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Schwarzes Gold

Hinter dem drastischen Preisverfall für Erdöl steckt geopolitisches Kalkül. Der längste Hebel der Golfmonarchien könnte den Iran und auch Russland zu Fall bringen.
Die Lage auf dem Erdölmarkt entwickelt sich weiterhin in Richtung Aussagen und auch den Handlungen des weltweit größten Erdölförderers, Saudi-Arabien. Die Saudis reden beharrlich davon, dass ihnen der jetzige Preis von 110 Dollar pro Barrel immer noch nicht behagt und dass sie willens sind, ihn auf ein ihrer Meinung nach „gerechtes“ Niveau von 100 Dollar pro Barrel zu drücken.
Dabei hat das arabische Königreich alle Trümpfe in der Hand – die strategischen Ölreserven sind weltweit auf einem Höchststand, die Förderquoten der OPEC wieder erhöht, das Erdöl aus Libyen ist wieder vollumfänglich auf den Markt zurückgekehrt. Die verminderte Förderung aufgrund der Sanktionen im Iran sieht vor diesem Hintergrund schon fast wie eine Lappalie aus.
Nicht genug für eine Club-Mitgliedschaft
Für Russland ist das de facto eine Kriegserklärung, denn beim „gerechten“ Preis der Saudis bricht der russische Staatshaushalt zusammen, der von einem mittleren Jahrespreis von 118 bis 120 Dollar pro Barrel ausgeht. Mehr noch, wenn Saudi-Arabien es in den nächsten Wochen und Monaten unter Beweis stellen kann, dass es imstande ist, den Ölpreis zu regulieren (es ist klar, dass dieser durch eine Unmenge von Faktoren bestimmt wird, und genau deshalb ist ja die obige Forderung der Saudis praktisch eine Herausforderung – schaffen sie es mit den 100 Dollar pro Barrel oder nicht?), dann hätten sie in Zukunft die Möglichkeit, diesen zu diktieren.
Dabei konnte und kann Russland durch den bis vor kurzem noch recht hohen Preis nicht punkten, denn es hat praktisch keine Möglichkeit, seine Förderung zu steigern. Es wird angenommen, dass die Saudis es schaffen könnten, den Preis von 100 Dollar pro Barrel zum Jahresende zu erreichen. Schwer abzuschätzen, wie sich die russische Börse dann verhalten wird, aber die Wahrscheinlichkeit auf einen Absturz ihrer Indizes steigt.
Hierzu noch eine interessante Meldung, die es bisher nur bei ITAR-TASS in russischer Sprache gibt:
Washington, 17. Mai. ITAR-TASS. Das Absinken der Erdöllieferungen aus dem Iran kann zu einem Preisanstieg von 20-30% für das „Schwarze Gold“ führen. Der offizielle Vertreter des IWF David Hawley bestätigte das heute auf eine Frage des Korrespondenten von ITAR-TASS während eines regulären Briefings für Journalisten. 
Er erinnerte daran, dass solche Zahlen vor kurzem in einer Prognose des IWF über den Zustand und die Perspektiven der Weltwirtschaft genannt wurden. Hawley ergänzte allerdings, dass diese Prognose unter „zwei wesentlichen Bedingungen“ gegeben wurde.
Vor allen Dingen ist damit das „Fehlen einer kompensierenden Steigerung der Öllieferung aus anderen Quellen“ gemeint, sagte Hawley. Zweitens, so seine Ergänzung, „berücksichtigen die derzeitigen Preise für Erdöl offensichtlich bereits in gewissem Maße die Folgen des Ölembargos“ gegen den Iran.
Dabei wird davon ausgegangen, dass eine der kompensierenden Maßnahmen die Freigabe eines Teils der strategischen Erdölreserven werden kann, welche es bei den Industrieländern gibt. Hawley lehnte es allerdings ab, zu den möglichen Folgen solcher konkreten Maßnahmen Stellung zu nehmen. Er rief stattdessen in diesem Kontext in Erinnerung, dass „die Erdölpreise bereits die wesentliche Erhöhung der Fördermengen in den OPEC-Ländern berücksichtigen“.
Das Thema kam zur Sprache, weil die EU-Länder ab dem 1. Juli im Rahmen von Sanktionen im Zusammenhang mit dem iranischen Atomprogramm komplett auf Erdölimporte aus dem Iran verzichten wollen.
Diese bislang scheinbar kaum beachtete Nachricht könnte enorme Folgen mit sich bringen. Vor dem Hintergrund der Befürchtungen , die Hawley äußert, wäre Barack Obama bereit, die strategischen Erdölreserven teilweise freizugeben, um so auf dem Markt zu intervenieren. In diesem Falle würde die Verbilligung von Erdöl doppelt schnell vonstattengehen.
Was charakteristisch ist – entgegen den Aussagen Hawleys ist der Erdölpreis in der letzten Zeit ja auf Talfahrt – insgesamt fast 20% innerhalb der letzten 2 Monate. Saudi-Arabien, Libyen, Kuwait und der Irak haben ihre Förderungen enorm gesteigert und streben die „gerechten“ 100 Dollar pro Barrel an.
Die Logik hinter dieser Entwicklung ist klar – die Wahlen in den USA diktieren es der Obama-Administration, den amerikanischen Wähler zu bauchpinseln und ihm anhand seines Portemonnaies zu beweisen, dass die amerikanische Regierung pausenlos an seinem Wohlergehen arbeitet. Momentan haben die Vereinigten Staaten unter den Ölscheichen noch ein gewichtiges Wörtchen mitzureden, so dass sie ihre Verbündeten sicher einfach um der Freundschaft willen um eine solche Hilfe bitten können.
Allerdings ist natürlich nicht nur Bruderhilfe Motivation für die „Wohlfahrt“ der Scheiche. Die Saudis haben die greifbare Möglichkeit einer empfindlichen Schwächung des Iran. Im nächsten Jahr sind dort Präsidentschaftswahlen, dabei verschlechtert sich die wirtschaftliche Lage dort zusehends. Die Einbußen an Öl-Dollars können verschiedenen Schätzungen zufolge ein Minus von bis zu 30 Milliarden Dollar jährlich betragen. Bei einem Staatshaushalt etwas mehr als 400 Milliarden Dollar ist das ein wesentlicher Einschnitt. Das heißt, die Wahlen fänden vor einem Hintergrund statt, der im Vergleich zu dem der Wahlen von 2009, als die „Grüne Revolution“ stattfand, noch viel mehr Instabilität bedeutet.
Mehr noch. Glück kommt ja bekanntlich gleich haufenweise. Russland – der geopolitische Gegner der arabischen Monarchien – befindet sich gerade jetzt in einer schwierigen innenpolitischen Lage. Der Erdölpreis hat bereits jetzt die Schwelle unterschritten, oberhalb welcher das russische Budget kein Defizit ausweisen würde. Ein weiterer Preisverfall bringt für Russland enorme Probleme mit sich. Dazu kommen die nicht abebbenden Proteste und Provokationen in Moskau, die, bei aller ihrer inhaltlichen Nichtigkeit, eine Schwäche und Unentschlossenheit der Regierung demonstrieren. In Zeiten wirtschaftlicher Schwierigkeiten birgt das Sprengstoff.
Deshalb kann es den arabischen Monarchen durchaus gelingen, auf zwei Bällen gleichzeitig zu tanzen. Einerseits muss man Kumpel Barack helfen – dessen Bitte sicherlich sehr eindringlich und auch entsprechend hinterlegt gewesen ist. Da kommt man nicht umhin. Mitt Romney, der einen recht fulminanten Start hingelegt hat, macht den „Demokraten“ sicherlich Sorgen, so dass man hier etwas unternehmen muss.
Gleichzeitig können die Golfmonarchien zwei sekundäre Aufgaben angehen – wer weiß, vielleicht funktioniert ja wenigstens eines der Ansinnen (oder, der Scheitan treibt ja seine Späße, eventuell auch beide?): eine Revolution im Iran plus Unruhen in Russland – was könnte es denn besseres für die geduldigen Scheiche geben, die ja auch noch irgendwie mit ihrer syrischen Aufgabe zurande kommen müssen. Die Ausschaltung zweier mächtiger Gegner im Kampf um Syrien würde den Monarchen eine ganze Palette wunderbarer und verlockender Möglichkeiten bieten. Nach Wohlfahrt sieht es also ganz und gar nicht aus. Alles ist recht gut durchgerechnet und sieht nüchtern und rational aus.

