Beiträge mit Tag ‘ägypten’

Wochenschau, Folge 45

Barack Husseinowitsch Obama
Der aktuelle Wochenrückblick widmet sich ganz den bekannten Interaktionen zwischen „Al-Kaida“ und den Vereinigten Staaten von Amerika. Angemerkt sei, dass es wohl noch nirgends Klarheit gibt, wer konkret hinter dem Film „The Innocence of Muslims“ steckt; es gibt verschiedene Theorien. Webster Tarpley hat eine (Dank an Jörg für den Hinweis), die Kollegen aus Russland, die für diese Wochenschau inhaltlich verantwortlich sind, haben eine andere.
Es gibt in dieser Folge zwei inhaltliche Schnitzer: m.W. finden die US-Präsidentschaftswahlen am 04., nicht am 06. November statt und das bei 06:44 gezeigte Bleichgesicht neben dem Leichnam von Oberst Gaddafi ist nicht Christopher Stevens. Das ist hier bekannt. Nichtsdestotrotz, es sei ein frohes Anschauen gewünscht nebst der Bitte, das Video bzw. die Folge zu verbreiten, wenn es Anklang findet.
Video(s) sind eingebettet, der Vollständigkeit halber und zum Nachlesen für Youtube-geblockte Umgebungen findet sich der Text darunter.

Die vergangene Woche wird durch eine ungeheure Provokation in die Geschichte eingehen, die zur Ursache antiamerikanischer Proteste in der ganzen Welt wurde und für dutzende Menschen den Tod für politische Interessen bedeutete. Wir haben die Vorgänge sorgfältig beobachtet und können euch nun eine schrittweise Analyse der Situation präsentieren, die alle Ereignisse an den rechten Ort rückt.

Wir wollen vorausschicken, dass einige Bilder in dieser Folge zu grausam für Frauen, Kinder und sensible Zuschauer sein könnten.

Misslungene Allianz

Die Woche begann mit einer hochinteressanten Nachricht: am Vortag des Jahrestages der Tragödie vom 11. September haben radikale Islamisten, wie auf Bestellung zu einem schönen Datum, der USA und den Westländern einen Waffenstillstand angeboten. Die Initiative ist von zwei Todfeinden der USA ausgegangen – der “Al-Kaida” und den Taliban. Dabei waren die Bedingungen des Waffenstillstands durchaus annehmbar. Die “Al-Kaida” forderte im Austausch für das Einstellen von Terrorangriffen die USA dazu auf, sich nicht weiter in die Angelegenheiten islamischer Staaten einzumischen und gefangene Dschihadisten auf freien Fuss zu setzen. Die Taliban stellten analoge Bedingungen, haben aber ihrerseits noch dazu angeboten, die wichtigsten Militärbasen der USA in Afghanistan zu akzeptieren.
Am 6. November sind in den USA Präsidentschaftswahlen. Viele haben das Angebot der Islamisten als eine gute Chance für Obama gewertet, mit einem Schlag alle schwelenden Kriege zu beenden und dabei gleichzeitig Alliierte zu gewinnen, welche die Interessen der USA in den islamischen Ländern verteidigen. Doch lasst uns einmal darauf schauen, wer genau denn da mit dem Friedensangebot aufgetreten ist.
Von Seiten der “Al-Kaida” war das Mohammed al-Zawahiri, der Bruder des derzeitigen Al-Kaida-Führers Ayman al-Zawahiri, der an die Stelle von Osama bin Laden getreten war. Über Mohammed al-Zawahiri ist bekannt, dass er 14 Jahre seines Lebens in ägyptischen Gefängnissen verbracht hat und erst dank der Revolution vom vorigen Jahr die Freiheit erlangte. Er besitzt keinerlei Einfluss auf die Politik der “Al-Kaida”. Niemand aus der Organisation, auch nicht sein Bruder, haben seine Vollmachten, mit solchen Initiativen aufzutreten, auch nur auf irgendeine Art bestätigt. Mit anderen Worten, das Angebot scheint nach einer ersten Prüfung nicht wirklich ernstzunehmen zu sein.
Mit den Taliban ist die Lage noch nebulöser. Die Information über das Waffenstillstandsangebot tauchte in britischen Medien auf, die sich auf ungenannte Quellen in der Bewegung berufen. Angeblich meint ein Teil der Taliban, dass ein Friede möglich sei, will dabei aber nicht namentlich genannt werden. Mit anderen Worten, die von den Medien verbreitete Information über einen bevorstehenden Waffenstillstand ist zumindest zweifelhaft. Doch ihren Effekt hat sie gehabt – in den Augen der Bürger des Westens kamen die Führer der Feinde Obamas zu Kreuze gekrochen, um ihn um Frieden zu bitten.
Wir hatten allerdings gleich gesagt, dass es keine Waffenruhe geben wird. Zitat:

