Archiv für Juli, 2012

Reportage aus Idleb und von der türkischen Grenze

Das ist fast wie Star Trek: dahin, wo noch niemals ein Reporter gegangen ist, da geht Anastasia Popowa von Vesti.Ru hin. In diesem Fall Idleb und die Grenze zur Türkei. Die nachfolgende Reportage von Vesti.Ru ist thematisch relativ breit gefächert. Sie zeugt vom Waffen- und Banditenschmuggel, ausländischen Instrukteuren und Terroristen (sie kommen zu Wort!), ihre Pässe werden gezeigt, ihre Methoden demonstriert. Am wichtigsten aber ist wahrscheinlich die Schlußbemerkung: die Syrer führen seit den Attentaten von Damaskus einen „totalen Krieg“ gegen den Terror. Endlich.

Als kleiner Zusatz zu der Reportage noch folgende neue Information: der syrisch-türkische Grenzübergang Bab al-Hawa, von dem die Medien heute den ganzen Tag berichten, er sei in der Hand der Rebellen, steht wieder unter der Kontrolle der Regierungstruppen. Die bewaffneten Banditen konnten ihn für einen halben Tag lang besetzen, bevor sie in die Türkei zurückgedrängt wurden.
In Damaskus ist es nach Berichten von Anhar Kotschnewa wieder weitgehend ruhig. Das Foto hier oben hat sie auf dem Midan-Platz geschossen. Es hat keinen Sturm von Regierungsgebäuden gegeben, es gibt keine Kämpfe mehr in der Stadt bis auf eine halbe Handvoll Scharfschützen, die vom „Vulkan“ des Unrats von vor zwei Tagen übriggeblieben sind.
Hierunter die Reportage, darunter deren Übersetzung. Quelle: Vesti.Ru
UPD. Ganz unten eingebunden ist die Reportage mit deutschem Voice-Over.


In Syrien ist heute die Liste der Opfer des Terroranschlags am Gebäude des Nationalen Sicherheitsdienstes um einen Namen länger geworden – der Chef der Aufklärung Hisham Bakhtiar ist im Krankenhaus seinen Verletzungen erlegen.

Die Regierungstruppen säubern derweil Damaskus von den Rebellenbanden. Wie das Staatsfernsehen berichtet, ist ihr Angriff aufgehalten worden, die Islamisten werden in der Vorstadt ausgeräuchert. Dutzende von ihnen haben sich ergeben.

Kämpfe gibt es auch an der türkischen Grenze, nahe der Stadt Idleb, welche nach Angaben der syrischen Regierung von den Gegnern Assads als Umschlagplatz für Waffenlieferungen und Rebellenkämpfer genutzt wird. Die Gegend ist gefährlich, selbst syrische Journalisten fürchten sich davor, dorthin zu fahren. Unsere Sonderkorrespondentin Anastasia Popowa ist allerdings sowohl in der Stadt selbst, als auch direkt an der türkischen Grenze gewesen. Hier ihre Reportage.

Anastasia Popowa in Schutzweste ab @00:41:
Die Stadt Idleb ist der unruhigste und gefährlichste Ort auf der Karte Syriens. Dieser Ort wird auch als „Tor“ bezeichnet – nach Auskunft der Armee ist es diese Stadt, durch welche Waffen und Drogen auf syrisches Territorium gelangen, gleichzeitig ist es das Einfallstor für bewaffnete Kämpfer.


Text ab 00:54: Die Aufschrift „Herzlich willkommen!“ an der Einfahrt ist trügerisch – hier ist weder die Armee, und noch viel weniger sind Journalisten willkommen. Vielleicht hat deswegen mehr als ein Jahr kein einziger, nicht einmal einheimischer Reporter von hier berichtet. Von den ersten Tagen der Krise an ist die Stadt zu einem Aufmarschgebiet und einem Umschlagplatz der bewaffneten Rebellen geworden. Die mit einer solchen Wendung nicht einverstandenen Anhänger des Präsidenten wurden unter militärischem Geleit evakuiert. Über deren weiteres Schicksal kann man nur spekulieren.

Hier glaubt keiner keinem – nicht einmal den eigenen Leuten. Kaum gibt man das „Freund-Feind“-Erkennungssignal, löst das sofortigen Beschuss aus.

Nervosität und Vorsicht bestimmen jeden Schritt – das lehrt die Erfahrung. Die Abwehr von Angriffen auf die Checkpoints ist zur täglichen Routine geworden. Die Schwierigkeit besteht darin, dass die Rebellen sich häufig für Soldaten ausgeben und Militäruniformen tragen, die sie aus dem Ausland geliefert bekommen, und sich mit gestohlenen Militärfahrzeugen fortbewegen.

Idleb erscheint leer. Vor einem Monat wollten die Banditen das Gebäude von Sicherheitskräften sprengen. Der Sprengsatz in dem präparierten Pkw zündete nachts; die Wände zweier Wohnhäuser sind dabei eingestürzt. Von 34 Opfern waren 16 Kinder.

So sieht das Stadtzentrum und das zerstörte Gebäude des Nachrichtendienstes aus. Nach der Explosion ist drinnen niemand am Leben geblieben. Die Einwohner schauen mißtrauisch auf ungebetene Gäste. Der Platz selbst sieht wie nach einem Bombenangriff aus. Es scheint, als hätten sich alle an einen solchen Anblick gewöhnt. Keiner beachtet mehr die Ruinen.

Anastasia Popowa versucht ab 02:20, gegen das Getöse des Helikopters anzukommen:
Die syrisch-türkische Grenze ist fast 900 Kilometer lang, verläuft größtenteils durch Gebirge und schneidet kleinere Flüsse. Sie vom Boden aus zu kontrollieren ist unmöglich. Das Grenzgebiet wird von Hubschrauberpatrouillen aus überwacht.


Text ab 02:34: Die Rebellen beschießen die Helikopter regelmäßig aus schweren Maschinengewehren. Wir steigen auf eine Höhe von 2.000 Metern – so hoch bleibt man für sie fast unerreichbar. Der Pilot zeigt uns Pfade und Landwege, die von kleinen Dörfern aus in die Berge gehen. Genau das sind die Hauptrouten für den Waffenschmuggel.

Unkenntlich gemachter Helikopterpilot ab 02:48:
Die Grenze ist schwieriges Gelände, geht einen gewundenen Bergbach entlang. Hier ist noch Syrien, dort – bereits die Türkei. Selbst, wenn man alle 100 Meter einen Soldaten postiert, würde das nicht helfen. Die Türken helfen den Rebellen mit allem – von diesem Berg dort werden wir immer beschossen, und nach dem abgeschossenen Flugzeug können wir nicht näher als bis auf 10 Kilometer an die Grenze heran – ihre Raketen zielen auf uns.


Text ab 03:10: Den Worten der Militärs nach bekommen die bewaffneten Kämpfer auf der türkischen Seite der Grenze Hilfe vom britischen Geheimdienst. Sie bilden Scharfschützen und Sprengmeister aus und unterrichten die „Oppositionellen“, wie man mit Sprengstoff umgeht. Dort befinden sich auch die Feldlazarette, die für Flüchtlingslager ausgegeben werden.

Anastasia Popowa in der Wildnis ab 03:25:
[Für die Bewohner der Grenzdörfer] ist der Schmuggel Existenzgrundlage. Hinüber in die Türkei bringt man Brot, Zucker, und – als einträglichstes Geschäft – Benzin. Von der anderen Seite nach Syrien hinein sind Waffen das beste Geschäft. Menschen zu bekämpfen, die hier jeden Pfad kennen, ist sinnlos – es ist einfacher, sich mit ihnen zu einigen.