Syrien: Verfinsterung

Rebellenverbände in Syrien werden nun offiziell mit Waffen und Munition beliefert, „von den Golfstaaten finanziert, von den USA koordiniert“. Wie eine innenpolitische Schwäche Russlands ein Signal zum Angriff auf Syrien werden kann.
Waffenkorridor durch den Libanon
Die Situation in Syrien entwickelt sich in eine Richtung, die man schon bei der Annahme des Annan-Plans voraussehen konnte. Die in Syrien operierenden Militärguerillas scheinen sich von ihrer schweren Niederlage in Homs und den nachfolgenden Razzien in ganz Syrien erholt zu haben.
Es wird (nicht von irgendwem – von der Washington Post!) über umfangreiche Waffenlieferungen berichtet, die für die Rebellenverbände in Syrien bestimmt sind. Dabei wird gesondert festgestellt, dass die Finanzierung dieser Operation von den Golfstaaten ausgeht, und dieser ganze Prozess „mit den USA koordiniert“ wird.
Tatsächlich haben die Rebellenverbände und ihre Sponsoren keine Verwendung mehr für den Plan Annans, deswegen wird jetzt dessen Diskreditierung mehr und mehr tonangebend. Analoges bei ITAR-TASS:
„Die Golfstaaten haben mehr und mehr Zweifel am Erfolg des Plans des Sonderbeauftragten der UNO und der Arabischen Liga, Kofi Annan, zur friedlichen Beilegung des Syrien-Konflikts. Das sagte heute der Außenminister Saudi-Arabiens, Prinz Saud bin Faisal Al Saud. Wie er weiter ausführte, gehe die Gewalt in Syrien ungeachtet zahlreicher Aufrufe der Weltöffentlichkeit zur Beendigung des Blutvergießens weiter. „Es ist keinerlei Waffenruhe erreicht worden, das Ausmaß der Gewalt ist lediglich ein wenig zurückgegangen“, sagte der Minister nach einer Konferenz des Golf-Kooperationsrats (GCC) in Riad.
„Die Zuversicht über den Erfolg des Plans des Sonderbeauftragen der UNO und der Arabischen Liga beginnt wesentlich zu schwinden“, sagte der saudische Außendienstchef und fügte hinzu, dass keines der GCC-Mitgliedsländer mit dem Stand der Umsetzung der „Road map“ Annans und der momentanen Situation in Syrien insgesamt zufrieden sei.
Prinz Saud bin Faisal Al Saud
Mit anderen Worten, der Mohr hat sein Lied gesungen, jetzt ist genug.
Dabei beginnt auch die Lage im Libanon schlimmere Ausmaße anzunehmen. Ungeachtet dessen, dass die libanesische Armee Tripoli wieder unter ihre Kontrolle bekommen hat, ist der Konflikt zwischen sunnitischen und alawitischen Bevölkerungsschichten damit nicht beigelegt.

Die Situation in der nördlichen Hauptstadt des Libanon hat sich seit Montagabend wieder verschärft, nachdem Islamisten den Noury-Platz im Zentrum der Stadt besetzt hatten. Die radikal gesinnte Jugend lässt hören, dass sie bereit sei, gegen die Armee zu kämpfen. Die Demonstranten verlangen von der Regierung die Freilassung inhaftierter Aktivisten, welche man dessen verdächtigt, dass sie Verbindungen zu terroristischen Gruppierungen unterhalten. Einer von ihnen – Shadi al Mulawi – ist Berichten des libanesischen Fernsehsenders Al-Manar an Waffenlieferungen ins benachbarte Syrien beteiligt gewesen. (Quelle)

Eine logistische Aufgabe der Aggressoren ist es, den Transit von Waffen und Munition für die syrischen Rebellengruppierungen über den Libanon zu ermöglichen. Die Nähe des eben nur unvollständig bereinigten Homs macht diese Stadt – und/oder das nahegelegene Rastan – wieder zu einem zentralen Ort des Aufeinandertreffens der bewaffneten Rebellen mit der syrischen Armee. Das zu gewährleisten, ist ein freier Korridor auf libanesischem Territorium nötig.
Es gibt noch eine wichtige, wenn auch nicht sogleich offensichtliche Möglichkeit, warum ausgerechnet jetzt der bewaffnete Kampf in Syrien an Dynamik gewinnt. Es ist die Situation in Russland. Die Unsicherheit der russischen Staatsmacht gegenüber den dortigen Exzessen der Glamour-Opposition wirft Fragen über ihre Handlungsfähigkeit auf. Wenn die Auftritte der oppositionellen Gruppen auch nur träge und ziellos, aber dennoch weitergehen, ohne dass es irgendwann einmal eine Entscheidung gibt – ob die Aktionen und Organisationen dahinter nun mit Staatsgewalt aufgelöst werden oder man mit den Oppositionellen vielleicht einmal verhandelt – jedenfalls ist jedwede Inaktivität und Zögerlichkeit Zeugnis für eine momentane Schwäche der russischen Führung, die offenbar nicht imstande ist, die Situation im eigenen Lande adäquat unter Kontrolle zu halten. Es ist nun fast schon ein halbes Jahr, dass die russische Führung hier innenpolitisch schwankt und unentschlossen wirkt – unterdrücken oder verhandeln. Hier helfen keine byzantinischen Gespinste mehr – das ist eine offenkundige Demonstration von Schwäche und Unentschlossenheit. Das gibt den Aggressoren Gelegenheit, den Druck auf Russland zu erhöhen, und es ist wahrscheinlich, dass bald die nächsten Demarchen der Golfmonarchien folgen werden. Vielleicht geht es nicht soweit, dass sie wieder einen russischen Botschafter verprügeln – obwohl Russland dadurch, dass es die Sache mit Titorenko im Katar faktisch unbeantwortet ließ, selbst zu einer Fortsetzung dieses Schauspiels eingeladen hat.
Eine Schwäche Putins: Xenia Sobtschak
bei einer Oppositionskundgebung in Moskau
Die momentane Situation in Russland kann den Aggressoren also ein Zeitfenster geben, innerhalb welchem sie zum Beispiel den UN-Sicherheitsrat und dessen theoretisch nötiges „Fass!“ beiseitelassen können. Sie wären dumm, wenn sie diese Gelegenheit nicht nutzen würden. Und dumm sind sie übrigens nicht.
In der hypothetischen Situation eines Debakels oder auch nur einer Schwäche Putins würde das für die Aggressoren automatisch das Durchwinken eines Angriffs auf Syrien bedeuten – und dann vielleicht schon nicht mehr auf dem Niveau von kleineren Streichen oder Provokationen, sondern einer „richtigen“ Aggression mit regulären Truppen. Die Position Chinas würde in einem solchen Fall kaum eine Rolle spielen, es wäre unsinnig, einen solchen Augenblick ungenutzt verstreichen zu lassen.
Alles in allem gibt es momentan kaum Anlass zu Optimismus. Andererseits hat Baschar al-Assad bisher keinen größeren Fehler gemacht – im Großen und Ganzen ist er weiterhin Herr der Lage. Allerdings könnte eine Verschlechterung des äußeren Hintergrunds für Syrien auch seine Position im Innern schwächen.