„Es genügt, sich vor Augen zu führen, dass das beiweitem nicht der erste Verhandlungsversuch ist. Aus irgendeinem Grunde passierten immer, wenn die Verhandlungen ein wenig in Gang kamen, irgendwelche Zwischenfälle, die den weiteren Verlauf der Verhandlungen unmöglich machten. Mal sprengt bin Laden etwas in die Luft, mal pinkeln US-Marines auf die Leichen getöteter Taliban oder zünden einen Koran an. (“Terroristen bieten Obama Waffenstillstand an. PR oder Legalisierung?”, odnako.org, 11. September 2011)

Als hätten wir’s geahnt. Schon am nächsten Tag wurde die Welt von einer Welle antiamerikanischer Proteste erschüttert, die mit der Veröffentlichung eines Trailers zu einem die religiösen Gefühle der Moslems verletzenden Film zusammenhingen. Es geht um den Trailer zum Film “The innocence of muslims”. Der Film stellt den Propheten Mohammed in einem äußerst ungünstigen Licht dar. Solches einem militanten Islamisten vorzuführen ist genau das selbe, wie ihm einfach Unrat an den Kopf zu werfen..
Inzwischen ist vollkommen klar, dass dieses Video eine vorbereitete Provokation gewesen ist. Urteilt selbst, das Video war bereits seit 3 Monaten im Netz, wurde allerdings erst jetzt ins Arabische übersetzt und genau am 11. September, nach der Information über das Waffenstillstandsangebot, unter Moslems verteilt. Man muss nicht allzu schlau sein, um die Reaktion darauf vorauszusehen. Wer als Kind einmal Hefe ins Klo geschmissen hat, kann sich vorstellen, wie die Sache ausgehen musste.
Übrigens ist der Film, dem Trailer nach zu urteilen, in jeder Hinsicht eine geistlose Billigproduktion. Nach dessen Erscheinen konnte man unter anderem lesen, dass sein Budget nur 5 Millionen US-Dollar betrug und er von mysteriösen “100 Juden” finanziert wurde. Das heißt, jeder dieser mysteriösen Juden spendete dafür 50.000 Dollar. Es ist klar, dass die Juden kein wohlhabendes Volk sind, mehr konnte man sich einfach nicht leisten.
Doch was den Nutzen angeht, haben sich die Investitionen absolut gelohnt. Um die Sache noch etwas hervorzuheben, wurde die Information verbreitet, der berüchtigte Pastor Jones hätte Teil an der Schaffung des Streifens. Das ist der Provokateur, der auch früher schon den Koran an den Pforten seiner Kirchgemeinde verbrannt hatte. Damals kam es im Nachhinein zu Massenprotesten in Afghanistan, die bis zu 100 Tote zur Folge hatten.

