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Liquidierung

Die Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit lehnt militärische Gewalt gegen den Iran kategorisch ab.
Eine durchaus gängige und zu erwartende Verlautbarung. Es gibt dabei aber etwas Würze. Folgendes präsentiert Nikolaj Bordjuscha, Generalsekretär der OVKS, auf seinem heutigen Vortrag nach einer „Videokonferenz“ der Organisation:

„Nach untereinander abgehaltenen Konsultationen hat sich unsere Position zum Iran in aller Bestimmtheit folgendermaßen herauskristallisiert: wir sind kategorisch gegen die Anwendung militärischer Gewalt gegen Teheran und beurteilen die momentan geltenden Sanktionen als kontraproduktiv. (…) Trotz alledem ziehen wir verschiedene Möglichkeiten der Entwicklung der Situation in Betracht. Die Organisation hat bereits eine Reihe von konkreten Maßnahmen unternommen, die dem Schutz von Mitgliedsländern dienen, welche an den Iran grenzen oder ihm nahe gelegen sind“.

Und etwas später:

„Die kollektiven Streitkräfte operativer Bestimmung stellen ein universelles Potenzial dar, das in der Lage ist, Aufgaben im Zusammenhang mit der Regulierung von Krisensituationen verschiedener Schweregrade, Spezialeinsätze zur Vereitelung terroristischer Anschläge, gewalttätiger extremistischer Aktionen, Erscheinungsformen von organisierter Kriminalität, und ebenso die Vorbeugung und Liquidierung von außerordentlichen Situationen zu bewerkstelligen.“

Heute hat die OVKS 7 Mitgliedsstaaten: Armenien, Belarus, Kirgisien, Kasachstan, Usbekistan, Russland und Tadschikistan. Es ist klar, dass hier nicht die Rede von einer direkten Konfrontation mit den Aggressoren im Falle eines Angriffs auf den Iran ist.
Allerdings spricht Bordjuscha im Zusammenhang mit dem „Schutz von Mitgliedsländern“ bei einer bestimmten Entwicklung der Situation im Iran von „Vorbeugung außerordentlicher Situationen“. Anders gesagt, wenn die Situation langsam einen ungewollten Verlauf nehmen sollte, wird die OVKS bestimmte Maßnahmen zur Minimierung der negativen Folgen für sich unternehmen, welche eine Aggression gegen den Iran nach sich ziehen würde.
Es ist offensichtlich, dass es hier in erster Linie um Flüchtlinge geht, die in Massen über die iranische Grenze schwappen würden. Die einzige Möglichkeit, dieses Szenario zu verhindern, wäre die Einrichtung von Pufferzonen an der Grenze – und zwar auf iranischer Seite. Schließlich hat die OVKS ein gutes Beispiel dafür aus dem Zweiten Weltkrieg: in der schwierigsten Zeit, im August/September 1941, hat die Sowjetunion zusätzliche Kräfte und den hervorragenden Heerführer Fjodor Tolbuchin mobilisieren können, welche Deutschland daran hindern konnten, den südlichen Versorgungsweg abzuschneiden und die ölverarbeitende Industrie der Region sicherte.
Deshalb ist es am wahrscheinlichsten, dass Bordjuscha mit der „Vorbeugung und Liquidierung außerordentlicher Situationen“ genau so etwas meint – anderes wäre einfach nicht effektiv genug. Es geht dabei natürlich nicht um eine Zerstückelung des Iran, und aller Wahrscheinlichkeit nach müssten solche Aktionen im Vorfeld mit ihm abgeklärt werden, auf nicht allzu öffentlichem Parkett.
Und bei einer solchen Entwicklung scheint es auch wahrscheinlich, dass die „georgische Frage“ gleich mitgelöst wird, denn sonst hängt die OVKS-Staatengruppe operativ in der Luft, wenn sie von dem feindlich eingestellten Georgien abgeschnitten wird, das im Falle einer Aggression gegen den Iran relativ sicher die Seite der NATO einnehmen wird. Freilich ist Georgien glücklicherweise kein NATO-Mitgleid. Damit wird es zu einem Kandidaten für eine Zwischenreinigung in einem solchen Szenario.
Es ist letztlich keine andere, oder keine näher liegende Interpretation der Aussagen Bordjuschas denkbar. Die andere Frage ist, ob Russland den Aggressoren seinen Maßnahmenplan im Falle einer Attacke gegen den Iran unter die Nase halten will. Und noch interessanter – wird die russische Führung es wagen, in dieser Frage jemals aktiv zu werden? Unklar. Man hofft aber immer das Beste.