Provokationen aus dem Sumpf

Die Zusammenstöße beim für 5.000 Teilnehmer auf dem „Bolotnaja“-Platz (zu Deutsch: „Sumpfplatz“) in Moskau angemeldeten „Marsch der Millionen“ am 6. Mai und die Eskalation der Veranstaltung waren offenkundig so geplant. Dass die Demonstranten Feuerbomben, Messer, Werkzeuge mit sich führen und, ohne mit der Wimper zu zucken, Flaggen und andere Gegenstände als Waffen gebrauchten, außerdem die doch ernsthaften „Verluste“ in den Reihen der Polizei – ungefähr 20 Verletzte Beamte – all das spricht davon, dass die Opposition bewusst auf einen Zusammenstoß zugesteuert hat. In einer solchen Situation ist das Gerede davon, dass die Polizei ja (ätsch!) als erste angefangen hat, ziemlich sinnlos. Wenn man bewaffnet zu einer Massenveranstaltung geht und ohne zu zögern zuschlägt, ist es viel zu offensichtlich, wer genau diese Zusammenstöße gewollt hat.
Warum es zu der Eskalation kam, kann man im Wesentlichen erklären. Noch im Winter, nach dem recht ärmlichen Interviews, das Boris Akunin (in drei Teilen) mit Alexei Nawalny führte, wurde klar, dass es keinerlei wirklich artikulierte Gedanken bei der Opposition gibt, die aussagen würden, was sie denn eigentlich will. Dabei sieht Nawalny innerhalb der Kohorte des „Weißen Bands“ mit ihren Bärbeißervisagen fast noch wie ein Intellektueller aus. Wenn schon er es nicht auf die Reihe bekommen hat, etwas wenigstens entfernt wie politische Thesen anmutendes zu formulieren, so sieht es mit den anderen Leuten in diesem Konglomerat noch deutlich schlimmer aus.
Nawalny und die Glamour-Opposition. Foto: RIA Nowosti
Aus Mangel an Substanz war die Opposition folglich mehr oder weniger gezwungen, sich auf Flash-Mobs und vollkommen dämliche Aktionen wie diverse Autokorsos, „Weiße Ringe“ und ähnlichen Blödsinn zu beschränken. Sie brauchte eine Krise, einen „Ruck“. Und den hat sie am 6. Mai auch bekommen.
Die Verschärfung der Situation auf der Straße löst dabei nicht das Hauptproblem der Opposition – sie hat, in Ermangelung irgendeines greifbaren und konkreten Programms, eine ziemlich dünne Wählerbasis. Ach, „Programm“, sie hat nicht einmal einen einzigen Punkt, oder auch nur ein Motto, mit dem sich eine etwas breitere Bevölkerungsschicht identifizieren könnte. Die Variationen des Mantras, welches den Weggang Putins beschwört, werden nicht von allzu vielen mitgesungen, und das aus vielerlei Gründen. Deswegen ist die einzige Motiv, an das sich die Opposition klammert – nämlich „Putin, hau ab“ gerade keines, das Menschen vereinigt, sondern gerade diese Forderung spaltet.
Die Ereignisse des Winters und des Frühjahrs haben gezeigt, dass die Putin-Mannschaft sich mit Mühe und Not der neoliberalen Clique erwehren konnte, indem sie einen sehr hohen Preis gezahlt hat: sie hat ihr Einverständnis dazu gegeben, Medwedew auf den Posten des Premiers zu setzen und die übrigen, festgesessenen Personalien nicht anzurühren. Außerdem sprechen dafür noch eine Reihe von weiteren Maßnahmen, wie etwa die eilige Unterzeichnung von Vereinbarungen mit Exxon Mobil hinsichtlich der Ausbeutung der Arktis, die Schaffung von den Föderalismus begünstigenden Verwaltungsstrukturen für Sibirien und den Fernen Osten, ein rigoroses Personalkarussell in der oberen Führungsschicht, das Medwedew praktisch bis zum letzten Tag seiner Präsidentschaft gedreht hat – all das spricht eigentlich davon, dass Putin „gezähmt“ ist und nicht wirklich frei agieren kann. Die Hoffnung seiner Wähler auf Veränderungen sind demnach vermutlich Fiktion und ein verschwindender Dampf. Im besten Fall wird alles bleiben, wie es war. In einer Situation mit de facto zwei Machtpolen innerhalb der Staatsspitze kann man ein Gleichgewicht nicht allzu lange aufrechterhalten – eine Krise ist unausweichlich. Es ist ein Axiom, dass, wenn die eine Seite sich Schalthebel schafft, die andere mit Angriffen auf die erste beginnt. Die Neoliberalen innerhalb der russischen Elite haben in den letzten Monaten sehr viel dafür getan, um sich eine Existenzgrundlage unter Putin zu sichern. Das so entstandene Ungleichgewicht kann in Kürze zu einer so oder so ausartenden Implosion der Führungsschicht führen.
Mit der Forderung, den Staatsapparat von Taugenichtsen, Dieben und Korrupten zu bereinigen, sind sowohl jene einverstanden, die das „Weiße Band“ unterstützen, als auch die, welche Putin unterstützen. Das ist immerhin ein Konsens, um den herum man Menschen sammeln könnte. Freilich ist dieses Motto den Organisatoren des „Weißen Bands“ selbst gar nicht so genehm – sie sind mit der Art der Machtausübung nicht unzufrieden, unzufrieden sind sie allein damit, dass es sie nicht im Machtapparat vertreten sind.
Wenn es denn die beiden Richtungen in der Staatsmacht gibt, so müsste man seine Politkorrektheit eben kurz vergessen und sich einigen, wem man diese Forderung stellt: den Liberalen oder der Mannschaft Putins. Zu Deutsch, wer denn nun weg soll. Wenn Putin es schafft, eine solche Unterstützung zu nutzen und eine rigorose Bereinigung der Personalien voranzutreiben – sehr gut. Wenn nicht – vielleicht auch gut, dann verliert er sehr schnell die Unterstützung seiner Wähler; dann gibt es beim Übergang in die unvermeidliche heiße Phase des Machtkampfs zwischen den Blöcken bei niemandem mehr Illusionen über einen „Präsidenten des Volks“.

Aggression der USA gegen den Iran – unvermeidlich?

Eines der zentralen Themen der Weltpolitik in den letzten Jahren ist der amerikanisch-iranische Konflikt, auf amerikanischer Seite werden entsprechend die Domänen der USA mit in die Sache hineingezogen. Unter der frei erfundenen Bedrohung für die „Weltgemeinschaft“ versuchen die USA, dem Iran den Zugang zur Atomtechnologie zu verwehren, während sie gleichzeitig nichts dagegen haben (oder wenigstens nicht den Bruchteil des Brimboriums veranstaltet haben, das sie gegenüber dem Iran inszenieren), dass viele andere Länder (beispielsweise Israel, Pakistan, Indien, manches „Schwellenland“) diese vorantreiben, und zwar sowohl für die zivile, als auch für die militärische Nutzung. Der Grund für diese Eigenartigkeit ist, dass die Sprungfeder des Konflikts die Lage des Iran als eines zentralen Glieds eines eurasischen Sicherheitssystems ist. Davon, auf welchen Wegen ein Ausweg aus dem derzeitig zugespitzten Verhältnis zwischen den USA und dem Iran gefunden werden kann, hängt der „Gesundheitszustand“ der Weltwirtschaft ab, die mehr und mehr direkte Abhängigkeit von den Rohstoffressourcen unter Beweis stellt.

„Greater Middle East“ vs. Iran


Die internationalen Beziehungen laufen heute dergestalt, dass die USA ständig und überall ihre Rolle als einzige Supermacht bestätigen und demonstrieren müssen. Dabei ist die Elite in den Staaten, ganz unabhängig von ihrer Parteizugehörigkeit, einer militärischen Herangehensweise an die Weltpolitik verschrieben. Davon zeugt unter anderem ein solches Ziel, wie die Umgestaltung ganzer Regionen, die Ziehung neuer Grenzen beispielsweise im Projekt der Makroregion „Greater Middle East“, welcher als eine gigantische proamerikanische Strukturgruppe auf dem eurasischen Festland konzipiert ist. Nach Erreichung dieses Ziels können die USA nicht nur eine führende Rolle beim Diktat des Weltmarktpreises für Kohlenwasserstoff-Energieressourcen spielen, sondern auch auf ganz andere Weise mit den eurasischen Giganten China, Indien und Russland reden.

