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Die al-Saud in der syrischen Sackgasse

saudi-arabien karteDer “Guardian” berichtete gestern, dass das saudische Königreich frische Millionen in die Hand nimmt, um damit in Syrien operierende Terrorbrigaden zu finanzieren, die auch unter dem neuen Label Dschaisch al-Islam firmieren, das man bisher nur aus Gaza kannte. Das Label ist neu, die Kader sind bekannt: diese “Armee des Islam” ist eine Ende September aus insgesamt 43 aktiv operierenden islamistischen Banditenbrigaden gebildete Terrororganisation und untersteht Zahran Alloush, ehedem bekannt als Chef der Liwa al-Islam und Kumpel von Ayman az-Zawahiri. Neu ist daran lediglich der angebliche Bruch mit der Al-Nusra-Front.

Dass Saudi-Arabien bis zum Ende und auf’s Ganze geht, war bereits Ende August während der Anwendung chemischer Kampfstoffe in Ost-Ghouta klar geworden; die überzeugendsten Berichte verweisen auf die Liwa al-Islam als Verantwortlichen für diese schreckliche Provokation. Das sich zersetzende Sicherheitskonzept der Arabischen Halbinsel, welches sich in erster Linie auf eine kompromisslose Unterstützung durch die Vereinigten Staaten von Amerika als Antipod zum Iran stützt, lässt dem Königreich keine Wahl: für den Fall, dass es den USA und dem Iran gelingt, ihre Spannungen abzubauen und sich untereinander zu einigen, bleiben den Saud keine anderen Instrumente mehr, die sie gegen eine Dominanz der Perser in der Region in die Waagschale werfen könnten.

Ägypten: Wer sponsort die Aufrüstung?

russische_waffenDie Nachricht über einen Waffendeal, der allem Anschein nach noch Mitte November zwischen Ägypten und Russland abgeschlossen werden soll und Rüstungslieferungen über die Gesamtsumme von an die 4 Milliarden US-Dollar beinhaltet, ist an sich schon recht bedeutsam. Einen ähnlichen Deal hatte vor ziemlich genau einem Jahr der Irak mit Russland vereinbart. An der jetzigen Nachricht gibt es allerdings ein interessantes Detail: der ägyptische Waffeneinkauf soll von einem nicht näher genannten Golfstaat finanziert werden.

Es ist schon klar, dass Ägypten sich in einer enorm schwierigen Lage befindet, was allein schon das Auftreten eines solchen Sponsors oder Garanten erklärt. Wer aber ist dieser Sponsor? Bei genauerer Betrachtung kommen unter den genannten Bedingungen nur zwei mögliche Länder in Frage. Es könnte Katar, es könnte genauso gut aber auch Saudi-Arabien sein. Eine andere Möglichkeit wäre ein gemeinsames oder separates Auftreten von Kuwait oder der VAE, dieses dann aber wohl nur mit Genehmigung Saudi-Arabiens, was letztlich wieder zu den beiden erstgenannten Möglichkeiten führt.

Wenn es Katar sein sollte, mit dem Ägypten sich zu den Rüstungseinkommen einigen konnte, dann bedeutet das, dass Emir Tamim in eine neue Runde des Kampfes um die Vormachtstellung in der Region eintritt. Und das wäre ein etwas klügerer Ansatz als der seines Vaters, denn er deponiert seine Aktiva gleich in einer ganzen Reihe an Richtungen. Katar würde hier im Interesse der USA agieren, denen daran gelegen ist, Ägypten wieder unter ihren Einfluß zu bringen, der durch die inzwischen revidierte anfängliche US-Politik im sogenannten “Arabischen Frühling” verlorenging und noch geringer wurde, nachdem Saudi-Arabien den Militärputsch unterstützt hat. Dass den Amerikanern so Rüstungsaufträge verlorengehen, ist dabei nicht entscheidend; deren Rüstungsindustrie ächzt ohnehin unter den massiven Aufträgen aus dem gesamten Nahen und Mittleren Osten.

Ausländer raus

al-quds-brigadenNachdem bereits im Februar 2013 der Tod des iranischen Al-Quds-Generals Hassan Shateri in Syrien gemeldet worden war, folgen in gleichem Tenor weitere iranische Verlustmeldungen, wie etwa die von BBC detailliert und gut aufgemachte Story des iranischen Kommandeurs Ismail Heydari oder die frische Nachricht über den in der letzten Woche umgebrachten General Mohammed Jamalizadeh Paghaleh.