Die Revolution frisst ihre Väter

Die günstig plazierte Hefe fing also an zu brodeln. Erst kam es zu Unruhen in Ägypten. In Kairo brach eine Menge an Demonstranten zur US-Botschaft durch, verbrannte Flaggen der USA und hisste an ihrer Stelle das schwarze Banner des Islam.
Zur gleichen Zeit kam es zu weit dramatischeren Ereignissen im libyschen Benghazi. Benghazi gilt als die Hauptstadt der letzten libyschen Revolution. Heute gibt es verschiedene Versionen der Trägodie, die sich dort ereignet hat. Wir wollen versuchen, die Chronologie der Ereignisse anhand unserer Quellen wiederherzustellen.
Schon am Dienstagabend wurde die US-Botschaft in Benghazi von einer Menge belagert, die gegen das erwähnte Video protestierte. Es flogen Steine auf das Gebäude, woraufhin die Wache das Feuer auf die Demonstranten eröffnete. Die Menge wich zurück, allerdings begann ein paar Stunden später die zweite Welle der Angriffe. Doch nun waren die Leute nicht mit Steinen, sondern mit schweren Schusswaffen ausgestattet. Das Gebäude geriet unter Granatwerferbeschuss und begann zu brennen. Die Menge brach auf das Botschaftsterritorium durch, wo sie sich des Botschafters Christopher Stevens bemächtigte. Den Diplomaten ereilte das traurige Schicksal Gaddafis – die wahnsinnig gewordene Menge mißhandelte und tötete ihn, man schleifte seine Leiche dann unter Jubelrufen durch die Straßen.
Angemerkt sei, dass Christopher Stevens eine wesentliche Rolle beim Sturz der Regierung unter Gaddafi spielte. Er war der Koordinator der ersten Luftangriffe und war voll von überschwenglichen Gefühlen gegenüber den jungen demokratischen Kräften in Libyen.

Ich hatte die Ehre, während der Revolution als Vertreter Amerikas bei der libyschen Opposition zu dienen, habe mit Begeisterung beobachtet, wie das libysche Volk seine Rechte verteidigt. Nun bin ich sehr glücklich, wieder nach Libyen zurückzukehren, um die große Arbeit weiterzuführen, die wir angefangen haben…

Doch zurück zur Botschaft. Außer Stevens ist bei dem Angriff noch ein weiterer Amerikaner getötet worden, die anderen konnten an einen geheimen Ort fliehen. Allerdings haben sich die Angreifer der Botschaftsarchive bemächtigt, wo es auch Informationen zu diesem geheimen Ort sowie auch Listen aller Treffpunkte und US-Agenten in Libyen gab. Die libyschen Machthaber konnten den Schutz der Amerikaner oder ihre Evakuierung nicht gewährleisten. Die Geflohenen mussten sich also wieder zur Wehr setzen, solange die Machthaber darum bemüht waren, eine Transportmöglichkeit für ihre Evakuierung zu organisieren. Es starben weitere zwei US-Marines, wobei angemerkt wird, dass die Attacke höchst professionell ausgeführt wurde. Lediglich eine amerikanische Sondereinheit konnte ihre Landsleute schließlich evakuieren.
Als die Lage sich entspannte, folgte die Reaktion des Weißen Hauses. Obama entsandte zwei Kriegsschiffe an die libysche Küste. Über Benghazi wurde eine lokale Flugverbotszone errichtet. Ganz genau, wie bei der vergangenen Revolution. Schon in der ersten Nacht danach haben Unbekannte versucht, amerikanische Drohnen, die über der Stadt kreisten, vom Himmel zu holen. Es kam zu weiteren Schießereien in Sirte und zu Explosionen in Tripolis. Eine Einheit der Navy Seals ging in Libyen an Land, um Anti-Terror-Einsätze durchzuführen. Wahrscheinlich werden wir in den kommenden Tagen Zeugen von US-Angriffen auf vermeintliche Terroristenlager in Libyen werden.

