Beiträge mit Tag ‘russland’

The Game, Teil 3

Dieser Tage gewinnt man den Eindruck, die friedliebende Weltgemeinschaft verwandele sich immer mehr in eine wild gewordene Hundemeute, die zwei ihrer unpässlichen Artgenossen in die Ecke gedrängt hat und sich nun überlegt, welchen der beiden sie zuerst zerfleischt.
Gestern und vorgestern hat die Meute der verkumpelten Golfmonarchien sich gemeinsam daran gemacht, ihre diplomatischen Beziehungen zu Syrien abzubrechen. Am Mittwoch hat Saudi-Arabien seinen Botschafter und das gesamte Botschaftspersonal zurückgerufen, gestern haben Bahrain und Kuwait das gleiche angekündigt.
Die Society for Worldwide Interbank Financial Telecommunication, als SWIFT bekannt, kündigt an, ab Samstag den kompletten Finanzsektor des Iran abzuschalten. Das ist eine vollkommen neue Situation, etwas Derartiges hat es in der Geschichte noch nie gegeben. Geld und Banken sind in der westlichen Wertegemeinschaft derart heilig, dass man es normalerweise nie zulassen würde, diesem System irgendwelche Hindernisse oder Scherereien zu bereiten. Offenbar waren die Argumente, die man der Führungsschicht der SWIFT vorgelegt hat, so überzeugend, dass wir nun hinsichtlich des Iran vor diesem Novum stehen.
Bisher kann man alle Aktionen, die gegen Syrien und den Iran vorgenommen werden, noch als Versuche verstehen, die jeweilige Situation im Landesinneren zu destabilisieren. Allerdings sind das sehr entschlossene, aufwändige und zielgerichtete Aktionen. In Syrien sind das wirtschaftliche Methoden in Kombination mit einem Terrorkrieg, im Iran momentan fast nur wirtschaftliche Methoden mit selektiven Anschlägen, etwa gegen Wissenschaftler aus dem Atombereich. Das Ziel ist klar – eine Destabilisierung bis hin zu einem Zustand, der eine – wie auch immer geartete – entschiedene Unzufriedenheit der jeweiligen Bevölkerung bedeutet. Ein wenig erinnert das im Ansatz an den Film „The Game“ mit Michael Douglas, wo der Protagonist von seinen Freunden ein einzigartiges Geschenk bekommt – ein Spiel, in dessen Verlauf ihn die Freunde jagen, seine gewohnte Welt zusammenbrechen lassen und ihn schließlich zum Selbstmord bringen. Und in diesem letzten Moment wird er vor dem Tod bewahrt, die Freunde gratulieren ihm herzlich zum Geburtstag.
Hier haben wir ein ähnliches Szenario, nur wird es am Ende keine Gratulationen geben; niemand will irgendwen vor dem Tod bewahren. Bei all dem Chaos, das es um Syrien und den Iran gibt, kann man eine klare Linie erkennen – beide Länder werden konsequent und zielgerichtet geschwächt. Später wird es eine Entscheidung geben müssen: entweder gedeiht die innere Situation bis zu einer Implosion, und dann müsste der Westen nur hier und da ein wenig Öl ins Feuer gießen. Oder die Bevölkerung legt einiges an Geduld und Leidensfähigkeit an den Tag, die Machthaber bleiben an der Macht – dann würde die Frage mittels direkter Aggression geklärt werden müssen. In diesem Fall verspricht ein vorab geschwächter Gegner natürlich eher Erfolg, obwohl der Westen seit dem Zweiten Weltkrieg keinen solchen Gegner hatte wie den Iran. Es gibt aber auch keinerlei Illusionen bezüglich der Probleme und Schwierigkeiten eines solchen Kriegs. Das permanente Pumpen von Propaganda, welche die Öffentlichkeit glauben lässt, dass „wir“ den Iran einfach nur ein paar Mal anzuspucken brauchen, ehe er aufgibt, steht in keinem Verhältnis zum Umfang der realen Kriegsvorbereitungen und damit der Sorge um den Ausgang dieses Konflikts.
Offenbar kann man die derart dynamischen, systematischen und enormen Anstrengungen, die man zwecks der Destabilisierung Syriens und des Irans unternimmt, gar nicht mehr anders interpretieren, als dass die Entscheidung über einen Angriff längst getroffen ist und nicht mehr diskutiert wird. Es stellt sich nur noch die Frage nach den Methoden und den Fristen.
Dabei zieht der Westen natürlich Schlüsse aus den vergangenen Weltkriegen und ist sich dessen bewusst, dass ein Weltkrieg – und die Konstellation ist heute eine, die genau darauf hindeutet! – immer ein Konflikt zwischen Staatenblöcken ist. Zwischen Koalitionen. Und genau dadurch ist ein Weltkrieg in seinen Perspektiven so wenig vorhersehbar. Objektiv haben wir heute um Syrien die Opposition zwischen dem Westen und seinen Verbündeten gegen ein paar durchaus starke, aufstrebende Länder – Iran, Russland, China, Pakistan (den Libanon muss man hier mit erwähnen, dieser ist im Hinblick auf den Nahen Osten absolut wichtig) – und deren Potential macht eine künftige Konfrontation zu einer heiklen Sache.
Die Blockbildung ist in vollem Gange, dazu zählt auch und besonders der „arabische Frühling“. Eigenständige, unabhängige (das heißt: blockfremde oder feindliche) „Diktaturen“ werden gestürzt, in eine fortdauernde Instabilität gestoßen und, was die neue Machtelite angeht, in einem wahhabitischen, von den Golfmonarchien dominierten Konglomerat zusammengefasst. Dieses extremistische, teils religiös-fanatische Konglomerat wird nicht ohne Grund vom Westen unterstützt. Das Märchen von der Demokratie und Freiheit glauben ohnehin nur vollkommen Ahnungslose. Es bildet sich vielmehr ein Vorposten, einen Stachel im Fleisch der oben angeführten „antiwestlichen“ Koalition, und für die lange Sicht soll hier vor allem ein Block gegen die Expansion der chinesischen Dominanz entstehen. Hie und da sieht man noch ein Rütteln – wie zum Beispiel letzte Woche bei Westerwelle, der ganz im Sinne dieser Blockbildung unverhohlen meint, Russland stünde auf der falschen Seite der Geschichte.
Das militärische Potential des Westens ist extrem hoch. Allerdings haben die ihm Paroli bietenden Länder (auch, wenn sie noch zu keiner formalen Koalition zusammengefunden haben) das, was der Westen nicht besitzt, nämlich Ressourcen. Das sind nicht nur Rohstoffe, sondern auch Infrastruktur und Menschen.
Die Logik gebietet es dem Westen, jetzt in Richtung einer Spaltung der sich abzeichnenden, ihm widerstehenden Koalition zu arbeiten. In diesem Sinne ist der Iran das schwächste Glied der Kette. Der Iran ist tatsächlich von Sanktionen geschwächt, aber auch von der nicht allzu weisen Wirtschaftspolitik des Präsidenten Ahmadinedschad. Ideologisch ist der Iran ziemlich unflexibel und schon allein aus diesem Grund kein Koalitionspartner, der in einer solchen Koalition allzu leicht Kompromisse eingeht.

