Archiv für Oktober, 2012

Dababa in Harasta

Wjatscheslaw Nemyschew / ANNA-News
Wjatscheslaw Nemyschew / ANNA-News
ANNA-News hat seit ein paar Wochen einen weiteren Korrespondenten in Syrien: Wjatscheslaw Nemyschew. Abgesehen davon, dass er wahrscheinlich eher als das „Mastermind“, Prof. Marat Musin, zu einem Publikumsliebling taugt, rennt er eben auch an vorderster Front durch die Hecken und wirft sich zusammen mit den Soldaten in die Straßengräben. Hierunter eine kurze Reportage von ihm, gefilmt vor ein paar Tagen in Harasta nordöstlich von Damaskus.

„Dababa“ – so nennen die Syrer den Panzer. Schwere Technik rückt in Harasta ein – das ist ein Vorort von Damaskus. Hier ist eine Rebelleneinheit umstellt worden, und gemeinsam mit syrischen Journalisten begeben wir uns in das Viertel, in dem die Armee ihren Sondereinsatz beginnt.

Es scheint, als kommen die Schüsse von überall her, man hört die Kugeln pfeifen – ein sehr unangenehmes Gefühl. Die Soldaten sagen, dass man sich hier sehr schnell bewegen muss, weil das offene Gelände im Schussfeld der Scharfschützen liegt.
Es ist nicht genau bekannt, wie viele Rebellen hier hocken. Die Schießerei hört mal auf, mal beginnt sie von neuem.
Die syrischen Soldaten sind keine Feiglinge, aber das Gegenfeuer zwingt sie, sich am Boden zu ducken.
Syrischen Geheimdiensten zufolge soll es einen Ausbruchsversuch einer Gruppe von Terroristen in Richtung Homs geben. Panzer und motorisierte Infanterie blockieren die Rückzugswege der festgesetzten Bande.
Für die syrischen Journalisten ist das alltägliche Arbeit, in anderthalb Jahren haben sie sich an den Krieg gewöhnt. Maïs Akel, Reporterin eines Satellitenkanals, war zusammen mit den Männern viele Male bei Militäroperationen dabei. Auf die Frage, warum sie das tut, antwortet sie, das sei ihre Bürgerpflicht als Syrerin:

Maïs Akel:

Wenn ich mit den Soldaten zusammen arbeite, steigt auch mein eigener Kampfgeist. Ich versuche, die Wahrheit so darzustellen, wie sie ist, und bin froh, dass ich diese Gelegenheit habe.

Es kommt ein weiterer Lkw mit einem darauf installierten großkalibrigen Maschinengewehr. Eine Gruppe Soldaten begibt sich an die linke Flanke und bezieht an einer Betonwand Stellung, für den Fall, dass die Rebellenkämpfer dort durchzubrechen versuchen.

Wjatscheslaw Nemyschew:

Wir sind jetzt ungefähr 500 Meter von der Frontlinie entfernt, und momentan ist es nicht möglich, näher heranzukommen, denn es gibt Sperrfeuer und die Scharfschützen sind aktiv.

In der Zeit, in der wir auf die Genehmigung zum Weitergehen warteten, sind wir durch die verlassenen Höfe gezogen; dort erklärte man uns, dass die Rebellen hier ein Lager hatten, man sieht Essensreste herumliegen, und unter dem ständigen Lärm von Schüssen füttern die Soldaten die obhutslos gelassenen Schafe.
Etwa anderthalb Stunden später begibt sich die Einheit an die vorderste Linie. Es ist den Terroristen gelungen, die Blockade zu durchbrechen. Aber nicht allen. Die Banditen verbrennen ihre Toten, damit es unmöglich wird, sie zu identifizieren und irgendwelche Schlüsse über ihre Herkunft zu ziehen.
Hinter dem Zaun beginnt es zu brennen, uns wird wieder bedeutet, in sicherer Entfernung abzuwarten.
Der Gefangene wird den Journalisten gezeigt. Hier sieht man die Symbole der Rebellenbanden, Uniformen, religiöse Literatur. Das Lager befand sich nur 2 Kilometer von einem syrischen Militärstützpunkt entfernt, praktisch vor der Nase der Armee. Die Umstellung und Aushebung des Lagers wurde durch Hinweise aus geheimdienstlichen Quellen möglich.

Soldat:

Hier hatten die Rebellen sich eingerichtet, es gab eine Werkstatt für die Herstellung von Sprengsätzen. Jetzt haben wir dieses Gebiet unter Kontrolle.

Die Geheimdienste melden, dass die Rebellen sich umgruppieren und sich aus verschiedenen Richtungen nach Aleppo begeben wollen.

Wjatscheslaw Nemyschew, ANNA-News, Syrien.