Text ab 03:40: Diese Taktik geht auch tatsächlich auf, zum Beispiel in der Gegend von Aleppo. Doch in Idleb ist das Kräfteverhältnis ein ganz anderes. 60 Prozent sind für die Regierung, 40 dagegen. Das ist fast das gesamte ländliche Gebiet ohne die Städte. Nahe Idleb gibt es ganze 3 Dörfer, die als Basis für Al-Kaida dienen – Taftanaz, Kafr Tahrin und Binnish. Dort wird jede Feinheit des Untergrundkampfes gelehrt, und das in reinem Hocharabisch, ohne Akzent oder Dialekt, nach denen man bestimmen könnte, aus welchem Land der Lehrmeister stammt.

Hier gibt es auch eine ganze Untergrundfabrik zur Herstellung von Bomben und Raketen. An den Anlagen wird in mehreren Schichten gearbeitet. Sprengsätze und ungelenkte Raketen sind zur Hauptwaffe der hiesigen Rebellen geworden.

Man leidet dabei nicht am Mangel an Material. Sprengladung und Geld fließen ebenso aus der Türkei. Die Grenzen sind nach wie vor durchlässig. Doch während man früher alles offen zum Beispiel in Traktoren beförderte, kommen nun solche gepanzerten Lkws zum Einsatz. Dieser beispielsweise wurde in Homs aufgebracht.

Eine dicke Schicht Panzerplatten, zehn Gefechtsstände, eine Laffette für ein schweres MG, Satellitenverbindung im Führerstand, massive, schwere Türen und Riegel, auch die Räder sind geschützt und von Panzerung abgedeckt; ein spezieller Motorschutz – dieses Fahrzeug ist von Profis ausgerüstet worden.
Unter den bewaffneten Kämpfern sind Syrer, aber auch ausländische Söldner. Durch die türkische Grenze kommen vor allem Libyer und Tunesier nach Syrien. Bei den Festgenommenen finden sich Einreisestempel aus Istanbul.

Fahad ist 21, er kämpfte schon gegen Gaddhafi und kam nun, das syrische Volk zu befreien. Der Tunesier sagt, er sei dem Aufruf seines Imam gefolgt, der alle zum Dschihad gegen den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad aufrief. Beide behaupten, sie hätten je 1.000 Dollar angespart und den bewaffneten Rebellen etwas bezahlt, um in ihre Reihen aufgenommen zu werden. Sich selbst bezeichnen sie als verführte Opfer eines Medienkriegs.

Interview mit Fahad Saleh ab 05:27:
Ich war überzeugt davon, dass die Armee Menschen umbringt und vergewaltigt, deswegen wollte ich sie auch umbringen. In Libyen habe ich aus einer „Kalaschnikow“ zu schießen gelernt. Mir wurde versprochen, mich nach Homs oder an die Front nach Idleb zu bringen und mir dort eine Waffe zu geben.
Interview mit Marsuki Belel ab 05:39:
In Stambul haben mich Türken empfangen und in einem weißen Wagen zur Grenze gebracht. Dort sagte man mir, ich solle Abu Achmed kontaktieren, er sei von Al-Kaida, ein Syrer mit irakischem Akzent, er ist ein Koordinator. Er übergab mich an drei Schmuggler, mit denen ich die Grenze überquerte. Auf dieser Seite haben mich Leute aus der Freien Syrischen Armee erwartet, versprachen mir eine Waffe zu geben und mich an die Front zu bringen.


Text ab 06:00: Jeden Tag sterben in Syrien ca. 50 Soldaten, die meisten davon in der Provinz Idleb. Die Regierung hat die bewaffneten Kämpfer oftmals dazu aufgerufen, die Waffen niederzulegen; man gab Amnestie, versuchte zu verhandeln – alles ohne Erfolg. Nach den Terroranschlägen von Damaskus, bei denen die Militärspitze des Landes umgekommen ist, hat das Kommando die Strategie geändert: die Argumente sind zu Ende. Anstelle eines humanen Umgangs erwarten die bewaffneten Rebellen nun überall totale Säuberungsaktionen.

Anastasia Popowa, Jewgeni Witkin, Michail Lebedew, Vesti. Idleb, Syrien.

UPD. Dank an Kollegen Anonymus für das deutsche Voice-Over! Bitte sehr:

Die Chemie stimmt

Das Thema der Chemiewaffen in Syrien beginnt, so langsam zu einem der Hauptelemente der Kampagne gegen die arabische Republik zu werden. ITAR-TASS hat gestern mitgeteilt, dass es zwischen den USA und Israel Beratungen zu Notwendigkeiten und Möglichkeiten eines Einsatzes der israelischen Luftwaffe gegen die Chemiewaffenlager in Syrien gegeben hat.

Sicherlich werden die Amerikaner ihren israelischen Kumpels kaum in aller Öffentlichkeit grünes Licht dafür geben, obwohl sich ihre Vorbehalte eher so lesen, als sollen sie diejenigen, die sehr heiß darauf brennen, wenigstens irgendwas zu bombardieren, gerade noch heißer machen. Die Frage danach, was passiert, wenn man ein Chemiewaffenlager mit Luftschlägen zerstört, wird dabei nicht gestellt. Geraten Phosgen- und Senfgas nach der Bombardierung eines entsprechenden Waffenlagers in die Umwelt, verändern sich dadurch ihre chemischen und toxischen Eigenschaften nicht etwa zum besseren, nur weil das Bombardement „humanitär“ und „demokratisch“ war. Dass diese Dinge durch einen Angriff auf dem Territorium Syriens in die Umwelt geraten, wird dabei offensichtlich als zulässig gewertet. Kaum erwähnt wird dabei auch die sich selbst anbietende Möglichkeit, unter dem Lärm der präventiven Zerstörung von Chemiewaffen und damit der „Rettung Israels“ auch rein präventiv ein paar andere Ziele mit zu treffen. Falls dabei ein-zwei verträumte Piloten von der Luftabwehr vom Himmel geholt werden, dann kann man umso schöner Vergeltung üben. Kein Gremium, geschweige denn der UN-Sicherheitsrat, wird mit den Ereignissen noch Schritt halten können, die Geschichte würde dann komplett von der operativen – das heißt der militärischen – Ebene aus gesteuert werden.
Russland und China haben indes gegen die westliche Variante einer Resolution im UN-Sicherheitsrat ihr Veto eingelegt. In der Vorlage der westlichen Staaten waren Sanktionen bis hin zu Gewaltanwendung gegen Syrien vorgesehen. Dadurch, dass Russland kurz danach seinen eigenen Resolutionsentwurf zurückgezogen hat, wird die UN-Syrien-Mission morgen, am 20. Juli, eingestellt – ein direkter Überfall auf Syrien ist damit nun sehr wahrscheinlich. In der gegebenen Situation ist es für den Westen vorteilhafter, das Chaos im Lande ohne UN-Zeugen zu managen – diese würden, sollte man wirklich Optionen z.B. eines von einer ausländischen Luftwaffe unterstützten Angriffs der „bewaffneten Demonstranten“ auf Chemiewaffenlager eruieren, nur stören.
Die russische Zeitung „Vzglyad“ berichtet indes (unter Berufung auf SANA) von seltsamen Baumaßnahmen im Katar – angeblich „potemkinsche“ Varianten bekannter Gebäude der syrischen Städte Damaskus, Aleppo und Latakia. Wenn das den Tatsachen entspricht, könnten diese Nachbildungen für das Training von Spezialeinheiten verwendet werden, oder aber wir erleben bald das selbe, was wir im letzten Jahr bei dem Überfall auf Libyen gesehen haben, als nämlich das erste Siegesgeheul vom Grünen Platz in Tripolis in der Wüste des Katar gedreht wurde.