Auch, was Russland angeht, nutzt der Westen seine Möglichkeiten, um die noch unfertige Koalition vorab zu zerschlagen. Die russische Führung hat, eine nach der anderen, ihre Positionen im Nahen Osten aufgegeben. Normalerweise wäre nämlich die russische Position zu Syrien vollkommen normal für ein Land, das seine Interessen gewahrt wissen will – sie hat aber vor dem Hintergrund des ständigen Rückzugs in den letzten Jahren eher den Anschein einer plötzlichen, unbegreiflichen Unbeugsamkeit. Man kann sich nur fragen, ob das ein Paradigmenwechsel oder eine zufällige Fluktuation ist.
Genau aus diesem Grunde versucht der Westen jetzt, aus Russland das Einverständnis zu einer Einmischung in Syrien herauszupressen. Das wäre noch eine Bruchlinie in der sich abzeichnenden Koalition.
Kurzum, bei aller Komplexität der momentanen Situation sieht es so aus, als sei die endgültige „Deadline“ bezüglich des Iran der Moment, an dem China, Russland, der Iran und Pakistan die Notwendigkeit eines Bündnisses untereinander einsehen, die sich aus der Umgestaltung der bislang bestehenden Weltordnung ergibt. In diesem Moment wird der Westen verpflichtet sein, den Iran anzugreifen, ganz ungeachtet der Folgen und der Verluste. Ganz einfach deshalb, weil die Bildung einer Koalition, die dieser neuerlichen Entente entgegensteht, die Erfolgsaussichten letzterer auf eine letztendliche Dominanz doch ziemlich problematisch erscheinen lässt. Die heutige Geopolitik ist längst nicht mehr von den Interessen einzelner Staaten geleitet, sondern durch die Interessen von Staatengruppen, und der Westen kann die Konsolidierung einer ihm entgegenstehenden Staatengruppe nicht zulassen.
Das Unterpfand des Erfolgs für den Westen ist es, jeden widerborstigen Staat einzeln auszuschalten. Sonst trüben sich seine Erfolgsaussichten nachhaltig und für lange Zeit.

