Archiv für Mai, 2012

Terror in Damaskus

Die ersten deutschsprachigen Medien berichten bereits von den Anschlägen in Damaskus und setzen wie üblich das Wort Terroranschlag in Anführungsstriche. Wenn die Journaille genügend Unverfrorenheit besitzt, den Anschlag auf den Konvoi der UN-Beobachter dem „Assad-Regime“ in die Schuhe zu schieben, dann ist die Stellungnahme zum Mord an mehr als 40 Menschen (unter den Opfern eine große Zahl von Kindern aus einem Schulbus) nur die nächste Strophe dieses hässlichen Krötengesangs. Die Quelle der Meinungsvorgabe ist aber auch klar:

„Dies [der Terroranschlag auf den UN-Konvoi] ist ein weiteres Beispiel dafür, dass wir den Druck auf das Assad-Regime aufrechterhalten müssen…“ (Victoria Nudelman im gestrigen Presse-Briefing des US State Dept.)

Im Folgenden Bilder und Kommentare der in Damaskus lebenden russischen Journalistin Anhar Kotschnewa, die Minuten nach dem Anschlag vor Ort war. Vorsicht – das ist teilweise nichts für schwache Nerven.

Die Explosionen waren in der ganzen Stadt zu hören. Hier auch zu sehen.

Ziel war offenbar dieses Gebäude, in welchem sich eine Abteilung des syrischen Militärgeheimdienstes  befindet.

Seitenwände des Gebäudes wurden weggerissen.

Näher am Gebäude.

Möglicherweise sollte dieses Archiv des Geheimdienstes vernichtet werden.

Trichter im Asphalt am Ort der Explosion. Ungefähr 1,75 m tief.

Nahegelegene Wohnhäuser der Marke „Eigenbau“ – wie durch ein Wunder stehen geblieben

Unmengen an zerstörten Pkw mit toten Insassen. Von vielen blieb nur Asche.

Die Überreste eines Menschen auf dem Fahrersitz.

Das Gebiet ist abgeriegelt, Leute sammeln Leichenteile in Plastiktüten und teilweise in Basecaps zusammen.

Zerstörte Taxis

Diese Autos wurden durch die Wucht der Explosion durch die Luft geschleudert.

Ein ausgebrannter Schulbus.

Im Innenraum hatte niemand eine Chance.

Nach noch nicht bestätigten Informationen war der Bus mit Kindern besetzt. Dieses Foto ist ein Hinweis darauf.

Hier und im Folgenden: Blick auf die enorme Zone der Zerstörung aus der Schaufel eines Baggers.

UN-Beobachter vor Ort. Im Hintergrund zwischen Presseleuten General Mood, im Vordergrund ein Deutscher.

Ein verkohlter Koran. Den Anschlag kann man aber gut und gern Teufelsanbetern zuschreiben.

Der Iran laviert richtig

Ein recht bedeutender Erfolg für den Iran: es gibt eine Übereinkunft mit China (und analog mit Indien), iranisches Öl für Yuan (bzw. Rupien) zu liefern. Die wahrscheinlich einzige und gleichzeitig effektivste Variante, das Ölembargo zu meistern.
Eine solche Wendung hat natürlich ihre Schwierigkeiten – sie bindet die Wirtschaften dieser Länder enger aneinander, als das vielleicht wünschenswert war –, der nächste logische Schritt aber wäre zum Beispiel die Schaffung einer Art Quasi-Zahlungsunion im Sinne eines weitergedachten Baratthandels, bei dem Indien, China und der Iran ein Zahlungssystem für den trilateralen oder jeweils bilateralen Handel etablieren.
Als Analogie dieser Idee gibt es das Beispiel des RGW, dessen finanzielle Grundlage der Transferrubel als reine Rechnungswährung war und wofür es u.a. eigene Banken gegeben hat, etwa die IBZW oder die Internationale Investitionsbank.
Der Iran könnte also die Yuan und Rupien nicht nur für die Beschaffung von Waren aus China und Indien gebrauchen, sondern auch für Investitionen in die Wirtschaften dieser Länder, beispielsweise im Ausgleich für Gegeninvestitionen im Iran. In diesem Falle verliert die Spekulation mit den Währungen, etwa der zwingende Umtausch von Yuan oder Rupien in Dollar für die Liquidität auf dem Weltmarkt, ihren Sinn – es gäbe bessere Verwendungsmöglichkeiten für dieses Geld.
Berücksichtigt man die Stärke einer solchen potentiellen Wirtschaftsunion, würde eine solche regionale Vereinigung auch für andere Länder der Region interessant. Am wichtigsten ist, dass der Verzicht auf den Dollar und den Euro beim inneren Handel die globale Dominanz dieser Währungen merklich einschränken würde.
Klar ist, dass es beim (beabsichtigten) Verzicht auf den Dollar als Leitwährung bisher immer Krieg gegeben hat, wie etwa im Irak oder in Libyen. Die jüngste Reise von Hillary Clinton nach China und Indien ist sicherlich in mancherlei Hinsicht von einer entsprechenden Besorgnis der USA über eine mögliche regionale Ablösung des Petrodollars determiniert gewesen. Aus den Ereignissen wird allerdings klar, dass man Mrs. Clinton wahrscheinlich nicht allzu höflich hinwegkomplimentiert hat – die Meldung über den Ölhandel mit dem Iran für Yuan und Rupien kam faktisch direkt nach ihrem Abflug.
Es ist schwierig, die Reaktion der USA in diesem Fall vorherzusagen. Wollen die Staaten ihre Dominanz bewahren und mittelfristig schlicht überleben, wären sie eigentlich verpflichtet, dieses mögliche Konstrukt noch in seiner Entstehung zu verhindern – die Zeit läuft hier gegen die Interessen der USA, längeres Zögern könnte unangenehme Fakten schaffen. Andererseits wird es kaum möglich sein, einfach so einen Straffeldzug gegen den Iran vom Zaun zu brechen. Militärschläge gegen den Iran ohne eine Rückendeckung durch den UN-Sicherheitsrat sind für den relativ vorsichtigen Friedensnobelpreisträger Obama wahrscheinlich keine Option. Das würde außerdem eine weitere Verschlechterung der Beziehungen zu China und Indien nach sich ziehen; die Lage in der Region ist für die USA ohnehin nicht allzu gut, besonders vor dem Hintergrund der Probleme mit Pakistan. Man könnte natürlich Israel auf diese Sache hetzen – dort ist man, wie einst  die Jungpioniere, „immer bereit“. Aber auch hier kommen die USA so oder so mit in einen Konflikt hinein. Man wird sehen, was die nächste Runde der „Atomgespräche“ am 23. Mai in Bagdad ergeben wird. Anzuerkennen ist allerdings, dass die iranischen Ayatollahs hier einen entscheidenden taktischen Sieg errungen haben. Die USA dagegen haben nicht allzu viele Varianten bei der Auswahl einer annehmbaren Reaktion darauf.