Der Iran ist der vordergründige neuralgische Punkt in puncto Sicherheit im Nahen Osten. Diese Rolle nimmt er aufgrund seiner geographischen Lage, der natürlichen Rohstoffe und logistischen Vorteilen wie etwa einem Zugang zu den Weltmeeren, Kontrolle über Teile davon (Persischer Golf), ebenso auch Perspektiven in der Entwicklung eines Transportnetzes, das die wichtigsten Transportkorridore für ganz Eurasien stellen kann. Ein Regimewechsel im Iran, den Washington anstrebt, und die Rückkehr Persiens in den Orbit der USA würden bedeuten, dass die drei genannten eurasischen Giganten vor ernsthafte außenpolitische Schwierigkeiten gestellt wären, während die Rolle der USA hinsichtlich des Machtdreieck Russland – China – Indien deutlich an Bedeutung gewinnen würde.
Raketentest im Iran

Der Iran ist der „vierte Pfeiler“ eines eurasischen geostrategischen Gleichgewichts. Demzufolge muss der Schutz des Iran vor einem Angriff durch die USA zu den dringendsten Aufgaben der Außenpolitik Moskaus und Pekings zählen.

Entsprechend nimmt sich die permanent von Washington demonstrierte „Besorgnis“ darüber, dass die Iraner in den Besitz von Atomwaffen gelangen, eher aus wie die allmähliche Vorbereitung der Weltöffentlichkeit auf einen Krieg (terminologisch: eine „Militäroperation“) der USA gegen den Iran. Steter Tropfen höhlt den Stein.
Folgendes Gedankenexperiment: der Iran bekommt ein paar Atomsprengköpfe in seine Verfügung. Das einzige Objekt, an dem er sie möglicherweise anwenden könnte, wäre Israel. Allerdings ist die Beziehung zwischen Israel und den USA dergestalt, dass letztere im Falle auch nur der Ahnung eines Angriffs auf Israel den Iran massiv – und sicher ebenso nuklear – in die Schranken verweisen werden. Dadurch würde das Territorium des Iran zu einem einzigen großen Tschernobyl werden. Wenn man aber in Washington keine „Besorgnis“ über die real existierenden Atomwaffen der Chinesen an den Tag legt, die erwiesenermaßen um ein vielfaches verheerender sind als die hypothetischen im Iran, wer glaubt da noch an das Gerede von der „atomaren Bedrohung durch den Iran“? Jeder, der sich nicht bloß von Schlagzeilen berieseln lässt, kann das leicht als Meinungsmache identifizieren.
MOAB, die Mutter aller Bomben, soll eine
multipolare Welt verhindert

Es ist vollkommen offensichtlich, dass die hypothetischen iranischen Atomwaffen kein Mittel für einen Erstschlag sein können (Teheran besteht nicht aus Selbstmördern), sondern, erstens, ein wichtiges Element für die Gewährleistung einer Wehrfähigkeit des Iran und, zweitens, ein Instrument der Außenpolitik. Hier verbirgt sich die Antwort auf die Frage, warum die USA so verzweifelt verhindern wollen, dass der Iran in den Besitz von Atomwaffen gelangt: bekommen die Iraner solche Waffen, so würde das einen herben außenpolitischen Rückschlag für die USA bedeuten – es wäre die endgültige Zementierung einer multipolaren Weltordnung.

Eine multipolare Welt aber bedeutet, dass die amerikanische Hegemonie, in welcher der US-amerikanische militärisch-industrielle Komplex die Rolle des Dollars als Weltreservewährung und die Rolle der USA als einzige Supermacht aufrecht erhält, funktionell zuschanden geht. Der Verlust der Hegemonie wiederum führt zum Bankrott des jetzigen US-amerikanischen Wirtschaftsmodells, das auf ausländischen Krediten gründet, und in der Perspektive droht den USA ein Verlust von Ansehen und Macht bis hin zu einer Art nordamerikanischem „Australien“.

Das Ölpreisdiktat als Waffe gegen die öllose Konkurrenz

Entgegen der gängigen Meinung wollen wir einmal für einen Augenblick lang annehmen, dass die USA bewusst einen hohen Ölpreis aufrechterhalten. Es ist bekannt, dass die Amerikaner die irakischen „Massenvernichtungswaffen“ frei erfunden haben, die es in Wahrheit nie gegeben hat. Das einzige wesentliche Argument, das für einen US-amerikanischen Einfall in den Irak sprach (abgesehen von der Errichtung einer direkten militärischen Kontrolle über die reichhaltigen Erdölvorkommen), war das Verständnis davon, dass nach Beginn der militärischen Handlungen der Ölpreis ansteigen wird. Ein hoher Ölpreis bremst die wirtschaftliche Entwicklung von Ländern aus, die keine eigene Erdölförderung besitzen. Die Vereinigten Staaten fördern ja selbst Öl, sie gehören zu den weltweit fünf führenden erdölfördernden Ländern. Freilich verschiffen sie dieses Öl nicht nach außerhalb, sondern gebrauchen es fast ausschließlich auf dem Binnenmarkt. Entsprechend haben hohe Ölpreise auf den Wirtschaften jener Länder und Staatengemeinschaften einen verheerenden Effekt, die als Konkurrenten der USA kein eigenes Erdöl besitzen. In erster Linie sind das die Europäische Union, China und Indien.

Die Errichtung einer militärischen und politischen Kontrolle des Irak, die Umformatierung gigantischer eurasischer Territorien im Zuge des Projekts „Greater Middle East“, Erlangung von Kontrolle über den Iran – all das sind Glieder einer Kette, all das sind Schritte dazu, den Zugang Chinas und Indiens zu Energieressourcen zu beschränken. Das ist eine uralte Strategie der Angelsachsen noch aus Zeiten des klassischen britischen Kolonialismus, als das kontinentale Europa gezwungen war, Kolonialwaren ausschließlich beim Welthandelsmann, dem englischen Monarchen und seinen Untergebenen, zu kaufen, statt sie direkt aus den Herstellerländern zu beziehen.
Die Ölkonzerne der USA, deren Interessen kein einziger Präsident dieses Landes zu durchkreuzen wagen wird, sind die führenden Player auf dem Weltmarkt. Wenn man sagen kann, dass z.B. Russland seinen Haushalt durch die seit relativ kurzer Zeit einströmenden Petrodollars saniert hat, so haben die USA ebenso permanent einen solchen Zustrom an Geld. Da die US-amerikanische Wirtschaft aber aus einer Reihe von Gründen „heiß gelaufen“ ist, muss sie dann und wann den Überschuss an Geld „verbrennen“, was man am besten mittels des militärisch-industriellen Komplex bewerkstelligt beziehungsweise durch eine aggressive „Verteidigungs“strategie.
Eine Möglichkeit, die überschüssigen Dollars zu verbrennen, ist die permanente Aufrüstung der Streitkräfte, der Unterhalt und die Erweiterung eines weltweiten Netzes an Militärbasen, regelmäßige Kampfhandlungen. Heute genügt es, dass die Amerikaner dafür die eine oder andere Region der Welt zu einem „Krisenherd“ erklären, wie man zum Beispiel daran erkennen kann, dass der gesamte Nahe Osten zur Region des „Arabischen Frühlings“ erklärt wurde. Terminologisch sind die Amerikaner auf der Höhe. Eine weitere Möglichkeit wäre kostenintensive Forschung und Entwicklung im Militärbereich.
Eine gut entwickelte eigene Ölförderung und die Politik der Aufrechterhaltung eines hohen Preises für Öl und andere Energieressourcen gestatten es den USA, Schritt für Schritt einen absoluten technologischen Vorteil vor möglichen Konkurrenten zu besitzen. Diese Strategie folgt dem Ziel, die USA proaktiv und anderen zuvorkommend in ständigem, entscheidenden technologischen Vorsprung im Bereich Rüstung und Militärtechnik zu halten.