Mord an Ministern

Mitunter ist zu viel an Information genauso schädlich, wie ein Mangel daran. Die heutige Anschlagsserie in Damaskus wird nun aber selbstverständlich von allen Seiten mit massiven Medienkampagnen begleitet, und dabei sind alle Seiten selbst irgendwie in die Sache involviert und suchen ihren Nutzen, was es schwer macht, aus der Datenflut zu verstehen, was wirklich vor sich geht.
Nichts desto trotz: offensichtlich ist, dass die stabsmäßige Planung der heutigen Anschläge vom Niveau her um ein vielfaches höher liegt, als es die FSA und die x-te islamische Terrorzelle, welche heute jeweils die Verantwortung für die Morde übernommen haben, es je zu leisten imstande gewesen wären. 
Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 war einer der stärksten, wenn auch nicht offensichtlichen Faktoren, der die offizielle Version der Ereignisse mit den Islamisten und „Al-Kaida“ in Zweifel zog, ein rein psychologischer – ein Anschlag, der auf solch hohem Niveau geplant und umgesetzt wurde, braucht zweifelsohne eine Organisation von ein paar hundert involvierten Leuten. Dabei ist es schwer vorstellbar, dass unter einer solchen Menge an Involvierten, ganz besonders, wenn es sich um Araber handelt, niemand gewesen wäre, der sich im Vorfeld nicht verquatscht oder die ganze Aktion verraten hätte. Was eine Frau weiß, wissen bald alle. Was ein Araber weiß, weiß bald das ganze Universum. Das ist durchaus aktuell und kein Scherz.
Die jetzigen Anschläge in Damaskus reichen sicher nicht an das Niveau von „911“ heran. Jedoch ist bereits jetzt mehr als offensichtlich, dass die Vorbereitung dazu mit äußerster Sorgfalt und Umsicht erfolgt ist. Angriffe von Banditen in einzelnen Stadtteilen von Damaskus, eine außerplanmäßige Beratung des „äußeren Zirkels“ der Machtelite (davon mehr weiter unten im Text) und miteinander koordinierte Terroranschläge bei der Beratung der militärischen Führung und im Stab der Republikanischen Garde bedeuten, dass die Planung auch Varianten der Entwicklung der Ereignisse zuließ – Plan A, Plan B und so weiter. Unabhängig davon, wie sich die Sache entwickelte, würde eine jeweils vorbereitete Variante des Plans greifen. Das ist einfach höchste Kunst, zu der nicht allzu viele Geheimdienste auf dieser Welt fähig sind. Die Ausführenden bekamen ihre Instruktionen in letzter Minute, deshalb wird auch keine Information nach außen gedrungen sein. Die Anschläge gegen die höhere Führungsschicht wurden also sehr gekonnt geplant und umgesetzt.
In jedem Land, ganz besonders in einem autoritär regierten, existieren mehrere Entscheidungsebenen. In Syrien heißt das konkret – die höchste Führungsebene, der sogenannte innere Zirkel, sind vielleicht ein Dutzend Leute. Das ist Baschar al-Assad selbst, sein Bruder Maher, ihre Mutter – die Witwe des Hafez al-Assad Anissa, deren Bruder Muhammed Makhlouf und sein Sohn Rami. Die letzteren sind Geschäftsleute. Je nach Quelle kontrollieren sie bis zu 60% der gesamten syrischen Wirtschaft.
Der äußere Zirkel besteht aus den Kreaturen dieser Leute. In erster Linie sind das die Militärs. Verschiedene militärische und Sicherheitsstrukturen befinden sich unter Kontrolle eines jeden aus dem inneren Zirkel. Letztlich ist der äußere Zirkel das wichtigste Verbindungsglied zwischen der höchsten Führungsebene und dem ganzen Regierungsapparat. Die Ermordung des Verteidigungsministers und des Innenministers (der, den meisten der letzten Angaben zufolge, doch seinen Verletzungen erlegen sein soll) und der Leiter von Sicherheitsdiensten – Ash-Shawkat und Hafez Makhlouf -, die schwere Verletzung des Außenministers und einer Menge anderer ist ein Ereignis, das gerade den ganzen Entscheidungsprozess auf operativer Ebene abrupt und „nachhaltig“ desorganisiert.
Deshalb ist das Niveau der Planung und die Qualität der Ausführung dieser Morde ganz sicher außerhalb der Möglichkeiten all der Pfeifen, die dafür die Verantwortung übernommen haben. Selbst bei noch so chaotischen, typisch arabischen Zuständen kann Sprengstoff in ein Gebäude dieses Ranges nur dann gelangen, wenn es einen Verräter gibt, der mindestens auf dieser Ebene angesiedelt ist und dort entsprechenden Zugang hat. In die Kasernen und den Stab der Republikanischen Garde einzudringen ist auch keine Aufgabe für Typen von der Straße oder „bewaffnete Demonstranten“. Mit anderen Worten, hier hat man es höchstwahrscheinlich mit einer Episode der Zusammenarbeit eines oder einiger führender syrischer Clans mit westlichen Geheimdiensten zu tun.
Mit gesundem Menschenverstand betrachtet, kommt eigentlich nur ein konkreter Clan in Frage, der Zugang auf einer solchen Ebene hätte – der Tlass-Clan. Dabei geht es nicht einmal um den vor kurzem geflohenen Repräsentanten – Manaf – dieses Clans. Es geht eher um das Haupt – den ehemaligen Verteidigungsminister Mustafa Tlass, der in Paris lebt. Mustafa Tlass ist eine der einflussreichsten, klugen und fähigsten Personen der syrischen Elite. Im Prinzip war es genau er, der Baschar al-Assad an die Macht brachte und ihn dabei unterstützte, den durchaus entschiedenen Widerstand eines Teils der Elite zu überwinden. Auf das Konto von Tlass gehen einige Umstürze in der arabischen Welt des letzten halben Jahrhunderts. Der Umsturz von 1963, nach dem Hafez al-Assad an die Macht gekommen ist, kam in mancherlei Hinsicht durch das Wirken des Mustafa Tlass und die Unterstützung seines Clans zustande.
Heute gibt es wohl kaum einen Syrer, der einflußreicher wäre. Es wäre also logisch zu vermuten, dass der Westen genau mit ihm über eine Neukonfiguration der Macht in Syrien verhandelt oder zumindest verhandelt hat. Haben solche Verhandlungen am Ende zu einem Konsens geführt, dann hätte der Westen Zugang ins „Herz“ der syrischen Führungselite gewonnen. Das bedeutet nicht, dass Tlass einfach so, selbst mithilfe des Westens, dazu in der Lage wäre, eben mal einen Umsturz zu bewerkstelligen. Es gibt viel zu viele einflussreiche Leute, die sich selbst zur Elite zählen und sich darin nach einem Umsturz keinen Platz mehr ausmalen. Aber es gibt auch eine Menge solcher, die sich werden halten können. Der Logik nach werden erstere vernichtet, mit den letzteren wird man sich zu einigen versuchen. Weder das eine, noch das andere werden irgendwelche von sonst wo außerhalb Dahergelaufenen bewerkstelligen können, auch kaum mit ganzen Wagenladungen voller Dollars oder Super-Sondereinsatzkommandos. Im Osten ist es wichtig, mit wem man zu tun hat, ob man ihm vertrauen kann. Mustafa Tlass ist dafür ein viel zu offensichtlicher Kandidat.
Es gibt sicher noch weitere, durchaus ähnlich einflussreiche Clans und Autoritätspersonen. Momentan ist es nicht einmal so wichtig, ob jetzt die Tlass mit hinter diesen Anschlägen stehen oder nicht. Wichtig ist erst einmal festzustellen, dass ein solcher, in jedweder Hinsicht perfekt geplanter und ausgeführter Anschlag kaum ohne die Beteiligung von bestimmten einflussreichen Personen und / oder Gruppen möglich gewesen sein wird. Das ist ein kolossales Problem für Baschar al-Assad. Ein ernsteres, als irgendwelche Bombardements. Wenn er es nicht schafft, dieses zu lösen, haben alle anderen Bemühungen im Lande keinen Sinn.