Offene Türen eingerannt

Eine interessante und gleichzeitig recht seltsame Information wurde gestern über die Beziehungen zwischen Katar und Syrien veröffentlicht (ursprünglich bei ITAR-TASS). So, wie es aussieht, hat der Emir des Katar sich mit einem Vorschlag an Baschar al-Assad gewandt, die „Seite der schlechten Beziehungen umzuschlagen“ und eine Art Plan der friedlichen Beilegung des Konflikts zu realisieren, dessen Kern darin besteht, Vertretern der verschiedenen ethnischen und konfessionellen Gruppen in Syrien bestimmte staatliche Posten und Institutionen zuzuschlagen: „Es wurde vorgeschlagen, den Posten des Premierministers den Sunniten zu überlassen, der Sprecher des Parlaments soll ein Kurde oder Christ werden, den Posten des Präsidenten könne man den Alawiten überlassen, zu denen der Clan der al-Assads gehört“.
Es gibt, wie immer, ein paar Feinheiten in diesem Vorschlag. Erstens meint der Emir mit „Sunniten“ natürlich die Moslembrüder. Um den Vorschlag also etwas in eine für Europäer gängigere Sprache zu übersetzen, so bedeutet das in etwa das selbe, als würde der Friedensaktivist Boris Beresowski in einem Friedensplan für Tschetschenien und den Kaukasus vorschlagen, den „Vertretern“ der Tschetschenischen Republik Itschkeria zum Beispiel den Posten des Verteidigungsministers der Russischen Föderation zuzuspielen. Oder den des Vizepremiers. Alan Maschadow als Verteidigungsminister Russlands klingt auch einigermaßen martialisch. Aber wahrscheinlich hat Beresowski es im Urin gehabt – ein solcher Vorschlag wäre ein bisschen unsinnig. Der Emir hingegen zweifelt nicht daran, dass man Syrien nur so „befrieden“ kann.
Die zweite Feinheit besteht darin, dass auch ohne den Ratschlag dieses Friedensaktivisten die staatlichen Posten in Syrien bereits durch die verschiedenen Ethnien und Konfessionen besetzt sind. Zumindest der vorige Premierminister Syriens (im April 2011 zurückgetreten) ist ein Sunnit. Der syrische Außenminister ist ein orthodoxer Christ. Der Leiter des Präsidialamts ist ein Druse.
Die gerade stattgefundenen Parlamentswahlen in Syrien gehen ja genau in diese Richtung – dabei ist klar, dass die Baath-Partei so oder so erst einmal die Mehrheit bekommen wird, aber das sind ja auch die ersten Wahlen, und die Sache ist ein Demokratisierungsprozess. Es hängt jetzt von der Opposition ab zu beweisen, wie nützlich sie für die Syrer ist. Die nächsten Wahlen werden zeigen, inwieweit ihr das gelingt.
Drittens ist natürlich der Vorschlag über Details der Struktur und der ethnisch-konfessionellen Zusammensetzung der Regierung eines Landes, gegen das der Katar eine unverhohlene Aggression betreibt, mindestens ein grober Eingriff in die Souveränität und die inneren Angelegenheiten dieses Landes. Aber das sind fast schon normale Manöver der Wow-Demokratie.
Deswegen hat der Vorschlag des Emirs schon alle Anzeichen davon, dass der Katar im Bewusstsein über die Unmöglichkeit eines bewaffneten Regime Changes nun versucht, seine Moslembrüder über Absprachen und Undercover-Diplomatie an die Macht zu bringen.
Andererseits geschieht alles so offensichtlich, dass die Antwort der syrischen Regierung auch nicht lange auf sich warten ließ – dem Katar wurde vorgeschlagen, erst einmal die Finanzierung und Bewaffnung der Banden einzustellen und erst danach davon zu reden, eine neue Seite in den Beziehungen aufzuschlagen.

Provokationen aus dem Sumpf

Die Zusammenstöße beim für 5.000 Teilnehmer auf dem „Bolotnaja“-Platz (zu Deutsch: „Sumpfplatz“) in Moskau angemeldeten „Marsch der Millionen“ am 6. Mai und die Eskalation der Veranstaltung waren offenkundig so geplant. Dass die Demonstranten Feuerbomben, Messer, Werkzeuge mit sich führen und, ohne mit der Wimper zu zucken, Flaggen und andere Gegenstände als Waffen gebrauchten, außerdem die doch ernsthaften „Verluste“ in den Reihen der Polizei – ungefähr 20 Verletzte Beamte – all das spricht davon, dass die Opposition bewusst auf einen Zusammenstoß zugesteuert hat. In einer solchen Situation ist das Gerede davon, dass die Polizei ja (ätsch!) als erste angefangen hat, ziemlich sinnlos. Wenn man bewaffnet zu einer Massenveranstaltung geht und ohne zu zögern zuschlägt, ist es viel zu offensichtlich, wer genau diese Zusammenstöße gewollt hat.
Warum es zu der Eskalation kam, kann man im Wesentlichen erklären. Noch im Winter, nach dem recht ärmlichen Interviews, das Boris Akunin (in drei Teilen) mit Alexei Nawalny führte, wurde klar, dass es keinerlei wirklich artikulierte Gedanken bei der Opposition gibt, die aussagen würden, was sie denn eigentlich will. Dabei sieht Nawalny innerhalb der Kohorte des „Weißen Bands“ mit ihren Bärbeißervisagen fast noch wie ein Intellektueller aus. Wenn schon er es nicht auf die Reihe bekommen hat, etwas wenigstens entfernt wie politische Thesen anmutendes zu formulieren, so sieht es mit den anderen Leuten in diesem Konglomerat noch deutlich schlimmer aus.
Nawalny und die Glamour-Opposition. Foto: RIA Nowosti
Aus Mangel an Substanz war die Opposition folglich mehr oder weniger gezwungen, sich auf Flash-Mobs und vollkommen dämliche Aktionen wie diverse Autokorsos, „Weiße Ringe“ und ähnlichen Blödsinn zu beschränken. Sie brauchte eine Krise, einen „Ruck“. Und den hat sie am 6. Mai auch bekommen.
Die Verschärfung der Situation auf der Straße löst dabei nicht das Hauptproblem der Opposition – sie hat, in Ermangelung irgendeines greifbaren und konkreten Programms, eine ziemlich dünne Wählerbasis. Ach, „Programm“, sie hat nicht einmal einen einzigen Punkt, oder auch nur ein Motto, mit dem sich eine etwas breitere Bevölkerungsschicht identifizieren könnte. Die Variationen des Mantras, welches den Weggang Putins beschwört, werden nicht von allzu vielen mitgesungen, und das aus vielerlei Gründen. Deswegen ist die einzige Motiv, an das sich die Opposition klammert – nämlich „Putin, hau ab“ gerade keines, das Menschen vereinigt, sondern gerade diese Forderung spaltet.
Die Ereignisse des Winters und des Frühjahrs haben gezeigt, dass die Putin-Mannschaft sich mit Mühe und Not der neoliberalen Clique erwehren konnte, indem sie einen sehr hohen Preis gezahlt hat: sie hat ihr Einverständnis dazu gegeben, Medwedew auf den Posten des Premiers zu setzen und die übrigen, festgesessenen Personalien nicht anzurühren. Außerdem sprechen dafür noch eine Reihe von weiteren Maßnahmen, wie etwa die eilige Unterzeichnung von Vereinbarungen mit Exxon Mobil hinsichtlich der Ausbeutung der Arktis, die Schaffung von den Föderalismus begünstigenden Verwaltungsstrukturen für Sibirien und den Fernen Osten, ein rigoroses Personalkarussell in der oberen Führungsschicht, das Medwedew praktisch bis zum letzten Tag seiner Präsidentschaft gedreht hat – all das spricht eigentlich davon, dass Putin „gezähmt“ ist und nicht wirklich frei agieren kann. Die Hoffnung seiner Wähler auf Veränderungen sind demnach vermutlich Fiktion und ein verschwindender Dampf. Im besten Fall wird alles bleiben, wie es war. In einer Situation mit de facto zwei Machtpolen innerhalb der Staatsspitze kann man ein Gleichgewicht nicht allzu lange aufrechterhalten – eine Krise ist unausweichlich. Es ist ein Axiom, dass, wenn die eine Seite sich Schalthebel schafft, die andere mit Angriffen auf die erste beginnt. Die Neoliberalen innerhalb der russischen Elite haben in den letzten Monaten sehr viel dafür getan, um sich eine Existenzgrundlage unter Putin zu sichern. Das so entstandene Ungleichgewicht kann in Kürze zu einer so oder so ausartenden Implosion der Führungsschicht führen.
Mit der Forderung, den Staatsapparat von Taugenichtsen, Dieben und Korrupten zu bereinigen, sind sowohl jene einverstanden, die das „Weiße Band“ unterstützen, als auch die, welche Putin unterstützen. Das ist immerhin ein Konsens, um den herum man Menschen sammeln könnte. Freilich ist dieses Motto den Organisatoren des „Weißen Bands“ selbst gar nicht so genehm – sie sind mit der Art der Machtausübung nicht unzufrieden, unzufrieden sind sie allein damit, dass es sie nicht im Machtapparat vertreten sind.
Wenn es denn die beiden Richtungen in der Staatsmacht gibt, so müsste man seine Politkorrektheit eben kurz vergessen und sich einigen, wem man diese Forderung stellt: den Liberalen oder der Mannschaft Putins. Zu Deutsch, wer denn nun weg soll. Wenn Putin es schafft, eine solche Unterstützung zu nutzen und eine rigorose Bereinigung der Personalien voranzutreiben – sehr gut. Wenn nicht – vielleicht auch gut, dann verliert er sehr schnell die Unterstützung seiner Wähler; dann gibt es beim Übergang in die unvermeidliche heiße Phase des Machtkampfs zwischen den Blöcken bei niemandem mehr Illusionen über einen „Präsidenten des Volks“.

