Beiträge mit Tag ‘russland’

Eilige Machwerke – zu den neuen NATO-Satellitenbildern

Vorgestern gab es von der NATO eine frische Portion Satellitenbilder, mit denen zweierlei belegt werden soll: a) die Russen liefern den „Separatisten“ ausgemusterte T-64 per Tieflader an und irgendwie über die Grenze nach Neurussland, und b) der „Truppenaufmarsch“, den die Russen unsinnigerweise auf ihrem eigenen Territorium veranstalten, ist nach wie vor bedrohlich.

Die Sache mit den ewigen Aggressoren und ihren Satellitenbildern ist nun freilich schon eine Serie von Märchen in Bildern, deren Richtigstellungen nur ganz besonders Faulen noch nie untergekommen sein werden. Spätestens seit Homs im Februar 2012, wo man ohne viel Federlesens „syrische Artilleriestellungen“ per Photoshop-Pinsel in die monochrome Pixellandschaft setzte, sollte man diese Art „Beweis“ erst einmal ganz genau so behandeln, wie die Pressemeldungen und Verlautbarungen von „interessierten“ Organisationen und Staaten: nämlich als Propaganda, die zum großen Teil aus Lügen besteht, und als kriegsvorbereitende Meinungsmache. Es springen aber immer wieder Leute darauf an oder geben es wissentlich weiter, wie z.B. hier  — das diesen Artikel einleitende Bild wurde auch schon im Syrienkrieg dazu verwendet, eine bevorstehende Offensive der syrischen Armee gegen Bandenformationen in Aleppo zu belegen, es stammt aber aus Nordossetien und ist von 2008. Solche Dinge halten sich eben.

Bei den aktuellen NATO-Satellitenbildern ist in genau solcher Eile und genauso plump verfahren worden, so dass man anhand nur einer der Aufnahmen beispielhalber demonstrieren kann, wie hanebüchen die Mittel & Methoden der Meinungsmache sind. Dieses Foto stellt insgesamt ein Areal von rund 10×6 Kilometern um den Truppenübungsplatz Kadamowskij, ungefähr 15 Kilometer nordnordöstlich von Nowotscherkassk in der russischen Region Rostow dar:

NATO-Satellitenbild der Gegend um den russischen Truppenübungsplatz Kadamowskij. Quelle: http://aco.nato.int/statement-on-russian-main-battle-tanks.aspx

NATO-Satellitenbild der Gegend um den russischen Truppenübungsplatz Kadamowskij. Quelle: http://aco.nato.int/statement-on-russian-main-battle-tanks.aspx

Das ist erst einmal viel Grau, aber die herausgezoomten Sektoren sollen dann die Belege liefern. Und diese braucht man sich nur einmal grob anzusehen. Zuerst vielleicht zur Erklärung eine kleine Legende, was man auf dem NATO-Bild eigentlich sieht:

Erdgas Russland – China: Noch nicht ganz

Am Rande des derzeit laufenden China-Besuchs des russischen Präsidenten teilt dieser mit, dass man sich mit den Chinesen noch nicht über den fortan gültigen Preis für Erdgaslieferungen hat einigen können. Bisher haben die Russen sich damit einverstanden erklärt, keine Rohstoffförderungssteuer für nach China exportiertes Erdgas zu erheben, die Chinesen ihrerseits erklären, dass aus Russland importiertes Erdgas von Zöllen und Steuern befreit wird – mit anderen Worten, die beiden wollen. Und das sehr.

Mit diesen Schritten erweitert sich der Spielraum bei den Preisverhandlungen um ein ganzes Stück. Gestern noch wurde gemeldet, dass der letztendlich gültige Preis für Erdgas zwischen 360 und 380 USD pro Tausend Kubikmeter liegen wird. Mit der Abschaffung der Zölle und Steuern sieht es eher nach dem unteren Ende dieser Spanne aus.

