Katar bereits das vierte Investitionsprojekt innerhalb der letzten zwei Jahre platzen lässt? Macht doch nichts, dass es bisher keine dieser Investitionen in Wirklichkeit gibt. Leute mit so aufrichtigen und ehrlichen Augen wie der Scheich oder der Emir von Katar können doch nicht schwindeln!

Als Resultat werden direkt vor der Nase von Gazprom in ganz Europa gigantische LNG-Terminals gebaut. Es entsteht eine riesige Flotte von 2G-Tankern, und dabei ist die Q-Max-Serie mit geplanten 25 Tankern nicht die einzige und letzte. Klar, 50 Milliarden Kubikmeter pro Jahr sind lediglich 5% des jährlichen Gasimports nach Europa, aber darum geht es ja gerade – es handelt sich hierbei um zu den bereits bestehenden Liefermengen zusätzliche Volumina. Der Katar hat sich bereits in aller Stille ungefähr 6 Prozent des europäischen Marktes gesichert, dabei ist der Anteil von Gazprom gleichzeitig von 26 auf 24 Prozent zurückgegangen. In Libyen wiederum greift der Katar derzeit mit harter Hand nach dem libyschen Gas. Und hier kommt noch ein Land ins Spiel, nämlich Algerien. Dieses führt im Gasbereich zwar eine kontrollierte, aber in vielerlei Hinsicht unanständig souveräne Politik durch. Unter diesen Vorzeichen wäre Algerien eines der nächsten Ziele für die Demokratisierung. Zu dem Zeitpunkt, an dem Katar seine Flotte und die Infrastruktur für die Lieferung von Flüssiggas fertig hat, wird sich das Schicksal von Algerien entschieden haben. Auf die eine oder andere Weise.

Katerfrühstück, Teil 3

3. Katar als Filiale transnationaler Konzerne

Wenn wir sagen „Katar“, so klingt das recht unkonkret. Man muss sich schon die Leute vor Augen führen, die unter diesem Label agieren. Und die sind eigentlich gar nicht so unkonkret:

Emir Hamad bin Halifa Al Thani. Er ist infolge eines Staatstreichs gegen seinen Vater an die Macht gekommen, der zu dieser Zeit in Europa Urlaub machte. Das Mastermind und die treibende Kraft hinter dem Staatsstreich war allerdings Hamad ben Dschasim ibn Dschabir Al Thani, der jetzige Premier und Außenminister.

Hamad ben Dschasim ist eine interessante Persönlichkeit. Selbst in der arabischen Welt, die vielfach auf Bakschisch gebaut ist, gibt es epische Sagen über die Korruption des Scheichs Hamad. In seiner Eigenschaft als führendes Ratsmitglied im staatlichen Fonds für Investition und Staatsreserve hat er allerlei zwielichtige Geschäfte mit traumhaftem ROI durchgedrückt. Letztlich ist dieser Rat auch die Quelle für sein enorm gestiegenes Vermögen. Scheich Hamad ist reicher als der Emir, nach arabischen Vorstellungen ist das zumindest nicht korrekt.

Man darf dabei nicht vergessen, dass „staatliche“ Strukturen, wie etwa dieser Fonds, unter den Bedingungen einer absoluten Monarchie in diesem Fall Privateigentum des Emirs sind. Wird also mit diesem Fonds herummanipuliert, so ist das nichts anderes als Raub am Vermögen des Emirs. In den Augen seiner königlichen Kollegen sieht ein solcher Emil wie ein Trottel aus. Tatsächlich, kaum jemand von den arabischen Führern nahm ihn wirklich ernst – er hatte ein recht gespanntes Verhältnis zu vielen von ihnen. Zum Beispiel Gaddafi und Mubarak waren ihm zutiefst verhasst.

Zurück also zu Scheich Hamad. Sein Büro in Doha ist ihm ein kurzer Aufenthaltsort für die Momente, in denen er aus seinem Hauptbüro in London einschneit. Denn genau in London liegt das Zentrum des Imperiums dieses Scheichs, das er und seine verschiedenen Söhne leiten. Wenn man sich die recht rigorose Einstellung der Briten gegenüber Korruption jeglicher Art vorstellt, so kann man im Falle des Scheichs nur folgern, dass sie konkret an ihm und seinem Imperium interessiert sind. Und daraus folgt, dass man von einer souveränen Außen- und Investitionspolitik des Katar nicht wirklich sprechen kann. Wie gesagt, Scheich Hamad ist Leiter dieser gottgefälligen Werke und sitzt in London.