Aggression der USA gegen den Iran – unvermeidlich?

Eines der zentralen Themen der Weltpolitik in den letzten Jahren ist der amerikanisch-iranische Konflikt, auf amerikanischer Seite werden entsprechend die Domänen der USA mit in die Sache hineingezogen. Unter der frei erfundenen Bedrohung für die „Weltgemeinschaft“ versuchen die USA, dem Iran den Zugang zur Atomtechnologie zu verwehren, während sie gleichzeitig nichts dagegen haben (oder wenigstens nicht den Bruchteil des Brimboriums veranstaltet haben, das sie gegenüber dem Iran inszenieren), dass viele andere Länder (beispielsweise Israel, Pakistan, Indien, manches „Schwellenland“) diese vorantreiben, und zwar sowohl für die zivile, als auch für die militärische Nutzung. Der Grund für diese Eigenartigkeit ist, dass die Sprungfeder des Konflikts die Lage des Iran als eines zentralen Glieds eines eurasischen Sicherheitssystems ist. Davon, auf welchen Wegen ein Ausweg aus dem derzeitig zugespitzten Verhältnis zwischen den USA und dem Iran gefunden werden kann, hängt der „Gesundheitszustand“ der Weltwirtschaft ab, die mehr und mehr direkte Abhängigkeit von den Rohstoffressourcen unter Beweis stellt.

„Greater Middle East“ vs. Iran


Die internationalen Beziehungen laufen heute dergestalt, dass die USA ständig und überall ihre Rolle als einzige Supermacht bestätigen und demonstrieren müssen. Dabei ist die Elite in den Staaten, ganz unabhängig von ihrer Parteizugehörigkeit, einer militärischen Herangehensweise an die Weltpolitik verschrieben. Davon zeugt unter anderem ein solches Ziel, wie die Umgestaltung ganzer Regionen, die Ziehung neuer Grenzen beispielsweise im Projekt der Makroregion „Greater Middle East“, welcher als eine gigantische proamerikanische Strukturgruppe auf dem eurasischen Festland konzipiert ist. Nach Erreichung dieses Ziels können die USA nicht nur eine führende Rolle beim Diktat des Weltmarktpreises für Kohlenwasserstoff-Energieressourcen spielen, sondern auch auf ganz andere Weise mit den eurasischen Giganten China, Indien und Russland reden.

Der Iran ist der vordergründige neuralgische Punkt in puncto Sicherheit im Nahen Osten. Diese Rolle nimmt er aufgrund seiner geographischen Lage, der natürlichen Rohstoffe und logistischen Vorteilen wie etwa einem Zugang zu den Weltmeeren, Kontrolle über Teile davon (Persischer Golf), ebenso auch Perspektiven in der Entwicklung eines Transportnetzes, das die wichtigsten Transportkorridore für ganz Eurasien stellen kann. Ein Regimewechsel im Iran, den Washington anstrebt, und die Rückkehr Persiens in den Orbit der USA würden bedeuten, dass die drei genannten eurasischen Giganten vor ernsthafte außenpolitische Schwierigkeiten gestellt wären, während die Rolle der USA hinsichtlich des Machtdreieck Russland – China – Indien deutlich an Bedeutung gewinnen würde.
Raketentest im Iran

Der Iran ist der „vierte Pfeiler“ eines eurasischen geostrategischen Gleichgewichts. Demzufolge muss der Schutz des Iran vor einem Angriff durch die USA zu den dringendsten Aufgaben der Außenpolitik Moskaus und Pekings zählen.