Anastasia Popowa in Tremseh

Tausendsassa Anastasia Popowa von Vesti.Ru war mit ihrem Filmteam am Sonntag bereits in Tremseh. Die entsprechende Reportage enthüllt unter anderem einige interessante Fakten über die Rolle der UN-Beobachter vor Ort. Der Bericht war wichtig genug, dass sich der russische Außenminister Sergej Lawrow in seiner heutigen Pressekonferenz darauf bezog, das Außenministerium der RF twitterte sogar darüber. Die Reportage von Vesti.Ru macht einen etwas solideren Eindruck als die vorangehende von ANNA-News, bringt aber dieselben Fakten, interviewt sogar teilweise dieselben Personen in anderen Umständen. Das hat einen guten Nebeneffekt: es beseitigt Zweifel an der Authentizität der Reportagen von ANNA-News, bei denen die Interviews der Banditen in einem recht simplen Setup erfolgen.

Wichtiges Fazit: Tremseh ist nach wie vor größtenteils in der Hand der bewaffneten FSA-Banden und die UN-Beobachter geben diesen Deckung.
Hierunter eingebunden die Reportage von Vesti.Ru (14 Sekunden Werbung durchlaufen lassen) vom 16. Juli 2012, darunter die Übersetzung. Die Sache ist auf jeden Fall sehens- und lesenswert.
In Moskau finden heute Verhandlungen zu Syrien statt. Die Situation in der arabischen Republik wird Thema des Treffens zwischen dem russischen Außenminister Sergej Lawrow und dem UN-Sonderbeauftragten Kofi Annan sein. Speziell soll es um die UN-Mission in Syrien gehen, deren Mandat in einer Woche abläuft. Tags zuvor haben die UN-Beobachter den Ort Tremseh besucht, von wo Ende letzter Woche Meldungen über Dutzende Tote kamen. Die Opposition hat die Regierungstruppen beschuldigt, für den Angriff und das Massaker verantwortlich zu sein, allerdings ist das nach Meinung der Einwohner eine Provokation von Seiten der bewaffneten Kämpfer gewesen. Unsere Syrien-Sonderkorrespondentin Anastasia Popowa hat sich mit Augenzeugen in Tremseh getroffen.

Luftaufnahmen ab 00:34: Das Städtchen Tremseh befindet sich rund 20 Kilometer von Hama entfernt. Berichte darüber, dass der Ort noch mit Panzern und Artillerie beschossen wird, stellen sich als unwahr heraus. Im näheren Umkreis gibt es keinerlei Militärtechnik.

Text ab 00:44: Auch von Boden ist nichts dieser Art zu sehen. Stattdessen treffen wir bei der Einfahrt in den Ort UN-Fahrzeuge. Sobald sie erfahren, dass es sich bei uns um ein russisches Filmteam handelt, stellen sie uns Bedingungen: erst verbieten sie uns, mit Augenzeugen zu sprechen, dann verbieten sie uns zu filmen, was bei den Treffen der UN-Beobachter mit Vertretern von der bewaffneten Opposition vor sich geht. Schlussendlich verbieten sie uns den Zugang zum Ort komplett, lassen uns umdrehen und begleiten uns weg und begründen das damit, dass wir für die bewaffneten Kämpfer angeblich eine Gefahr darstellen würden. Gleichzeitig bekommen Filmteams von westlichen Ländern grünes Licht von ihnen. Wir müssen den Ort also auf Umwegen anfahren.

Anastasia Popowa bei 01:12:

Das Massaker von Tremseh fällt von der Zeit her ins Vorfeld der nächsten Sitzung des UN-Sicherheitsrats. Die Londoner Menschenrechtler warten dabei nicht auf die Untersuchungsergebnisse, sondern geben der Regierung die Schuld und sprechen von mehr als 200 Opfern. Jedoch die Einwohner des Ortes – Augenzeugen der Ereignisse – erzählen eine vollkommen andere Geschichte.

Text ab 01:27: Sie bitten uns, ihre Gesichter nicht zu filmen, denn wenn sie erkannt würden, hätten sie Rache zu fürchten, man würde ihre Familien umbringen. Schauhinrichtungen von Regierungsanhängern sind in den letzten Monaten in Tremseh zur Norm geworden. Kleinere Gruppen von professionell ausgebildeten Kämpfern, die seinerzeit am Irakkrieg teilgenommen hatten, hielten das Städtchen mit seinen 10.000 Einwohnern unter Kontrolle.

Zivilist bei 01:48:

Sie führten sich hier wie die Herren auf, stahlen Fahrzeuge, raubten Häuser aus und schlitzen Soldaten vor aller Leute Augen die Kehlen auf, um damit ihre Macht zu demonstrieren. Wir fürchten sie, deswegen schweigen wir auch. Ich war im Garten, als sie das Feuer auf die Armeeeinheiten eröffneten, die sich außerhalb der Stadt auf einem Hügel positioniert hatten.

Zivilist bei 02:04:

Die bewaffneten Kämpfer haben Menschen entführt und verlangten Lösegeld. Sie zerstörten die Häuser derer, die für die Regierung waren, und brachten viele von ihnen um. Ich habe zum ersten Mal gesehen, wie viele das eigentlich sind. Sie schossen gezielt auf uns, die wir unbewaffnet sind. Ich sah, wie sie Leichen aus den Häusern heraus- und irgendwo hinschafften. Dann wurde auch ich von einer Kugel getroffen und ging zu Boden.

Text ab 02:18: Die Hinrichtungen begannen mitten in der Nacht. Die festgenommenen Henker erzählen seelenruhig davon, wie sie in die ihnen bezeichneten Häuser einbrachen und die dort ansässigen Menschen umbrachten, die es bis zuletzt abgelehnt hatten, auf ihre Seite zu wechseln. Einer der bewaffneten Kämpfer ist seinem Ausweis nach aus der Türkei, aber der Großteil sind Ortsansässige. Jeder von diesen sagt, dass sie einfach keine Wahl hatten.

Festgenommener Bandit ab 02:33:

Vor einem Monat haben sie meine Schwester umgebracht und drohten meine Mutter abzuschlachten. Was sollte ich denn tun? In dieser Nacht haben wir Leute im Schlaf erschossen und schafften ihre Leichen in ein Zimmer. Als die Armee anrückte, ist ein Teil der unsrigen geflohen, der Rest versuchte, Widerstand zu leisten.

Festgenommener Bandit bei 02:49:

Die Terroristen haben meinen Bruder mit dem Messer aufgeschlitzt, drohten zwei anderen und meinem Vater. Ich ging also mit ihnen; wir sprengten ein Haus, um das der Armee anzulasten. Ich selbst habe dreien meiner ehemaligen Freunde, Soldaten, die Kehle aufgeschlitzt, habe gelogen, dass sie Vaterlandsverräter seien. Als die Soldaten anrückten, schoss ich auf sie. Geld habe ich nicht bezogen. Man versprach mir 12.000 Lira, bekommen habe ich nur dreitausend.

Text ab 03:06: Sie haben die Aufgabe bekommen, so viel wie möglich Menschen umzubringen und damit die Armee zu einem Beschuss zu provozieren. Danach zu urteilen, dass die Häuser noch intakt sind, ist dieses Ansinnen wohl gescheitert. Die Soldaten kamen erst zum Morgengrauen an den Ort heran – das sind Videoaufnahmen davon, wie man sie in Tremseh empfangen hat.

Text ab 03:24: Es ist ihnen gelungen, eine Reihe von Kämpfern gefangen zu nehmen und eine Menge an Waffen am Stadtrand zu beschlagnahmen. Doch die Operation musste abgebrochen werden – darauf bestand die UN-Mission.

Anastasia Popowa in einem Raum voller Waffen ab 03:33:

Das ist nur ein kleiner Teil dessen, was man in Tremseh sichergestellt hat. Sie können sich vorstellen, wie viel Waffen noch in dem Ort sein müssen. Es sieht so aus, als seien die Rebellenkämpfer bestens für Überfälle gerüstet gewesen: Granatwerfer, Scharfschützengewehre, Maschinengewehre, Kommunikationstechnik und Sprengstoff.

