Beiträge mit Tag ‘eu’

Katerfrühstück, Teil 5

5. Ausblick: Dark Future

Paradoxerweise ist nun die durchaus gut mit finanziellen, personellen, administrativen, Lobby und anderen Ressourcen ausgestattete Struktur von Gazprom vollkommen hilflos, wenn es um Aufklärung und die Auswirkungen politischer Prozesse auf die Marktentwicklung geht. Also im Bereich der strategischen Marktanalyse.

Kaum zu erklären ist das alljährlich zum Jahreswechsel wiederkehrende Schauspiel, wenn die „plötzlichen“ Manöver der ukrainischen Regierung die Bosse von Gazprom dumm aussehen lassen. Es scheint keinerlei Vorbeugungsmaßnahmen zu geben – immer nur Reaktionen auf Entwicklungen. Das kann nur bedeuten, dass es keinen gut funktionierenden betrieblichen Aufklärungsdienst und keine ordentlichen analytischen Prognosen zu geben scheint.

Ganz im Gegensatz dazu scheint’s mit der Gegenaufklärung bei Gazprom zu stimmen. Jedenfalls gibt es keine Schlagzeilen mit irgendwelchen „Leaks“, niemand aus der Führungsriege wechselt zur Konkurrenz, und im Unternehmen selbst gibt es Maßnahmen gegen von außen hineingesandte Spitzel, gegen Plauderer und so weiter. Das ist eigentlich nicht verwunderlich, der Sicherheitsdienst von Gazprom rekrutiert sich aus ehemaligen Mitarbeitern von staatlichen Sicherheitsstrukturen, Personenschutz und Geheimdienstlern, die es ganz gut verstehen, für die innere Sicherheit zu sorgen. Nach der Sachlage zu urteilen ist’s mit der Sicherheit „nach außen“ allerdings eher schlecht bestellt.

Gazprom (und damit Russland, oder anders herum) steht jetzt unweigerlich vor der Aufgabe, die Pläne der Übernahme insbesondere seiner europäischen Märkte zu durchkreuzen. Mit adäquaten Maßnahmen. Besser spät als nie, aber unbedingt „proaktiv“.

Katerfrühstück, Teil 2

2. CH4 für Millionen

„Mozah“, Tanker der Q-Max-Klasse

Bemerkenswert bei alledem ist, dass der Katar durchaus nicht knausrig ist, wenn es nur nicht ausgerechnet um Russland geht. Im Gegenteil. Der Katar ist freigebig. Das Land investiert unglaubliche Summen – zum Beispiel in den Bau eines gigantischen Seehafens an seiner Küste. Gesamtes Investitionsvolumen ungefähr 7 Milliarden Dollar, und das zusätzlich zu den bereits bestehenden Installationen. Der Katar baut Flüssigerdgas-Terminals in England, an der deutsch-polnischen Grenze, in Südeuropa. Eine Monorail, Staudämme, Satellitenstädte – alles das im Eiltempo, in drei Schichten, es scheint, ohne Rücksicht auf die Kosten und den Aufwand. Reichen die eigenen Mittel nicht, werden Kredite aufgenommen. Gibt es keine langfristigen, so nimmt man eben kurzfristige.

Es werden Unsummen in den Bau von Flüssiggasfrachtern investiert. Dafür braucht es einen kleinen Exkurs:

Solcher Monster baut der Katar insgesamt 25 Stück. Bisher gibt es schon 14 davon. Nur über die Q-Max-Klasse wird das Volumen des Gasexports aus dem Katar also 25 Tanker x 15 Fahrten pro Jahr x 150 Millionen Kubikmeter, folglich 56.250.000.000 Kubikmeter betragen. Ein Drittel dessen, was Russland pro Jahr nach Europa liefert.Die Tanker der Klasse Q-Max (Q steht dabei für Katar), deren erster übrigens auf den Namen Mozah getauft wurde (so heißt die zweite und bevorzugte Frau des Emirs von Katar; wer weiß, was sie mit einem fetten Supertanker gemein hat), haben eine Kapazität von 266.000 Kubikmetern Flüssiggas – im nichtverflüssigten Erdgasäquivalent sind das zirka 150 Millionen Kubikmeter Gas – pro Fahrt.