Fazit

Die Amerikaner können gut mit dem derzeitigen hohen Ölpreis leben (sofern das amerikanisch-iranische Verhältnis nicht weiter eskaliert), ebenso ist ihnen ein militärischer Konflikt recht, welcher die Preise für & den Bedarf an Energieträgern noch weiter in die Höhe treiben wird; bei China sieht die Sache anders aus – China müsste nun schon nicht mehr mit Teheran, sondern mit Washington verhandeln. Zur Erinnerung: die Weltmarktpreise für alle natürlichen Ressourcen werden nicht allein von ihrer Verknappung bestimmt, sondern auch durch das bedeutende Witschaftswachstum (7-10%) solcher Staaten wie China, Indien und Brasilien (und in manchen Jahren auch Russland).
Das Hauptproblem für die Amerikaner ist nun, dass das Wirtschaftswachstum in diesen Ländern ungeachtet aller Krisen fortdauert, während die Krisenerscheinungen in der Ökonomie der USA mehr und mehr werden. Die US-Hypothekenkrise zum Beispiel, die einen vergleichsweise kleinen Teil der weltwirtschaftlichen „Finanzblase“ verbrannt hat (ungefähr 500 Milliarden Dollar), bedroht in erster Linie die USA und Großbritannien. Selbst eine ursprünglich so unbedeutende Krise führte zu verheerenden Folgen für die Finanzsysteme und die Kreditinstitute der angelsächsischen Welt, welche nunmehr nicht nur das Vertrauen ausländischer Investoren, sondern auch eines bedeutenden Teils der eigenen Bevölkerung verloren haben. Außerdem förderte die Hypothekenkrise gefährliche Erscheinungen in einem Schlüsselbereich der amerikanischen und britischen Wirtschaft – dem Immobiliengeschäft –zutage: es ist bekannt, dass der „Wert“ Großbritanniens als Land zu 70% aus dem Wert seiner Immobilien besteht – zu Deutsch, das ist ein (noch) recht nettes Land zum Wohnen. Aber nicht mehr. Die Krise zeigt nun, dass sowohl die Engländer, als auch die Amerikaner etwas über ihre Verhältnisse „wohnen“.
Das Wirtschaftswachstum führt zu qualitativen Veränderungen in der Kräfteverteilung der wichtigsten „Global Player“. Es kann passieren, dass die USA es nicht schaffen, ihren technologischen Sprung zum Jahre 2020 vollendet zu haben, und der Gefahr ist man sich in Washington bewusst. Das Erstarken Russlands, Chinas und Indiens haben die Amerikaner bereits mehr oder weniger verschlafen bzw. konnten es nicht verhindern. Dasselbe steht nun mit dem Iran bevor. An diesem Konflikt entscheidet sich die künftige Architektur der Welt.
Original: fondsk.ru

Quataria delenda est (Teil 2)

So paradox es klingt, die Schwachstelle des Katar ist sein schnelles Wachstum. In den letzten rund 10 Jahren ist das Bruttoinlandsprodukt des Katar pro Jahr um durchschnittlich 13% gewachsen. Selbst in Krisenzeiten sind 9% nicht unterschritten worden, dagegen kann selbst China mit Hongkong nicht auf solche Werte verweisen.
Dabei korreliert der Wirtschaftszuwachs im Katar in erster Linie mit realen Zahlen, das heißt, in erster Linie mit der rasanten Steigerung der Gasförderung und dessen Absatzes. Einmal eine bislang unbesetzte Nische gefunden – nämlich die Verflüssigung von Erdgas (LNG) -, hat der Katar in sehr kurzer Zeit eine beeindruckende Infrastruktur zur Förderung, Verflüssigung, zum Transport und der Regasifizierung von Erdgas an dessen Absatzorten geschaffen.
Scheich Abdullah bin Hamad Al-Attiyah
Wie schon mehrfach angemerkt, ist das Mastermind dieses „katarischen Wunders“ der begabte und unerbittliche Vizepremier und bis Januar 2011 Minister für Industrie und Energie des Landes, Scheich Abdullah bin Hamad Al-Attiyah. Unter seinem Vorsitz hat der Katar den rasanten Sprung nach vorn unternommen und die Menge an abgesetztem Erdgas von 13 Mio. Tonnen im Jahr 2003 auf 75 Mio. Tonnen im Jahr 2011 erhöht. Auf Al-Attiyahs Konto gehen die gigantischen Logistikprojekte mit dem enormen neuen Hub an der Küste des Katar, nach dessen Inbetriebnahme möglicherweise die fast tausendjährige Bedeutung von Basra als dem zentralen Hafen im Persischen Golf zu Ende sein wird.
Nichtsdestotrotz ist der Preis für einen solchen Ruck sehr hoch. Die Staatsverschuldung des Katar wuchs nämlich ähnlich – waren es 2000 noch 10 Milliarden Dollar, so sind es 2011 bereits 71 Milliarden. Die grandiosen Pläne benötigen grandiose Investitionen – Katar liegt auf Platz 1 bei den Per-Capita-Investitionen. Aber auch das ist noch nicht genug, es werden weiter und weiter Kredite aufgenommen.
Das rasante Wachstum führte dazu, dass der Katar zu einem sehr attraktiven Markt für Spekulanten wurde – der Gesamtwert der offen gehandelten Aktien von Unternehmen aus dem Katar ist von 2006 bis 2009 von 61,5 auf 88 Milliarden Dollar angewachsen. Die Wirtschaft beginnt langsam heiß zu laufen.
Wenn man auf der Autobahn mit 200 Sachen unterwegs ist, dazu noch leicht bergab, so ist das dümmste, was man in einer solchen Situation tun kann, zu bremsen. Das Fahrzeug bricht aus, verliert die Traktion, wird von der Fahrbahn geschleudert etc. pp. Es bleibt nur, sich etwas fester ins Lenkrad zu krallen und mit dem Gas zu spielen und zu hoffen, dass die Reflexe, die Erfahrung und das Glück insgesamt genügen, um die Kurve am unteren Ende des Berges zu kriegen.
Ungefähr so sieht die Lage im Katar aus. Er kann nicht mehr anhalten – die enorme Gastankerflotte, bereits fertiggestellt oder noch im Bau, die insgesamt fast 100 Milliarden Kubikmeter Gas (im nichtverflüssigten Äquivalent) pro Jahr wird transportieren können, die Dutzenden Regasifikationsterminals, welche auf der ganzen Welt – in erster Linie in Europa – gebaut werden, die bedeutenden Investitionen in den „Arabischen Frühling“ und der aktuell noch laufende Versuch der Demontage des politischen Systems in Syrien stellen Schwungmassen dar, die dem Katar sehr gefährlich werden können. Die Geschwindigkeit des Wirtschaftswachstums und das Vorhandenseins eines sehr großen Teils von Spekulationskapital ergibt eine zweite Gefahr – eine Verlangsamung des Wachstums könnte eine massive Kapitalflucht zur Folge haben. Und eine dritte Gefahr – ein solch massiver Vorsprung in der Wirtschaftsentwicklung ist nicht direkt durch eine adäquate Militärmacht abgesichert. Bis jetzt setzt der Katar auf die USA als Mittel zum Schutz der eigenen Interessen, und bisher ist das offensichtlich gerechtfertigt – allerdings wird die sich immer weiter erstreckende Transportinfrastruktur mit der Zeit immer anfälliger für punktuelle Angriffe auf der ganzen Welt. Die Amerikaner können das Territorium des Katar sicher recht gut verteidigen, obwohl es selbst dort schon Probleme geben kann. Aber weltweit die Interessen des Katar zu schützen dürfte selbst für die USA zu viel sein. Die faule und verfressene Jugend des Katar ist zwar komplett wehrpflichtig, doch als Kämpfer sind die katarischen Soldaten kaum für etwas zu gebrauchen, wenn man von einigen, zahlenmäßig sehr gering aufgestellten professionellen Armeeteilen einmal absieht. Dieses Problem wird durch das Anheuern von Militärfirmen gelöst, doch auch diese sind kaum in der Lage, die ganze Lieferkette zu sichern und beschränken sich in der Regel auf die schwächsten Glieder.