Hier geht es natürlich um einen Liefervertrag zwischen Gazprom und der CNPC, aber es ist soweit allen klar, dass dieser Vertrag nicht einfach nur ein Handelsabkommen zwischen zwei Großunternehmen ist. Die Politik tritt hier absolut in den Vordergrund. Aus diesem Grunde ist auch der veranschlagte Preis nicht einfach nur mit dem Rechenschieber zu bestimmen. Abgesehen von den üblichen Größen wie Aufwendungen und Transportkosten und dgl. spielen bei der Preisbildung natürlich auch politische Risiken (und Chancen!) eine Rolle; solche großen Verträge bringen einen massiven Multiplikationseffekt mit sich und betreffen dann eine ganze Reihe an Branchen, wo gleichermaßen Kooperationen möglich werden – mit anderen Worten, das Erdgas ist nur Rückgrat für viel weitreichendere wirtschaftliche und politische Beziehungen. Ganz das Instrument, von dem Putin noch 2007 gesprochen hat, als er in seiner „Münchener Rede“ Russlands Streben nach einer multipolaren Welt proklamierte.

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Wichtig ist, abgesehen von dem Preis, ja noch der weitere Kontext: das Handelsvolumen zwischen Russland und China beträgt jetzt schon um die 90 Milliarden USD, im nächsten Jahr sollen’s runde 100 Milliarden werden und bis 2020 soll sich diese Summe wiederum verdoppelt haben. Solche Volumina gestatten es dann schon, eine Umstellung des Handels auf die jeweiligen nationalen Währungen anzugehen – keine so leichte Frage, aber sie stellt sich immer dringender. Erst gestern hörte man vom chinesischen Ex-Botschafter in Russland, dass die gegenwärtigen politischen Aktivitäten Russland und China zwangsläufig zu einer Allianz zusammenbringen. Während Russland im Westen blockiert wird und die USA gleichzeitig China im Osten zu bedrängen versuchen, kann es nur zu einer Allianz kommen – die in erster Linie eine Allianz „gegen etwas“ sein wird, und wogegen wird gar nicht verschwiegen – gegem die Vereinigten Staaten von Amerika.

Dieselben Schützen

Seinerzeit hatte der recht kurze Exkurs eines „Slawischen Korps“ in Syrien für einiges an Aufsehen gesorgt, besonders da es sich nach den damaligen Informationen nicht etwa um eine Undercover-Unterstützung der russischen Regierung, sondern scheinbar um eine Privatinitiative gehandelt hatte.

Das Slawische Korps in Syrien

Das Slawische Korps in Syrien

Die Kämpfer dieses „Slawischen Korps“ waren insgesamt um die anderthalb Monate in Syrien und wurden nur einmal in der Gegend von al-Sukhnah in ein Gefecht mit Dschihadisten verwickelt, von denen sie rund 400 über Es Sireth sandten und dazu ein knappes Dutzend ihrer diversen leichten Militärfahrzeuge (üblicherweise Pick-Ups mit MGs) vernichteten. Das alles bei vollkommen katastrophaler Versorgung, keinem Nachschub und Munitionsknappheit. Nach diesem Zusammenstoß brachen sie ihren Syrieneinsatz ab und flogen – insgesamt, bis auf Verwundete, ohne Verluste – zurück nach Moskau, wo sie vom russischen FSB in Empfang genommen und festgehalten wurden – die Organisatoren der “Slavonic Corps Ltd.” kamen dabei angeblich in U-Haft, während man die einfachen Söldner nach Hause ziehen ließ.

Die Story wurde dann vor allem durch die im Gefecht bei al-Sukhnah verlorene Ausrüstung publik, unter der Dschihadisten russische Dokumente fanden und sich auf den üblichen Handyfotos eines Sieges über die “Kuffar” brüsteten. Die russische Presse machte die Inhaber der Dokumente ausfindig und traf sie bei bester Gesundheit zu Hause an; so kam der ganze Hintergrund an die Öffentlichkeit.