In Katars Politik trifft man aber natürlich nicht nur auf die Spur der Briten. Katar ist der staubige Hinterhof der größten Militärbasis der USA in der Region – Al-Udeid, außerdem aber ein Nebenflur einer anderen, durchaus einflussreichen amerikanischen Struktur – der Exxon Mobile Corporation. Ein Unternehmen des Rockefeller-Clans, das nur nebenbei.

Katerfrühstück, Teil 2

2. CH4 für Millionen

„Mozah“, Tanker der Q-Max-Klasse

Bemerkenswert bei alledem ist, dass der Katar durchaus nicht knausrig ist, wenn es nur nicht ausgerechnet um Russland geht. Im Gegenteil. Der Katar ist freigebig. Das Land investiert unglaubliche Summen – zum Beispiel in den Bau eines gigantischen Seehafens an seiner Küste. Gesamtes Investitionsvolumen ungefähr 7 Milliarden Dollar, und das zusätzlich zu den bereits bestehenden Installationen. Der Katar baut Flüssigerdgas-Terminals in England, an der deutsch-polnischen Grenze, in Südeuropa. Eine Monorail, Staudämme, Satellitenstädte – alles das im Eiltempo, in drei Schichten, es scheint, ohne Rücksicht auf die Kosten und den Aufwand. Reichen die eigenen Mittel nicht, werden Kredite aufgenommen. Gibt es keine langfristigen, so nimmt man eben kurzfristige.

Es werden Unsummen in den Bau von Flüssiggasfrachtern investiert. Dafür braucht es einen kleinen Exkurs:

Solcher Monster baut der Katar insgesamt 25 Stück. Bisher gibt es schon 14 davon. Nur über die Q-Max-Klasse wird das Volumen des Gasexports aus dem Katar also 25 Tanker x 15 Fahrten pro Jahr x 150 Millionen Kubikmeter, folglich 56.250.000.000 Kubikmeter betragen. Ein Drittel dessen, was Russland pro Jahr nach Europa liefert.Die Tanker der Klasse Q-Max (Q steht dabei für Katar), deren erster übrigens auf den Namen Mozah getauft wurde (so heißt die zweite und bevorzugte Frau des Emirs von Katar; wer weiß, was sie mit einem fetten Supertanker gemein hat), haben eine Kapazität von 266.000 Kubikmetern Flüssiggas – im nichtverflüssigten Erdgasäquivalent sind das zirka 150 Millionen Kubikmeter Gas – pro Fahrt.

Katerfrühstück, Teil 1

Um es vorwegzustellen: die Rede hier wird nicht von irgendwelchen geheimen Insiderinformationen sein, die allen die Augen öffnen. Alles ist recht gut bekannt, alles offen zugänglich. Insgesamt ist all das, was um Syrien, den Iran und im gesamten Nahen Osten passiert, relativ verständlich und transparent. Erst wenn man allerdings die vielen Einzelheiten zusammenfügt, kann man die Hauptrichtung der Entwicklungen erkennen.

Der Einfachheit halber ist es hilfreich, sich erst einmal einige Ebenen der Handlung wieder vor Augen zu führen. Manches davon liegt Jahre zurück.1. Die große Verarschung (hierunter)
2. CH4 für Millionen
3. Katar als Filiale transnationaler Konzerne
4. Gaskrieg
5. Ausblick

1. Die große Verarschung

Mindestens seit 2009 bekommt Russland von Katar und von katarischen Firmen und deren Dependenzen in Europa Angebote gigantischer Investitionen in die russische Wirtschaft, vornehmlich in die Förderung von Rohstoffen wie Gas, Öl und Edelmetallen, aber auch in größere Infrastrukturprojekte und die Immobilienwirtschaft. Es ist nicht uninteressant, einige der jüngeren dieser Sachen einmal zu verfolgen:

Im Frühjahr und Sommer 2010 wurden dem Katar in Russland höchst vielversprechende Beteiligungen an Investmentprojekten im Bereich Immobilien und Goldförderung angeboten. Fast ein Jahr lang signalisierte der Katar hin und wieder bemühtes Interesse, danach hat die russische Seite das Ansinnen aufgrund seiner Perspektivlosigkeit aufgegeben.

Am 15. Februar 2011 sollten 10% der Aktien der russischen Staats- und Großbank VTB auf Weisung von Präsident Medwedew an den Katar verkauft werden (der russische Staat hält bis dato drei Viertel der Anteile). Die Gründe dafür waren politischer Natur, will heißen: ein beidseitig signalisierter Wille zur Kooperation. Zu diesem Behufe sollte der Katar die Aktien insgesamt gar zu einem um eine halbe Milliarde Dollar günstigeren Preis bekommen. Das Geschäft wurde abgeblasen.