Pest und Cholera

Der Mainstream wettert wie gewohnt: 

„Die syrische Regierung will ihre Truppen aus den umkämpften Städten des Landes erst abziehen, wenn die Opposition „schriftliche Garantien“ für ein Ende der Gewalt vorlegt. Vor einem Abzug der Armee müssten die „bewaffneten terroristischen Gruppen“ schriftlich ein Ende „jeder Form der Gewalt und eine Abgabe ihrer Waffen“ zusagen, erklärte das Außenministerium in Damaskus.“

Selbst, wenn es sich so verhält, ist das nicht verwunderlich. Die „Freunde Syriens“ haben die „Opposition“ – vom Mainstream immer noch so oder, wie oben bei der FAZ, als „Protestbewegung“ verklärt – dermaßen mit bedingungsloser Unterstützung, einschließlich von Finanzhilfen i.H.v. ungefähr einer Dreiviertelmilliarde Dollar, bedacht, dass es gar keinen Zweifel daran geben konnte, dass die etwas traurig gewordenen Banden der FSA nach der Stambuler Konferenz wieder zu neuen Höhen gelangen werden.
Die syrische Regierung hat zwei Varianten: entweder sie versucht, dem Westen wohl zu gefallen und verliert dadurch die strategische Initiative, die sie momentan zweifellos innehat, oder sie nutzt die Gelegenheit und versucht, die terroristischen Gruppierungen auf ihrem Gebiet kampfunfähig zu klopfen und schert sich nicht um das Ansehen bei den Sponsoren der letzteren.
Beide Varianten sind schlecht, und nur Assad kann entscheiden, was davon schlechter wäre. Die blaue oder die rote Pille – keine allzu koschere Wahl, besonders, wenn man dazu in irgendein abgedunkeltes Zimmer zu einem verdächtigen Neger mit Lorgnon geführt wird.
Selbst wenn Bashar al-Assad so verfährt, dass er die Armee wenigstens teilweise aus den Städten zurückzieht – genauer, aus den befriedeten Orten, in den Krisengebieten aber weiter gegen die Banden vorgeht – so wird das eine objektiv absolut notwendige Maßnahme sein. In der bestehenden Situation, wie sie ist – vollkommen unabhängig davon, was Assad tut oder nicht tut, der Westen steuert mit seinen „Freunden Syriens“ die Zerstörung der syrischen Staatlichkeit an – ist es sinnlos, Fügsamkeit und Milde zu demonstrieren.
Die Situation ist im Großen und Ganzen so, dass Assad momentan die Rester derer beseitigt, die wirklich bereit sind, ihm weiterhin militärisch die Stirn zu bieten. Wenn er damit fertig sein wird, kommt er in eine Situation, die fast identisch mit der ist, in der sich Russland am Ende der militärischen Phase im zweiten Tschetschenienkrieg befand. Die dort noch den russischen Streitkräften widerstehenden Formationen rekrutierten sich überwiegend aus hartgesottenen Terroristen oder ausländischem Kanonenfutter. Die Ortsansässigen haben ihre Lage entweder durch Verhandlungen geklärt oder sich auf die Seite der Föderalen geschlagen. In den Wäldern und Bergen blieben nur solche, mit denen Verhandlungen sinnlos waren.
Die Situation in Syrien ist ähnlich. Wer konnte und wollte, hat schon lange zu den Waffen gegriffen und gegen das „Regime“ gekämpft. Wenn dieses Kontingent nun auf die eine oder andere Weise ausgeschaltet ist, bleiben nur die vollkommen hartnäckigen Fanatiker (derer es nicht viele geben wird) und ausländische Söldner. Es wird so oder so immer schwieriger, diese als „Opposition“ zu bezeichnen, insbesondere nach den Wahlen.
Ein weiteres Problem besteht natürlich auch noch darin, dass die syrische Regierung in Sachen Medien unschuldig (oder unfähig) ist wie ein kleines Mädchen. Dort, wo es angesagt wäre, eine Gegenpropaganda zu führen, die Opfer der Söldner und Banden, die Spuren ihrer Terrorakte und das Übel zu zeigen, das sie anrichten, handelt die syrische Staatsführung recht tolerant und vorsichtig und überlässt propagandistische Gegendarstellungen eher Enthusiasten wie z.B. der „Syrian Electronic Army“. Indem sie den Krieg in den Medien verliert, gibt die syrische Regierung de facto ihre tatsächlichen militärischen und polizeilichen Erfolge bei der Terrorbekämpfung preis.
Es ist schwer zu beurteilen, ob das Berechnung oder Unfähigkeit des syrischen Informationsministeriums ist. Tatsache bleibt, dass Syrien es im Verlauf eines Jahres nicht in die Wege gebracht hat, eine Struktur zu schaffen, welche die medialen Auseinandersetzungen wenn schon nicht ebenbürtig, dann wenigstens würdig führen kann. Das ist recht schwach angesichts der Tatsache, dass die öffentliche Meinung zumindest im arabischen Raum sich durchaus nicht nur nach Al-Jazeera richtet.

