Archiv für November, 2012

Liveschaltungen aus Damaskus

Der gestrige Testlauf verlief erfolgreich (wurde hier auch angekündigt), so dass ANNA-News ab sofort täglich Liveschaltungen per Internet-Stream aus Damaskus und Syrien in die Wege leitet. Diese erfolgen bis auf Weiteres um 10 und 15.30 Uhr mitteleuropäischer Zeit (GMT+1). Es ist angedacht, das normale Leben in Damaskus und an anderen Orten in Syrien zu zeigen, so dass man auch fernab eine Vorstellung davon bekommt und sich nicht immer darauf berufen muss, man könne aus Syrien angeblich nicht berichten.

Das Onlinestreaming erfolgt in Kooperation mit Kreml.TV. Der Link zum aktuellen Stream scheint immer ein anderer zu sein, so dass man wohl direkt bei Kreml.TV oder auf Anna-News.info vorbeischauen muss (falls da ein Standardkanal erkennbar wird, wird er hier veröffentlicht). Derweil wurden die Mitschnitte der beiden ersten Übertragungen zugänglich gemacht. Teils wirklich wunderbare Aufnahmen, keine Politik, sondern das Leben, wie es dort ist. Momentan läuft die Freitagabend-Übertragung (17 Uhr GMT+1). Die Tour geht  vom Bab-Touma-Tor in Richtung Umayyadenmoschee.

  • Testaufzeichnung vom Donnerstagabend, 08.11.2012

    • Übertragung vom Freitagmorgen, 09.11.2012.

      Anmerkung: Freitag ist Feiertag. Die Strassen sind in der Regel leerer, als an anderen Tagen. Der Freitag ist auch ein traditioneller Tag für Anschläge durch Terroristen.

      Anhar

      „Mein Name ist Anhar, ich befinde mich jetzt in Homs, und ich bitte die ukrainische und die russische Botschaft sowie die syrische Regierung das zu erfüllen, was die Entführer [?] verlangen.“

      Diese Videoaufnahme tauchte gestern auf der Youtube-Seite einer Banditenbrigade aus Homs auf und trägt den Titel „Ukrainische Spionin, die mit russischen Offizieren zusammengearbeitet hat, ist in der Hand der Freien Armee“.

      Anhar Kotschnewa begab sich am 8. Oktober 2012 aus Damaskus nach Tartus, auf dem Rückweg fuhr sie nach Homs und wollte am 10. Oktober wieder in Damaskus sein. Sie sandte mehrere Kurznachrichten von ihrem Mobiltelefon, die von einer Entführung sprechen. (siehe Enfant terrible: zur Entführung von Anhar Kotschnewa)

      Wochenschau, Folge 51

      Hier die aktuelle deutschsprachige Version der russischen „Wochenschau“. Die Videoonkels aus Perm waren diesmal recht schnell, die Folge hängt bereits seit 8 Stunden im Äther. Themen sind Syrien, Iran und China. Die Autoren sind auch im russischsprachigen Internet fast die letzten, die zur Situation in Syrien noch einigermaßen optimistisch sind. Die meisten sind sich im traurigen Schluss einig, dass die syrische Armee langsam, aber sicher ausgeblutet ist. Allein am heutigen Morgen starben rund 50 Armeeangehörige durch ein Selbstmordattentat in der Provinz Hama. Zum Iran hatte man doch vor gar nicht so langer Zeit irgendwo gelesen, dass die gesamten Goldreserven dieses Landes ein Projekt der Rockefellers und/oder Rothschilds sind? In diesem Thema bin ich leider vollkommen inkompetent. Jedenfalls, Film ab:

      In dieser Woche gab es eine wichtige Wende in den syrischen Angelegenheiten. Die USA erkennen künftig nicht mehr die Legitimität des Syrischen Nationalrats SNC an – des Organs, das bisher als Zentrum der Opposition zu Baschar al-Assad galt. Die Sache ist klar – viel Nutzen bringt dieser Rat nicht, er ist nicht in der Lage, den syrischen Präsidenten zu stürzen, ebensowenig kann er Ordnung in die versprengten Rebellenbanden bringen. Deshalb findet in den kommenden Tagen mit dem Segen Washingtons in Katar die Gründung eines gewissen Nationalen Initiativrats statt. Sicherlich wird der Misserfolg des SNC als Erfahrung eine Rolle spielen, so dass dieses neue Gremium wohl etwas bissiger werden wird: die Zeit läuft, und es will nicht gelingen, die syrische Regierung zu stürzen. Die Türkei rüstet sich für den Krieg, und es wird immer schwieriger, sie davon abzuhalten.
      Es ist klar, dass die Oppositionskämpfer nicht viel von dieser Wendung halten. Um ihre Schlagkraft zu unterstreichen, haben sie in den Medien laut verkünden lassen, dass sie einen Großangriff auf einen wichtigen Stützpunkt der syrischen Luftwaffe in der Provinz Idleb starten. Den Resultaten nach war das wohl eher eine Verzweiflungstat als eine sorgfältig geplante Operation. Die Regierungstruppen hatten keine Schwierigkeiten, den Angriff abzuwehren und haben dutzende Rebellen sowie eine Menge an Militärtechnik vernichtet.
      Eine weitere Schlagzeile der Woche war die Videoaufnahme einer Hinrichtung von Syrern, die ins Internet gelangte. Darin sieht man Rebellen, die unbewaffnete Männer erst zusammenschlagen und dann kaltblütig ermorden. In den Kommentaren dazu heißt es, es handele sich hierbei um eine Hinrichtung von Assad-Soldaten, doch tatsächlich gibt es kaum Beweise, dass dies nicht einfach Zivilisten sind. Möglicherweise haben diese Aufnahmen mit dazu beigetragen, den SNC der Handlungsunfähigkeit zu bezichtigen. Im Internet tauchen regelmäßig Aufnahmen von Brutalitäten der Rebellen auf. Washington hatte auch früher schon die syrische Opposition dazu aufgerufen, nicht grundlos über die Stränge zu schlagen. Es sieht so aus, als sei die Geduld diesmal zu Ende gewesen.
      Wir können also damit rechnen, dass es eine Erneuerung in der Führung der außersyrischen Opposition geben wird, die sich wahrscheinlich in einer verschärften Konfrontation niederschlägt, aber inzwischen…

      Plan B

      …inzwischen läuft der Parallelplan einer von der NATO gestützten Intervention der Türkei in Syrien. Ihr werdet es nicht glauben, aber in dieser Woche wurde die Türkei abermals von syrischem Territorium aus beschossen, doch das kümmert kaum noch jemanden. Es wird zur Gewohnheit. Wir sprachen ja bereits davon, dass die USA die Türkei durchaus nicht zu einer Intervention drängt, wie viele das vermuten, sondern sie eher von einem verfrühten Handeln abhält. In dieser Woche wurde unsere Annahme vom Kommandeur der US-Streitkräfte in Europa und der 7. US-Armee Mark Hertling bestätigt. Wie er äußerte, solle man nichts überstürzen und es gäbe keine Beweise dafür, dass es die syrischen Regierungstruppen waren, welche die Türkei beschossen haben. Mehr noch, Hertling verwies darauf, dass dies sowohl PKK-Kämpfer als auch Rebellenverbände gewesen sein könnten, welche damit darauf abzielen, die Türkei in eine militärische Auseinandersetzung hineinzuziehen.
      Diese Verlautbarung rief den Unmut türkischer Offizieller hervor, denn sie neutralisiert ja nicht nur den Effekt der Provokationen, sondern lässt sie auch in einem ungünstigen Licht erscheinen. Auf jedes Geschoss von syrischem Territorium hatte die Türkei ja mit massivem Gegenfeuer auf syrische Militärziele geantwortet. Nach vorsichtigsten Schätzungen kamen dabei insgesamt 12 syrische Soldaten ums Leben, 5 Panzer und weitere Militärtechnik wurden zerstört. Insgesamt gab es bisher 87 Artillerieeinsätze der Türken gegen Syrien. Bemerkenswert, dass Assad diese Fakten nicht an die große Glocke hängt, um die Situation nicht noch weiter zu eskalieren.
      Das ist verständlich, denn trotz dessen, dass die USA es mit dem Interventionsplan nicht eilig haben, wird er als Reservevariante weiterhin verfolgt. In dieser Woche verlautete aus der Türkei, man wolle sich an die NATO wenden und von ihr die Stationierung von “Patriot”-Luftabwehrsystemen anfordern, für den Fall, dass sich die Lage in Syrien weiter verschlechtert. Diesem Gesuch wird sicherlich entsprochen werden, wie auch bei analogen Fällen in der Vergangenheit, als die Türkei im Zusammenhang mit den beiden Irakkriegen solche Systeme anforderte.
      Desweiteren sind in der vergangenen Woche 20 Vertreter des European Command der USA im Luftwaffenstützpunkt Diyarbakır eingetroffen. Die zweitägige Delegationsreise hatte das Ziel, die Einsatzbereitschaft des Stützpunktes vor möglichen Kampfhandlungen zu untersuchen.
      Zur Information: der Stützpunkt in Diyarbakır gehört zwar formal der Türkei, befindet sich aber faktisch unter NATO-Hoheit und dient der Frühwarnung. Vor zwei Wochen wurde ein weiteres Kontingent türkischer F-16-Kampfflugzeuge hier stationiert. Dieser Stützpunkt wird genau wie jener in Incirlik als Ausgangspunkt für Militäroperationen gegen Syrien betrachtet.