Ergebnisse und Folgerungen

Zu allen Zeiten wurde Mord an Botschaftern als Kriegserklärung gegen den Staat gewertet, der von diesem Botschafter vertreten wird. Hier ist es wichtig zu verstehen, wer genau Stevens umgebracht hat. Es gibt unzählige Versionen. Von unbekannten Gaddafi-Anhängern bis zu lokalen Vollidioten, die einfach aus Spaß morden und brandschatzen. Die USA verkündete, eine sorgfältige Untersuchung in die Wege zu leiten und die Schuldigen zu bestrafen. Mit großer Wahrscheinlichkeit kann man vermuten, dass die Schuldigen letztendlich als “Al-Kaida” identifiziert werden.
Wir wollen uns nicht im Detail bei den Protesten aufhalten, von welchen die gesamte islamische Welt erfasst wurde. Angemerkt sei nur, dass großangelegte Protestaktionen an den US-amerikanischen Botschaften in Ägypten, Jemen, Tunesien, im Kaschmir, in Pakistan, Sudan, Marokko, Katar, im Irak, Iran und vielen anderen Ländern abliefen. Die Zahl der Verletzten kommt nahe an die Tausend heran, es gab Dutzende Tote. Barack Obama entsandte Spezialeinheiten an die heißesten dieser Orte – in den Sudan und nach Jemen. In Afghanistan überfielen die Taliban eine US-Militärbasis und töteten zwei Marines.
Die wichtigste Folgerung – es kann keinerlei Waffenstillstand zwischen den Islamisten und dem Westen geben. Es bleibt ein Rätsel, wer hinter der Organisation der ganzen Sache steckt. Bekannt ist aber, dass zum Beispiel die Botschaft in Libyen Warnungen vor bevorstehenden “Aktionen” bekommen hatte, noch bevor das provokative Video auftauchte. Wenn man sich das Prinzip von Ermittlern zueigen macht und danach fragt, wem die Sache genützt hat, so ist das zweifelsohne Barack Obama. Ein besseres Geschenk konnte man ihm vor den Wahlen gar nicht machen.
Erst kamen die Islamisten auf Knien zu ihm gekrochen und bettelten um Frieden. Aber Obama braucht diesen Frieden nicht, deswegen demonstrierte die grandiose Provokation sogleich die Haltlosigkeit eines solchen Angebots. Wie sollte sich Amerika auch mit den Mördern seiner Botschafter anfreunden? Dafür konnte Obama die Härte demonstrieren, deren Mangel sein Konkurrent Mitt Romney an ihm kritisierte. Die Kriegsschiffe, die Sonderkommandos in der ganzen Welt – das nun ist typisch amerikanisch. Außerdem gelang es Obama, die Aufmerksamkeit seiner Bürger mit einem Fingerschnippen von inneren Problemen auf äußere lenken. Er ist außerstande, die inneren Probleme, solche wie das Wachsen der Auslandsverschuldung, die Arbeitslosigkeit usw. zu lösen, aber eine Kampfshow mit der unsichtbaren “Al-Kaida” inszenieren – das geht. Und nun klingt das Statement Mitt Romneys darüber, dass der Hauptfeind der USA nicht die Terroristen sind, sondern Russland, geradezu lächerlich. Lächerlich klingen auch seine Behauptungen, Obama sei zu weich und zu entschlossenem Handeln unfähig.
Kurz gesagt, bis zum 6. November erwartet uns eine unterhaltsame Show für die amerikanischen Wähler, der eine noch unbekannte Zahl weiterer Menschen in allen Teilen der Welt erliegen wird. Was soll’s, die amerikanische Politik fordert eben Opfer.

Wochenschau, Folge 42

Al-Humurun-Mudschaheddin in Syrien
Al-Humurun-Mudschaheddin in Syrien

Themen sind diesmal Syrien inkl. Chemiewaffen, der Wahhabismus in Russland (Nordkaukasus und Wolgagebiet), Ägypten sowie – zurück in Syrien – die erbarmungslose Terrorgruppe Al-Humurun, die in den Kampf gegen „das Regime“ einsteigt.