Text ab 03:45: Die genaue Zahl der Opfer und ihre Identität kann man momentan kaum feststellen. Tremseh ist nach wie vor in der Hand der bewaffneten Opposition. Die Einwohner, die dazu in der Lage sind, versuchen zu flüchten, meistens in die christlichen Nachbarorte, in denen es alles in allem ruhiger ist. In dem größten dieser Orte – Mahardy – hat sich einen Tag nach der Tragödie von Tremseh eine schwere Explosion ereignet. Ein mit einer Tonne Sprengstoff beladener Lkw fuhr in ein Gebäude der Sicherheitskräfte hinein. Ein benachbartes Wohnhaus ist mit eingestürzt. Unter den Opfern sind auch Kinder.

Anastasia Popowa, Michail Witkin, Jewgenij Lebedew. Vesti, Syrien.

Syrien, Tremseh: Zeugenaussagen

Heute Nacht wurde von ANNA-News eine Videoreportage zu den Ereignissen in Tremseh veröffentlicht. Da die Sache recht dringend ist, gibt es keine Übersetzung – man hat also Gelegenheit, die Sprache des Originalbeitrags zu genießen. Wer des Arabischen nicht mächtig ist, kann hierunter die Übersetzung ins Deutsche lesen. Quelle: ANNA-News.

Als Reaktion auf Notrufe der Bewohner von Al-Tremseh wurde der Ort durch Armeeeinheiten von Banditen befreit, welche in diesem Ort Morde begingen und Häuser zerstörten.
Am Morgen des 12. Juli begann die Operation zur Vernichtung der Banditen.
Eine Quelle beim Militär hat mitgeteilt, dass die Operation mithilfe der Bewohner sehr schnell durchgeführt worden ist, ein Teil der Banditen wurde liquidiert, einige Dutzend wurden festgenommen. Ebenso wurden in dem Ort Waffenlager und ein Feldlazarett gesichert, gefunden wurde auch ein Haus, in welchem die Bewohner für ihre Zusammenarbeit mit der Staatsmacht festgehalten und bestraft wurden; eine große Zahl an Dokumenten wurde sichergestellt. Darunter fand man unter anderem Ausweispapiere eines der getöteten Banditen, welcher demnach aus der Türkei stammt.
Die Quelle beim Militär hat ebenso mitgeteilt, dass folgende Waffen sichergestellt worden sind: 45 Maschinengewehre, 13 Scharfschützengewehre, 9 Panzerabwehrwaffen, 7 schwere Maschinengewehre, 3 Granatwerfer und selbstgebaute Raketen, 14 Jagdgewehre, 10 Pistolen, 24 Stück Mörsermunition, 32 Stück Granatwerfermunition, 53 Maschinengewehrmagazine, 30 Magazine mit Scharfschützenmunition, 8 Sprengladungen, 10 Handgranaten, 150 Detonatoren, 1.500 Patronen für Scharfschützengewehre, 5.000 Patronen für Maschinengewehre, 500 Pistolenpatronen, 7 Gasmasken, 25 Satellitentelefone, 30 kugelsichere Westen, eine Menge TNT, C4-Sprengstoff, eine Vielzahl an Medikamenten und einige gestohlene Fahrzeuge.
Aus derselben Quelle hieß es, dass nach Abschluss der Operation von den Armeeangehörigen bei der Durchsuchung der Häuser, in denen sich die Banditen festgesetzt hatten, Leichen von Zivilisten vorgefunden wurden.
Das Militär bekräftigt seine volle Einsatzbereitschaft seiner Einheiten und dass es weiterhin beabsichtigt, solche Provokationen von Seiten der Banditen nicht zuzulassen; es dankt den Einwohnern des Ortes Tremseh für ihre Kooperation.

Hier Zeugenaussagen der festgenommenen Terroristen – ethnischer Turkmenen, Beduinen und Araber.

Der erste Zeuge: Ich bin ehemaliger Polizeibeamter, heiße Saeg Darwish und stamme aus dem Ort Al-Tremseh in der Provinz Hama. Ich habe in Idleb gedient. Ich bekam Urlaub und fuhr in meinen Heimatort. Die Rebellengruppen unter dem Kommando von Saleh Sebawi erfuhren davon, dass ich nach Hause kam, und drohten mir und meiner Familie mit dem Tod, sollte ich an meinen Dienstort zurückkehren wollen. Mir wurde Geld geboten. Vor 20 Tagen hat die Rebellen- und Terroristenbande, etwa 250-300 Mann stark, sich in Al-Tremseh versammelt, von hier aus Checkpoints angegriffen und Straßen abgeriegelt. Die Bewohner wurden zu einem Streik gezwungen, die Läden mussten geschlossen bleiben. Am vorigen Donnerstag hörten wir, dass die Armee den Ort umstellt habe. Uns wurde befohlen, die Armee unter Feuer zu nehmen. Bevor uns das befohlen wurde, haben wir versucht zu fliehen, doch das ist uns nicht gelungen. Wir haben der Armee einige Stunden Widerstand geleistet. Im Verlauf des Zusammenstoßes sind viele Rebellenkämpfer umgekommen, ich wurde gefangen genommen. Die Waffen, welche wir bei uns hatten, waren Scharfschützengewehre, Maschinengewehre, Panzerabwehrwaffen und Sprengstoff. Geld bekamen wir aus der Türkei. Unter uns gab es auch Kämpfer aus der Türkei und aus Libyen.
Der zweite Zeuge, ein festgenommener Kämpfer: Ich heiße Muhammed Sattuf, bin 1984 geboren und lebe in Al-Tremseh. Meine Aufgabe war es, Videos zu produzieren und diese auf Youtube hochzuladen. Vor 20 Tagen begannen sich die Terroristenbanden in Al-Tremseh zu sammeln, um von hier aus Überfälle auf Checkpoints auszuführen, diese und die regionalen Regierungsbehörden anzugreifen. Die Rebellengruppen haben einige Operationen gegen die Armee und die Sicherheitskräfte von hier aus durchgeführt. Wir haben Straßen vermint, auch Straßenlaternen. Einige von uns verminte Fahrzeuge haben wir gesprengt. Es kam der Befehl, die Armee aus der Entfernung unter Feuer zu nehmen. Im Endeffekt ist dadurch der Kommandeur der Brigade, Muhammed Al-Fateha Isa Ibrahim, getötet worden. Die Brigade bestand aus mehreren Einheiten von insgesamt 250-300 Mann, bewaffnet waren sie mit Infanteriegewehren, Maschinengewehren, Panzerabwehrraketen und Sprengsätzen. Man hat hier auch eine Werkstatt zur Herstellung von Sprengsätzen eingerichtet.

Zwischenzeitlich kam ein Mann namens Abu Al-Sahraa. Er hatte ein Video dabei, das nach den Ereignissen in Al-Qubair produziert worden ist. Er selbst hat dort gefilmt und das Video bearbeitet. Er hat meinen Cousin Mufid Al-Lush gebeten, dieses ins Internet hochzuladen.

Der dritte Zeuge, ein festgenommener Kämpfer: Ich heiße Rami Abdul Salam Darwish und lebe in Al-Tremseh. Vor einem Monat kam Saleh Sebawi hierher. Er bot mir Geld und Waffen, damit ich bei ihm mitmache. In unserem Dorf hat sich eine größere Anzahl Terroristen und Rebellenkämpfer gesammelt, mehr als 300. Darunter waren auch Libyer und ein türkischer Offizier. Geld und Waffen wurden uns aus der Türkei von Abu Talha, welcher aus Idleb stammt, gebracht. Die Waffen, die wir hatten, waren Maschinengewehre, Granatwerfer, Sprengsätze und anderes. Am Donnerstag wurden wir zwecks des nächsten Angriffs versammelt, doch wir selbst wurden von den Streitkräften der syrischen Armee angegriffen. Abu Talha gab Befehl, der Armee Widerstand zu leisten, so dass wir erbitterten Widerstand geleistet haben. Ich wurde gefangen genommen.