Lizenz Nr. 8/559 des syrischen Komitees für Nationale Sicherheit

Lizenz Nr. 8/559 des syrischen Komitees für Nationale Sicherheit

Einige Zeit später – nach der Veröffentlichung hier – haben einige der russischen Söldner, insbesondere aus der Kommandoebene, versucht, die Sache ins rechte Licht zu rücken und übergaben der Presse Dokumente, welche die völlige Legalität ihres Einsatzes bezeugen sollten. Das war vor allem der Vertrag der syrischen Regierung mit dem technischen Dienstleister und dem „Slawischen Korps“, ebenso auch die Lizenz des syrischen Komitees für Nationale Sicherheit, aus dem die Genehmigung für einen Waffeneinsatz durch die Söldner des “Slawischen Korps” hervorging. Insgesamt handelte es sich diesen Dokumenten zufolge um eine reine Sicherheitsdienstleistung im Zusammenhang mit einer ingenieurstechnischen Instandsetzung von Anlagen der Energiewirtschaft – von Kraftwerken, Verteilerstationen, Stromleitungen und dergleichen. Also nicht etwa um einen geplanten Zukauf von Feuerkraft und militärischem Know-How gegen „Rebellen“. Diese doch relativ wenig verbreitete “Richtigstellung” in der Presse machte keine große Runde mehr, zumal der Informant aus den Reihen des “Korps” anonym blieb und man ihn nur als “informierte Quelle” bezeichnen konnte.

Aus heutiger Sicht kann man sagen, dass der Einsatz der “Slavonic Corps Ltd.” in Syrien sehr wohl mit russischen Sicherheitskreisen abgestimmt und vereinbart wurde, zumal der Transport und die Evakuation des Korps nach und aus Syrien auf völlig legalen und offiziellen Flügen – teils Charterflügen – ab und an Moskau VKO erfolgte. Die Intervention des FSB bei Rückkehr sollte wahrscheinlich als eine Art Notbremse große Wellen vermeiden, denn obwohl der Einsatz tatsächlich nicht als Kampfeinsatz im Interesse der syrischen Regierungstruppen geplant war, so war es doch zu einer Konfrontation gekommen, und die ersten reißerischen Meldungen über eine “russische Intervention” in Syrien zirkulierten bereits auf Islamisten-Webseiten.

Es hat aber natürlich einen Hintergrund, dass diese Sache gerade jetzt wieder aktuell wird.

Fursow: Ukraine – Rammbock gegen Russland

Der “Publikumsliebling” Prof. Andrej Fursow hat dann und wann, immer mal wieder seine Auftritte, so auch ganz selbstverständlich im Zusammenhang mit dem Putsch in Kiew Ende Februar. An seinen Einschätzungen der Lage ist wahrscheinlich der geisteswissenschaftliche Faktor die Komponente, die sie dem Leser unabhängig von Glaubwürdigkeit oder Nachvollziehbarkeit einerseits hochinteressant, andererseits schwer verdaulich macht. Es kann gar nicht anders gehen, als von relativ fest umrissenen, lokalen Problemen gleich auf die Weltarena auszuholen und Dinge herzuleiten, die man selten, wenn überhaupt, je wahrgenommen hat.

andrej_iljitsch_fursowFursow ist dabei Vertreter einer Linie an Ideologen, die vom “westlichen” – oder besser gesagt: liberalen – Standpunkt aus immer falsch eingeordnet werden, indem man sie recht ohnmächtig mal als “post-stalinistisch”, mal als “post-faschistisch” verunglimpft. Am besten erkennt man das an den eigenartigen Versuchen, den Präsidenten der Russischen Föderation, Wladimir Putin, ideologisch im herkömmlichen – d.h. im liberalen – Weltbild zu platzieren. Er sei “Post-Faschist”, er sei “Neo-Stalinist”, “Zar”, “kein Linker”, will dabei aber die Sowjetunion wieder aufbauen usw. usf. – alles Unsinn, der bestenfalls den Urheber solcher Äußerungen qualifiziert. Es wurde sogar eigens eine neue Kategorie geschaffen, worin die ganzen mühsamen liberalen Gedankengänge gespiegelt werden.