Katerfrühstück, Teil 5

5. Ausblick: Dark Future

Paradoxerweise ist nun die durchaus gut mit finanziellen, personellen, administrativen, Lobby und anderen Ressourcen ausgestattete Struktur von Gazprom vollkommen hilflos, wenn es um Aufklärung und die Auswirkungen politischer Prozesse auf die Marktentwicklung geht. Also im Bereich der strategischen Marktanalyse.

Kaum zu erklären ist das alljährlich zum Jahreswechsel wiederkehrende Schauspiel, wenn die „plötzlichen“ Manöver der ukrainischen Regierung die Bosse von Gazprom dumm aussehen lassen. Es scheint keinerlei Vorbeugungsmaßnahmen zu geben – immer nur Reaktionen auf Entwicklungen. Das kann nur bedeuten, dass es keinen gut funktionierenden betrieblichen Aufklärungsdienst und keine ordentlichen analytischen Prognosen zu geben scheint.

Ganz im Gegensatz dazu scheint’s mit der Gegenaufklärung bei Gazprom zu stimmen. Jedenfalls gibt es keine Schlagzeilen mit irgendwelchen „Leaks“, niemand aus der Führungsriege wechselt zur Konkurrenz, und im Unternehmen selbst gibt es Maßnahmen gegen von außen hineingesandte Spitzel, gegen Plauderer und so weiter. Das ist eigentlich nicht verwunderlich, der Sicherheitsdienst von Gazprom rekrutiert sich aus ehemaligen Mitarbeitern von staatlichen Sicherheitsstrukturen, Personenschutz und Geheimdienstlern, die es ganz gut verstehen, für die innere Sicherheit zu sorgen. Nach der Sachlage zu urteilen ist’s mit der Sicherheit „nach außen“ allerdings eher schlecht bestellt.

Gazprom (und damit Russland, oder anders herum) steht jetzt unweigerlich vor der Aufgabe, die Pläne der Übernahme insbesondere seiner europäischen Märkte zu durchkreuzen. Mit adäquaten Maßnahmen. Besser spät als nie, aber unbedingt „proaktiv“.