EU marschiert

Hierzulande ist man gezwungen, seine Nazisympathien auf solche Spielereien wie „Call of Duty“ zu beschränken, während die Sparmaßnahmen der Bundesregierung dazu führen, dass die V-Leute aus der NPD abgezogen werden, damit diese Partei endlich verboten werden kann. Schätzungsweise wird die NPD nach Abzug der V-Leute von allein in sich zusammenbrechen, es stellt sich nur die Frage: wer wird der neue Buhmann der NationBevölkerung? Die „Al Kaida für Arme“, die sogenannte NSU, wird als Feindbild und Bildner der öffentlichen Meinung wahrscheinlich nicht mehr lange herhalten können, es sei denn, es geschehen noch ein paar Undinge, die man unter diesem Label platziert.
Erfrischend anders ist die Lage im EU-Mitglied Lettland, das sich seit geraumer Zeit mit Identitätsfindung beschäftigt. Die ältere Geschichte dieses Landes gibt nicht allzu viel Eigenständiges her: Deutscher Orden, Polen-Litauen, Schweden, Russland. 1918 – zu Beginn auf den Segen Lenins – bis 1940 war Lettland unabhängig, wonach es ein knappes Jahr als Sowjetrepublik existierte, bevor es im Juni 1941 vollständig von der Wehrmacht besetzt wurde.
Nach der offiziellen lettischen Lesart beginnt hier die Zeit der Glorie des Landes. Am 11. März dieses Jahres fand in den Schulen landesweit der sogenannte „Patriotismus-Unterricht“ statt. Das Datum ist kein Zufall: es wurde im Zuge der anstehenden Feierlichkeiten des Gedenktags der Lettischen SS-Freiwilligenlegion gewählt, welcher am 16. März begangen wird.

Das deutsche Oberkommando nahm die lettischen Freiwilligen 1943 in die Reihen der SS auf, nachdem Stalingrad verloren war. Das war die Geburtsstunde der lettischen SS-Freiwilligenlegion; sie bestand aus der 15. und 19. Waffengrenadier-Division der SS. Das Korps sollte wenigstens teilweise den „Personalmangel“ bei der Heeresgruppe Nord kompensieren. 