Natürlich gibt es auch Publikationen, die in die richtige Richtung deuten. Die gleichen Medien fallen aber im Allgemeinen recht schnell in gewohnte Schemata zurück, und schon sind wir wieder beim Alten.

Wer sich dem angeblichen “Phänomen” Putin nähern will, kann das, indem er sich – wie Alexander Rahr bei der “Welt” meint – mit Solschenizyn beschäftigt, oder, wer’s etwas eigenartiger und dabei moderner mag – mit Alexander Dugin oder Sergej Kurginjan. Zwar finden sich all diese Personalien vom liberalen Diskurs gewohnt unter “rechtsextrem” verortet – weil da einfach die passenden Kategorien fehlen, so dass man sich einstweilen mit “kreml-nah” oder  “Putin-Versteher” behilft – , aber Dugin beispielsweise ist bekennender Altritualist, steht insofern im Erbe einer klassischen Opposition zur herrschenden Klasse in Russland und kann schon allein deshalb sicher nicht als “kreml-nah” bezeichnet werden. Kurginjan nun ist Restaurator einer Sowjetunion, vertritt dabei aber die Meinung eines russischen “exceptionalism”. Das Schlagwort bei all dem ist aber: Eurasien.

Für Liebhaber von “Light”-Versionen von alledem gibt’s den Historiker Professor Fursow. Viel Spaß beim Lesen. Das folgende Interview mit Fursow erschien am 1. März 2014 auf VZ.ru. Die Übersetzung ist leicht gekürzt.


“Vsgljad” (VZ.ru) führt ein Interview mit Andrej Fursow über die Vorgänge in der Ukraine, über die wichtigsten geopolitischen Herausforderungen für Russland und über das derzeitige Kräfteverhältnis auf dem globalen Schachbrett

Ukraine

Andrej Iljitsch, sind Sie damit einverstanden, dass die “Februarrevolution” in der Ukraine nicht nur vom Verzicht Kiews auf die Euro-Integration hervorgerufen wurde, sondern auch damit zusammenhängt, dass der Westen im Jahr 2013 eine empfindliche geopolitische Niederlage in Syrien einstecken musste?

Im vergangenen Jahr ist es dem Westen in beiden Fällen nicht gelungen, die Ergebnisse zu erreichen, die er sich zum Ziel gesetzt hatte – nämlich die Regierung Assad zu stürzen und in der Ukraine pro-westliche Kräfte an die Macht zu bringen, um damit die Ukraine endgültig Russland zu entreißen. Während es aber nun in der Syrien-Frage Differenzen innerhalb der kapitalistischen Welt-Führungsschicht gab – es gab eine einflußreiche Gruppierung, die eine Eskalation des Konflikts in Syrien und einen daraus erwachsenden regionalen Krieg nicht wünschte – so trat der Westen in der ukrainischen Frage geschlossen auf. Dabei ist vollkommen klar, dass die Ukraine rein wirtschaftlich keinerlei Interesse für die nordatlantischen Eliten darstellt – es geht darum, die Ukraine im geopolitischen Sinne Russland zu entreißen und sie zu einem Aufmarschgebiet gegen Russland zu machen.

Der Westen braucht die Ukraine einzig als geopolitisches Aufmarschgebiet gegen Russland

In der jetzigen Situation mit der Ukraine haben die USA und die Europäische Union deutlich und ohne Scham sowohl Heuchelei, als auch Doppelstandards und Russophobie demonstriert. Nur mit letzterer kann man ihr mehr als nur “tolerantes” Verhältnis zu den ukrainischen Nazis erklären, die zu SS-Marschmusik durch die Straßen Kiews marschierten. Die Logik dahinter ist simpel: wenn die Nazis in der Ukraine (genau wie die im Baltikum) gegen Russland sind, dann lässt man sie gewähren. Daran müssen sich die Amerikaner nun nicht erst noch gewöhnen: in den Jahren 1945-1946 haben sie unter aktiver Mitwirkung des russophoben Vatikan alles unternommen, um hochrangige Nazis (darunter auch offenkundige Kriegsverbrecher) dem Schlag zu entziehen und sie in die USA oder nach Lateinamerika zu verfrachten, um sie dann gegen die UdSSR einzusetzen. Die ukrainischen Ereignisse sind eine anschauliche Demonstration dessen, mit wem wir es hier zu tun haben.