Katerfrühstück, Teil 4

4. Gaskrieg

Um jetzt nicht in alle Länge und Breite zu diffundieren, muss man einfach nur versuchen, alles das, was an Informationen verfügbar ist, in einen Zusammenhang zu bringen, so es ihn denn gibt. Gott würfelt nicht, und die plötzliche Rolle des Zwergenstaates Katar im wirtschaftlichen Engagement und besonders in den bewaffneten Konflikten der jüngeren Zeit (Libyen, Syrien) ist sicher auch kein Zufall.

Folgendes steht bisher fest. Der Katar ist aktiv dabei, die russische Elite durch vorgegaukelte Milliardeninvestitionen in die russische Wirtschaft an der Nase herumzuführen, dabei platzen alle Deals förmlich in letzter Minute durch allerlei Gründe, die dafür ins Feld geführt werden. Dabei geht der Katar allerdings so geschickt vor, dass man ihn beim nächsten Deal trotzdem sehsüchtig erwartet wie den Weihnachtsmann mit seinen Geschenken.

Die süße Aussicht auf „Cashback“ lässt die russischen Staatsbeamten die Augen vor jeglichen Aktionen des Katar verschließen, sowohl in der Politik, als auch in der Wirtschaft. Als folge haben die trickreichen Araber so ziemlich alles erreicht – aus der Befürchtung, die reichen Scheichs zu verschrecken, hat die russische Staatsmacht ihre Positionen in Libyen ohne mit der Wimper zu zucken aufgegeben und die Milliarden an Investitionen in diesem unglücklichen nordafrikanischen Land einfach abgeschrieben. Nehmt doch, wir haben Hunderte solcher Projekte! Was denn für ein Libyen, wo wir hier vor massiven Investitionen aus Katar stehen? Es ist ja wohl keine Frage, was Russland nötiger braucht – eine Eisenbahn in Libyen oder Milliardeninvestitionen in die heimische Wirtschaft.

Es ist in dieser Situation eine müßige Frage, ob man denn hier den Schlawiner erkennt. Was soll’s, dass der Katar bereits das vierte Investitionsprojekt innerhalb der letzten zwei Jahre platzen lässt? Macht doch nichts, dass es bisher keine dieser Investitionen in Wirklichkeit gibt. Leute mit so aufrichtigen und ehrlichen Augen wie der Scheich oder der Emir von Katar können doch nicht schwindeln!

Als Resultat werden direkt vor der Nase von Gazprom in ganz Europa gigantische LNG-Terminals gebaut. Es entsteht eine riesige Flotte von 2G-Tankern, und dabei ist die Q-Max-Serie mit geplanten 25 Tankern nicht die einzige und letzte. Klar, 50 Milliarden Kubikmeter pro Jahr sind lediglich 5% des jährlichen Gasimports nach Europa, aber darum geht es ja gerade – es handelt sich hierbei um zu den bereits bestehenden Liefermengen zusätzliche Volumina. Der Katar hat sich bereits in aller Stille ungefähr 6 Prozent des europäischen Marktes gesichert, dabei ist der Anteil von Gazprom gleichzeitig von 26 auf 24 Prozent zurückgegangen. In Libyen wiederum greift der Katar derzeit mit harter Hand nach dem libyschen Gas. Und hier kommt noch ein Land ins Spiel, nämlich Algerien. Dieses führt im Gasbereich zwar eine kontrollierte, aber in vielerlei Hinsicht unanständig souveräne Politik durch. Unter diesen Vorzeichen wäre Algerien eines der nächsten Ziele für die Demokratisierung. Zu dem Zeitpunkt, an dem Katar seine Flotte und die Infrastruktur für die Lieferung von Flüssiggas fertig hat, wird sich das Schicksal von Algerien entschieden haben. Auf die eine oder andere Weise.