      Das Gold der Ayatollahs

      Interessante Entwicklungen gibt es um den Iran. Wir wissen, dass der Westen die Islamische Republik mit allen möglichen Sanktionen abschottet, welche offenbar dazu führen sollen, dass die Führung des Landes sich mit dem Kopf gegen die Wand umbringt. Doch in den ersten 5 Monaten des Jahres hat der Iran 30 Milliarden US-Dollar aus dem Erdölexportgeschäft erzielt. Wie gelingt das dem Land? Erstens, die Sanktionen betreffen nicht vorher abgeschlossene Verträge. Beispielsweise importiert die Türkei weiterhin Erdgas aus dem Iran auf Grundlage bestehender Verträge. Zweitens wird Erdöl über Mittlerländer exportiert, welche auf die Sanktionen des Westens pfeifen. Drittens importieren solche Länder wie China, Indien, Japan und Südkorea weiterhin iranisches Erdöl, auch wenn sie dann und wann den Import etwas drosseln. Der iranische Erdölexport nach Indien ist allein im September um 53% gestiegen. Mit anderen Worten, die Ayatollahs haben es nicht so eilig damit, mit dem Kopf gegen die Wand Seppuku zu begehen.
      Ein weiterer interessanter Aspekt ist, dass der Iran unter Sanktionsdruck dazu übergegangen ist, seine Ressourcen nicht für Dollar, sondern für Gold zu veräußern. Dabei ist das Ausmaß dieser Art Handel bemerkenswert, und Hauptlieferant von Gold für den Iran ist die Türkei. Während der Iran noch im Februar 30 Kilogramm türkisches Gold erwarb, so sind es im März bereits 9 Tonnen gewesen, im Mai 20 Tonnen. Ein bedeutender Teil des Goldes wird dabei über Dubai geschmuggelt. Die Goldreserven des Iran betragen nun nach offiziellen Angaben 950 Tonnen, was das Land in die Top 10 der Goldreserven bringt.
      Die iranische Regierung hat dabei die Ausfuhr von Gold ohne vorherige Genehmigung durch die Zentralbank verboten. Der Iran vergrößert damit seine Sicherheitsrücklagen enorm. Die Frage, wozu er das tut, werden wir in künftigen Folgen einmal erörtern.