Dieses russische Projekt kann man sich auch auf Englisch anschauen, hier die aktuelle Folge mehr oder weniger exklusiv in deutscher Sprache. Für Leute „auf Arbeit“ oder mit sonstiger Youtube-Blockade findet sich das Transkript unter dem eingebetteten Video.
Die Lage in Syrien bleibt angespannt. Das liegt aber nicht an den militärischen Erfolgen der Banditen, sondern an der sich zuspitzenden internationalen Situation dazu. In dieser Woche wurde wieder das Thema der chemischen Waffen und einer Militärintervention angestoßen. Wir hatten bereits angemerkt, dass je hoffnungsloser die Lage der Rebellen ist, zu desto radikaleren Schritten der Westen bereit ist. So droht nun Barack Obama selbst mit adäquaten Maßnahmen für den Fall, dass Assads Chemiewaffen “außer Kontrolle” geraten. Darin unterstützt ihn der britische Premier David Cameron. Auch Frankreich schließt sich den Drohungen an, indem es vorschlug, in Syrien eine Flugverbotszone nach libyschem Vorbild zu errichten.
Mit anderen Worten, man bereitet weiter den Boden für eine Provokation mit chemischen Waffen als eine Variante der Rechtfertigung einer ausländischen Invasion vor. Dieses Schema ist nicht neu, aber effektiv. Es könnte zum Beispiel einen Anschlag mit C-Waffen in einer der Städte geben, wonach man den Angriff Assad zur Last legt. Man könnte Attacken der Rebellen auf ein Chemiewaffenlager organisieren und unter dem Vorwand, dieses vor Terroristen zu schützen, eine Militäroperation starten. Egal was, alles scheint recht zu sein, um einen Vorwand für Militärschläge gegen die syrischen Regierungstruppen zu bekommen.
Dabei tauchte auch die Information auf, dass US-Spezialeinheiten auf israelischem und jordanischem Gebiet in volle Bereitschaft versetzt wurden, um eine Operation zur Sicherung der Chemiewaffenlager durchzuführen. Anderweitig bestätigt wurde das allerdings bisher nicht.
Interessant ist noch eine weitere Sache. Mehr und mehr Rebellen in Syrien verzichten auf das Deckmäntelchen der Kämpfer für Demokratie und geben sich offen als islamische Radikale zu erkennen. Dabei erklären sie, dass “Al-Kaida” sie weit mehr unterstützen würde als der Westen, folglich gilt es, mit ihr gemeinsam zu kämpfen. Es ist bekannt, dass die wahhabitischen Einheiten, die in Syrien operieren, durch Söldner aus Libyen, dem Irak, Afghanistan, Jemen und anderen Ländern gestellt werden. Selbst Tschetschenen sind im syrischen Konflikt aufgetaucht. Unlängst wurde in Syrien Rustam Gelajew, der Sohn des tschetschenischen Terroristen Ruslan Gelajew, liquidiert. Sein Vater wurde 2004 von russischen Grenzsoldaten unschädlich gemacht.

Russland: Wahhabitische Internationale

In letzter Zeit macht sich eine Zunahme terroristischer Aktivität im Nordkaukasus, Tatarstan und Kasachstan bemerkbar. Die ganze Woche über wurden Dagestan und Inguschetien von Anschlägen erschüttert. In Tatarstan haben sich drei Islamisten beim Versuch, einen Sprengsatz zu bauen, in einem Pkw in die Luft gesprengt. Einer von diesen mit Namen Asat tauchte bereits in einer unserer Ausgaben auf. Diese Bilder der 39. Folge zeigen eine Demonstration tatarischer Islamisten in Kasan.

Die Leute assoziieren Wahhabiten mit Terroristen. Egal wo man hinkommt, viele drehen sich um und starren, weil man im Fernsehen immer erst bärtige Männer beim Gebet sieht, und dann Explosionen. Leute, die sich nicht auskennen, assoziieren bärtige wahhabitische Männer offenbar deswegen damit. Warum wird eine Schwester mit Kopftuch immer gleich damit assoziiert? Weil die Menschen vom Fernsehen so abgerichtet worden sind.

Unlängst gab es ungeachtet eines Verbots eine weitere Demonstration in Kasan. Als die Polizei daran ging, diese Demonstration aufzulösen, ereigneten sich diese Szenen. (Im Video ab 04:08.)

– Allahu akhbar! Allahu akhbar!…
– Allah, verfluche die Ungläubigen!
– Nur einer soll sprechen…!
– Allah, verfluche die ungerechten Unterdrücker!
– Oh Allah, mögest Du all ihre Intrigen gegen sie wenden!
– Oh Allah, mögest Du all Deine Feinde vernichten!

Es entsteht der Eindruck, dass man hier nicht im Herzen von Russland, sondern in einem Land des “Arabischen Frühlings” ist.
Inwieweit das Erstarken der Wahhabiten in Russland eine Bedrohung ist und wie die Regierung darauf reagiert, soll uns ein Experte kommentieren.
Mit uns verbunden ist Jana Amelina, die Leiterin des Sektors für Kaukasus-Forschung am Russischen Institut für Strategische Forschung.