Fenster zu, es zieht!

„Fenster für diplomatische Lösung von iranischem Atomproblem schließt sich“ (Obama)

Gleichzeitig kommt diese Meldung:

„Die Außenminister der 27 EU-Mitgliedsländer haben in ihrer Sitzung am Freitag in Brüssel die Erweiterung der selektiven Sanktionen gegen den Iran bestätigt, teilte ein Vertreter des Pressedienstes des EU-Rates RIA Novosti mit.“

Tatsächlich ist der Iran seit dem Ende der 1970er Jahre ständig mit Sanktionen belegt, die – so oder so – tatsächlich für ernste Schwierigkeiten für dessen gesamte Wirtschaft sorgen. Man kann nur mutmaßen, wie stark die Wirtschaft des Iran wäre, würde sie nicht permanent unter dem Druck des Westens stehen.
Trotz alledem haben sowohl der Iran, als auch dessen Partner sich im Verlauf der letzten 33 Jahre der „postrevolutionären“ Zeit an die Sanktionen gewöhnt und sie immer mehr oder weniger erfolgreich umschifft. Einen besonderen Erfindergeist hat dabei China an den Tag gelegt. Trotz der internationalen Sanktionen gegen den Iran kooperieren die Chinesen durchaus erfolgreich mit iranischen Unternehmen – einschließlich des militärtechnischen Bereichs. Wenn man Militärtechnik nicht offen liefern kann, so werden eben Technologien und Ausrüstung dafür geliefert, die es dem Iran gestatten, diese oder jene Sache selbst herzustellen. In manchen Fällen werden Meß- und Kontrollinstrumente geliefert, die z.B. für die Herstellung von Raketentechnik, Telemetrie, Düsenantrieben usw. unabdingbar sind.
HQ-9/FT-2000
Faktisch ist der Iran recht nahe an der Schwelle zu modernsten Entwicklungen und führt diese bereits im Prototypen-Modus aus – ist aber sicher in näherer Zukunft soweit, sie in Serie zu geben. Zum Beispiel gibt es die Information, dass der Iran ein Luftabwehrsystem entwickelt hat, das eine Kopie des chinesischen HQ-9/FT-2000 ist (und das chinesische System ist wiederum in vielerlei Hinsicht ein Analogon des russischen S-300). Es existiert bereits die Serienproduktion von iranischen Eigenentwicklungen an Luftabwehrsystemen geringer Reichweite – ebenso nach chinesischen Verfahren und Technologien. Wenn das alles so stimmt, so ist der Stand der iranischen Militärtechnik, ungeachtet aller Sanktionen, doch ziemlich hoch, denn solche Technik erfordert ein hohes technologisches Niveau auf allen Etappen der Entwicklung und Produktion.
Hierzu muss man daran erinnern, dass China von Iran mehr Öl bezieht als ganz Europa zusammengenommen. Mehr noch – die Embargosituation ist für die Chinesen nur von Vorteil, da sie in der jetzigen Situation auf bessere Preise spekulieren können. Wenn die Amerikaner es schaffen, die Koreaner und Japaner in Sachen Ölimporten aus dem Iran zu bevormunden, dann können die Chinesen, nach manchen Einschätzungen, sich auf Preisnachlässe von durchaus 10-15% oder mehr freuen.
Der „strategische Rohstoff“ zu solchen Preisvorteilen würde Chinas Wirtschaft in allgemeinen Krisenzeiten einen spürbaren Vorteil vor Europa, Asien und Amerika bescheren.