      Chinesische Manöver

      Als Bonus noch eine Information, die von den meisten Medien nicht beleuchtet wurde. Nach Angaben des Ministeriums für Bodenressourcen der Volksrepublik China sind im Jahr 2011 in China 203 Milliarden Tonnen Erdöl gefördert worden. Damit ist China in dieser Kategorie weltweit auf Platz 4 vorgerückt und lässt den Iran hinter sich. Bei der Förderung von Erdgas avanciert China von Platz 17 auf Platz 6 weltweit. Das soll nicht heißen, dass es in China nun mehr Öl gibt oder dass es in Bälde von der Einfuhr dieses Rohstoffs loskommt. Vielmehr zeugt es davon, dass der Kohlenwasserstoffbedarf der chinesischen Wirtschaft selbst in Zeiten eines verlangsamten Wachstums Anlass gibt, aktiver die eigenen Vorkommen zu erschließen und zu nutzen.
      In China tagt derzeit das Plenum des ZK der Kommunistischen Partei. Dort wird entschieden, wer das Land in den kommenden 10 Jahren führen wird. Wenn ihr glaubt, dass in China alles von vornherein entschieden ist, so liegt ihr falsch. Auch dort gibt es Clans in der Elite, die jeweils ihre eigene Sicht auf die Zukunft des Landes haben. Doch wie auch immer das ausgeht, die Beziehungen zu Russland werden sich wohl gutnachbarschaftlich gestalten, es kann aber zu Änderungen des Verhältnisses gegenüber dem Westen kommen. Die Welt wird vor unseren Augen umgestaltet und wir haben ein gewisses Glück, solche Zeiten des Umbruchs zu erleben.

      Rosinenbomber für Nordsyrien

      Der folgende Bericht von Vesti.ru mutet ein wenig wie die bekannte Mär vom gallischen Dorf an. Zumindest für die Region nördlich von Aleppo nahe der Grenze zur Türkei. Rund 45.000 Menschen befinden sich dort von der Außenwelt fast völlig abgeschnitten inmitten eines von Rebellenbanden kontrollierten Gebiets und geben seit einem halben Jahr den Widerstand nicht auf. Die humanitäre Lage ist katastrophal, es besteht aber eine Luftbrücke mit Aleppo, die allerdings bei weitem nicht ausreicht, alle Menschen dort ausreichend mit allem Notwendigen zu versorgen. Der Bericht kann auch davon zeugen, dass weite Landesteile, zumindest im Norden Syriens, schon längere Zeit nicht mehr von der Regierung kontrolliert werden.

      Ein paar andere Elemente an dem Bericht muten auch seltsam an, es ist aber insgesamt wichtig genug, den in Nordsyrien belagerten Menschen wenigstens irgendwie Gehör zu verschaffen.

      Quelle: Vesti.ru, Bericht von Anastasia Popowa


      23 Kilometer nördlich von Aleppo – noch einmal so weit ist es bis zur türkischen Grenze – liegen die beiden Städtchen Nubbol und Baldat al Zahraa und stören durch ihr schieres Dasein die Hegemonie der oppositionellen “Freien Armee” entlang der Strasse nach Norden. Die Einwohner hier sind für die Regierung, was ihren Nachbarn ein Dorn im Auge ist.

      Syrisches Militär gibt es hier nicht. Die gesamte Wachmannschaft aus 150 Mann setzt sich vollständig aus lokalen Einwohnern zusammen. Um jeden der 8 Checkpoints wurden Verteidigungsgräben ausgehoben. Die Kämpfer der Bürgerwehr zeigen durch ein Fernglas ein Schulgebäude im Nachbarort, über dem die grüne Fahne der Opposition weht. Sie sagen, dass im Nachbarort die Al-Kaida hockt.

      Vom Wechsel aggressiver Prioritäten

      Yusuf al-Qaradawi

      Der “Syrische Nationalrat” (SNC) gilt den Aggressoren nicht mehr als “legitime Vertretung des syrischen Volkes”. Wenigstens ist er das nicht mehr für die USA. Die nutz- und talentlosen Verbraucher ausländischer Zuschüsse, die 20, 30 oder 40 Jahre lang nicht in Syrien gewesen sind, haben nun einmal keinerlei Autorität im Lande und können niemanden hinter sich bringen. Der SNC ist für die Amerikaner und die USA im Speziellen schon eine längere Zeit eher unbequem geworden und wurde bestenfalls noch unterstützt, um den Schein der Absicht irgendeines “friedlichen Übergangs” zu wahren. Es gab bezüglich seiner Handlungsfähigkeit wahrscheinlich auch im Westen keine großen Illusionen, aber dieses Projekt hatte es gestattet, die ausufernde Aktivität analoger Projekte des Katar und Saudi-Arabiens etwas zu bremsen; deren Oppositionskonzepte schließen solche Merkmale des SNC, wie etwa dessen Säkularität, von vornherein aus.