Katerfrühstück, Teil 3

3. Katar als Filiale transnationaler Konzerne

Wenn wir sagen „Katar“, so klingt das recht unkonkret. Man muss sich schon die Leute vor Augen führen, die unter diesem Label agieren. Und die sind eigentlich gar nicht so unkonkret:

Emir Hamad bin Halifa Al Thani. Er ist infolge eines Staatstreichs gegen seinen Vater an die Macht gekommen, der zu dieser Zeit in Europa Urlaub machte. Das Mastermind und die treibende Kraft hinter dem Staatsstreich war allerdings Hamad ben Dschasim ibn Dschabir Al Thani, der jetzige Premier und Außenminister.

Hamad ben Dschasim ist eine interessante Persönlichkeit. Selbst in der arabischen Welt, die vielfach auf Bakschisch gebaut ist, gibt es epische Sagen über die Korruption des Scheichs Hamad. In seiner Eigenschaft als führendes Ratsmitglied im staatlichen Fonds für Investition und Staatsreserve hat er allerlei zwielichtige Geschäfte mit traumhaftem ROI durchgedrückt. Letztlich ist dieser Rat auch die Quelle für sein enorm gestiegenes Vermögen. Scheich Hamad ist reicher als der Emir, nach arabischen Vorstellungen ist das zumindest nicht korrekt.

Man darf dabei nicht vergessen, dass „staatliche“ Strukturen, wie etwa dieser Fonds, unter den Bedingungen einer absoluten Monarchie in diesem Fall Privateigentum des Emirs sind. Wird also mit diesem Fonds herummanipuliert, so ist das nichts anderes als Raub am Vermögen des Emirs. In den Augen seiner königlichen Kollegen sieht ein solcher Emil wie ein Trottel aus. Tatsächlich, kaum jemand von den arabischen Führern nahm ihn wirklich ernst – er hatte ein recht gespanntes Verhältnis zu vielen von ihnen. Zum Beispiel Gaddafi und Mubarak waren ihm zutiefst verhasst.

Zurück also zu Scheich Hamad. Sein Büro in Doha ist ihm ein kurzer Aufenthaltsort für die Momente, in denen er aus seinem Hauptbüro in London einschneit. Denn genau in London liegt das Zentrum des Imperiums dieses Scheichs, das er und seine verschiedenen Söhne leiten. Wenn man sich die recht rigorose Einstellung der Briten gegenüber Korruption jeglicher Art vorstellt, so kann man im Falle des Scheichs nur folgern, dass sie konkret an ihm und seinem Imperium interessiert sind. Und daraus folgt, dass man von einer souveränen Außen- und Investitionspolitik des Katar nicht wirklich sprechen kann. Wie gesagt, Scheich Hamad ist Leiter dieser gottgefälligen Werke und sitzt in London.

In Katars Politik trifft man aber natürlich nicht nur auf die Spur der Briten. Katar ist der staubige Hinterhof der größten Militärbasis der USA in der Region – Al-Udeid, außerdem aber ein Nebenflur einer anderen, durchaus einflussreichen amerikanischen Struktur – der Exxon Mobile Corporation. Ein Unternehmen des Rockefeller-Clans, das nur nebenbei.

Katerfrühstück, Teil 2

2. CH4 für Millionen

„Mozah“, Tanker der Q-Max-Klasse

Bemerkenswert bei alledem ist, dass der Katar durchaus nicht knausrig ist, wenn es nur nicht ausgerechnet um Russland geht. Im Gegenteil. Der Katar ist freigebig. Das Land investiert unglaubliche Summen – zum Beispiel in den Bau eines gigantischen Seehafens an seiner Küste. Gesamtes Investitionsvolumen ungefähr 7 Milliarden Dollar, und das zusätzlich zu den bereits bestehenden Installationen. Der Katar baut Flüssigerdgas-Terminals in England, an der deutsch-polnischen Grenze, in Südeuropa. Eine Monorail, Staudämme, Satellitenstädte – alles das im Eiltempo, in drei Schichten, es scheint, ohne Rücksicht auf die Kosten und den Aufwand. Reichen die eigenen Mittel nicht, werden Kredite aufgenommen. Gibt es keine langfristigen, so nimmt man eben kurzfristige.