Noch eine Gefahrenquelle – vielleicht die bedenklichste – ist die Illoyalität eines gewissen Teils der angestammten Bevölkerung und ein enormes Kontingent an Gastarbeitern im Katar. Abkömmlinge aus dem Iran – rund 15% der Bevölkerung – fristen ein vom politischen Gesichtspunkt aus recht eingeschränktes Dasein. Dienst in den Streitkräften ist ihnen untersagt, ebenso jedwede Befehlsgewalt und politische Betätigung, wirtschaftliche Freiheiten sind eingeschränkt. Vom Standpunkt der Religion aus handelt es sich dabei um eine geschlossene schiitische Umma, die sich Richtung der historischen Heimat – dem Iran – orientiert. Sicherlich gibt es dazu keinerlei Untersuchungen oder Zahlen, doch die iranische Aufklärung fühlt sich in diesem Metier durchaus wohl.
Angesichts dieser Gefahrenquellen zeichnen sich deutlich die Richtungen und Orientierungen ab, mithilfe derer man den Katar unter Druck setzen kann, damit seine Expansion behindert, und, wenn es mal irgendwann ernst wird, kann man seine Wirtschaft auch kurzerhand über’s Messer springen lassen.
Die Verwundbarkeit des Katar verbirgt sich in der Notwendigkeit, die Stabilität der Implementation aller seiner Pläne zu gewährleisten, diese permanent und kompromisslos voranzutreiben. Jede kleine Änderung zieht eine Kettenreaktion nach sich, ähnlich, wie eine plötzliche Vollbremsung bei einem sehr schnell fahrenden Fahrzeug dieses in einen unkontrollierbaren Zustand versetzt.
Die Gewalten, welche durch den Arabischen Frühling in Bewegung kamen, müssen Emir Al Thani einen Schrecken eingejagt haben, denn er hat für 2013 Wahlen angekündigt. Man braucht fast keine Gedanken an die Wahrscheinlichkeit oder überhaupt Möglichkeit von „Fairness“ oder Sinnhaftigkeit dieser Wahlen verlieren – die Hälfte der Parlamentarier benennt ohnehin der Emir persönlich, und was die andere Hälfte angeht, so ist nicht klar, wer hier wie abstimmen soll. Fakt ist, dass man der schiitischen Minderheit möglichst enge Rahmen bei der Wahl setzen wird. Warum allerdings das Jahr 2013 gewählt wurde, scheint klar: 2013 finden im Iran Präsidentschaftswahlen statt. Dort gibt es ohnehin schon Stress mit den eigenen Reformatoren und Bewegungen unter den Jugendlichen und Studenten in den Städten, die fast unverhohlen eine Neuauflage der „Grünen Revolution“ vorbereiten. Deshalb wird der Iran in dieser Zeit kaum Möglichkeiten haben, sich um die Wahlen im Katar zu kümmern, und andere bedeutende Störer der katarischen Ruhe gibt es in der Region momentan nicht.
Trotzdem wäre das eine Chance. Eine nicht zu unterschätzende Chance, die Pläne des Katar in einer für dieses Land recht verwundbaren Zeit zu durchkreuzen – die meisten Infrastrukturprojekte dürften betriebsbereit sein, die tadschikischen und anderen Gastarbeiter noch nicht wieder zu Hause, und die Kurzzeitkredite werden bereits zur Tilgung anstehen.
Wenn Russland sich irgendeine Zukunft in Europa und Zentralasien sichern will – ob als Absatzmarkt, Interessenssphäre oder auch nur als Regionen ohne feindlich gesinnte Staaten – dann muss es das laufende Jahr dafür nutzen, die Beziehungen zum Iran zu intensivieren. Und zu Pakistan. Über Pakistan später; das Ziel der Kommunikation mit dem Iran: im Katar müssen mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln Unruhen nach dem Schema der „farbigen Revolutionen“ provoziert werden. Idealerweise passend zu den „Wahlen“ in der zweiten Jahreshälfte 2013. Russland, Iran und Pakistan müssen ihre Zusammenarbeit hinsichtlich der (Zer)Störung der Infrastruktur des Katar – Häfen, Regasifizierungsterminals, Tanker – koordinieren. Das wäre nicht der Beginn eines Kriegs: dieser läuft bereits. Sicherlich werden die USA mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln Konter geben – und genau an der Stelle benötigte Russland die Koordination mit Pakistan, mit dem zusammen man den USA ein kleines Ultimatum bereiten könnte. Die Nachschublinien der NATO-Truppen in Afghanistan sind höchst fragil, denn die wichtigsten Versorgungslinien sind a) die nördliche, welche (noch) von Russland kontrolliert wird; und b) die Route durch Pakistan, deren Blockade in den letzten Monaten einige recht gravierende Einschnitte in die Versorgungslogistik der NATO-Truppen hervorgebracht hat. Droht man die gleichzeitige Blockade dieser Routen an, so kann man den Eifer der NATO/USA schätzungsweise doch deutlich dämpfen.
Die Sache liegt ja auf der Hand: selbst ein gar nicht so gewaltiger Schaden an der Gas-Infrastruktur des Katar zieht lawinenartig Folgen nach sich, nämlich primär die Flucht der Investoren, Schwierigkeiten bei dem Abschluss von Lieferverträgen für Gas und generell die Verschlechterung der finanziellen Situation des Katar. Da dieser in Sachen Erdgas primär auf dem Spot-Markt aktiv ist, sind solche Folgen durchaus plausibel; langfristige Lieferverträge sind (noch) die Ausnahme.
Wenn dazu noch mit den katarischen Gastankern auf einmal unangenehme Dinge passieren, so wird deren Versicherungssumme steigen und das ganze System in Bälde weniger rentabel werden.
Sicherlich gibt es auch weniger extreme Möglichkeiten, die überengagierten Scheichs etwas zu bändigen – zum Beispiel ein reiner Börsenkrieg oder ein Dumpingpreiskrieg auf dem Gassektor – doch all das ist weniger effektiv, als ein direktes und entschiedenes Einschreiten in die Pläne des Katar (vulgo Exxon Mobil und der USA), Russland mittelfristig in Stücke zu zerschlagen.
In dem Krieg mit dem Katar, der faktisch schon läuft, bleibt nur zu bestimmen, wer das neue Karthago ist, das letztlich fallen muss – Quataria oder Russia.