      Anstelle des SNC soll nun also ein neues Organ der Opposition, nämlich ein “Nationaler Initiativrat” treten. Und das Ding wird wirklich neu, schon allein deshalb, weil er in Doha gegründet und auch dort tagen wird. Personell kann man von einer deutlichen “Islamisierung” des Rats ausgehen; der in Doha residierende Chefideologe der Moslembrüder, Yusuf al-Qaradawi, welcher vor kurzem durch aktive Ausfälle gegen die syrische Regierung (und im Zusammenhang damit auch gegen Russland) aufgefallen ist, wird mit Sicherheit einer der wichtigsten Berater dieser neuen Speerspitze einer “Demokratisierung” des Landes. Wenn er einmal dabei ist, kann er auch gleich die politischen Ziele der Opposition formulieren – es wird ja wohl nicht der Emir selbst darniedersteigen und sich mit seinen eigenen Handlangern abgeben.

      Von den vier gegeneinander konkurrierenden Umsturzprojekten in Syrien – also denen Europas (SNC), der Türkei (FSA), Saudi-Arabiens (Salafiten) und Katars (Moslembrüder) – bekommt jetzt offenbar Katar den Zuschlag. Die USA, welche in ihrer Rolle als oberster Schiedsrichter den neuen “Initiativrat” schon im Vorfeld unterstützen, haben Emir Al Thani grünes Licht dafür gegeben. Deswegen ist es wichtig zu verstehen, welche Strategie der Emir verfolgt und auf welche Weise sie sich von denen der drei Konkurrenzprojekte unterscheidet.

