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Odessa. Ein Jahr später

Liebe Leser,

am heutigen Tage, dem 2. Mai 2015, jährt sich das Massaker in Odessa zum ersten Mal, welches im folgenden Video schön zusammengefasst ist:

Wir erinnern uns: Antimaidan-Aktivisten hatten im Kulikowo-Park vor dem Gebäude ein Zeltlager aufgestellt, demonstrierten (im Gegensatz zum Euromaidan) friedlich für eine Föderalisierung der Ukraine und gegen die in Kiew (was Fakt ist) durch einen Putsch an die Macht gekommene Junta.

Zum Thema, einschließlich der grausamen Details, ist eigentlich alles gesagt worden.

odessa_20140502Die Unklarheiten zu diesem Ereignis, seines Ablaufes und seiner Akteure, sind minimal, die Beweislast gegenüber dem Mob, der den von Oligarchen kontrollierten Fußballklubs und dem Euromaidan treu ergeben war, erdrückend, und die Involvierung hochrangiger Mitglieder des neuen Regimes (beispielsweise Andrej Parubij, der sich am gleichen Tag in der Stadt aufhielt) ebenso wahrscheinlich wie die Vermutung, dass das Massaker vorab geplant war, denn woher hätte der Mob auf die Schnelle sich die Waffen und das Benzin besorgen sollen, wäre es lediglich eine bedauernswerte Eskalation eines Zusammenstoßes von entgegengesetzten Demonstranten gewesen, wie seitdem behauptet wird?

Das Verhalten zweier Akteure nach diesem Massaker verdient eine besondere Erwähnung:

Die Junta und der ihr unterstellte Sicherheitsapparat kehrte Täter- und Opferrollen um. Jene Polizeieinheiten, die sich sehr zaghaft am Anfang der Katastrophe sich dem Euromob in den Weg gestellt hatten, wurden dafür scharf angegriffen und verfolgt, ebenso über hundert der Antimaidananhänger, die es geschafft hatten, das Massaker zu überleben, und daraufhin eingesperrt wurden.

Tikrit

Es geht wieder vorwärts

Nachdem die irakische Armee (im Verbund mit zahlreichen, vor allem schiitischen Milizen) vor 10 Tagen eine Offensive zur Rückeroberung von Tikrit begonnen hatte, erzielt sie nun außergewöhnlich schnelle Erfolge. Zur Stunde dringt sie nach eigenen Angaben in die von drei Seiten umzingelte Stadt ein, stößt auf recht geringen Widerstand, wird jedoch von zahlreichen Sprengfallen verlangsamt.

Die Dynamik ist hierbei nur einer von mehreren Hinweisen, dass sich sowohl in der Innen-, als auch Außenpolitik des Iraks einiges getan hat.

Rückblick

IS-Staatsräson: Grabschändung in al-Qa'im,  Provinz Anbar (Irak); via @ajaltamimi

IS-Staatsräson: Grabschändung in al-Qa’im, Provinz Anbar (Irak); via @ajaltamimi

Die Terrororganisation hatte, wie hier allseits bekannt, im Juni letzten Jahres die irakische Armee überrumpelt und binnen Tagen mehrere Großstädte eingenommen, von denen Mosul (erobert am 10.06.) und Tikrit (erobert am 11.06.) die bedeutendsten sind.

Ob, oder vielmehr inwieweit und wie sehr außenpolitische Akteure wie die USA, Israel, Saudi-Arabien, die Türkei, Katar und Jordanien darin verwickelt waren, sei erst einmal dahingestellt.

Aus meiner Sicht ist der einem Dammbruch sehr ähnliche Vormarsch der späteren IS ohne massive Aufklärung und Koordination mit zahlreichen sunnitischen Stammesführern kaum zu erklären, und es hat auch ein Geschmäckle vom Irakkrieg 2003, als zahlreiche Offiziere bestochen worden waren. Größere Kämpfe, vor allem um Bagdad, blieben daher auch damals aus.

Diese Verschwörungstheorie gilt umso mehr, wenn man die Berichterstattung der westlichen Journaille über die russische Invasion im Donbass als Maßstab nimmt, wo die Krise vergleichsweise gemäßigt und nachvollziehbar eskalierte.

Aber da die Realität in beiden Fällen weitaus komplexer ist, die schwer definierbaren Interessen der oben genannten Staaten sich bei weitem nicht immer überschneiden und zahlreiche Akteure alles andere als durchschaubar agieren, sei diese Frage ausgeklammert.