Der Iran beabsichtigt – die Ausfälle durch die neuerlichen Sanktionen schon einkalkuliert – den Handel mit China auf ein Gesamtvolumen von 100 Milliarden Dollar auszuweiten. Die iranische Militärindustrie ist von allein nicht in der Lage, die Bedürfnisse der Verteidigung des eigenen Landes zu bedienen, deswegen ist die Zusammenarbeit mit China nicht einfach nur vom Standpunkt der Wirtschaftlichkeit zu betrachten, sondern durchaus auch eine Überlebensfrage. Das kann auch zu einem Grund werden, den Chinesen gegenüber Kompromisse im Ölpreis zu machen.
Die Sanktionen gegen den Iran weisen allerdings zum gegenwärtigen Zeitpunkt eine noch nie dagewesene Härte aus – und besser wird es damit nicht werden. Es geht sicher nicht mehr darum, den Iran dadurch zu zwingen, sich von seinem Atomprogramm loszusagen. Der Westen setzt auf die Zerstörung der iranischen Wirtschaft und die Schaffung einer schweren Wirtschafts- und Sozialkrise, versucht, innere Instabilität hervorzurufen, um den Iran letztlich sichtlich auszudörren.
Der nächste Schritt wäre eventuell – abgesehen von der ständig drohenden Gefahr plötzlicher militärischer Aktionen – die Schaffung von Spannungen an der iranisch-pakistanischen Grenze. Der Iran grenzt an Belutschistan, einer in allerlei Hinsicht schwierigen und komplizierten pakistanischen Provinz. Dort sind ohnehin schon verschiedene Separatistenbewegungen aktiv, etwa die „Nationale Front für die Befreiung Belutschistans“, „Lashkar i-Balochistan“, außer rein belutschischen Gruppierungen gibt es dort die „Tehrik i-Taliban Pakistan“, also pakistanische Taliban, die Dschundollah, auch die allseits bekannten afghanischen Taliban haben dort Rückzugsgebiete.
Die Ostgrenze des Iran ist Schauplatz eines permanenten Kriegs gegen Banden von Drogendealern; das Drogenproblem im Iran ist ziemlich aktuell, Massenhinrichtungen von Drogendealern sind keine Seltenheit. Im vergangenen Jahr gab es eine der größten solchen Massenhinrichtungen – es wurden mehr als 200 Drogendealer gehenkt.
Man hat also mehr als genug Mittel, den Iran weiter zu stressen, und es gibt kaum Zweifel daran, dass auch dieser Trumpf über kurz oder lang auf dem Tisch landet. Wenn man ein Land schwächen will, muss man da schon komplex und konsequent vorgehen.
Die Sanktionen sind dabei das offensichtlichste und am meisten besprochene Thema des Kriegs gegen den Iran, der längst begonnen hat. Schwerlich jedoch beschränkt sich der Druck auf diese Sanktionen. Mit relativer Sicherheit ist die „militärische Option“ lange schon als „Lösung“ vorgesehen – aber der Westen will nicht zu viel riskieren und handelt so, dass es in dem Falle die größte Gewissheit gibt. Die Sanktionen und die Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage des Iran wird maximal lange andauern und sich in aller Hinsicht nur verschärfen, bis man die Einschätzung trifft, dass das Land für einen Militärschlag genügend weichgemacht worden ist.
Im Großen und Ganzen wird der Iran es schwer haben, die Sache allein durchzustehen. Die potentiellen geopolitischen Alliierten – China, Russland, Pakistan – sind zu schwach dazu, dem Iran jeweils auf eigene Faust zu helfen. Die einzige Lösung wäre tatsächlich die Schaffung einer Koalition, die es insgesamt möglich machen würde, die Interessen aller Gegner des Westens zu verteidigen.