Entsprechend nimmt sich die permanent von Washington demonstrierte „Besorgnis“ darüber, dass die Iraner in den Besitz von Atomwaffen gelangen, eher aus wie die allmähliche Vorbereitung der Weltöffentlichkeit auf einen Krieg (terminologisch: eine „Militäroperation“) der USA gegen den Iran. Steter Tropfen höhlt den Stein.
Folgendes Gedankenexperiment: der Iran bekommt ein paar Atomsprengköpfe in seine Verfügung. Das einzige Objekt, an dem er sie möglicherweise anwenden könnte, wäre Israel. Allerdings ist die Beziehung zwischen Israel und den USA dergestalt, dass letztere im Falle auch nur der Ahnung eines Angriffs auf Israel den Iran massiv – und sicher ebenso nuklear – in die Schranken verweisen werden. Dadurch würde das Territorium des Iran zu einem einzigen großen Tschernobyl werden. Wenn man aber in Washington keine „Besorgnis“ über die real existierenden Atomwaffen der Chinesen an den Tag legt, die erwiesenermaßen um ein vielfaches verheerender sind als die hypothetischen im Iran, wer glaubt da noch an das Gerede von der „atomaren Bedrohung durch den Iran“? Jeder, der sich nicht bloß von Schlagzeilen berieseln lässt, kann das leicht als Meinungsmache identifizieren.
MOAB, die Mutter aller Bomben, soll eine
multipolare Welt verhindert

Es ist vollkommen offensichtlich, dass die hypothetischen iranischen Atomwaffen kein Mittel für einen Erstschlag sein können (Teheran besteht nicht aus Selbstmördern), sondern, erstens, ein wichtiges Element für die Gewährleistung einer Wehrfähigkeit des Iran und, zweitens, ein Instrument der Außenpolitik. Hier verbirgt sich die Antwort auf die Frage, warum die USA so verzweifelt verhindern wollen, dass der Iran in den Besitz von Atomwaffen gelangt: bekommen die Iraner solche Waffen, so würde das einen herben außenpolitischen Rückschlag für die USA bedeuten – es wäre die endgültige Zementierung einer multipolaren Weltordnung.

Eine multipolare Welt aber bedeutet, dass die amerikanische Hegemonie, in welcher der US-amerikanische militärisch-industrielle Komplex die Rolle des Dollars als Weltreservewährung und die Rolle der USA als einzige Supermacht aufrecht erhält, funktionell zuschanden geht. Der Verlust der Hegemonie wiederum führt zum Bankrott des jetzigen US-amerikanischen Wirtschaftsmodells, das auf ausländischen Krediten gründet, und in der Perspektive droht den USA ein Verlust von Ansehen und Macht bis hin zu einer Art nordamerikanischem „Australien“.

Das Ölpreisdiktat als Waffe gegen die öllose Konkurrenz

Entgegen der gängigen Meinung wollen wir einmal für einen Augenblick lang annehmen, dass die USA bewusst einen hohen Ölpreis aufrechterhalten. Es ist bekannt, dass die Amerikaner die irakischen „Massenvernichtungswaffen“ frei erfunden haben, die es in Wahrheit nie gegeben hat. Das einzige wesentliche Argument, das für einen US-amerikanischen Einfall in den Irak sprach (abgesehen von der Errichtung einer direkten militärischen Kontrolle über die reichhaltigen Erdölvorkommen), war das Verständnis davon, dass nach Beginn der militärischen Handlungen der Ölpreis ansteigen wird. Ein hoher Ölpreis bremst die wirtschaftliche Entwicklung von Ländern aus, die keine eigene Erdölförderung besitzen. Die Vereinigten Staaten fördern ja selbst Öl, sie gehören zu den weltweit fünf führenden erdölfördernden Ländern. Freilich verschiffen sie dieses Öl nicht nach außerhalb, sondern gebrauchen es fast ausschließlich auf dem Binnenmarkt. Entsprechend haben hohe Ölpreise auf den Wirtschaften jener Länder und Staatengemeinschaften einen verheerenden Effekt, die als Konkurrenten der USA kein eigenes Erdöl besitzen. In erster Linie sind das die Europäische Union, China und Indien.

Die Errichtung einer militärischen und politischen Kontrolle des Irak, die Umformatierung gigantischer eurasischer Territorien im Zuge des Projekts „Greater Middle East“, Erlangung von Kontrolle über den Iran – all das sind Glieder einer Kette, all das sind Schritte dazu, den Zugang Chinas und Indiens zu Energieressourcen zu beschränken. Das ist eine uralte Strategie der Angelsachsen noch aus Zeiten des klassischen britischen Kolonialismus, als das kontinentale Europa gezwungen war, Kolonialwaren ausschließlich beim Welthandelsmann, dem englischen Monarchen und seinen Untergebenen, zu kaufen, statt sie direkt aus den Herstellerländern zu beziehen.
Die Ölkonzerne der USA, deren Interessen kein einziger Präsident dieses Landes zu durchkreuzen wagen wird, sind die führenden Player auf dem Weltmarkt. Wenn man sagen kann, dass z.B. Russland seinen Haushalt durch die seit relativ kurzer Zeit einströmenden Petrodollars saniert hat, so haben die USA ebenso permanent einen solchen Zustrom an Geld. Da die US-amerikanische Wirtschaft aber aus einer Reihe von Gründen „heiß gelaufen“ ist, muss sie dann und wann den Überschuss an Geld „verbrennen“, was man am besten mittels des militärisch-industriellen Komplex bewerkstelligt beziehungsweise durch eine aggressive „Verteidigungs“strategie.
Eine Möglichkeit, die überschüssigen Dollars zu verbrennen, ist die permanente Aufrüstung der Streitkräfte, der Unterhalt und die Erweiterung eines weltweiten Netzes an Militärbasen, regelmäßige Kampfhandlungen. Heute genügt es, dass die Amerikaner dafür die eine oder andere Region der Welt zu einem „Krisenherd“ erklären, wie man zum Beispiel daran erkennen kann, dass der gesamte Nahe Osten zur Region des „Arabischen Frühlings“ erklärt wurde. Terminologisch sind die Amerikaner auf der Höhe. Eine weitere Möglichkeit wäre kostenintensive Forschung und Entwicklung im Militärbereich.
Eine gut entwickelte eigene Ölförderung und die Politik der Aufrechterhaltung eines hohen Preises für Öl und andere Energieressourcen gestatten es den USA, Schritt für Schritt einen absoluten technologischen Vorteil vor möglichen Konkurrenten zu besitzen. Diese Strategie folgt dem Ziel, die USA proaktiv und anderen zuvorkommend in ständigem, entscheidenden technologischen Vorsprung im Bereich Rüstung und Militärtechnik zu halten.