Quataria delenda est (Teil 1)

Das Land, das sich im letzten Jahr überall bemerkbar gemacht hat – wie ein Schwarm Krähen auf den Denkmälern und den parkenden Autos einer Stadt – der kleine und unscheinbare Katar – ist zu einem äußerst bedeutenden und durchaus irritierenden Faktor nicht mehr nur der regionalen, sondern inzwischen schon der globalen Politik geworden.
Man sieht bereits mit bloßem Auge, dass die zügige Expansion des Katar nach Europa und Zentralasien ein ganz bestimmtes Ziel verfolgt: Katar erobert die bereits aufgeteilten Gasmärkte in Europa und Asien, dringt aktiv in die zentralasiatischen Länder auf dem Territorium der ehemaligen Sowjetunion ein, kauft komplett wirtschaftlich bedeutende Objekte und Strukturen auf, bearbeitet und zersetzt die ihrem Wesen nach merkantile asiatische Elite. Für Russland, welches seine komplette Nahostpolitik vermasselt hat, stellt sich die Expansion des Katar, wie es scheint, offenkundig immer noch nicht als etwas ernstzunehmendes dar, so dass es hier – wie immer – mit großem Zeitverlust reagieren muss, anstatt die Entwicklungen zu begreifen und zu agieren.
Sicherlich wirft das Fragen über die Funktionsfähigkeit der russischen Auslandsaufklärung und der russischen Diplomatie im Bereich Naher und Mittlerer Osten auf, stellt die Fähigkeit der russischen Elite zur systematischen strategischen Analyse der weltpolitischen Lage in ein zweifelhaftes Licht. Das gilt sowohl für die staatlichen Institutionen, als auch für die größten russischen Konzerne. Man kann und muss hier nach den Schnarchnasen und Saboteuren suchen, dabei muss man sich trotzdem zusätzlich der Analyse dieser Bedrohung widmen und zum Beispiel die Schwachstellen der Strategie des Katar identifizieren. Erst dann kann man einschätzen, inwieweit man dieser Bedrohung adäquat begegnen kann.
Wenn es hier um „Katar“ geht, so soll man darunter sicherlich nicht die halbwilden Beduinen vom Stamme der al-Midadi, die noch vor 40 Jahren ein ärmliches Dasein auf der Halbinsel fristeten, verstehen; die damals nur rund 40.000 hungrigen, dabei schon sehr geizigen Mäuler konnten sicher nicht von allein zu „Global Players“ mutieren. Allerdings ist der Katar das Feigenblatt vor den globalen Interessen der USA, Großbritanniens und ihrer Speerspitzen in dieser Region – nämlich der transnationalen Konzerne Exxon Mobil und Royal Dutch Shell.
Über die Gefahren, die vom Katar gegenüber Russland und Europa ausgehen, wurde schon vieles gesagt, deswegen hier nur kurz ein paar Thesen dazu.
Erstens, der Katar treibt eine Politik voran, die darauf abzielt, den für Russland äußerst wichtigen europäischen Gasmarkt zu erobern. Kaum hat er mit seiner Expansion begonnen, hat er auch schon Anteile von 5% erreicht, in reellen Zahlen sind das eine halbe Trillion Kubikmeter Gas pro Jahr. Das führte zur Abnahme des Anteils von Gazprom von 26 auf 23%. Rentabel ist das ganze Europageschäft für Gazprom erst dann, wenn es ungefähr 15% des europäischen Marktes abdeckt – ansonsten lohnen sich die Ausgaben für die Infrastruktur beim jetzigen Preisniveau nicht. Dabei ist das Instrument des Katar in erster Linie das Dumping, und der daraus resultierende Preisverfall macht die Lage von Gazprom in Europa noch unsicherer.
Man kann dabei vielleicht noch erwähnen, dass außer dem Katar auch noch die USA selbst eine aktive Expansion auf den europäischen Gasmarkt unternimmt. Innerhalb nicht allzu vieler Jahre haben sie eine doch beeindruckend große Schwindelei mit ihrem Schiefergas aufgeblasen. Hier geht es im Wesen um ein gigantisches Pyramidensystem, das mit Sicherheit innerhalb der nächsten 5-7 Jahre zusammenbrechen wird. Aber es wird seine Aufgabe bis dahin erfüllt haben, nämlich Gazprom noch von einer weiteren Seite aus vom europäischen Markt zu verdrängen.
Das Sinken des durch Gazprom abgesetzten Gasvolumens und ein wesentlicher Preisverfall bei Gas wird letzten Endes dazu führen, dass das überstrapazierte russische Staatsbudget einfach nicht mehr funktioniert und Russland zu einem (nicht abstrakten, sondern zeitlich nicht weiten) Zeitpunkt pleitegeht – Szenarien wie eine „Rettung“ von Gazprom, die drängende Suche nach neuen Absatzmärkten und die Notwendigkeit, ungeheure Mittel in die Umleitung der Gasströme zu investieren sind dabei vorstellbar.
Bedenkt man dabei, dass unter dem Vorwand und dem Getöse über das vorgeblich militärische Atomprogramm des Iran derselbe de facto schon vom europäischen Ölmarkt verdrängt ist und seine Förderung und den Absatz im kommenden Jahr bereits um eine Million Barrel herunterfahren muss (das ist ungefähr ein Drittel dessen, was der Iran noch vor einem Jahr gefördert und abgesetzt hat), so ist die Situation mit dem bereits angelaufenen Gaskrieg doppelt bedenklich. So hat der Westen durch Saudi-Arabien einen mächtigen, quasi unikalen Hebel für die „Regulierung“ des Ölpreises auf dem Weltmarkt in der Hand – eine für Russland äußerst unangenehme Situation.
Die zweite Gefahr, die von der rapiden Expansion des Katar ausgeht, ist dessen Eindringen in die Gebiete des postsowjetischen Zentralasien. Hier steht der Katar für den Wahhabismus. Mit Nuancen im Vergleich zu dem in Saudi-Arabien, aber uns können die theologischen Feinheiten hier schnuppe sein. Russland hatte mit dem Katar schon zu tun, und zwar in Tschetschenien, da hatte er durchaus kein freundlicheres Gesicht als die Saudis.
Friedliche Schuhada im postsowjetischen Zentralasien
Durch die „Betreuung“ von Tadschikistan, Usbekistan und Kirgisien, durch die Versuche, auch in Kasachstan Fuß zu fassen, schafft der Katar sich eine Art asiatischer Armee und kommt der vollkommen ungeschützten russischen Südgrenze nahe. Auf der Grundlage von kurz bevorstehenden Vereinbarungen mit Tadschikistan wird der Katar seine Rekrutierungsbüros schaffen, um so offensichtlich Arbeitskräfte ins Land zu holen. Was diese Stellen nichtoffensichtlich tun werden, kann man nur raten, aber faktisch werden hier Strukturen für die Mobilisierung von Menschen geschaffen, die nicht unbedingt nur Bauleute und Straßenkehrer sein müssen – man kann, je nach Notwendigkeit, sicher auch andere Spezialisten anheuern oder Leute in den nötigen „Fachrichtungen“ ausbilden. Inhaltlich ähnliche Vereinbarungen sind mit Kirgisien angebahnt. Dass die russische Diplomatie diese Dinge einfach nicht bemerkt, ist vielleicht nur nach der Sache mit Matthias Rust nicht verwunderlich. Wie dem auch sei, das Interesse des Katar an mittelasiatischen Stammesfarmen für die Zucht von „Märtyrern“ ist gar zu offensichtlich.
Zu bemerken wäre auch, dass die Aktionen des Katar nicht nur Russlands Interessen kreuzen oder verletzen, sondern auch die des Iran und die Pakistans. Das ist natürlich ein eigenes Thema, dass man gesondert betrachten muss, aber diesen Fakt kann man hier erst einmal anführen und daraus einen Schluss ziehen – objektiv ist Russland ein Alliierter von Iran und Pakistan, was die Gegensteuerung gegen die katarische Expansion angeht. Berücksichtigt man, dass der Katar nun einmal nur die Verpackung um die Interessen der USA und Großbritanniens in dieser Region ist, und dass sowohl der Iran, als auch Pakistan sich faktisch bereits in feindseligen Beziehungen zu den USA und Großbritannien befinden, so ist es angesagt, der Bedrohung gemeinsam gegenüberzutreten.
Es gibt auch andere Dinge, welche durch die Expansion des Katar zu einer Bedrohung werden, aber die beiden angeführten sind die wichtigsten.
Alles hierüber Gesagte ist natürlich erst einmal schlecht. Schlecht für Russland. Daher hätte es jetzt Sinn, sich einmal die Schmerzzentren und Schwachstellen des Katar zu betrachten und daraus zu verstehen, auf welche Weise man den Plänen des Emir und der Strukturen, die sich hinter seinem umfangreichen Körper verbergen, entgegentritt oder womöglich aktiv dagegen angeht.

Vitalisierende Eigenurintherapie

Nur eine kurze Bemerkung, weil es so lustig ist. Es geht um Boris Abramowitsch Beresowski. Er ist ja in einem Alter, in dem man wahrscheinlich keinen Hormonkoller mehr erwartet, deshalb ist die Information, welche erst von der BBC, inzwischen auch von woanders zu hören ist, eher ein Beleg dafür, dass der flüchtige Oligarch etwas zu viel mit Eigenharn gespielt hat, was ihm dann buchstäblich zu Kopf gestiegen sein muss.
Exakt zum orthodoxen Osterfest bescherte er Russland das nächste seiner „Urbi-et-orbi“-Sendschreiben, in welchem er mitteilt, dass er die Inthronisierung des britischen Prinzen Harry auf dem russischen Thron bewerkstelligen will.
Mr. Presidentmaker hat offenbar beschlossen, sich auf einem etwas sakraleren Schlachtfeld zu versuchen und, wenn er schon dabei ist, gleich die Wiederkunft der Waräger zu organisieren. „Kommet und herrschet, liebe Leute. Es ist keine Ordnung bei uns…“
Es wird dabei nicht erwähnt, wie Prinz Harry den Vorstoß bezüglich seines neuen, wilden & weiten Herrschaftsbereichs aufgenommen hat. Die Meinung der Menschen in Russland interessiert Boris Abramowitsch sicher auch nicht sonderlich – was sollen die schon machen.
Aber eigentlich ist eine solche Zielstellung interessant. Vielleicht gibt es dann im russischen Fernsehen auch Online-Übertragungen aus den Privatgemächern des jungen Herrscherpaares, jeden zweiten Tag neue Hutkreationen und generell ein neues Thema in der Revolverpresse. Harry in Unterhemd und Trainingshosen bei Wodka & Stockfisch und Kate (oder wer denn nun?) in Bademantel und Lockenwicklern wäre doch was.