Der vierte Zeuge, ein festgenommener Kämpfer: Ich heiße Hekmat Shahada Mustafa Yunis (ein Araber – MM), bin Einwohner von Al-Tremseh. Ich bin zu der Gruppe des Darwish-Clans hinzugekommen, es waren 16-17 Männer. In Al-Tremseh sammelten sich bewaffnete Kämpfer, alles in allem ungefähr 250-300 Mann. Es gab Befehl, Checkpoints anzugreifen, den Verkehr abzuschneiden und die staatlichen Bediensteten daran zu hindern, zu ihrer Arbeit zu gehen. Urplötzlich, am Donnerstag, mussten wir uns im Dorf versammeln und es gab den Befehl, uns erbittert gegen die angreifende Armee zur Wehr zu setzen, was wir dann auch taten. Unter den Waffen, die wir benutzten, waren Kalaschnikow-Maschinengewehre, Panzerabwehrraketen und Infanteriegewehre. Auf höheren Gebäuden im gesamten Dorf bezogen Scharfschützen Stellung. Im Kampf ist der Kommandeur unserer Gruppe umgekommen. Der Kampf hielt zwei Stunden an. Als ich begriff, dass alles vorbei ist, habe ich mich ergeben. Ich habe mich ergeben, nachdem ich über ein Megafon hörte, dass wir uns ergeben sollen (@09:22).

Eine Reporterin (SANA News) berichtet weiter: Der Ort Al-Tremseh liegt im Nordwesten, ungefähr 35 Kilometer von Hama entfernt, und eine größere Ansammlung von Banditen – ungefähr 300 – hat sich in dem Ort festgesetzt. Darunter waren auch Libyer und ein Militärberater aus der Türkei. Waffen wurden von einem Mann namens Abu Italhat aus der Türkei gebracht, wovon einer der festgenommenen Banditen – ein Tunesier – berichtet hat.

Der fünfte – ein Zeuge der Ermordung von Zivilisten. @14:08. Ich heiße Yusef Abdullah Mahmud und lebe in Al-Tremseh. Am frühen Morgen weckte mich meine Mutter. Sie wollte, dass wir auf dem Feld arbeiten. Doch dann kam Saleh Sebawi und seine Männer. Sie wollten uns dazu zwingen, in ihrer Brigade mitzukämpfen. Meine Mutter versuchte, sie daran zu hindern, doch sie nahmen uns mit. Ihre Namen sind: Saleh Sebawi, Minhal Darwish, Ahmed Al-Tayeh, Iyad Darwish, Milal Darwish, Hammad Al-Fares, Ali Al-Daiye. Saleh Sebawi sagte: gehen wir und greifen die Häuser an, in denen die Soldaten gewesen sind. Ich habe das abgelehnt, doch ich wurde gezwungen, mitzugehen. Ich war dabei, als sie die Türen aufbrachen. Ich wollte mit hinein, doch Saleh Sebwai bedeutete mir, draußen zu bleiben: Du bist noch klein, bleib draußen.
Ich habe ein ganzes Magazin in die Decke leergeschossen. Dann gingen sie in das Haus und haben alle umgebracht, die darin waren. Sie haben alle umgebracht und kamen heraus. Ich habe mit meinen eigenen Augen die Männer und Frauen gesehen, ein paar Frauen, die drinnen saßen. Saleh Sebawi sagte, dass niemand drinnen mehr am Leben sei. Dann gingen wir auf die andere Seite, ich schoss fünf Mal in die Luft. Sie gingen wieder hinein und haben alle umgebracht, die im Haus waren. (@15.29)

Der sechte Zeuge: @15:31. Ich heiße Ahmed Abdullah Mahmud, bin 1994 in Al-Tremseh geboren. Der Kommandeur der Banditengruppe, Saleh Sebawi, kam herbei und sagte: geht heraus. Wir greifen die Armee an.
Wir gingen zum Nordteil des Dorfes. Dort gingen wir zu einem der Häuser und er sagte: Hier sind Soldaten der Armee, brecht die Tür auf. Wir haben die erste Tür aufgebrochen und sie gingen hinein. Ich bin nicht hineingegangen. Saleh Sebawi kam wieder und befahl, die zweite Tür aufzubrechen. Wir haben diese zweite Tür aufgebrochen. Saleh Sebawi ging hinein und brachte die Frauen und Männer um.

Der siebente Zeuge: Ich heiße Saher Al-Tayeh und wohne in Al-Tremseh. Ich, Hussein Abbas und Leutnant Isa Ibrahim haben einen Menschen gefangen genommen, der Bewohner des Dorfes Safsafia war. Wir parkten sein Auto, führten ihn weg und haben in dann erstochen. Noch zwei weitere haben wir mit dem Messer umgebracht, einen Einwohner von Tal-Sahab und einen zweiten aus Safsafia. Erst haben wir ein Lösegeld von jeweils 200.000 und 400.000 Lira haben wollen. Als man uns dieses Lösegeld nicht gab, haben wir sie erstochen.

Massaker-Marketing

Massaker-Marketing. Foto: Reuters
Ungeachtet dessen, das selbst die syrische „Opposition“ bereits eingestanden hat, im Ort Tremseh seien nahezu ausschließlich bewaffnete Kämpfer umgekommen, dreht der Westen volle Kanne am Rad der Medien. In jedem Nachrichtenblock heute war zu hören, Assad habe ein Massaker unter Zivilisten angerichtet. Es frisst sich langsam fest.
Die Technik, mit der das Material der Öffentlichkeit präsentiert wird, bleibt ein und dieselbe: anfangs wird in einem Nebensatz ganz hastig zugegeben, dass es keine unabhängig bestätigten Informationen vom Ort des Geschehens gebe, wonach lang und breit die Version der „Opposition“ präsentiert und von Handy-Videoaufnahmen gleicher Qualität und Glaubwürdigkeit untermauert wird.
Auf Grundlage so fabrizierter Berichterstattung wird nun auf höchster Ebene beraten, ausgearbeitet, gefestigt und vertieft. Und erst ganz am Ende wird klar, dass die UN-Beobachter gerade erst daran gehen, sich zum Ort des Geschehens auf den Weg zu machen, um dort irgendetwas zu untersuchen. Es müsste dabei aber eigentlich jedem bewusst sein, dass man innerhalb von zwei-drei Tagen in einer Gegend, die von Rebellenbanden kontrolliert wird, sonst was für Fakten und Beweismittel verbergen oder dazu schustern kann – es läuft ohnehin so, dass die UN-Beobachter die Gegend von ihren Jeeps aus in Augenschein nehmen und kurz mit ein paar Leuten reden, von denen man nicht weiß, wer das sein soll und wo sie herkommen. Da wird kein Gutachten erstellt, genau wie in allen anderen, ähnlichen Fällen, wo die UN-Beobachter die „Lage inspiziert“ haben.
Letztlich werden die UN-Beobachter zu einer Art Exkursion eintreffen und alles gewissenhaft notieren, was ihnen die Leute erzählen, die sie dort in Empfang nehmen. Was das für freundliche Gastgeber sind, wird nicht diskutiert oder geprüft.
Das Niveau, auf dem die UN-Mission in Syrien arbeitet, wirft eine Menge an Fragen auf. Sie nomadisieren einfach durch die Lande und schreiben irgendwelche Berichte. Man kann ihnen das kaum anlasten, denn die Aufgabe, die man ihnen gestellt hat, war von vornherein vollkommen schwammig und nebulös. Der Logik der Ereignisse nach müssten die UN-Beobachter an allen „heißen“ Orten im Land Stellung beziehen, damit jeder mögliche Zwischenfall höchstens eine Stunde Fahrtzeit von ihrer Position entfernt wäre. Die ganze Idee der „Beobachtung“ wird einfach nur profaniert, wenn man erst ein paar Tage nach den Geschehnissen vor Ort ist.
Ungeachtet dessen, dass die UN-Beobachter gerade heute Nachmittag erst vor Ort nach Tremseh gelangt sind, war für Hillary Clinton auch vorher schon alles klar (Zitat von hier):

Es gibt unbestreitbare Beweise dafür, dass das Regime ganz bewusst unschuldige Zivilisten ermordet hat.