Fazit

Die Amerikaner können gut mit dem derzeitigen hohen Ölpreis leben (sofern das amerikanisch-iranische Verhältnis nicht weiter eskaliert), ebenso ist ihnen ein militärischer Konflikt recht, welcher die Preise für & den Bedarf an Energieträgern noch weiter in die Höhe treiben wird; bei China sieht die Sache anders aus – China müsste nun schon nicht mehr mit Teheran, sondern mit Washington verhandeln. Zur Erinnerung: die Weltmarktpreise für alle natürlichen Ressourcen werden nicht allein von ihrer Verknappung bestimmt, sondern auch durch das bedeutende Witschaftswachstum (7-10%) solcher Staaten wie China, Indien und Brasilien (und in manchen Jahren auch Russland).
Das Hauptproblem für die Amerikaner ist nun, dass das Wirtschaftswachstum in diesen Ländern ungeachtet aller Krisen fortdauert, während die Krisenerscheinungen in der Ökonomie der USA mehr und mehr werden. Die US-Hypothekenkrise zum Beispiel, die einen vergleichsweise kleinen Teil der weltwirtschaftlichen „Finanzblase“ verbrannt hat (ungefähr 500 Milliarden Dollar), bedroht in erster Linie die USA und Großbritannien. Selbst eine ursprünglich so unbedeutende Krise führte zu verheerenden Folgen für die Finanzsysteme und die Kreditinstitute der angelsächsischen Welt, welche nunmehr nicht nur das Vertrauen ausländischer Investoren, sondern auch eines bedeutenden Teils der eigenen Bevölkerung verloren haben. Außerdem förderte die Hypothekenkrise gefährliche Erscheinungen in einem Schlüsselbereich der amerikanischen und britischen Wirtschaft – dem Immobiliengeschäft –zutage: es ist bekannt, dass der „Wert“ Großbritanniens als Land zu 70% aus dem Wert seiner Immobilien besteht – zu Deutsch, das ist ein (noch) recht nettes Land zum Wohnen. Aber nicht mehr. Die Krise zeigt nun, dass sowohl die Engländer, als auch die Amerikaner etwas über ihre Verhältnisse „wohnen“.
Das Wirtschaftswachstum führt zu qualitativen Veränderungen in der Kräfteverteilung der wichtigsten „Global Player“. Es kann passieren, dass die USA es nicht schaffen, ihren technologischen Sprung zum Jahre 2020 vollendet zu haben, und der Gefahr ist man sich in Washington bewusst. Das Erstarken Russlands, Chinas und Indiens haben die Amerikaner bereits mehr oder weniger verschlafen bzw. konnten es nicht verhindern. Dasselbe steht nun mit dem Iran bevor. An diesem Konflikt entscheidet sich die künftige Architektur der Welt.
Original: fondsk.ru

Quataria delenda est (Teil 2)