      Exilanten

      Aleppo. Syrischer Soldat und Kinder in einem befreiten Stadtteil.
      Aleppo. Foto: vesti.ru
      Eine Melange aus Deserteuren, NWO-Satrapen und Banditenhäuptlingen wird wohl morgen, am 4. November, im für solch subversive Aktionen prädestinierten Doha im Katar eine “syrische Exilregierung” gründen, nachdem mal wieder “alle Differenzen” der unterschiedlichen Fraktionen beiseite gelegt werden. Hier möchte man gleich kommentieren, dass “Exilregierung” ein Begriff ist, der für eine echte, reale Regierung verwandt wird, welche aus von ihr nicht zu vertretenden Gründen dazu gezwungen war, den Regierungssitz ihres Landes und ihr Land zu verlassen. Wenn dagegen eine Mischpoke aus sinistren oder zumindest undurchsichtigen Typen unter komfortablen und klimatisch angenehmen Bedingungen und für das Geld anderer Länder irgendein Organ bildet, so muss dieses zweifellos irgendwie anders benannt werden als “Exilregierung”. Bestenfalls noch “Schattenkabinett”, auf jeden Fall aber ist diese konkrete “Regierung” von niemandem irgendwohin ins Exil gejagt worden.
      Es ist dann schon ein sekundärer Aspekt, dass bisher alle Versuche, irgendetwas unter “Beiseitelegung aller Differenzen” zu bilden, mit einem leisen “pfft” geendet haben. Oder mit noch unanständigeren Lauten. Das letzte Beispiel dafür ist die Bildung irgendeines vereinigten Militärkommandos der Rebellen, das sich dann angeblich in die “befreiten Territorien” absetzte und seither in der Versenkung verschwunden ist.
      Insofern darf man auch bezüglich der “Exilregierung” skeptisch sein. Dabei geht es nicht einmal um diese Struktur an sich, sondern darum, wer von den tatsächlich in Syrien herumschiessenden Banditen bereit sein wird, sich dieser Struktur unterzuordnen, und was diese “Exilregierung” mit denen macht, die sich ihr eben nicht unterordnen. Falls nichts, warum sollte sich dann überhaupt irgendwer dem Oberbefehl irgendwelcher Typen unterstellen, die nichts mit den Entbehrungen “an der Front” gemein haben.
      Nach einer gebührenden Kunstpause hat auch das Aussenministerium der RF zu erkennen gegeben, dass es diese “Exilregierung” nicht anerkennen wird. Mehr noch, es wird gar nicht erst als ein selbständiges Subjekt akzeptiert. Die Äußerung des russischen Außenministeriums gilt gar nicht so sehr den “Exilanten”, als vielmehr deren Sponsoren:
      Gennadi Gatilow / Aussenministerium der Russischen Föderation
      Niemand scheint sich nämlich indes noch an die politischen Reformen zu erinnern, die von Präsident Baschar al-Assad initiiert wurden. Sie sind natürlich noch nicht abgeschlossen, aber wichtige Meilensteine sind genommen – es gab Wahlen in die regionalen Vertretungen, Parlamentswahlen und es wurde eine neue Verfassung verabschiedet. Und dabei ist ja die Wählbarkeit des Präsidenten, nebst einem Verzicht auf die Festschreibung der Macht der Baath-Partei, wichtigstes Element dieser neuen Verfassung. Früher waren die Wahlen eigentlich nichts weiter als ein Referendum, das heißt, es gab nur einen Kandidaten und man konnte nur dafür oder dagegen sein. Jetzt ist das anders.
      Dabei gibt es in einem solchen System nichts Gutes für Syrien – man sieht sofort, was den Minderheiten dabei droht. Wenn die Mehrheit für ihre Kandidaten stimmt, geht sofort die Balance verloren, deren Garant die Herrschaft der Minderheit war. Und es birgt die Gelegenheit für den Westen und die Golfstaaten, ihre Ziele auf nichtmilitärischem Weg zu erreichen.
      Der gegen Syrien entfesselte Krieg hat die innere Situation bereits an den Rand der Entgleisung gebracht. Die bisherige Politik der Assads hat, durchaus mit einigem Biegen und Brechen, so doch ein relativ stabiles, wenn auch nicht hundertprozentig gerechtes System geschaffen, in welchem die konfessionellen Unterschiede nach und nach verblassten und durch ein Nationalbewußtsein ersetzt wurden. Die Aufgabe solcher säkularen Projekte war die Schaffung eines Volks. Eines syrischen, ägyptischen, libyschen, jemenitischen usw. Volks, damit die Menschen sich zuerst als Syrer und erst in zweiter Linie als Sunniten oder Schiiten definierten. Das ist natürlich eine schweres und langfristiges Unterfangen, das lange nicht in all diesen Ländern wirklich gelungen ist. Und inzwischen sind wir so weit, dass dieses “säkulare Experiment” in Syrien so gut wie gescheitert ist. Zumindest in der derzeitigen Phase. Die Demontage der syrischen Gesellschaft schreitet rapide voran, und selbst im Falle eines Sieges von Assad (je länger die Krise andauert, desto weniger wahrscheinlich ist er) wird es höchst schwer, die Menschen wieder um eine Idee zu sammeln.
      Die politische Reform Assads würde nun unweigerlich dazu führen, dass das nächste Staatsoberhaupt ein Sunnit ist. Und zwar einer, der nicht von den Minderheiten mitgetragen, sondern durch die Mehrheit kraft ihrer Masse durchgesetzt wird. Je länger der Krieg in Syrien weitergeht, desto verhärteter werden die Fronten, und desto mehr Chancen haben radikale Kräfte. Speziell die Salafiten. Wenn der Krieg dagegen nicht mehr lange geht, so wird Syrien das Schicksal Ägyptens wiederholen, wo inzwischen die “gemäßigteren” Moslembrüder an der Macht sind. Eine tunesische Variante, bei der die Islamisten mit einer sehr starken weltlichen Opposition zu rechnen haben, ist für Syrien bereits so gut wie ausgeschlossen. Für Kompromisse und ausgewogene Lösungen ist der Krieg Gift.
      Parlament in Ägypten
      Demokratie im Blut: ägyptisches Parlament
      Sofern salafitische Kräfte an die Macht kommen, gibt es eine “Big Party” in Saudi-Arabien, denn das Königreich setzt ja gerade auf diese. Damit würde das saudische Projekt, Syrien zerfallen zu lassen und ein sunnitisches Territorium daraus zu extrahieren, das sich später in Ruhe nach Osten – in die sunnitischen Gebiete des Irak – ausdehnen kann, triumphieren. Dafür ist ein langgezogener Krieg mit einer zunehmenden Radikalisierung der Bevölkerung notwendig. Der Katar dagegen ist sehr an einem baldigen Sieg über Assad interessiert. Dann würden die radikalen Strömungen nicht zum Gedankengut der Massen werden, und die Kreaturen des Katar bekommen eine gute Chance. In diesem Fall erleiden die Saud noch eine Niederlage im “Arabischen Frühling”, die sich in eine schmerzhafte Fortsetzung ergießen kann: jede Niederlage rüttelt an der herrschenden Elite, und die Saud bilden da keine Ausnahme. Der Katar verfolgt nicht nur seine geoökonomischen Ziele, sondern strebt auch eine Stellung als Hauptakteur im Nahen Osten an. In diesem Zuge ist die Zerrüttung des benachbarten Königreichs durchaus eines der Ziele des ambitionierten, voluminösen Emir.
      Das ist auch der Grund dafür, dass Emir Al-Thani aggressiver auftritt als die Saud. Er ist der Vertreter der Hernagehensweise, die ein “Friedenskontingent”, bzw. die militärische Einmischung “arabischer Staaten” vorsieht. Demnach ist es wohl Katar, von wo aus Anschläge auf die syrische Führungsebene finanziert und koordiniert werden.
      Für die Amerikaner ist es derweil relativ egal, wer in Syrien “King of the hill” wird: beide Varianten sind akzeptabel. Mit beiden Varianten lässt sich die US-amerikanische Außenpolitik im Nahen Osten vereinbaren. Von daher auch keine direkte, sichtbare Einmischung in der derzeitigen Phase.