Es werden Unsummen in den Bau von Flüssiggasfrachtern investiert. Dafür braucht es einen kleinen Exkurs:

Solcher Monster baut der Katar insgesamt 25 Stück. Bisher gibt es schon 14 davon. Nur über die Q-Max-Klasse wird das Volumen des Gasexports aus dem Katar also 25 Tanker x 15 Fahrten pro Jahr x 150 Millionen Kubikmeter, folglich 56.250.000.000 Kubikmeter betragen. Ein Drittel dessen, was Russland pro Jahr nach Europa liefert.Die Tanker der Klasse Q-Max (Q steht dabei für Katar), deren erster übrigens auf den Namen Mozah getauft wurde (so heißt die zweite und bevorzugte Frau des Emirs von Katar; wer weiß, was sie mit einem fetten Supertanker gemein hat), haben eine Kapazität von 266.000 Kubikmetern Flüssiggas – im nichtverflüssigten Erdgasäquivalent sind das zirka 150 Millionen Kubikmeter Gas – pro Fahrt.

Katerfrühstück, Teil 1

Um es vorwegzustellen: die Rede hier wird nicht von irgendwelchen geheimen Insiderinformationen sein, die allen die Augen öffnen. Alles ist recht gut bekannt, alles offen zugänglich. Insgesamt ist all das, was um Syrien, den Iran und im gesamten Nahen Osten passiert, relativ verständlich und transparent. Erst wenn man allerdings die vielen Einzelheiten zusammenfügt, kann man die Hauptrichtung der Entwicklungen erkennen.

Der Einfachheit halber ist es hilfreich, sich erst einmal einige Ebenen der Handlung wieder vor Augen zu führen. Manches davon liegt Jahre zurück.1. Die große Verarschung (hierunter)
2. CH4 für Millionen
3. Katar als Filiale transnationaler Konzerne
4. Gaskrieg
5. Ausblick

1. Die große Verarschung

Mindestens seit 2009 bekommt Russland von Katar und von katarischen Firmen und deren Dependenzen in Europa Angebote gigantischer Investitionen in die russische Wirtschaft, vornehmlich in die Förderung von Rohstoffen wie Gas, Öl und Edelmetallen, aber auch in größere Infrastrukturprojekte und die Immobilienwirtschaft. Es ist nicht uninteressant, einige der jüngeren dieser Sachen einmal zu verfolgen:

Im Frühjahr und Sommer 2010 wurden dem Katar in Russland höchst vielversprechende Beteiligungen an Investmentprojekten im Bereich Immobilien und Goldförderung angeboten. Fast ein Jahr lang signalisierte der Katar hin und wieder bemühtes Interesse, danach hat die russische Seite das Ansinnen aufgrund seiner Perspektivlosigkeit aufgegeben.

Am 15. Februar 2011 sollten 10% der Aktien der russischen Staats- und Großbank VTB auf Weisung von Präsident Medwedew an den Katar verkauft werden (der russische Staat hält bis dato drei Viertel der Anteile). Die Gründe dafür waren politischer Natur, will heißen: ein beidseitig signalisierter Wille zur Kooperation. Zu diesem Behufe sollte der Katar die Aktien insgesamt gar zu einem um eine halbe Milliarde Dollar günstigeren Preis bekommen. Das Geschäft wurde abgeblasen.