Das zeugt nun nicht so sehr von der Dummheit der Mrs. Clinton, als vielmehr von ihrer Dreistigkeit oder noch eher sogar davon, dass diese Provokation und ähnliche dieser Art von vornherein eingeplant waren – dabei schert sich Clinton nicht um Einzelheiten, was und wo eigentlich passiert ist. Die Amerikaner verbeißen sich in die erstbeste Episode, verkehren sie und treten eine Medienkampagne los, die die Lage nur noch weiter zuspitzt. Alles das pünktlich zur nächsten Sitzung im UN-Sicherheitsrat. Um dort ein bestimmtes Resultat zu erhalten. So einfach und so perfide.

Der Märchenonkel von Marseille

ANNA-News interviewt einen aus Frankreich kommenden und in Syrien festgesetzten „Dschihadisten“. Hierunter der Text der Reportage, der Videobeitrag ist am Ende des Textes eingebunden. Quelle: ANNA-News.

Ein 48-jähriger Franzose algerischer Abstammung aus Marseille wurde in der Gegend von Al-Haffah bei schweren Kämpfen mit größeren Rebelleneinheiten, die von der Türkei aus nach Syrien eingedrungen sind, gefangen genommen. Fachkundiges Verminen der Bergstraßen und professionell angelegte Hinterhalte hatten es den Terroristen gestattet, den Regierungstruppen empfindliche Verluste zuzufügen. Eine Anzahl moderner Panzer sind durch Minen oder durch den Einsatz von Panzerabwehrwaffen vom Typ „MILAN“ aus deutsch-französischer Produktion außer Gefecht gesetzt worden. Das ist nun allerdings die Handschrift von Profis, nicht von „bewaffneten Demonstranten“.

Der Gefangene aus Marseille hat offenkundig die ganze Zeit versucht, sich für jemand anderen auszugeben. Höchstwahrscheinlich handelt es sich bei diesem Pseudo-Salafiten um einen eigens abgestellten militärischen Ausbilder. Wäre er militärisch unbedarft, wie er angibt, hätte man diesen älteren Mann wohl schwerlich mit zu einem Vorstoß ins syrische Territorium mitgenommen, sondern hätte ihn – als Bürde – im FSA-Lager auf türkischer Seite gelassen. Die Franzosen kann eigentlich das Schicksal ihrer 16 Offiziere (einschließlich eines Oberst des Nachrichtendienstes), welche im März bei der Befreiung des Stadtteils Baba Amr in Homs festgesetzt wurden, schwerlich kalt lassen. Es steht außer Zweifel, dass es momentan in Syrien eine Anzahl französischer Instrukteure und Spitzel gibt.
Auf alle meine Frage hat der Gefangene aus Marseille nach dem bekannten Prinzip geantwortet: Eingeständnis bedeutet sicheren Knast. An die Namen der anderen französischen Salafiten, von denen er sprach, könne er sich nicht erinnern. Mit den bewaffneten Rebellen habe er ausschließlich über das Internet kommuniziert. Einen ständigen Arbeitsplatz oder andere Bürgen in Marseille habe er nicht. Es sieht also so aus, als könne man in Frankreich 30 Jahre lang nirgends offiziell arbeiten, dabei eine Familie mit 6 Kindern ernähren und sich mit Gelegenheitsjobs und Sozialhilfe durchschlagen. Außer seiner Frau und seinen 6 Kindern kenne er in Marseille angeblich niemanden. Sehen Sie, er gibt sich als überzeugter Salafit aus und hat dabei Mühe, den Koran zu lesen. Und das soll ein Franzose arabischer Abstammung sein. Für wie glaubwürdig kann man das halten?
Marat Musin: Wie heißen Sie?
Gefangener: Mein Name ist Dschamal Amer Hudud. Ich bin am 27. Dezember 1963 in Algerien geboren, in der Stadt Blida. Ich kam mit 19 Jahren nach Frankreich. Bin verheiratet, habe sechs Kinder. Der älteste Sohn ist 22, der jüngste 4. Zurzeit beziehe ich als Arbeitsloser 2.000 Euro Sozialhilfe.
Ich habe verschiedene Jobs gehabt. Manchmal habe ich in Hotels ausgeholfen, manchmal gehandelt oder mich mit Innendekor beschäftigt. Ich bin Moslem, Salafit, aber weltoffen und kein Radikaler.
Auf den Fernsehsendern Al-Dschasira und Al-Arabiya sah ich, was in Syrien vor sich geht. Ich sah die Demonstrationen, ich sah die Ungerechtigkeit der Staatsmacht und umgekommene Kinder. Das berührte mich, so dass ich fortwährend Tränen um das syrische Volk vergoss. Da beschloss ich, zum Dschihad zu gehen, um des syrischen Volkes willen. Ich kam in die Türkei. Dort gelangte ich ins Dorf Yayladagi, wo es Flüchtlingslager für Flüchtlinge aus Syrien gibt. Dort kam ich in Kontakt mit Syrern.
Sie haben mir geraten, nach Frankreich zurückzugehen, doch ich habe entgegnet: Nein, ich bleibe hier mit euch. Sie sagten, sie hätten keine Waffen und keine Munition. Ich antwortete, dass ich trotzdem bei ihnen bleiben wolle. Mit der Zeit änderte sich die Lage und schon drei Monate später lief ich über die Bergpfade – ich trainierte.
MM: Wo haben Sie Ihre militärische Ausbildung bekommen?
Gefangener: Ich habe mit einem Maschinengewehr und einem Infanteriegewehr geschossen. (Seltsame Antwort auf die Frage. – MM.)
Ich habe verschiedene Bekanntschaften geschlossen: mit Aba-Mouauiya, Abu-Ahmad, Zakarya, Ibrahim, Abal Batul und mit ein paar anderen. Mit vier jungen Leuten haben wir immer zusammen trainiert – sind zusammen gelaufen. Wir kamen in ein Dorf an der syrischen Grenze; dieses Dorf nennt sich Nashin. Wir erklommen die Berge und sahen Richtung Syrien. Damals haben wir Jagdwaffen benutzt.
15 Tage später gingen wir in das Dorf, wo wir noch eine andere Gruppe trafen. Man gab uns Waffen, und wir sind 2 Tage dort geblieben. Ich bekam eine AK-47.
MM: Gab es dort Leute anderer Nationalitäten?
Gefangener: Ja, es gab Scheichs und Imame von Moscheen in Jemen und in Libyen. Ein Libyer versorgte uns mit Geld.
MM: Wie sind Sie in die Türkei gelangt?
Gefangener: Ich bin auf eigene Faust dorthin gekommen.
MM: Mit wem hatten Sie denn in Frankreich Kontakt? Wie kam es, dass sie Salafit geworden sind?
Gefangener: Ich war schon immer Salafit, gehöre zum Jamaat-i Tabligh wa Dawah. Unsere geistlichen Führer leben in Indien. Ich rufe nicht zum Dschihad auf. Ich rufe zur Annahme des Islam auf. Ich habe mich mit Journalisten getroffen – einer war aus Dänemark, ein anderer aus Österreich. Der Österreicher hat mir einige Fragen gestellt, die ich ihm beantwortet habe. Ich habe ihm gesagt, dass ich nach Syrien gekommen sei, um im Dschihad gegen die Regierung zu kämpfen. Er hat ein paar Fotos von mir gemacht und ist verschwunden.
MM: Gab es da auch Journalisten von Al-Dschasira und Al-Arabiya?
Gefangener: Ja, diese kamen auch, sowohl von Al-Dschasira, als auch von Al-Arabiya. Sie haben einige Interviews mit Leuten aus dem Lager aufgezeichnet. Danach bauten sie dort eine Kamera auf, die automatisch von früh bis spät filmte. Ich habe mit ihnen aber nicht geredet. Wir sind über die syrische Grenze gegangen und haben uns bewaffnet. Es stieß noch eine weitere Gruppe zu uns, aber von der weiß ich gar nichts.
Wie liefen die ganze Nacht, und als wir an ein Feld kamen, blieben wir dort und warteten, bis uns ein Laster abholte. Darin fand unsere ganze Gruppe Platz. Wir waren 15 Leute. Wir fuhren in irgendein syrisches Dorf in der Gegend von Al-Haffah, doch an dessen Namen kann ich mich nicht erinnern.
Es gab dort auch noch weitere Gruppen. Wir wuschen uns und unsere Kleidung und ruhten aus. Reinigten die Waffen. Dort habe ich dreimal auf Steine geschossen. Wir sind in dem Haus um die 2-3 Tage geblieben und dann in ein anderes Haus umgezogen. Mitunter sahen wir Flugzeuge am Himmel, in solchen Fällen versteckten wir uns unter großen Bäumen, damit sie uns nicht bemerkten. Im diesem ersten Dorf blieben wir 5-6 Tage, danach gingen wir in ein anderes. Ich habe 10 Tage lang keinerlei Kampfhandlungen bemerkt, keine Ungerechtigkeiten gesehen. Ich sah nur die Flugzeuge, die uns beobachteten. Ich beschloss also, in die Türkei zurückzukehren, traf mich mit dem Anführer unserer Gruppe und gab ihm meine Waffe zurück, nahm meine Sachen und ging davon. Ich kam dann in irgendein Dorf, wo ich auch festgenommen wurde. Ich schwöre bei Gott, dass ich keine Waffe bei mir hatte.
MM: Ist es Ihr Wunsch, dass in Frankreich ein islamisches Kalifat gegründet wird?
Gefangener: Als ein Mensch, der den Islam liebt und als Moslem wünsche ich, dass das Banner des Islam in allen Ländern der Erde wehte. Ganz besonders in Europa und in Frankreich. Inschallah.
MM: Mal angenommen, am 1. August wird in Frankreich ein isalmisches Kalifat proklamiert. Würden Sie das unterstützen?
Gefangener: Das wäre unmöglich, denn es ist noch zu früh dafür. Aber früher oder später wird das alles kommen. Wenn man zum Islam aufruft, so braucht man Zeit. Es ist unmöglich, jetzt gleich ein islamisches Kalifat in Frankreich zu proklamieren, doch früher oder später ist es soweit, und ich wünsche mir das.
MM: Wollen Sie noch ein paar Worte ans französische oder algerische Volk richten?
Gefangener: Das, was ihr auf den Bildschirmen bei Al-Dschasira und Al-Arabiya seht – glaubt es nicht, was man euch dort zeigt. Glaubt dem, was ihr selbst seht und hört.