      Grüne Legenden

      Ali Seidan, Ministerpräsident LibyensIn Libyen wurde vom Parlament die neue Regierung bestätigt. Das sieht nach einer recht normalen und ins Langweilige tendierenden Meldung aus, allerdings steht dahinter ein schwer erkämpfter Sieg von gegen den Einfluss des Katar arbeitenden Kräften der neuen Elite des Landes. Was im Kontext der ganzen Opferländer des “Arabischen Frühling” noch bemerkenswerter ist: es handelt sich dabei im Wesentlichen um Kräfte, die sich in keiner Weise aktiv religiös positionieren, sprich: weltlich sind. Interfax zitiert dabei den neuen libyschen Premier Ali Seidan mit den Worten, der neuerliche Erfolg bei der Regierungsbildung komme daher, dass “die Balance in einer gleichmäßigen geographischen Vertretung der unterschiedlichen Regionen” gefunden wurde, damit man so “die früheren Fehler” vermeide.

      Nur am Rande: es ist eine andere Sache, dass wieder einige Ministerposten beanstandet wurden. Unter den Ministern der neuen Regierung ist übrigens Sami Mustafa Al-Saadi, ein Kumpel von Abdel Hakim Belhadsch, als “Minister für Märtyrer und Vermisste”.

      Es hat erst einmal mehr Sinn, sich auf den vom Premier zitierten Inhalten von “Balance” und “frühere Fehler” zu konzentrieren. Der frühere Premier Schagur ist genau daran gescheitert, dass er keine Balance, sondern seinen Willen (natürlich nicht seinen, sondern den der Sponsoren) gegen die Interessen der Stämme und Regionen durchsetzen wollte. Wenn man ein offenkundiger Vertreter pro-katarischer Gruppierungen bzw. der Salafiten ist, hat man es selbstredend schwer, innerhalb der zahlreichen Stämme eine Balance zu finden. Es ist offensichtlich, dass die Stämme die Aktivität solcher Gruppierungen ohne jeden Enthusiasmus registrieren.