– Jana, guten Tag! Sagen Sie bitte, besteht derzeit eine Verbindung zwischen den Wahhabiten im Nordkaukasus und denen im Wolgagebiet?

– Sicherlich besteht sie. Und das nicht nur heute, sondern sie funktioniert schon seit einigen Jahren ziemlich gut. Es begann auf rein ideologischem Gebiet, jetzt gibt es Anzeichen dafür, dass es bereits auf der Ebene der Organisation so weit ist. In jedem Fall stand dies früher oder später zu erwarten, und das betrifft nicht nur die Verbindungen zwischen den Wahhabiten des Kaukasus und denen des Wolgagebiets, sondern auch solche mit den Wahhabiten in Zentrasien und anderswo.

– Sagen Sie bitte, hat die Regierung denn nach den Anschlägen in Tatarstan den Ernst der Lage begriffen, oder haben Sie den Eindruck, dass das Problem nach wie vor unterschätzt wird?

– Es entsteht der Eindruck, als hoffe man darauf, dass sich die Sache im Sande verläuft. Man möchte das natürlich nicht glauben, aber der momentane Eindruck geht in diese Richtung. Das hieße, die Regierung nimmt selbst so deutliche Signale nicht zur Kenntnis. Und das ist schon seltsam.

– Womit, denken Sie, hängt das zusammen? Mit bürokratischer Behäbigkeit oder mit Lobbyismus?

– Zweifellos gibt es einerseits Lobbyismus und das Eindringen von Islamisten in die Machtstrukturen und in die Reihen der Sicherheitskräfte. In den vergangenen anderthalb Jahren gab leider es genügend Informationen, dass es sich eben so verhält. Das betrifft sowohl die Ebene der Föderation als auch vielerorts die Regionalebene. Man muss also leider konstatieren, dass es in den Machtstrukturen eine Menge an Leuten gibt, die den Islamisten aus irgendeinem Grund sympathisieren oder die tun, was diese von ihnen wollen.
Mittlerweile hat man den Eindruck von einer direkten Konfrontation zwischen den Islamisten und ihren Gegnern im weitesten Sinn dieses Wortes. Das sind nicht nur Gegner im religiösen Bereich, sondern Menschen, die den Islamismus aus ganz verschiedenen Gründen ablehnen. Aber der gemeinsamen Bemühungen ist es immer noch nicht genug. Ein wenig wundert und schreckt mich diese Situation. Es ist seltsam, dass Menschen, die direkt betroffen sind, die Gefahr einfach nicht erkennen. Von daher die ungünstige Prognose. Diese Jungs aber fürchten sich vor nichts und sind aktiv. Es scheint, als sei diese Seite auf dem Vormarsch und geht zu regulären Aktionen über, so wie zum Beispiel in Tatarstan, wir aber suchen immer noch Antworten auf irgendwelche Fragen. Das heisst, wir rennen der Realität hinterher, was nicht zuletzt angesichts ihres Aktionismus sehr unangenehm ist.

Ägypten: Einen Anfang kennt die Revolution… (ein Ende kennt sie nicht)