Backsteine

Am 28. und 29. März läuft in Neu Delhi der Gipfel der BRICS-Staaten – also der 5 führenden unter den „Schwellenländern“. Eines der außenpolitischen Ziele dieser Konferenz soll ein gemeinsamer Standpunkt zum iranischen Atomprogramm bzw. zum Iran im Allgemeinen und zu Syrien werden. Letzteres wurde heute in ein paar allgemeinen Phrasen kommentiert; dieser Kommentar spiegelt eigentlich nichts weiter als den momentanen UN-Konsens wieder, welchen man durchaus als Erfolg der BRICS (nimmt man insbesondere Russland und China als „Blockierer“ von unausgewogenen UN-Resolutionen zu Syrien) und der syrischen Regierung im Speziellen werten kann.
Medwedew unter Freunden
Interessant ist, dass sich in Kürze, am 02. April, in Stambul die zweite Konferenz der sogenannten „Freunde Syriens“ versammeln wird. Unter diesen „Freunden“ wird es vermutlich niemanden von den BRICS geben. Vermutlich. Beziehungsweise, mal sehen.
Faktisch kann man diesen Prozess als einen weiteren kleinen Schritt in der Polarisierung der Welt in zwei Gruppierungen interpretieren. Die Formierung der Koalitionen (oder Gruppierungen, wenn man so will) findet vor unser aller Augen statt. Einerseits sind das die entwickelten Länder der „westlichen Zivilisation“, andererseits die Schwellenländer, welche gern dem Club der „entwickelten“ beitreten würden – wenn es sein muss, auch ohne den Segen des Westens. Der kategorische Unwille der E3-Staaten und der USA, solche Neulinge auf der Ebene der Geopolitik zuzulassen, ist der Grund für den Aufbau von Spannungen an den Grenzpunkten dieser sich abzeichnenden Blöcke. Die Agenda des Westens ist es, diese Schwellenländer entweder einfach jeglicher Perspektiven weiterer Entwicklungen zu berauben, in dem zum Beispiel „farbige Revolutionen“ provoziert und kollaborierende Regimes installiert werden, oder aber das Industriepotential dieser Konkurrenten Schritt für Schritt auszuschalten – durch Sanktionen, Schaffung von Krisensituationen, direkte militärische Aktionen – letztlich egal, wie.
Syrien ist dabei in vielerlei Hinsicht in etwa dasselbe, was Spanien im Vorfeld des 2. Weltkriegs war. Also ein Schauplatz, anhand dessen sich die Koalitionen für künftige Konflikte formieren. In gewisser Weise ist der Erfolg durch die Annahme des Annan-Plans zu Syrien bereits jetzt eine kalte Dusche für die „Freunde Syriens“ und so gar nicht nach dem Gusto der Sponsoren der Unruhen dort. Zur Erinnerung – die Agenda dieser „Freunde“ ist in erster Linie ein Regime Change, wie es im US State Department auch direkt ausgesprochen wird.
Unter diesen Voraussetzungen ist es sogar denkbar, dass die BRICS in ihrer Strategie – so es eine solche gibt – einen Schritt weitergehen und z.B. Russland und/oder China doch an der Konferenz der „Freunde Syriens“ in Stambul teilnehmen – schon allein deshalb, um dem Westen ein paar Steine in den Weg zu werfen und die Konsolidierung seiner Koalition zu behindern.
UPDATE 
Da ist es, das Resultat der außenpolitischen Agenda vom BRICS-Gipfel: „BRICS-Länder für Dialog bei Syrien-Regelung und im Atomstreit mit Iran“. Interessant ist der Standpunkt zu Afghanistan, der, einfach ausgedrückt, darauf hinausläuft, dass die USA & deren Partner doch schön weiter an diesem aussichtslosen Schauplatz engagiert bleiben sollen. Die Russen haben zweifellos Erfahrung damit. Ansonsten sind die bislang publizierten Resultate des Gipfels durchaus im Einklang mit der sich vollziehenden Blockbildung. „Enge Kooperation nicht nur in Wirtschaftsfragen“, nicht wahr…