Marat Musin, Olga Kulygina; Agentur ANNA-News. Damaskus, Syrien.

Tremseh, Provinz Hama

Wieder ein „Blutbad regierungsnaher Truppen“, diesmal in der Provinz Hama. Nach den Angaben mehr oder weniger ungenannter Oppositioneller wurde das Städtchen Tremseh von Regierungstruppen unter Einsatz von schwerer Artillerie, Hubschraubern und Panzerfahrzeugen angegriffen, wonach „alawitische Milizen“ durch die rauchenden Trümmer gestiegen kamen und nach altbekanntem Schema ein Massaker unter der Bevölkerung angerichtet hätten. 200 Opfer, alles selbstredend friedliche Zivilisten.
Es gibt noch eine nicht minder glaubwürdige Quelle, nämlich das Londoner Syrische „Observatorium“ für Menschenrechte, das etwas knauseriger ist und die Opfer mit 150 beziffert. Ändert freilich nichts an der Information als solcher.
Was bei dieser Nachricht etwas seltsam klingt, so sind es die Angaben über den unerbittlichen Beschuss des Dorfes. Man denkt: ein friedlicher Ort. Schläfrige Fliegen surren herum, würdige alte Männer in weißen Kaftanen sitzen auf den Bänken und gucken irgendwelchen Jungs beim Mopedfahren hinterher, junge Frauen in bunten Sachen mit Säuglingen auf den Armen. Was soll der schwere Beschuss, wenn es niemanden gibt, der nennenswerten Widerstand leisten könnte? Schamil Bassajew ist damals in Budjonnowsk ohne eigene Artillerie und Luftwaffe zum Zuge gekommen. Salman Radujew hat das dagestanische Kisljar auch nicht mit Panzerkeilen eingenommen, sondern dazu reichte ihm leichte Infanterie. In Tremseh aber wurde erst aus der Luft und aus Entfernung der Boden klargemacht.
Denn nimmt man andere Beispiele aus den russischen Tschetschenienkriegen (die in vielerlei Hinsicht an die momentane Situation innerhalb Syriens erinnern, außer, dass sie für Russland viel besser lokalisierbar waren als das große Wirkungsfeld der Terroristen in Syrien) – zum Beispiel den Sturm der Siedlung Komsomolskoje – ja, da musste das „Putin-Regime“ nun wieder die ganze Palette der oben aufgeführten Waffengattungen einsetzen: Buratinos, Luftwaffe, Panzer. Die einzige Besonderheit von Komsomolskoje war nur, dass es dort keine „friedlichen Zivilisten“ gab. Das heißt, nein, die gab es natürlich, aber gut gemischt mit anderthalb Tausend bewaffneter Banditen, von denen 1.200 dann letztlich auch dort geblieben sind. Hier war es logisch, schwere Waffen und Hubschrauber einzusetzen.
Wenn man dabei in Betracht zieht, dass die syrische Armee derzeit mit methodischen Säuberungsaktionen in den Provinzen Homs, Hama, Idlib und Aleppo beschäftigt ist, eine weitere „Hochburg“, nämlich Ar Rastan, umstellt und wahrscheinlich bald nach Homs dran ist, so sieht die ganze Situation schon ganz anders aus. Es ist unsinnig, so viel schwere Technik, Armee, Ressourcen – kurz: Kampfkraft – zur Inszenierung eines Massakers in ein kleines Dorf abzukommandieren. Wenn man aber die These zulässt, dass in Tremseh größere Rebelleneinheiten ausgehoben worden sind, so rückt alles an seinen Platz, so dass man diese Angaben einordnen kann.
Die syrische Regierung teilt indes relativ geringe Verluste innerhalb der Streitkräfte nach dieser Operation mit. Je nach Quelle, die man liest, 3 bis 5 Armeeangehörige. Zum Vergleich die oben bereits erwähnte Erstürmung von Komsomolskoje: auf (wieder: je nach Quelle) 500-1.200 liquidierte Banditen kamen ungefähr 50 getötete russische Armeeangehörige. Ein ähnliches Verhältnis wie jetzt in Tremseh – und gerade dazu, das Leben der Soldaten zu schützen, wurde Komsomolskoje vor der Erstürmung mit einem Hagel aus Feuer und Stahl vorbehandelt.
In Tremseh geht es also höchstwahrscheinlich um eine Operation zur Vernichtung von dort befestigten Rebellenbanden. Die jetzt überall kolportierte Version der Inszenierung eines Massakers mit dem Schabiha-Schreckgespenst wirkt sehr an den Haaren herbeigezogen, wenn man die Ereignisse in Hama und anderen Provinzen berücksichtigt. Bleibt zu warten, was weitere Dokumentationen bringen werden. Die ersten Bilder (vom Londoner „Observatorium“ veröffentlicht) zeigen rund 20 Leichen von durchaus erwachsenen Männern.