Die Divisionen waren u.a. an Vergeltungsaktionen gegen sowjetische Partisanen bei Pskow beteiligt. 1944 wehrten sie lange Zeit Vorstöße der Roten Armee unter Leningrad ab. Der 16. März markiert den Zeitpunkt der ersten Kampfhandlungen zwischen der lettischen SS-Division und der Roten Armee und ist heute in Lettland ein (inoffizieller) Feiertag. Dem Charakter nach war die Legion also durchaus nicht Verteidiger ihres Vaterlandes. 

Die 15. Waffengrenadier-Division der SS wurde im April 1945 zerschlagen, die 19. Division kapitulierte im Mai im Kurland-Kessel.

Im „Patriotismus-Unterricht“ wurde den Schülern vermittelt, wie die lettischen Legionäre zusammen mit der deutschen Waffen-SS brüderlich für Freiheit und Demokratie gekämpft haben. In vielen Schulen lief dieser Unterricht anschaulich mit einer Menge an gut gepflegten und sorgfältig bewahrten Exponaten ab: Waffen, Uniformen, persönlichen Gegenständen der Legionäre. Kurzum, die Schaffung eines Heldenmythos im Sinne einer nationalen Identität. Und noch einmal zur Erinnerung: Lettland ist seit 2004 EU-Mitglied.
Und hier die Rosine dieser Nachricht, Fotos vom „Patriotismus-Unterricht“ am 11. März 2011. Wessen Herz schlägt da nicht höher, oder tiefer, oder linker oder rechter? (Alle Fotos: Subchankulow / ITAR-TASS)
Patriotismus-Unterricht in einer lettischen Schule: besser als Computerspiele
Patriotismus-Unterricht in einer lettischen Schule: „Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir.“
Patriotismus-Unterricht in einer lettischen Schule: neue Helden
Patriotismus-Unterricht in einer lettischen Schule: Ahnenerbe 
Patriotismus-Unterricht in einer lettischen Schule: für jeden Topf der passende Deckel 
Patriotismus-Unterricht in einer lettischen Schule: keine weichgespülten Dichter und Denker 
Patriotismus-Unterricht in einer lettischen Schule: Mama, darf ich spielen? 
Patriotismus-Unterricht in einer lettischen Schule: abdrücken, bis das Magazin leer ist 

Libyen 2.1 beta

Die vorgestern beim Treffen der Aussenminister der Arabischen Liga und Russlands getroffenen Vereinbarungen bedeuten natürlich nicht, dass die arabischen Könige, Scheiche und Emire plötzlich einem Anfall von Humanismus und Vernunft erlegen sind, und jeglicher Optimismus in dieser Frage ist unangebracht (zu den Gründen siehe weiter unten). Hier die konkreten Abmachungen aus dem Treffen der Liga mit Lawrow:
  1. Beendigung der Anwendung von Gewalt durch alle beteiligten Seiten
  2. Schaffung von Monitoringmechanismen
  3. ungehinderter Zugang für humanitäre Hilfe für alle Syrer
  4. Unterstützung des UN-Sonderbeauftragten Kofi Annan in Syrien
  5. die Unannehmbarkeit einer Einmischung von Außen in die inneren Angelegenheiten Syriens.

So weit, so schlecht. Erstens, der Grund für diese Zugeständnisse ist natürlich die fatale Niederlage der Aggressoren in Homs. Wie man den seit mindestens Mitte Dezember z.B. aus Libanon eintreffenden Meldungen entnehmen konnte, wurde die Eroberung der Stadt und das Umfunktionieren in ein Basislager für die weitere Destabilisierung des Landes von langer Hand und sehr gründlich geplant. Dass die Kämpfer der FSA die Stadt fast einen Monat gegen die reguläre Armee gehalten haben – die letzten drei Wochen unter den Bedingungen einer totalen Blockade – sagt schon vieles. Der Verlust von Homs wiegt schwer, kostete er doch offensichtlich Unmengen an Material und Kadern.