So paradox es klingt, die Schwachstelle des Katar ist sein schnelles Wachstum. In den letzten rund 10 Jahren ist das Bruttoinlandsprodukt des Katar pro Jahr um durchschnittlich 13% gewachsen. Selbst in Krisenzeiten sind 9% nicht unterschritten worden, dagegen kann selbst China mit Hongkong nicht auf solche Werte verweisen.
Dabei korreliert der Wirtschaftszuwachs im Katar in erster Linie mit realen Zahlen, das heißt, in erster Linie mit der rasanten Steigerung der Gasförderung und dessen Absatzes. Einmal eine bislang unbesetzte Nische gefunden – nämlich die Verflüssigung von Erdgas (LNG) -, hat der Katar in sehr kurzer Zeit eine beeindruckende Infrastruktur zur Förderung, Verflüssigung, zum Transport und der Regasifizierung von Erdgas an dessen Absatzorten geschaffen.
Scheich Abdullah bin Hamad Al-Attiyah
Wie schon mehrfach angemerkt, ist das Mastermind dieses „katarischen Wunders“ der begabte und unerbittliche Vizepremier und bis Januar 2011 Minister für Industrie und Energie des Landes, Scheich Abdullah bin Hamad Al-Attiyah. Unter seinem Vorsitz hat der Katar den rasanten Sprung nach vorn unternommen und die Menge an abgesetztem Erdgas von 13 Mio. Tonnen im Jahr 2003 auf 75 Mio. Tonnen im Jahr 2011 erhöht. Auf Al-Attiyahs Konto gehen die gigantischen Logistikprojekte mit dem enormen neuen Hub an der Küste des Katar, nach dessen Inbetriebnahme möglicherweise die fast tausendjährige Bedeutung von Basra als dem zentralen Hafen im Persischen Golf zu Ende sein wird.
Nichtsdestotrotz ist der Preis für einen solchen Ruck sehr hoch. Die Staatsverschuldung des Katar wuchs nämlich ähnlich – waren es 2000 noch 10 Milliarden Dollar, so sind es 2011 bereits 71 Milliarden. Die grandiosen Pläne benötigen grandiose Investitionen – Katar liegt auf Platz 1 bei den Per-Capita-Investitionen. Aber auch das ist noch nicht genug, es werden weiter und weiter Kredite aufgenommen.
Das rasante Wachstum führte dazu, dass der Katar zu einem sehr attraktiven Markt für Spekulanten wurde – der Gesamtwert der offen gehandelten Aktien von Unternehmen aus dem Katar ist von 2006 bis 2009 von 61,5 auf 88 Milliarden Dollar angewachsen. Die Wirtschaft beginnt langsam heiß zu laufen.
Wenn man auf der Autobahn mit 200 Sachen unterwegs ist, dazu noch leicht bergab, so ist das dümmste, was man in einer solchen Situation tun kann, zu bremsen. Das Fahrzeug bricht aus, verliert die Traktion, wird von der Fahrbahn geschleudert etc. pp. Es bleibt nur, sich etwas fester ins Lenkrad zu krallen und mit dem Gas zu spielen und zu hoffen, dass die Reflexe, die Erfahrung und das Glück insgesamt genügen, um die Kurve am unteren Ende des Berges zu kriegen.
Ungefähr so sieht die Lage im Katar aus. Er kann nicht mehr anhalten – die enorme Gastankerflotte, bereits fertiggestellt oder noch im Bau, die insgesamt fast 100 Milliarden Kubikmeter Gas (im nichtverflüssigten Äquivalent) pro Jahr wird transportieren können, die Dutzenden Regasifikationsterminals, welche auf der ganzen Welt – in erster Linie in Europa – gebaut werden, die bedeutenden Investitionen in den „Arabischen Frühling“ und der aktuell noch laufende Versuch der Demontage des politischen Systems in Syrien stellen Schwungmassen dar, die dem Katar sehr gefährlich werden können. Die Geschwindigkeit des Wirtschaftswachstums und das Vorhandenseins eines sehr großen Teils von Spekulationskapital ergibt eine zweite Gefahr – eine Verlangsamung des Wachstums könnte eine massive Kapitalflucht zur Folge haben. Und eine dritte Gefahr – ein solch massiver Vorsprung in der Wirtschaftsentwicklung ist nicht direkt durch eine adäquate Militärmacht abgesichert. Bis jetzt setzt der Katar auf die USA als Mittel zum Schutz der eigenen Interessen, und bisher ist das offensichtlich gerechtfertigt – allerdings wird die sich immer weiter erstreckende Transportinfrastruktur mit der Zeit immer anfälliger für punktuelle Angriffe auf der ganzen Welt. Die Amerikaner können das Territorium des Katar sicher recht gut verteidigen, obwohl es selbst dort schon Probleme geben kann. Aber weltweit die Interessen des Katar zu schützen dürfte selbst für die USA zu viel sein. Die faule und verfressene Jugend des Katar ist zwar komplett wehrpflichtig, doch als Kämpfer sind die katarischen Soldaten kaum für etwas zu gebrauchen, wenn man von einigen, zahlenmäßig sehr gering aufgestellten professionellen Armeeteilen einmal absieht. Dieses Problem wird durch das Anheuern von Militärfirmen gelöst, doch auch diese sind kaum in der Lage, die ganze Lieferkette zu sichern und beschränken sich in der Regel auf die schwächsten Glieder.
Noch eine Gefahrenquelle – vielleicht die bedenklichste – ist die Illoyalität eines gewissen Teils der angestammten Bevölkerung und ein enormes Kontingent an Gastarbeitern im Katar. Abkömmlinge aus dem Iran – rund 15% der Bevölkerung – fristen ein vom politischen Gesichtspunkt aus recht eingeschränktes Dasein. Dienst in den Streitkräften ist ihnen untersagt, ebenso jedwede Befehlsgewalt und politische Betätigung, wirtschaftliche Freiheiten sind eingeschränkt. Vom Standpunkt der Religion aus handelt es sich dabei um eine geschlossene schiitische Umma, die sich Richtung der historischen Heimat – dem Iran – orientiert. Sicherlich gibt es dazu keinerlei Untersuchungen oder Zahlen, doch die iranische Aufklärung fühlt sich in diesem Metier durchaus wohl.
Angesichts dieser Gefahrenquellen zeichnen sich deutlich die Richtungen und Orientierungen ab, mithilfe derer man den Katar unter Druck setzen kann, damit seine Expansion behindert, und, wenn es mal irgendwann ernst wird, kann man seine Wirtschaft auch kurzerhand über’s Messer springen lassen.
Die Verwundbarkeit des Katar verbirgt sich in der Notwendigkeit, die Stabilität der Implementation aller seiner Pläne zu gewährleisten, diese permanent und kompromisslos voranzutreiben. Jede kleine Änderung zieht eine Kettenreaktion nach sich, ähnlich, wie eine plötzliche Vollbremsung bei einem sehr schnell fahrenden Fahrzeug dieses in einen unkontrollierbaren Zustand versetzt.
Die Gewalten, welche durch den Arabischen Frühling in Bewegung kamen, müssen Emir Al Thani einen Schrecken eingejagt haben, denn er hat für 2013 Wahlen angekündigt. Man braucht fast keine Gedanken an die Wahrscheinlichkeit oder überhaupt Möglichkeit von „Fairness“ oder Sinnhaftigkeit dieser Wahlen verlieren – die Hälfte der Parlamentarier benennt ohnehin der Emir persönlich, und was die andere Hälfte angeht, so ist nicht klar, wer hier wie abstimmen soll. Fakt ist, dass man der schiitischen Minderheit möglichst enge Rahmen bei der Wahl setzen wird. Warum allerdings das Jahr 2013 gewählt wurde, scheint klar: 2013 finden im Iran Präsidentschaftswahlen statt. Dort gibt es ohnehin schon Stress mit den eigenen Reformatoren und Bewegungen unter den Jugendlichen und Studenten in den Städten, die fast unverhohlen eine Neuauflage der „Grünen Revolution“ vorbereiten. Deshalb wird der Iran in dieser Zeit kaum Möglichkeiten haben, sich um die Wahlen im Katar zu kümmern, und andere bedeutende Störer der katarischen Ruhe gibt es in der Region momentan nicht.
Trotzdem wäre das eine Chance. Eine nicht zu unterschätzende Chance, die Pläne des Katar in einer für dieses Land recht verwundbaren Zeit zu durchkreuzen – die meisten Infrastrukturprojekte dürften betriebsbereit sein, die tadschikischen und anderen Gastarbeiter noch nicht wieder zu Hause, und die Kurzzeitkredite werden bereits zur Tilgung anstehen.
Wenn Russland sich irgendeine Zukunft in Europa und Zentralasien sichern will – ob als Absatzmarkt, Interessenssphäre oder auch nur als Regionen ohne feindlich gesinnte Staaten – dann muss es das laufende Jahr dafür nutzen, die Beziehungen zum Iran zu intensivieren. Und zu Pakistan. Über Pakistan später; das Ziel der Kommunikation mit dem Iran: im Katar müssen mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln Unruhen nach dem Schema der „farbigen Revolutionen“ provoziert werden. Idealerweise passend zu den „Wahlen“ in der zweiten Jahreshälfte 2013. Russland, Iran und Pakistan müssen ihre Zusammenarbeit hinsichtlich der (Zer)Störung der Infrastruktur des Katar – Häfen, Regasifizierungsterminals, Tanker – koordinieren. Das wäre nicht der Beginn eines Kriegs: dieser läuft bereits. Sicherlich werden die USA mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln Konter geben – und genau an der Stelle benötigte Russland die Koordination mit Pakistan, mit dem zusammen man den USA ein kleines Ultimatum bereiten könnte. Die Nachschublinien der NATO-Truppen in Afghanistan sind höchst fragil, denn die wichtigsten Versorgungslinien sind a) die nördliche, welche (noch) von Russland kontrolliert wird; und b) die Route durch Pakistan, deren Blockade in den letzten Monaten einige recht gravierende Einschnitte in die Versorgungslogistik der NATO-Truppen hervorgebracht hat. Droht man die gleichzeitige Blockade dieser Routen an, so kann man den Eifer der NATO/USA schätzungsweise doch deutlich dämpfen.
Die Sache liegt ja auf der Hand: selbst ein gar nicht so gewaltiger Schaden an der Gas-Infrastruktur des Katar zieht lawinenartig Folgen nach sich, nämlich primär die Flucht der Investoren, Schwierigkeiten bei dem Abschluss von Lieferverträgen für Gas und generell die Verschlechterung der finanziellen Situation des Katar. Da dieser in Sachen Erdgas primär auf dem Spot-Markt aktiv ist, sind solche Folgen durchaus plausibel; langfristige Lieferverträge sind (noch) die Ausnahme.
Wenn dazu noch mit den katarischen Gastankern auf einmal unangenehme Dinge passieren, so wird deren Versicherungssumme steigen und das ganze System in Bälde weniger rentabel werden.
Sicherlich gibt es auch weniger extreme Möglichkeiten, die überengagierten Scheichs etwas zu bändigen – zum Beispiel ein reiner Börsenkrieg oder ein Dumpingpreiskrieg auf dem Gassektor – doch all das ist weniger effektiv, als ein direktes und entschiedenes Einschreiten in die Pläne des Katar (vulgo Exxon Mobil und der USA), Russland mittelfristig in Stücke zu zerschlagen.
In dem Krieg mit dem Katar, der faktisch schon läuft, bleibt nur zu bestimmen, wer das neue Karthago ist, das letztlich fallen muss – Quataria oder Russia.