Anmerkung: Die Überschrift ist der Refrain eines alten russischen Revolutionslieds.
Wir setzen unsere traditionelle Betrachtung der Länder fort, in denen die “arabische Revolution” gesiegt hat. Diesmal wenden wir uns nach Ägypten. Zur Erinnerung, nach dem Sturz von Hosni Mubarak sind hier die Moslembrüder und Präsident Mohammed Mursi an die Macht gelangt und haben dadurch kolossale Möglichkeiten in die Hand bekommen. Genau dafür haben die Ägypter sich im vergangenen Jahr gegenseitig die Köpfe eingeschlagen, sich Schlachten mit der Polizei geliefert und Schaufenster eingeworfen. Was aber nun?
Ende der Woche kam es in Kairo wieder zu Unruhen. Eine Menge von mit den neuen Machthabern unzufriedenen Menschen hat versucht, zum Präsidentenpalast zu gelangen; sie wurden vom Militär daran gehindert. Kurz zuvor kam es auf dem sattsam bekannten Tahrir-Platz zu regelrechten Zusammenstößen zwischen Sympathisanten und Gegnern des neuen Präsidenten. Das Militär war gezwungen, sämtliche Zugänge zum Innen- und Verteidigungsministerium zu blockieren. Ähnliche Szenen haben sich in Alexandria abgespielt.
Womit sind die Ägypter heute unzufrieden? Vielleicht mit der mißlichen Lage der Wirtschaft. Der “Arabische Frühling” hat diese Probleme nicht nur nicht gelöst, sondern wesentlich vertieft. Keine Hilfe waren auch die fast 6 Milliarden US-Dollar, die Ägypten nach der Revolution als Kredite aufgenommen hat. Die Regierung bittet den IWF nun um weitere 5 Milliarden Dollar, dabei ist das noch lange kein Griechenland. Ungefähr 3 Millionen Menchen leben in Ägypten am Existenzminimum. Das betrifft die Bewohner des nördlichen Nilgebiets, welche früher vorwiegend von staatlicher Unterstützung gelebt haben. Es ergab sich, dass die neuen Machthaber nicht in der Lage sind, das frühere Sozialhilfeniveau aufrecht zu erhalten. Daher gibt es Grund zur Annahme, dass der “Arabische Frühling” in Ägypten noch lange nicht abgeschlossen ist.

Bild der Woche

Auch diesmal haben wir eine Videoaufnahme aus Syrien in die Hände bekommen. Die Sache ist ernst und wir sind nicht zum Scherzen aufgelegt. Diese Bilder wurden uns von Aufklärungsdiensten zugespielt, sie zeugen davon, dass jetzt eine der gefährlichsten Mudschaheddin-Brigaden in den Kampf gegen Assad einsteigt – die “Al-Humurun”.
Ihre Mitglieder besitzen viel Erfahrung von Baustellen in Moskau und Sankt-Petersburg, aus diesem Grunde verbergen sie ihre Gesichter. Wie Sie sehen, sind diese kompromisslosen Regimegegner mit neuesten Schusswaffen ausgestattet: Auberginengranaten, Paprikawerfern und tragbaren Luftabwehrzucchini.
Nach allem, was wir wissen, handelt es sich hierbei um genau jene nicht-lethalen Waffen, die den Rebellen aus Holland geliefert werden.
Zumindest brauchen wir uns hier keine Sorgen darüber zu machen, dass die Freiheitskämpfer die Aubergine falsch herum ins Rohr schieben oder durch Paprika-Querschläger zu Schaden kommen.

Das Fest geht weiter

Durch die Auflösung des Parlaments in Ägypten wird die „revolutionäre Phase“ des Landes verlängert. Wie sich herausstellt, ist das in aller Interesse.