Zweitens, das Problem dieser Abmachung ist Punkt 1, die Beendigung der Gewalt. Was die Seite der syrischen Regierung angeht – bitteschön, da ist sie, man weiß genau, wer genau das ist, wo sie sich befindet und wie sie funktioniert. Es gibt funktionierende Mechanismen, denen zufolge zum Beispiel Beamte, die den Abmachungen zuwiderhandeln, entlassen oder bestraft usw. werden können. Solches kann man von den „Rebellen“ oder auch der so benannten „Free Syrian Army“ nicht sagen. Wenn schon niemand anderes als Hillary Clinton unlängst zugeben musste, dass sie keine Ahnung hat, was das für Leute sind und wen genau sie repräsentieren, dann ist das sicher ein Zeugnis dafür, dass es vollkommen unklar ist, mit wem man es zu tun hat und wie man auf Seiten der „Rebellen“ den Verzicht auf Gewalt sicherstellen will. Zumal man in der Vergangenheit gesehen hat, dass Autobomben in Wohnvierteln, Sabotage und andere Aktionen zum Repertoire der „Rebellen“ gehören.

Diese Abmachung ist also insofern nichts als eine Folge der Entwicklung in Homs; andere Gründe kann man nicht erkennen. Die Feinheit besteht darin, dass diese Abmachung auch noch von Syrien selbst akzeptiert werden muss. Assad beeilt sich damit nicht, obwohl auch er eine Atempause nötig hätte. Er bräuchte die Zeit für die endgültige Befreiung der Städte von den letzten Widerstandsnestern, vorige Woche hat die Armee, fast zeitgleich mit Homs, eine Operation in Deir az-Zaur durchgeführt. Vor kurzer Zeit begann die Operation in Idlib… wie auch immer, die Sache entwickelt sich inzwischen anders:

Die „Washington Post“, welche sicher ein einflußreiches Medium ist und auch regelmäßig zur Publikation von Positionen der amerikanischen Regierung genutzt wird, die man besser nicht „offiziell“ verkündet, veröffentlicht heute einen Text, den man schwerlich als Neuigkeit bezeichnen kann. Es sieht ganz so aus, als sei er schon längst vorbereitet gewesen und dass jetzt einfach die Zeit reif ist, ihn an die Öffentlichkeit zu geben.

Der Gehalt ist, grob gesagt: die USA müssen akzeptieren, dass alle Druckmittel auf die Regierung Assad erschöpft sind und nun folglich eine direkte Militärintervention als letzte Möglichkeit auf dem Tisch liegt. Interessant ist der Artikel dadurch, dass es in ihm praktisch keine nebulösen Andeutungen, überflüssige Feinfühligkeiten oder Vorsicht gibt, sondern alles ist undiplomatisch einfach und klar.

Der Artikel beginnt mit der Feststellung, dass ungeachtet dessen, dass Saudi-Arabien und Katar lange bereit sind, die „Rebellen“ zu unterstützen und zu bewaffnen, andere Länder nach wie vor unschlüssig sind und zweifeln, dass die „Opposition“ eine organisierte, repräsentative Größe ist und es deshalb nicht klar ist, wen man dort unterstützt.

Auf die Tagesordnung tritt also die Frage nach der Durchsetzung einer „humanitären Zone“ entlang der gesamten syrischen Grenze zur Türkei. Dabei schreibt die „Washington Post“ vollkommen unverblümt, dass diese Zone sowohl für humanitäre Hilfe, als auch für die militärische Untersützung der Opposition herhalten soll, und aufgebaut wird die ganze Aktion ganz genau wie in Libyen.

Die USA sehen dabei ihre Aufgabe in der Durchsetzung einer Flugverbotszone bzw. in der Überwachung und „Sicherung“ des kompletten syrischen Luftraums.