      Damit nicht genug. Die jüngsten Ereignisse in Bani Walid sehen unter diesem Aspekt auch ein wenig anders aus, als man gewohnt ist, darüber zu hören. Fakt ist, dass die Misurata-Brigaden brutal und rücksichtslos auch unkonventionelle Waffen gegen die Stadt einsetzten, alles Lebendige beschossen, ohne groß danach zu fragen, wer oder was das ist – deshalb auch die enormen Opferzahlen unter den Zivilisten. Ohne diese Banden rechtfertigen zu wollen, kann man nur bitter anmerken, dass eine Revolution generell keine Angelegenheit ist, die ohne viel Blut abläuft oder in deren Zuge “humanistischere” Zeiten eintreten.

      Wichtiger anzumerken ist, dass es der Premier war, der den Befehl gab, die salafitischen Gruppierungen aus der Küstenregion zurückzudrängen. Damit waren zwei Aufgaben ins Auge gefasst worden: einerseits die Befreiung der Küstenregion aus den Händen von nicht zu kontrollierenden Banden und andererseits sollten damit die pro-katarischen Kräfte ihres paramilitärischen Machtarguments beraubt werden. Die Einsätze gegen die salafitischen Gruppierungen gab es auch vorher schon – realisiert in erster Linie durch die Misurata-Brigaden – allerdings beteiligen sich nun auch Regierungstruppen daran.

      Und das ist der Punkt: eine gewisse Zahl dieser salafitischen Einheiten zog sich nach Bani Walid zurück. Selbstverständlich, ohne die Bewohner um Erlaubnis zu fragen, welche sich ohnehin wohl noch nicht von den schrecklichen Ereignissen des vergangenen Jahres erholen konnten. Eine der Salafitenbrigaden wurde überhaupt erst in Bani Walid ins Leben gerufen. Zu Gesprächen mit dieser wurden demnach die Gaddafi-Mörder gesandt, und von diesen ist der halbstarke Spinner, der mit der goldenen Pistole des Oberst posierte, dann auch erledigt worden. Die Sache ist ja die. Man kann schon jung und dumm sein, das gibt es. Aber nur ein vollendeter Idiot begibt sich in eine Stadt, die von Leuten bewohnt wird, deren Blutrache man verfallen ist. Da er sich also dahin begeben hat, wird er wohl sicher gewesen sein, dass ihn dort wahrscheinlich niemand des Gaddafi-Mordes wegen etwas anhaben wird. Mehr noch, Ben Schabaan muss sich eigentlich sicher gewesen sein, dass die Sache glimpflich ausgehen wird.

      Das ist sie denn wohl, die ganze traurige Geschichte dieser unglücklichen Stadt Bani Walid. Angegriffen wurden dort nicht so sehr irgendwelche vermeintlichen “Gaddafi-Anhänger”, sondern salafitische Kommandos, die sich dort verschanzt hatten. Die unglaubliche Brühe in den Köpfen und auf Internet-Portalen von fernen Aktivisten, plus Aufnahmen aus Sirte vom vergangenen Jahr, wo noch die grünen Fahnen wehten, dazu die Mär vom abermaligen Tod des Khamis Gaddafi und des Moussa Ibrahim – Geschichten, die übrigens von der neuen libyschen Regierung verbreitet worden sind: wozu wohl? – all das ergab zusammen ein Bild, in dem ein “grüner Widerstand” heldenhaft gegen die Feinde Gaddafis kämpfte. Allein so war es wohl kaum.

      Al-Kaida im Maghreb

      Wenn diese nach Ockhams Rasiermesser doch recht nahe liegende Annahme einigermaßen zutrifft und die Agenda so weitergeht, so werden wir bald Nachrichten vom heldenhaften Widerstand sich plötzlich irgendwoher materialisierter Gaddafi-Anhänger in Sabha hören. Auch dort haben sich nämlich in den vergangenen Monaten die Salafiten und, wie man hört, Einheiten der libyschen AQMI befestigt. Und auch mit denen muss der neue Premier über kurz oder lang etwas unternehmen, anders gesagt, bald werden wahrscheinlich wieder neue „grüne Legenden“ kursieren. Und irgendwann, wer weiß, kommen vielleicht auch endlich die zigtausend Tuareg an, die sich im vorigen Jahr irgendwo in Luft aufgelöst haben.