Im Hagel Ihrer Kugeln, Frau Merkel

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte vorgestern Unverständnis dafür geäußert, dass Putin an der Siegesparade auf der Krim teilzunehmen gedenkt. Fettnapf. Hier nur beispielhaft eine der Reaktionen, die es von den Russen darauf gab – die Meinung von Dmitrij Steschin, der momentan als Korrespondent von KP.ru in Slawjansk ist. Ein bißchen Polemik zum Tag des Sieges über den Hitlerfaschismus.

merkel-putinIn der Karriere eines jeden Politikers kommt unbedingt irgendwann ein Moment, wenn nicht einmal mehr sorgfältig ausgewählte Worte helfen und es an der Reihe wäre, einfach einmal zu schweigen und die aktuelle Lage am besten gar nicht zu kommentieren. Im andern Fall kann aus dem Gesagten, wie aus einem geplatzten Abwasserrohr, eine braune Fontäne all dessen hervorsprudeln, was vor den Augen und Ohren der einfachen Leute bislang so behutsam verborgen wurde.

Von Merkels Bemerkung erfuhren wir, als wir bereits im abgeriegelten Slawjansk waren, wo nach Meinung derer, denen die Siegesparade missfällt, die Untermenschen des Ostens oder “Moskali” und “Kazapen” hausen.

Mein erster Gedanke war relativ simpel – “sollen sie sich doch bei ihren Vorfahren beschweren, die sowohl auf der Krim als auch in Slawjansk geschlagen wurden”. Danach dachten wir an eine persönliche Tragödie der Familie Merkel, wir versuchten gar, sie mit der gesamten Breite unserer russischen Seelen und unserem pathologischen Hang zur Allvergebung zu begreifen: “Vielleicht hat ihr Opa, als er zusammen mit Erich von Manstein auf der Krim landete, einfach Pech gehabt, konnte sich nicht schützen und ist dort bis zum Jüngsten Gericht hängengeblieben – vielleicht ist es so eine alte Familientragödie der Merkels, eine Art wunde Stelle?” Eine kurze Internetrecherche ergab, dass der eine Opa von Frau Merkel noch während des Ersten Weltkriegs schwer verwundet wurde. Der andere Opa war, obwohl er seinen polnischen Familiennamen aus politischen Erwägungen in einen deutschen wandeln ließ, ein durchaus frommer Geistlicher und hatte keinen Anteil am “Drang nach Osten”. Worin war also der Grund zu suchen?

Alte Eisen schießen gut

Noch gestern hat sich erstmals nach allen diplomatischen Auftritten dann doch noch der Verteidigungsminister der RF, Sergej Schoigu, zu Wort gemeldet und Truppenmanöver nahe der Grenze zur Ukraine angekündigt. So weit, so bereits bekannt. Aber es gibt an diesem Auftritt noch etwas, das vielleicht ein Hinweis auf den Ernst der Lage sein kann.

Genau genommen handelt es sich um den fast 80-jährigen Mann auf dem folgenden Bild, der in Militäruniform an der gestrigen Beratung der Spitzen des Verteidigungsministeriums und des Generalstabs teilnahm:

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Dieser Mann ist Wladimir Lobow, der im Rang eines Generals in den aktiven Dienst zurückgekehrt ist.