Da die Militärs (speziell der Chef des „Joint Chiefs of Staff“, Martin Dempsey) zaghaft andeuten, dass sie gern eine juristische Legitimation für eine solche Aktion hätten, ruft der Senat sie zur Ordnung, indem z.B. der Senator aus Alabama, Jeff Sessions, erklärt, dass es unzulässig sei, irgendwessen Erlaubnis abzuwarten, wenn es um Fragen der nationalen Sicherheit ginge. Es reiche durchaus, das Einverständnis des amerikanischen Volkes zu haben. Zu deutsch, „da bin ich, das ist genug Legitimation“.

Die „Washington Post“ hat es trotzdem nötig, die Aufregung über eine fehlende Legitimation zu beruhigen – auf die amerikanische Art. Eine Rechtsgrundlage, so das Blatt, sei nicht nur eine Legitimation durch den UN-Sicherheitsrat. Wir werden freundlich daran erinnert, dass es im Koreakrieg auch ein Veto „Russlands“ (sic, gemeint ist die UdSSR) gab, allerdings habe die Vollversammlung mit Zweidrittelmehrheit eine Entscheidung getroffen, welche zur Grundlage der Militärintervention wurde. Das zweite perfide Beispiel, das von der „Washington Post“ gebracht wird, ist die Bombardierung Serbiens im Jahre 1999. Das sei ein Modell für das Vorgehen in ausweglosen Situationen. Fein. Dass die Tage der UNO gezählt sind, hatten wir hier ja schon angemerkt.

Mit anderen Worten – eigentlich geht es nicht, aber wenn es unbedingt sein muss, warum auch nicht.

Schluß: ein Überfall auf Syrien wird zu einer immer greifbareren Variante der Entwicklung der Ereignisse. Nach so großem Aufwand – nicht nur in Homs -, nach der Brandmarkung Assads und der „Anerkennung“ der bewaffneten Banditen als legitime Vertreter des syrischen Volkes – exakt die gleiche Vorgehensweise, wie in Libyen – können die Aggressoren nicht mehr zurück. Wenn die USA, die EU sowie die Golfmonarchien jetzt einen Rückzieher machen, würde das ihre Niederlage bedeuten und gleichzeitig Probleme für sie selbst generieren, wie etwa die Verlagerung des „arabischen Frühlings“ zu ihnen nach Hause. Obama kann sich vor der Wahl keine Weichherzigkeit leisten. Die EU, allen voran die französischen Kriegstreiber, steckt viel zu tief drin – die von der syrischen Armee gefangengenommenen französischen Offiziere und die deutschen Kriegsschiffe mit Aufklärungsmission vor Ort sind längst publik geworden und machten einen Rückzieher automatisch zu einer Niederlage.

Polittechnologien am Werk

Anmerkung zum Verständnis: in diesem Video wird dokumentiert, wie gewisse Menschenmengen aus Betrieben, Hochschulen usw., teilweise aus anderen Städten, jeweils gegen die Zahlung einer kleinen Summe (die Rede ist von 400-700 Rubeln) zu einer Pro-Putin-Kundgebung in Moskau geschafft werden. Dabei wissen die wenigsten von ihnen, was überhaupt vor sich geht und zu welchem Ereignis man sie da schafft. Offensichtlich geht es fast allen nur um das Geld bzw. werden sie durch einen gewissen Herdentrieb und soziale Druckmittel zu dieser Aktion verleitet.