EU marschiert

Hierzulande ist man gezwungen, seine Nazisympathien auf solche Spielereien wie „Call of Duty“ zu beschränken, während die Sparmaßnahmen der Bundesregierung dazu führen, dass die V-Leute aus der NPD abgezogen werden, damit diese Partei endlich verboten werden kann. Schätzungsweise wird die NPD nach Abzug der V-Leute von allein in sich zusammenbrechen, es stellt sich nur die Frage: wer wird der neue Buhmann der NationBevölkerung? Die „Al Kaida für Arme“, die sogenannte NSU, wird als Feindbild und Bildner der öffentlichen Meinung wahrscheinlich nicht mehr lange herhalten können, es sei denn, es geschehen noch ein paar Undinge, die man unter diesem Label platziert.
Erfrischend anders ist die Lage im EU-Mitglied Lettland, das sich seit geraumer Zeit mit Identitätsfindung beschäftigt. Die ältere Geschichte dieses Landes gibt nicht allzu viel Eigenständiges her: Deutscher Orden, Polen-Litauen, Schweden, Russland. 1918 – zu Beginn auf den Segen Lenins – bis 1940 war Lettland unabhängig, wonach es ein knappes Jahr als Sowjetrepublik existierte, bevor es im Juni 1941 vollständig von der Wehrmacht besetzt wurde.
Nach der offiziellen lettischen Lesart beginnt hier die Zeit der Glorie des Landes. Am 11. März dieses Jahres fand in den Schulen landesweit der sogenannte „Patriotismus-Unterricht“ statt. Das Datum ist kein Zufall: es wurde im Zuge der anstehenden Feierlichkeiten des Gedenktags der Lettischen SS-Freiwilligenlegion gewählt, welcher am 16. März begangen wird.

Das deutsche Oberkommando nahm die lettischen Freiwilligen 1943 in die Reihen der SS auf, nachdem Stalingrad verloren war. Das war die Geburtsstunde der lettischen SS-Freiwilligenlegion; sie bestand aus der 15. und 19. Waffengrenadier-Division der SS. Das Korps sollte wenigstens teilweise den „Personalmangel“ bei der Heeresgruppe Nord kompensieren. 

Die Divisionen waren u.a. an Vergeltungsaktionen gegen sowjetische Partisanen bei Pskow beteiligt. 1944 wehrten sie lange Zeit Vorstöße der Roten Armee unter Leningrad ab. Der 16. März markiert den Zeitpunkt der ersten Kampfhandlungen zwischen der lettischen SS-Division und der Roten Armee und ist heute in Lettland ein (inoffizieller) Feiertag. Dem Charakter nach war die Legion also durchaus nicht Verteidiger ihres Vaterlandes. 

Die 15. Waffengrenadier-Division der SS wurde im April 1945 zerschlagen, die 19. Division kapitulierte im Mai im Kurland-Kessel.

Im „Patriotismus-Unterricht“ wurde den Schülern vermittelt, wie die lettischen Legionäre zusammen mit der deutschen Waffen-SS brüderlich für Freiheit und Demokratie gekämpft haben. In vielen Schulen lief dieser Unterricht anschaulich mit einer Menge an gut gepflegten und sorgfältig bewahrten Exponaten ab: Waffen, Uniformen, persönlichen Gegenständen der Legionäre. Kurzum, die Schaffung eines Heldenmythos im Sinne einer nationalen Identität. Und noch einmal zur Erinnerung: Lettland ist seit 2004 EU-Mitglied.
Und hier die Rosine dieser Nachricht, Fotos vom „Patriotismus-Unterricht“ am 11. März 2011. Wessen Herz schlägt da nicht höher, oder tiefer, oder linker oder rechter? (Alle Fotos: Subchankulow / ITAR-TASS)
Patriotismus-Unterricht in einer lettischen Schule: besser als Computerspiele
Patriotismus-Unterricht in einer lettischen Schule: „Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir.“
Patriotismus-Unterricht in einer lettischen Schule: neue Helden
Patriotismus-Unterricht in einer lettischen Schule: Ahnenerbe 
Patriotismus-Unterricht in einer lettischen Schule: für jeden Topf der passende Deckel 
Patriotismus-Unterricht in einer lettischen Schule: keine weichgespülten Dichter und Denker 
Patriotismus-Unterricht in einer lettischen Schule: Mama, darf ich spielen? 
Patriotismus-Unterricht in einer lettischen Schule: abdrücken, bis das Magazin leer ist