Quataria delenda est (Teil 1)

Das Land, das sich im letzten Jahr überall bemerkbar gemacht hat – wie ein Schwarm Krähen auf den Denkmälern und den parkenden Autos einer Stadt – der kleine und unscheinbare Katar – ist zu einem äußerst bedeutenden und durchaus irritierenden Faktor nicht mehr nur der regionalen, sondern inzwischen schon der globalen Politik geworden.
Man sieht bereits mit bloßem Auge, dass die zügige Expansion des Katar nach Europa und Zentralasien ein ganz bestimmtes Ziel verfolgt: Katar erobert die bereits aufgeteilten Gasmärkte in Europa und Asien, dringt aktiv in die zentralasiatischen Länder auf dem Territorium der ehemaligen Sowjetunion ein, kauft komplett wirtschaftlich bedeutende Objekte und Strukturen auf, bearbeitet und zersetzt die ihrem Wesen nach merkantile asiatische Elite. Für Russland, welches seine komplette Nahostpolitik vermasselt hat, stellt sich die Expansion des Katar, wie es scheint, offenkundig immer noch nicht als etwas ernstzunehmendes dar, so dass es hier – wie immer – mit großem Zeitverlust reagieren muss, anstatt die Entwicklungen zu begreifen und zu agieren.
Sicherlich wirft das Fragen über die Funktionsfähigkeit der russischen Auslandsaufklärung und der russischen Diplomatie im Bereich Naher und Mittlerer Osten auf, stellt die Fähigkeit der russischen Elite zur systematischen strategischen Analyse der weltpolitischen Lage in ein zweifelhaftes Licht. Das gilt sowohl für die staatlichen Institutionen, als auch für die größten russischen Konzerne. Man kann und muss hier nach den Schnarchnasen und Saboteuren suchen, dabei muss man sich trotzdem zusätzlich der Analyse dieser Bedrohung widmen und zum Beispiel die Schwachstellen der Strategie des Katar identifizieren. Erst dann kann man einschätzen, inwieweit man dieser Bedrohung adäquat begegnen kann.
Wenn es hier um „Katar“ geht, so soll man darunter sicherlich nicht die halbwilden Beduinen vom Stamme der al-Midadi, die noch vor 40 Jahren ein ärmliches Dasein auf der Halbinsel fristeten, verstehen; die damals nur rund 40.000 hungrigen, dabei schon sehr geizigen Mäuler konnten sicher nicht von allein zu „Global Players“ mutieren. Allerdings ist der Katar das Feigenblatt vor den globalen Interessen der USA, Großbritanniens und ihrer Speerspitzen in dieser Region – nämlich der transnationalen Konzerne Exxon Mobil und Royal Dutch Shell.
Über die Gefahren, die vom Katar gegenüber Russland und Europa ausgehen, wurde schon vieles gesagt, deswegen hier nur kurz ein paar Thesen dazu.
Erstens, der Katar treibt eine Politik voran, die darauf abzielt, den für Russland äußerst wichtigen europäischen Gasmarkt zu erobern. Kaum hat er mit seiner Expansion begonnen, hat er auch schon Anteile von 5% erreicht, in reellen Zahlen sind das eine halbe Trillion Kubikmeter Gas pro Jahr. Das führte zur Abnahme des Anteils von Gazprom von 26 auf 23%. Rentabel ist das ganze Europageschäft für Gazprom erst dann, wenn es ungefähr 15% des europäischen Marktes abdeckt – ansonsten lohnen sich die Ausgaben für die Infrastruktur beim jetzigen Preisniveau nicht. Dabei ist das Instrument des Katar in erster Linie das Dumping, und der daraus resultierende Preisverfall macht die Lage von Gazprom in Europa noch unsicherer.
Man kann dabei vielleicht noch erwähnen, dass außer dem Katar auch noch die USA selbst eine aktive Expansion auf den europäischen Gasmarkt unternimmt. Innerhalb nicht allzu vieler Jahre haben sie eine doch beeindruckend große Schwindelei mit ihrem Schiefergas aufgeblasen. Hier geht es im Wesen um ein gigantisches Pyramidensystem, das mit Sicherheit innerhalb der nächsten 5-7 Jahre zusammenbrechen wird. Aber es wird seine Aufgabe bis dahin erfüllt haben, nämlich Gazprom noch von einer weiteren Seite aus vom europäischen Markt zu verdrängen.
Das Sinken des durch Gazprom abgesetzten Gasvolumens und ein wesentlicher Preisverfall bei Gas wird letzten Endes dazu führen, dass das überstrapazierte russische Staatsbudget einfach nicht mehr funktioniert und Russland zu einem (nicht abstrakten, sondern zeitlich nicht weiten) Zeitpunkt pleitegeht – Szenarien wie eine „Rettung“ von Gazprom, die drängende Suche nach neuen Absatzmärkten und die Notwendigkeit, ungeheure Mittel in die Umleitung der Gasströme zu investieren sind dabei vorstellbar.
Bedenkt man dabei, dass unter dem Vorwand und dem Getöse über das vorgeblich militärische Atomprogramm des Iran derselbe de facto schon vom europäischen Ölmarkt verdrängt ist und seine Förderung und den Absatz im kommenden Jahr bereits um eine Million Barrel herunterfahren muss (das ist ungefähr ein Drittel dessen, was der Iran noch vor einem Jahr gefördert und abgesetzt hat), so ist die Situation mit dem bereits angelaufenen Gaskrieg doppelt bedenklich. So hat der Westen durch Saudi-Arabien einen mächtigen, quasi unikalen Hebel für die „Regulierung“ des Ölpreises auf dem Weltmarkt in der Hand – eine für Russland äußerst unangenehme Situation.
Die zweite Gefahr, die von der rapiden Expansion des Katar ausgeht, ist dessen Eindringen in die Gebiete des postsowjetischen Zentralasien. Hier steht der Katar für den Wahhabismus. Mit Nuancen im Vergleich zu dem in Saudi-Arabien, aber uns können die theologischen Feinheiten hier schnuppe sein. Russland hatte mit dem Katar schon zu tun, und zwar in Tschetschenien, da hatte er durchaus kein freundlicheres Gesicht als die Saudis.
Friedliche Schuhada im postsowjetischen Zentralasien
Durch die „Betreuung“ von Tadschikistan, Usbekistan und Kirgisien, durch die Versuche, auch in Kasachstan Fuß zu fassen, schafft der Katar sich eine Art asiatischer Armee und kommt der vollkommen ungeschützten russischen Südgrenze nahe. Auf der Grundlage von kurz bevorstehenden Vereinbarungen mit Tadschikistan wird der Katar seine Rekrutierungsbüros schaffen, um so offensichtlich Arbeitskräfte ins Land zu holen. Was diese Stellen nichtoffensichtlich tun werden, kann man nur raten, aber faktisch werden hier Strukturen für die Mobilisierung von Menschen geschaffen, die nicht unbedingt nur Bauleute und Straßenkehrer sein müssen – man kann, je nach Notwendigkeit, sicher auch andere Spezialisten anheuern oder Leute in den nötigen „Fachrichtungen“ ausbilden. Inhaltlich ähnliche Vereinbarungen sind mit Kirgisien angebahnt. Dass die russische Diplomatie diese Dinge einfach nicht bemerkt, ist vielleicht nur nach der Sache mit Matthias Rust nicht verwunderlich. Wie dem auch sei, das Interesse des Katar an mittelasiatischen Stammesfarmen für die Zucht von „Märtyrern“ ist gar zu offensichtlich.
Zu bemerken wäre auch, dass die Aktionen des Katar nicht nur Russlands Interessen kreuzen oder verletzen, sondern auch die des Iran und die Pakistans. Das ist natürlich ein eigenes Thema, dass man gesondert betrachten muss, aber diesen Fakt kann man hier erst einmal anführen und daraus einen Schluss ziehen – objektiv ist Russland ein Alliierter von Iran und Pakistan, was die Gegensteuerung gegen die katarische Expansion angeht. Berücksichtigt man, dass der Katar nun einmal nur die Verpackung um die Interessen der USA und Großbritanniens in dieser Region ist, und dass sowohl der Iran, als auch Pakistan sich faktisch bereits in feindseligen Beziehungen zu den USA und Großbritannien befinden, so ist es angesagt, der Bedrohung gemeinsam gegenüberzutreten.
Es gibt auch andere Dinge, welche durch die Expansion des Katar zu einer Bedrohung werden, aber die beiden angeführten sind die wichtigsten.
Alles hierüber Gesagte ist natürlich erst einmal schlecht. Schlecht für Russland. Daher hätte es jetzt Sinn, sich einmal die Schmerzzentren und Schwachstellen des Katar zu betrachten und daraus zu verstehen, auf welche Weise man den Plänen des Emir und der Strukturen, die sich hinter seinem umfangreichen Körper verbergen, entgegentritt oder womöglich aktiv dagegen angeht.