Entreakt im Zirkus Nahost

Kaffeepause!
Es sieht so aus, als veranlasse die jeweilige innenpolitische Situation des „Westens“ diesen, für einige Zeit etwas vom Gas zu gehen, was die Spannungen im Nahen Osten angeht. Die EU hat die Resolution des Sicherheitsrats über die Entsendung von Beobachtern nach Syrien faktisch mit einer Art Erleichterung angenommen, außerdem verlief, wie wir hören, das Treffen der Sechsergruppe mit dem Iran in Stambul „in konstruktiver Atmosphäre“. Selbst die hysterische Rhetorik in den Medien der Golfmonarchien ist einer eher trockenen Darlegung von Fakten gewichen.

Allerdings wäre es verfrüht, eine plötzliche Friedenszeit zu preisen – die Situation hat eher den Anschein einer zwischenzeitlichen Entspannung. In der Militärtheorie gibt es den Begriff von „kritischen Momenten“. Der erste dieser kritischen Momente tritt dann auf, wenn die Verteidigung des Gegners gebrochen ist. In genau einer solchen Phase endeten die Schlachten des Ersten Weltkriegs – sobald die Verteidigung angeknackst war, trat eine Pattsituation ein, in der keine der Seiten mehr die Kraft hatte, dieses Gleichgewicht in ihre jeweilige Richtung zu beeinflussen.
Der zweite kritische Moment wäre – nach dem Durchbrechen der Verteidigungslinien des Gegners – ein zielstrebiges Voranschreiten gegen den angebrochenen Gegner. Die Überlastung der Kommunikationswege, die Ermüdung der angreifenden Truppen und ihre unvermeidliche Zerstreuung führen im Effekt zu einer neuen Balance, in der es notwendig wird, innezuhalten, sich umzugruppieren, Kräfte und Material anzusammeln – und sich damit auf die nächste Etappe der Kampfhandlungen vorzubereiten. Die Fortsetzung der Angriffe nach diesem zweiten kritischen Moment kann durchaus zur Katastrophe führen – genau das passierte den Deutschen vor Moskau und genau das hat Schukow vermeiden können, als er 50-60 Kilometer vor Berlin stand.
Die jetzige Situation in Syrien hat die Anzeichen dieses zweiten kritischen Moments. Der „arabische Frühling“ ist, einem Bulldozer gleich, durch den Nahen Osten gerollt. Schon zum Ende des vergangenen Jahres war deutlich zu spüren, dass seine Ketten ein wenig die Traktion verlieren und sich sein Vorankommen verlangsamt. Es gab eine gigantische Anstrengung in Homs – und indem er die durchaus mächtigen Gruppierungen seiner Gegner zerschlagen hat, konnte Assad die allgemeine strategische Lage nicht nur in Syrien, sondern im gesamten Nahen Osten faktisch durchkreuzen. Ein wenig Gegenfeuer legte auch der Iran, indem er der sich ihm gegenüber aufbauenden Bedrohung erstaunlich trotzig die Stirn bot. Die harte und recht kompromisslose Position Russlands zu Syrien – und inzwischen auch zum Iran -, zusammen mit der eher stillschweigenden, aber offenkundig mit Moskau solidarischen Haltung Pekings hat dieser Phase erst einmal den Schlusspunkt gesetzt.
In diesem Sinne ist der Plan Annans und dessen erstaunlich leichte Annahme durch alle Seiten genau das, was jetzt passiert: ein Einverständnis mit einer Waffenruhe. Natürlich einer zeitweiligen.
Dieser temporäre Charakter ist allein dadurch offensichtlich, dass das Treffen der „Freunde“ in Stambul mit einer Entscheidung über die Finanzierung der bewaffneten syrischen Opposition ausgegangen ist. Am 1. Juni tritt das Ölembargo gegen den Iran in kraft. Bereits jetzt haben Saudi-Arabien, Irak und auch Libyen die ausgefallenen und noch ausfallenden Öllieferungen aus dem Iran kompensiert. Allerdings braucht es etwas Zeit, ehe diese Maßnahmen eine Wirkung zeigen. Und genau diese Zeit gewinnt man durch die jetzt auftretende Atempause – und damit wird klar, dass die wichtigste Frage in der Zeit der Waffenruhe sein wird, wer letztlich die Initiative an sich zu bringen vermag.
Der Ball ist bei den Aggressoren – und damit bestimmen sie den Zeitpunkt des Angriffs. Wahrscheinlich bekommen auch hier Saudi-Arabien und der Katar das Recht der „ersten Nacht“. In Frankreich sind in einer Woche Wahlen, hernach die sich jetzt schon abzeichnende Zweitwahl, und momentan sieht alles nach einem Regierungswechsel in Paris aus. Selbst, wenn Sarkozy an der Macht bleiben sollte, so wird er jedenfalls erst einmal innere und innereuropäische Fragen auf die ersten Positionen seiner Agenda stellen müssen, die Außenpolitik wäre nicht mehr Nummer Eins der Tagesordnung.
In den USA gibt es eine höchst interessante Konstellation. Erstmals in der Geschichte wird ein „Afroamerikaner“ gegen einen Mormonen antreten – noch vor, sagen wir, 15 Jahren eine undenkbare Situation. Es gibt also noch keine erprobten Verfahrensweisen für ein solches Duell, von daher wird sich die Aufmerksamkeit in den USA sicher zum großen Teil auf diese schwierige und nicht unbedingt vorhersagbare Situation richten. Obama hat natürlich ernstzunehmende Chancen auf Wiederwahl.
Aber auch die Gegenseite braucht diese Atempause. In Russland gibt es zunehmend innere Probleme, momentan ist noch nicht abzusehen, dass die Elite überhaupt versteht, wie hier vorzugehen ist. Der Iran steht schätzungsweise vor einem Machtwechsel – und obwohl die Präsidentschaftswahlen erst im nächsten Jahr stattfinden, muss bereits jetzt ein Konsens in der Führungselite gesucht werden; die Gefahr einer neuerlichen „grünen Revolution“ beunruhigt die iranische Führung natürlich, und hier hängt alles vom Einvernehmen der Machtelite ab. In China tobt ein Undercover-Machtkampf, die sich an der Oberfläche durch den Sturz des Giganten Bo Xilai äußert. Mit solchen Intrigen ist bis zum Parteitag der Kommunistischen Partei Chinas im Herbst zu rechnen. Syrien selbst braucht natürlich dringend eine psychologische Atempause, aber auch, was ihre Vorkehrungen im Hinblick auf eine Spaltung der Opposition angeht.
Folglich ist der Waffenstillstand für alle Seiten wirklich notwendig. Die Spannungen werden also, allem Anschein nach, eine Zeitlang abnehmen – schätzungsweise bis zum Herbst. Allerdings werden die USA gerade im Herbst komplett mit ihren inneren Angelegenheiten beschäftigt sein. Der Präsident war in den letzten Monaten bereits erstaunlich ruhig, die für die Staaten sonst üblichen aggressiven Töne kamen fast ausnahmslos aus dem Munde von Hillary Clinton und aus dem State Department.
In einer solchen Konstellation wären die Golfmonarchien ein lohnenswertes Ziel. Sie wären an der Reihe, die nächste Partie zu starten, und wenn ihre Gegner – in erster Linie Russland, Iran, und in gewisser Weise auch China – genügend Wagemut und, sagen wir es so, „stählerne Unterhosen“ beweisen, so könnte das Spiel der Aggressoren gestoppt werden. Wichtig wären hier massive Vorbeugung Richtung Saudi-Arabien und Katar. Eine Fügung des Schicksals könnte ein Führungswechsel in den jeweiligen Dynastien werden – biologisch, versteht sich, denn sowohl der saudische König, als auch der Emir von Katar sind nicht eben mehr bei allerbester Gesundheit, und ihr Weggang würde die zum Sprung bereite Führungselite dieser Länder doch etwas durcheinanderbringen. Freilich ist es immer besser, nicht auf das Schicksal und seine zweifelhaften Geschenke zu warten. Es gibt aber auch andere, durchaus nicht unbedeutende Varianten, den Zielanflug der Monarchien zu bremsen. Wenn es beispielsweise gelingen könnte, die Saudis und Kataris in der Zeit der Waffenruhe – und das sind sicher ungefähr zwei oder drei Monate – zu zwingen, sich dringlich mit plötzlich auftretenden inneren Problemen zu beschäftigen, so stehen die Chancen nicht schlecht, dass die Waffenruhe und Atempause um einiges länger andauern werden.