Thesen zu Russlands Position in der Syrien-Frage

1. Was hat Russland von der Unterstützung Syriens?

Der Konflikt in Syrien nimmt inzwischen eine Entwicklung an, die man mit der Situation in Spanien in den 1930er Jahren vergleichen kann. Das heißt, genau in diesem Konflikt formieren sich die Koalitionen für den nächsten bevorstehenden Weltkrieg. Das bedeutet nicht, dass der nächste Weltkrieg analog zu den vergangenen beiden abläuft – es gibt hier ein vollkommen anderes Szenario in den militärischen Verhältnissen und die vollkommen anderen militärisch-technischen Voraussetzungen machen eine Wiederholung der alten Szenarien mit ihren Panzerkeilen, dem „Blitzkrieg“, der Belagerung von Städten wie Leningrad oder Stalingrad praktisch unmöglich. Doch alles in allem ist die Wiederholung symptomatisch – Syrien ist durchaus ein Trainings- und Ausbildungsszenario für die Teilnehmer der kommenden Auseinandersetzungen.
Allem Anschein nach werden auf der einen Seite Russland, der Iran, Pakistan und China koalieren, auf der Gegenseite – die USA, eine europäische Dreiergruppe aus Deutschland, Großbritannien und Frankreich – Deutschland dabei natürlich auf den hintersten Rängen -, sowie Indien als definitiver Feind von China und Pakistan.
Faktisch stellen diese Länder ungefähr 80% des weltweiten BIP und ungefähr 60% der Humanressourcen dar, so dass man die Bezeichnung „Weltkrieg“ für einen Konflikt mit diesen Beteiligten durchaus als zulässig zu bezeichnen hat.
Der Sinn eines jeden Weltkriegs ist die Herausbildung einer neuen Weltordnung. Die alte ist bereits zusammengebrochen, deshalb wird eine neue nötig. Dabei ist es charakteristisch, dass die alten Konfliktlösungsmechanismen schon seit geraumer Zeit niemanden mehr zufrieden stellen. Allerdings ist dabei die Koalition des Westens, militärisch gesehen, stärker, und sie ist es ja auch, welche man deutlich als den Initiator der Abschaffung der „alten“ Mechanismen zu bezeichnen hat – in erster Linie ist das die UNO als ein solcher Mechanismus. Die Koalition mit Russland besteht momentan noch auf dem Funktionieren dieser Mechanismen, solange sie, militärisch gesehen, eben schwächer ist. Momentan ist dort der Zusammenbruch der UNO noch nicht von Vorteil – und deshalb hält man sich an die durch sie gebotenen Möglichkeiten.
Im Falle dessen, dass die Koalition des Westens den Konflikt in Syrien für sich entscheidet, wird sie sich de facto von der UN als Institution verabschieden. Im Falle dessen, dass die Koalition um Russland die Oberhand behält, wird sie sich für stark genug erachten, um ihrerseits ohne die UNO auszukommen. Deshalb ist das Schicksal der UNO, wie es scheint, so oder so besiegelt.
Entsprechende neue Mechanismen werden entweder nach offensichtlichen Gegebenheiten geschaffen – also in unserem Falle, wenn eine der Seiten offensichtlich stärker ist (das wäre die Koalition des Westens im Falle ihres Siegs in Syrien), oder sie entstehen als Resultat von Kriegen – wenn nämlich die Kräfte der Gegner ungefähr gleich sind, und sie keine Möglichkeit haben, ihre Streitigkeiten nichtmilitärisch und anhand bestehender Institutionen zu lösen.
So oder so wird Russland entweder vor die Tatsache einer neuen Weltordnung gestellt, oder es wird mit darum kämpfen müssen.
Aus genau diesem Grund ist die Unterstützung Syriens für Russland eine Wahl zwischen Krieg und damit der Möglichkeit, an der Heranbildung der künftigen Weltordnung teilzuhaben, oder eben der Niederlage und dem Abdriften auf das weltpolitische Niveau, auf dem sich heute Japan und Deutschland befinden – das heißt, auf das Niveau eines Verliererstaates, der de facto keine selbständigen außenpolitischen Positionen vertreten kann. Im Falle von Russland droht dies, mit der Liquidierung der russischen Atomwaffen und dem Plazieren einer proamerikanischen Regierung im Kreml zu enden. Schätzungsweise ist eine solche Variante gar zu phantastisch – deshalb ist es für Russland einfacher, das Risiko eines Kriegs mit Chance auf Sieg einzugehen oder diesen zu einem unentschiedenen Szenario ausarten zu lassen, als von vornherein klein beizugeben, was, im Falle von Russland, definitiv zum endgültigen Auseinanderbersten des Landes führen würde.
Gegenthese: Den Nachrichten nach zu urteilen, ist der größte Teil der Koalition USA + Israel + Rest in der Region der Strasse von Hormuz konzentriert. Dabei muss man bedenken, dass solche Kreuzfahrten ein teurer Spaß sind. Wie lange kann der Westen diese militärische Konzentration in der Region aufrechterhalten, ohne sie durch einen wirklichen Krieg quasi zu refinanzieren? (Interessant ist diese Frage im Sinne des zeitlichen Rahmens, in welchem wir mit einem neuen „Pearl Harbor“ rechnen dürfen.) – Dabei gibt es kaum nennenswerte Flottenverbände in der Nähe der syrischen Gewässer, wenn man einmal von den türkischen absieht. Ist davon vielleicht abzuleiten, dass Syrien doch eher ein Ablenkungsmanöver von dem reell bevorstehenden Angriff auf den Iran ist? Regelrechtes Interesse an einem Angriff auf Syrien zeigt bisher nur der Katar. Für die Türken ist eher das Kurdenproblem aktuell, was hätten diese also in Syrien verloren?