Syrien: Stadtzentrum von Homs am 01.05.2012

Die in Damaskus lebende russische Journalistin Anhar Kotschnewa hat eigene Bilder aus dem Stadtzentrum von Homs veröffentlicht. Sie dokumentiert auf einer Fahrt im Schlepptau der UN-Beobachter und unter dem Schutz der syrischen Armee die Zustände im Inneren der Stadt, die wochenlang von marodierenden Banden im Würgegriff gehalten wurde und teilweise noch wird. Im Folgenden werden Bilder und zugehörige Kommentare von ihr wiedergegeben.

Noch vor Kurzem war dies der Mittelpunkt des Lebens der Stadt. Viele Geschäfte, Cafés, Imbiss-Restaurants und Hotels.
Inzwischen gibt es hier fast keine Menschen mehr. Es sind nur die geblieben, die aus irgendeinem Grunde nicht weg konnten. Im Wesentlichen wohnen sie dort, wo es halbwegs sicher ist. An den Häusern der dort noch weiter lebenden Menschen gibt es Kontrollposten der Armee zum Schutz vor den Banden. Lebensmittel und dergleichen werden von der Armee geliefert.
Wohlan, im Folgenden Bilder aus dem Zentrum der syrischen Stadt Homs vom 1. Mai 2012.

Wir sind im Schlepptau der UN-Beobachter in die Stadt gekommen, die zweimal am Tag – um 10 und 17 Uhr – zu Gesprächen mit den Banditen dorthin fahren.
Da hier gerade eine neue Schicht ihre Arbeit aufnahm (die UN-Leute halten kleine Vertretungen in den Städten, die einander regelmäßig abwechseln) und diese mit der Lage noch nicht vertraut war, wollten sie diesmal keine Journalisten dabei haben, versprachen aber, uns das nächste Mal mitzunehmen, sobald sie davon überzeugt waren, dass die Sache für uns ungefährlich war.
Normalerweise gibt es kein Durchkommen durch diese gelbe Straßensperre – von hier aus, wo der Platz mit der „Neuen Uhr“ beginnt (unweit dahinter der Platz der „Alten Uhr“) wird das Gebiet aus allerlei Nebenstraßen von Scharfschützen der Banditen beschossen. Wir haben die Militärs eine Weile lang angebettelt, außerdem war natürlich die Fürsprache des Bürgermeisters von Bedeutung. Nach Rücksprache mit den Vorgesetzten und der eindringlichen Bitte, äußerst vorsichtig zu sein, wurden wir in dieses lebensgefährliche Viertel hineingelassen.

Dieses Bild entstand noch vor der gelben Straßensperre.  Doch anhand dieses Beispielbildes kann man sich vielleicht die Müllberge vorstellen, welche inzwischen die Stadt bedecken. Das Stadtzentrum wird schon seit Monaten nicht mehr beräumt.

Ich hatte schon ziemlich viele Bilder gemacht, als ich feststellte, dass ich, als ich den Fotoapparat einmal fallen ließ, offenbar den Filter mit kaputtgemacht habe. Die Unschärfe rechts kommt durch den Sprung in der Optik. Wehe mir…
Aber eine bessere Aufnahme dieses Ortes habe ich dann nicht mehr gefunden.
Direkt geradeaus ist der Platz der „Alten Uhr“ – dort hat man schon keine Chance mehr. Wer dahin durchdringt, wird von Scharfschützen weggeputzt. Das Haus mit den gelben Streifen links am Ende der Straße ist eine Polizeiverwaltung. Irgendwie schaffen es Leute, trotz allem da zu arbeiten. Allerdings fahren sie von einer anderen Seite dahin heran.

Hier ist ein Glasregen niedergegangen…

Das Glas kommt von hier. Das ist ein Bankgebäude. Am obenen Ende der Aufnahme ist wieder die Spur des geborstenen Filters der Kamera.

Weiter diese Straße entlang gerät man auch ins Schußfeld der Scharfschützen.

Ebenso weiter diese Straße entlang.

Hier wurden Geschäfte von den Banditen geplündert. Das ist von der Bank aus um die Ecke.

Ein beschossener Geldautomat. Übrigens von einer katarischen Bank. Die Räuber wussten wohl, dass da nichts mehr drin sein kann.

Ein Café…

Die Leute von der Armee halten Rücksprache mit ihren Kollegen und die geben uns grünes Licht, uns weiter in dieses Viertel zu begeben. Wir laufen vorsichtig über diese Straße. Man will uns ein Gebäude zeigen, dass von einem Granatwerfer aus großer Entfernung beschossen wurde.

Unten sieht man die Mauern einer antiken Moschee, und hier beginnt die Altstadt.

Unterwegs sehen wir immer die gleichen Bilder…

Die Besitzer dieses Ladens haben offenbar vergessen, das Licht auszumachen. Es brennt noch. Nach den geöffneten Jalousien zu urteilen, mussten sie mitten am Geschäftstag von hier fliehen.

Hier wurde offenbar mit allerlei Krempel für Frauen gehandelt.

Dieses Geschäft ist ganz offenbar geplündert worden.

Hier hat eine Granate eingeschlagen.

Dieses TV-Gerät wurde beim Stehlen offenbar auf seine Rückseite fallen gelassen. Darin spiegelt sich der gegenüber liegende Park.

Auf dem Boden liegen die Scherben von irgendwessen Leben…