Die ägyptische Militärregierung hatte auf Grundlage eines Beschlusses des Verfassungsgerichts über die Ungültigkeit der Parlamentschaftswahlen das Parlament aufgelöst. Wie es den Anschein hat, sind die Revolutionäre aller Couleur darob erleichtert: die Revolution geht weiter! Das Imperium hat einen Gegenschlag geführt, jetzt ist es natürlich die heilige Pflicht aller Mächte des Guten, sich wieder zu einen und das Böse zu bekämpfen.
Jede Revolution endet gleich: die an die Macht gekommenen Revolutionäre beginnen damit, diese Macht unter sich aufzuteilen. Und dabei gibt es immer mehr Revolutionäre als Posten mit genügend Macht, dass die Revolutionäre damit zufrieden wären. Das verstehen die professionellen Revolutionäre und mit ihnen assoziierten Laien aus den zu friedlichen Zeiten Gescheiterten auf instinktiver Ebene, und deswegen gibt es das Bestreben, die Revolution zu einer permanenten Erscheinung zu machen.
Ägypten bildet hier keine Ausnahme. Die Moslembrüder haben wirklich wenig Lust darauf, Verantwortung für die Routinearbeit an der Macht zu übernehmen. Das liegt unter anderem auch daran, dass der Staatsapparat und diejenigen, welche mit den vorigen Machthabern kooperierten, von ihnen zu Feinden erklärt worden sind. Wer soll sich denn zum Beispiel in Zukunft mit der Verfolgung von Kriminellen beschäftigen? Revolutionskomitees können bis zu einem bestimmten Zeitpunkt Polizeikräfte ersetzen, genau wie das revolutionäre Bewusstsein in den „heißen Phasen“ anstelle eines Straf- oder Verwaltungsgesetzes stehen kann. Aber das geht nur eine kurze Zeit. Danach muss man so oder so neue Polizeikräfte bilden, mit bisher noch unklaren Prämissen diverse Gesetze machen – woher nimmt man nur die dazu nötige Zahl an halbwegs alphabetisierten Revolutionären?
Mit der Wirtschaft ist es genau die selbe Sache. Es braucht Profis, die nicht nur das Rechenbrett beherrschen. Von diesen sind aber alle „Funktionäre“ des weggeputschten Regimes gewesen. Verdächtige Elemente. Man müsste hinter jedem von ihnen einen bewaffneten Revolutionär postieren, um aufzupassen, dass er der Sache der Revolution keinen Schaden zufügt. Da haben wir auch schon das Problem: woher weiß der illiterate Arabische Frühlingsspross, in welchen Fällen dieser Agent der Mächte des Bösen für die Sache des Volkes wirkt, und in welchen er ihm schadet? Zahlen sind doch alle gleich unverständlich.
Mit anderen Worten, die Erleichterung, mit der man die Entscheidung der ägyptischen Interimsführung aufgenommen hat, ist vollkommen verständlich und begründet. Man will einfach noch eine Weile weiterleben, bevor ein beudetender Teil der Revolutionäre die bekannte Maxime von Revolutionen, diese verspeise ihre Kinder, mit voller Wucht am eigenen Pelz spürt.
Das Vorgehen der Militärregierung ist genauso verständlich – ihnen gefallen die Revolutionäre und die nach Macht strebenden Spinner einfach nicht. Sie können dagegen freilich nichts tun – man wird ihnen nicht länger gestatten, die Geschicke des Landes zu leiten, ganz abgesehen davon, dass sie dafür nicht ausgebildet sind. Alle Querulanten hinzurichten ist auch schlecht möglich. Also gibt es neue Wahlen. Die Bevölkerung ist in dem Jahr seit Beginn der Unruhen vom Chaos und der Flut der Ideologien und Ideen moralisch schon vollkommen aufgezehrt, sie will einfach nur irgend eine Stabilität und sehnen sich deshalb nach einer starken Hand – auch wenn die Zeit der „Dinosaurier“ vorbei zu sein scheint und an ihre Stelle in der ganzen Welt gesichtslose Räte, Politiker und „Demokraten“ treten, deren Verantwortung nach wenigen Jahren zu Ende ist. Die Losungen von Brüderlichkeit und gemeinsamem Glück werden am Ende des Trubels gewöhnlich und irgendwann auch beiseite gelegt – der Mensch lebt zwar nicht nur, aber doch auch vom Brot.
Eine starke Hand bräuchte aber Profis, ganz ungeachtet der zweifelhaften Vergangenheit. Und an dieser Stelle können die Militärs Führungspersönlichkeiten aus dem verblichenen Regime gut gebrauchen.
Die auswärtigen Teilnehmer dieses ägyptischen Spektakels – die diversen Vereinigten Staaten, Katars und Saudi-Arabiens, die sich ihre Hände am Feuer der ägyptischen Revolution wärmen – können auch vollauf zufrieden sein: das Chaos geht weiter. Das starke und einige Ägypten verdampft vor den Augen der Welt, wird durchgeschüttelt und homogenisiert, bis es eine arme und zu allem Übel bereite Masse darstellt.
Die Auflösung des Parlaments entspricht also dem Interesse aller Beteiligten. Deshalb sagen auch alle Akteure dem weisen Marschall Tantawi Dank und freuen sich auf die Fortsetzung des Banketts.