2. Welchen Vorteil hätte Russland von der Hinauszögerung der Konfrontation im Nahen Osten?

Die Konfrontation im Nahen Osten wird bis zu dem Moment andauern, an dem eines der drei sich aufbauenden Projekte eindeutig dominieren wird. Das sind folgende drei: das Projekt eines neuen osmanischen Reiches, eines persischen Reiches sowie das Projekt eines wahhabitischen Kalifats. Das Zweitgenannte ist höchst fraglich aufgrund der Diskrepanz entlang der sunnitisch-schiitischen Linie, allerdings gibt es trotz alledem eine Wahrscheinlichkeit dafür, dass der Iran nicht untergeht, und in diesem Falle würde die genannte Diskrepanz auf nichts hinauslaufen. Sollte also der Iran sich also behaupten können, würde das, aller Wahrscheinlichkeit nach, bedeuten, dass die permanenten kriegerischen Auseinandersetzungen im Nahen Osten bis zur nächsten gesamtmenschlichen Krisensituation fortdauern werden.
Deswegen stellt sich für Russland gar nicht die Frage, ob das Hinauszögern eines Krieges im Nahen Osten von Vorteil sei oder nicht. Es wird einen Krieg geben, der entweder sehr lange währt – und dann muss Russland dessen Existenz einfach akzeptieren, oder der Krieg endet mit dem Fall des Iran, und dieser Fall wäre auch für Russland und die Koalition um Russland eine Niederlage. Dann würde man die Frage nach Vorteil oder Nachteil gar nicht mehr stellen können.

3. Welchen Nachteil hätte Russland davon, sich nicht an diesen Konflikten zu beteiligen?

Russland kann sich an diesen Konflikten nicht mehr „nicht beteiligen“, denn es hat sich schon längst dahinein eingemischt. Russlands Rückzug würde nichts mehr ändern – nach der Zerschlagung Syriens (oder parallel dazu) wäre der Iran an der Reihe, danach Russland. Russland kann seine Niederlage nur auf eine Weise aufhalten, indem es nämlich auf Seiten Syriens und des Irans streitet. Wiederum ist anzumerken, dass es unter den heutigen Gegebenheiten praktisch unmöglich ist, sich den Charakter einer kriegerischen Auseinandersetzung und der Militäraktionen vorzustellen, die in Summa den Krieg ergeben. Schätzungsweise wird ein großer Teil davon aus Sondereinsätzen bestehen, aus größeren Sabotageaktionen und punktuellen, sehr heftigen Zusammenstößen. Der Hauptunterschied zum momentan schon stattfindenden Krieg in Syrien wird die enorme geographische Weite des Szenarios und die Vernetzung aller Operationen untereinander sein.