Tatsache ist, dass der Vormarsch von ISIS auf starker Unterstützung ortsansässiger sunnitischer Stämme fußte, und die irakische Zentralregierung tat sich mit Gegenoffensiven ins feindliche Territorium lange Zeit sehr schwer.

Paradigmenwechsel

Dies scheint sich jedoch mittlerweile geändert zu haben, und es gibt viele Indizien, dass diese Stämme ein weiteres Mal die Seite gewechselt haben, was wiederum einen gewissen Paradigmenwechsel im innerirakischen Machtgefüge bedeuten muss, auch wenn die Offensive vor allem von schiitischen Kräften getragen wird.

Eine Geste für die Soldaten

Die Ereignisse haben sich in Novorossiya und der Ukraine in den letzten Tagen überschlagen, vor allem, was die militärische Perspektive angeht. Fangen wir mit einem Ereignis an, das den meisten Lesern hier durch Märchenschau und Konsorten ohnehin schon bekannt ist, nur vielleicht die Bedeutungsschwere nicht.

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Am Sonntag den 24. beging die Ukraine ihren („Un“)abhängigkeitstag mit zwei Paraden.

Die eine fand in Kiev statt, wo mit überbordenden Kosten zu rechnen ist, die sich aber für die Junta nicht zuletzt mit Hinblick auf das eben aufgelöste Parlament und den baldigen Neuwahlen rechnet, denn Patriotismus wird durch solche Gesten etwas länger getragen. Für den Staatshaushalt hingegen spielt das ganze wiederum ebenfalls keine Rolle, denn früher oder später wird es ohnehin zum Bankrott kommen.

Kritik wurde von der Statthalterschaft damit widerlegt, dass diese Parade keine Parade sei, sondern eine Geste für die Soldaten, und dass die Fahrzeuge, so Poroshenko, danach die Straßen direkt weiter runter bis zum Bürgerkriegsgebiet fahren würden. Müssen sie auch, sofern die Quellen stimmen, die davon erzählen, dass diese dringend benötigte Militärtechnik vorher von der Front abgezogen worden war.

Die zweite Parade ukrainischer Truppen fand in Donezk statt, und obschon sie in einem bescheideneren Rahmen stattfand, hat es geschafft die Demonstration von Stärke in Kiev gehörig zu vermasseln, indem Soldaten, Nazigardisten und sonstige Paramilitärs gefesselt durch die Straßen geführt wurden, gefolgt von Waschfahrzeugen, die danach die Straßen in Anspielung auf die Moskauer Juliparade 1944 säuberten.

Bei einer derart humorvollen Aktion kommen einem da viele Witze in den Sinn. So scheint es das erste Mal zu sein, wo Poroschenko Wort gehalten hat, und das ausgerechnet mit freundlicher Unterstützung durch die sog. „Separatisten“. Er hatte nämlich vor einigen Wochen angekündigt, in Donezk eine Parade zum Unabhängigkeitstag abhalten zu wollen.

Medienreaktion auf Gefangenenparade in DonezkMan könnte auch damit argumentieren, dass die Bestrafer für all ihre geleisteten Mühen, die Stadt zu erreichen, doch zumindest eine Stadttour verdient hätten. Und die Milizen so nett gewesen sind, diese mit Wegführung zu leisten.

Westliche Medien jedoch haben erwartungsgemäß weitaus strenger reagiert, denn die Zurschaustellung der Kriegsgefangenen, so das einstimmige Urteil aller Massenmedien von Welt über FAZ bis Spiegel, ist ein Verstoß gegen die Genfer Konvention. Dass keine der beiden Volksrepubliken bisher diese Deklaration unterzeichnet haben, wird dabei übersehen, und ironischerweise finden sich in den gleichen Artikeln sehr unaufgeregte Meldungen über die zeitgleiche Bombardierung von Donezk (einschließlich eines Krankenhauses), ohne auf den offensichtlichen, weitaus schwerwiegenderen Verstoß gegen die Genfer Konvention zu verweisen, denn Bevölkerung (Zusatzprotokoll I.) und Krankenhäuser (Genfer Abkommen I.) stehen unter besonderem Schutz und die Terrorisierung und Ermordung dieser sind Verbrechen wider Moral und Menschlichkeit.