Lobow war in späten Sowjetzeiten Chef des Generalstabs der Streitkräfte der UdSSR und stellvertretdender Verteidigungsminister. Bekannt ist er durch mehrere Armeereformen, durch das im Westen der Sowjetunion und in Polen durchgeführte, großangelegte Militärmanöver “Zapad-81” (sein „Kind“) und durch das zu der Zeit gefürchtete militärtheoretische Konzept eines sowjetischen Vorstoßes bis zum Atlantik, das dieses Ziel innerhalb einer Frist von zwei Wochen erreichen sollte.

Lobow ist ein Militärstratege und Militärideologe ersten Ranges, der überdies auch über sehr viel an praktischer Erfahrung – bspw. in Zentralasien – verfügt. Er war seit 1994 im Ruhestand. Wenn nun ein solches Schwergewicht in den aktiven Dienst – als Berater im Generalstab der russischen Streitkräfte – zurückkehrt, so kann man leicht ins Grübeln kommen. Schoigus gestrige Warnung ist damit noch etwas gewichtiger, denn sie liest sich unter diesen Umständen so, dass es im Ernstfall nicht nur zu einer Teilung der Ukraine entlang der Ufer des Dnepr, sondern zu einer Teilung Europas entlang des Ärmelkanals kommen wird.

Beziehungsweise, ernster gesprochen, bedeutet das, dass die RF einen „Think Tank“ aktiviert, in den die militärische Expertise aller verfügbaren Generationen einfließen soll.

Kollegium des Verteidigungsministeriums der RF, 24.04.2014

Kollegium des Verteidigungsministeriums der RF, 24.04.2014

Um den heißen Brei

Bei allen Versionen und Varianten, die man als die Gründe für das Engagement des „Imperiums“ in der Ukraine inzwischen hervorgeholt haben mag – primär also die Erzeugung von Instabilität an den russischen Grenzen, „Einkreisungsstrategie“, auch die Schaffung von Spannungen zwischen Russland und der EU – speziell Deutschland -, gibt es weitere, weniger offensichtliche Dinge, die sich nicht auf den ersten Blick erschließen mögen oder gar unlogisch erscheinen.

US-amerikanische Interessenssphären

US-amerikanische Interessenssphären

Lawrow telefoniert unentwegt mit Kerry und fordert ihn auf, den Einfluss der USA auf die Kiewer Putschisten geltend zu machen, diese mögen das Genfer Abkommen respektieren und umsetzen, ansonsten wird es ziemlich schnell zu einem bloßen Stück Papier. Das zu fordern ist wahrscheinlich ziemlich viel verlangt, denn so, wie es aussieht, hat Kerry keinen allzu großen Einfluss darauf, wer & wie in den ukrainischen Weiten randaliert. Ein charakteristisches Zeichen dafür, dass es innerhalb der US-Regierung offenbar wieder gewisse Spannungen oder gar Konfrontationen gibt, ist das Gebaren Obamas: seine Äußerungen zum ukrainischen Thema lassen sich am besten mit „weder Fisch noch Fleisch“ beschreiben. Ganz ähnlich benahm er sich Ende August vergangenen Jahres nach der Giftgas-False-Flag in Ostghouta in Syrien. Im Grunde ist er in die Versenkung abgetaucht.

Wenn die jetzige Lage mit der Ukraine insofern der Lage nach dem saudisch-israelisch gesponsorten Chemiewaffenangriff in Ostghouta ähnelt, so gibt es die Möglichkeit, die Konfrontation in der Ukraine ähnlich zu lösen – durch einen Kompromiss, der es Obama gestatten würde, die Lage zu deeskalieren und dabei das Gesicht zu wahren. Für ihn wäre das nicht das erste Mal, aber da kann er wohl nichts machen – denn wer ist schon Obama: nur ein Mittelklasse-Politiker in der Ära Sergej Lawrow. Eskaliert die Konfrontation noch weiter, kann sie alle sehr teuer zu stehen kommen. Eine Entsendung russischer Streitkräfte in die Ostukraine beispielsweise führte zweifellos zu einer globalen Eskalation. Das nun läge durchaus im Interesse einer bestimmten Gruppierung innerhalb der US-Eliten, deren Gesicht man eigentlich kennt (deutlicher bei der „Washington Post“ hier). Daran kann es auch liegen, dass die Eskalation in der Ukraine, die eigentlich auf die nächsten regulären Präsidentschaftswahlen 2015 terminiert war, schon Ende 2013 begann.