Türkisch-Mainila

Die umgehende “Antwort” der Türken auf die in Akçakale eingeschlagenen “Granaten” – ohne die sonst üblichen Prozeduren, z.B. einer Untersuchung, Noten des Außenministeriums, Geheul im Parlament usw. – lassen den Gedanken aufkommen, dass die türkische Seite auf den Vorfall einigermaßen vorbereitet gewesen ist. So sehr vorbereitet, dass die Entscheidung “zurückzuschießen” umgehend auf rein taktischer Ebene vorgenommen werden konnte, ohne irgendwelche Instanzen dahinein zu verwickeln. Wenn in friedlichen Zeiten Entscheidungen solcher Tragweite auf taktischer – das heißt militärischer – Ebene gefällt werden, so beudetet das zweifelsohne, dass es eben keine friedlichen Zeiten mehr sind.
Wie dem auch sei, die Möglichkeit, dass es sich hier um eine Provokation handelt – historische Beispiele mit ganz ähnlichem Szenario gibt es – ist angesichts der unklaren Umstände einerseits und der viel zu schnellen Reaktion andererseits gegeben. Nun stellen sich ausschließlich zwei Fragen, die darüber entscheiden werden, wie es damit weitergeht: was genau formuliert der UN-Sicherheitsrat auf die Eingabe der Türken, und wie werden sich die türkischen Militärs verhalten, wenn die Politiker sie in den Krieg schicken wollen. Nach den massiven Arrests und Säuberungen im türkischen Militär über die vergangenen Monate und Wochen sieht auch das nach einer Vorbereitung von fruchtbarem Boden aus.
Da das türkische Parlament nunmehr ein Mandat zu Militäroperationen jenseits der Grenze erteilt hat, zählt Syrien nun offiziell – neben dem Irak – zu den Ländern, in denen die Türken solche Militäroperationen durchführen “dürfen”.
Die Provokation an der Grenze hat also offensichtlich diese schnelle Reaktionskette mit einkalkuliert. Erdoğan hat jetzt die juristische Grundlage für einen Angriffskrieg. Diese “juristische Grundlage” ist natürlich nach außen hin ohne jede Bedeutung, aber für’s Innere sehr wichtig: die türkische Armee ist jetzt verpflichtet, diese Gesetzesgrundlage und Befehle zum Angriff auf syrisches Territorium zu befolgen.
Faktisch braucht es jetzt nur noch irgendeine Provokation – zum Beispiel eine Handvoll PKK-Kämpfer auf türkischem Territorium, die irgendetwas sprengen könnten. Ob die selbst drauf kommen oder man sie dazu einlädt, hat am Ende keine Bedeutung. Von Bedeutung ist, dass die türkischen Politiker jetzt alles nötige Metall in der HoseHand halten. Es ist kein Problem mehr, die direkte Aggression anzustossen. Problematisch ist eher vorauszusehen, was dann passiert. Aber Erdoğan geht (wie eigentlich vorauszusehen war) “vabanque”.
Es ist klar, dass Syrien auf jede Aggression gegen sein Territorium antworten wird, ob das nun feindliche Kampfflugzeuge, Einmarsch von Bodentruppen oder Artilleriebeschuss sein wird. Das wiederum würde über Artikel 5 des NATO-Vertrags zum “Bündnisfall”.
Offenbar ist es genau ein solches Szenario, das vom katarischen Emir Al Thani in seiner Rede vor der UN-Vollversammlung vorgesehen war. Bei der Verkündigung seines Planes einer Einmischung durch “arabische Länder” war es eine Schwachstelle, dass – außer vielleicht Ägypten – kein anderes arabisches Land eine Armee hat, die es auch nur ansatzweise mit der syrischen Armee aufnehmen könnte. Wenn allerdings die Türken es schaffen, weite Teile dieser Armee im Norden zu binden, dann können die zahlreichen friedliebenden arabischen Monarchien durchaus mit einem “Friedenskontingent” in Syrien einfallen, das auf keinen entsprechenden Widerstand treffen wird.
In einem solchen Szenario ist die UNO nämlich nicht mehr notwendig. Und der Sicherheitsrat war es ja bisher, der die einzige Barriere gegen die Aggressoren bildete. Hier aber würde der Sicherheitsrat genau andersherum funktionieren – Russland und China könnten dort keine Resolution durchbringen, welche die (bisher nur angenommenen) Aktionen der Türkei und dieser “arabischen Länder” als Aggression klassifizieren würde.
Die nächste Runde würde von der Reaktion des Iran dominiert sein – und wenn der Iran eine Aggression gegen Syrien so beantwortet, wie er es versprochen hat, dann kann die Sache sehr schnell eskalieren. Kann, muss aber nicht.
Keine der Taktiken, die sich als ineffizient erwiesen haben, wird von den Aggressoren mehr als einmal versucht. Sie kommen mit immer neuen Schachzügen. Der aktuelle ist enorm bedrohlich, und es ist momentan noch unklar, was man dem entgegensetzen kann.