Natürlich ist die Schaffung von Instabilität an den russischen Grenzen ein wichtiges Unterfangen. Spannungen zwischen Russland und der EU – umso besser in strategischer Hinsicht. Dabei gibt es aber auch noch taktische, kurzfristigere Ziele, um derentwillen man normalerweise keine allzu gewieften Kombinationen aufstellt, sondern brachial handelt. Und Anzeichen von Brachialität haben die Vorgänge in der Ukraine allemal.

Bei aller oberflächlich scheinbar fehlenden Logik kann die vorgezogene Instabilität in der Ukraine auch mit Afghanistan zusammenhängen. Konkreter: mit dem notwendigen US-Truppenabzug von dort. In deren Verlauf im vergangenen Jahr die Sturheit des afghanischen Präsidenten Karsai und der Misserfolg in den Gesprächen mit den Taliban stehen – wo es alles in allem darum ging, dass US-Truppen auch nach dem NATO-Truppenabzug im Lande verbleiben könnten. Bei den Konstellationen um Afghanistan hat die Version, die Ereignisse in der Ukraine könnten auch dadurch bedingt worden sein, durchaus ihre Berechtigung.

Euromaidan: Faktor Erdgas (Teil 2)

Die Fortsetzung des “Faktors Erdgas” (Teil 1) für die Ukraine behandelt alles in allem weniger das Erdgas, als vielmehr den Aufbau von Szenarien in der Ukraine, wie sie seit ihrer Unabhängigkeit vor 23 Jahren zu beobachten sind. Der vorliegende Text stammt noch aus der Zeit vor dem Sturz Janukowitschs, was man an der einen oder anderen Stelle merkt. Da er aber wichtige Hintergründe liefert, hat er nichts an Aktualität verloren.

Die Strategien des Westens und Russlands in der Ukraine

Die Bedeutung der Ukraine als wichtigstem Transitland zwischen Westeuropa und der osteuropäischen Ebene und – über selbige hinaus – Zentralasien und dem Kaukasus braucht man nicht einmal zu bestreiten versuchen.

Im Jahr 2013 wurden vom gesamten, von Gazprom an die Endabnehmer gelieferten Erdgases, etwa 52% oder 83,7 von 161,5 Milliarden Kubikmeter durch das Pipelinesystem der Ukraine geleitet. Die übrigen Routen – darunter Nord Stream – machten 48% oder 73,1 Milliarden Kubikmeter aus. Nord Stream wird derzeit auch nur mit der Hälfte seiner Maximalkapazität gefahren.

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Man könnte annehmen, dass die Bedeutung der Ukraine für Russland entsprechend der Zuschaltung von Kapazitäten von sowohl Nord Stream und South Stream abnimmt. Allerdings spricht der Umstand, dass allein schon Nord Stream derzeit nur zur Hälfte seiner Möglichkeiten genutzt wird, davon, dass die Ukraine wohl schwerlich kurzfristig aus den Transportplanungen der russischen Erdgasproduzenten ausgeschlossen werden kann, vielmehr werden die genannten neuen Pipelines womöglich sogar nur Backup-Leitungen für etwaige Komplikationen darstellen als wirkliche alternative Routen.

Es würde genügen, auf eine Karte bereits funktionierender wie auch noch geplanter Pipelines in Europa zu schauen, um eine Ahnung davon zu bekommen, welche Bedeutung das Territorium der Ukraine (und Weißrusslands) für die Gewährleistung der europäischen Sicherheit hat, und zumindest zu einem Teil hat man dann auch schon die Antwort auf die Frage, warum denn nur Europa so vehement an einer “Demokratisierung” dieser jungen Staaten interessiert ist.