Ungeachtet dessen, dass in letztem Fall offiziell kommentiert wurde, General Paghaleh sei im Verlauf einer privaten Reise in Syrien gewesen, ist es längst unmöglich geworden zu vertuschen, dass iranische Militärkommandeure aus dem engsten Kreis des Obersten der Al-Quds, Qassem Suleimani, der syrischen Regierung aktive Unterstützung leisten.

General Qassem Suleimani hat im Iran selbst enormes politisches Gewicht, ist einer der Vertrauten des Rahbar und mit der Befugnis ausgestattet, eigenständige außenpolitische Entscheidungen zu treffen. Er steht damit am Ursprung des Großteils der wichtigsten Aktivitäten und Einsätze, die von Seiten der Länder des sogenannten “Schiitischen Halbmonds” im Nahen Osten gewirkt werden.

Spiel der Throne

(Fortsetzung von „Der kleine Prinz“)

house_of_saudhBandar mag noch einen Trumpf im Ärmel haben, den er in seiner Drohung bisher nicht angesprochen hat. Saudi-Arabien kann es durchaus erwägen, seine Erfahrungen aus dem Ölembargo der 1970er Jahre zu reaktivieren und der ohnehin durch Krisen siechen Wirtschaft Europas und der USA schwer zusetzen. Das von Bandar angesprochene “Überdenken” der Beziehung zwischen Saudi-Arabien und den USA ist ohne Manipulationen am Erdölmarkt als Druckmittel kaum vorstellbar; schachern kann man ja nur, wenn man seinen Wünschen Nachdruck verleihen kann, und die Verlautbarungen Prinz Bandars sind nichts anderes als ein Versuch zu schachern, der sich durchaus zu einem Ultimatum ausweiten kann.

Es wurde bereits richtig angemerkt: diese Herausforderung für Obama stellt Prinz Bandar nicht etwa nur in eigenem Namen, sondern im Namen der US-amerikanischen Gegner des Obama-Kurses. Diese Krise spitzt sich immer weiter zu, die Widersprüche zwischen den einzelnen Gruppierungen innerhalb der Eliten verschärfen sich und können durchaus vom kalten Undercover-Krieg hie und da zu regelrechten Kampfhandlungen werden. Ignorieren kann Obama das alles nicht; die Risiken sind zu hoch. Den Saud und den Israelis wäre es fast gelungen, die USA in einen bewaffneten Konflikt im östlichen Mittelmeer hineinzuziehen. Ob es wohl zu weiteren darauf abzielenden Provokationen kommt? Bestimmt.

Aber natürlich hat auch Obama seine Trümpfe. Ohne solche wäre es reiner Selbstmord, sich mit solch mächtigen Gegnern, wie es die Koalition aus Republikanern, israelischer Kriegspartei und wahhabitischen Erdölprinzen ist, überhaupt einzulassen.

Der kleine Prinz

Bandar bin Sultan ibn Saud und George W. Bush in TexasDie Verlautbarungen des saudischen Prinzen Bandar bin Sultan al-Saud, die vor ein paar Tagen zuerst wohl von Reuters verbreitet worden waren, sind, gelinde gesagt, skandalös. Er berührt damit die alliierten Beziehungen des Königreichs zu den Vereinigten Staaten, und diese Angelegenheit ist, genau gesagt, gar nicht seines Amtes. Solche schweren Inhalte gehören eigentlich in den Mund oder die Feder eines ersten Mannes im Staat.

Bandar führt eine Menge an Gründen dafür an, weshalb die Beziehungen Saudi-Arabiens zur USA überdacht werden könnten. Da hätten wir die “fehlende Effizienz” der Amerikaner bei der Unterstützung des Kampfes gegen Syriens Präsidenten Baschar al-Assad sowie im Bezug auf Palästina, und die Sache mit Bahrain, bei der sich scheinbar niemand gern auf die Seite der Saud stellt. Aber viel mehr Kopfschmerzen als diese verhältnismäßigen Kleinigkeiten bereitet den Saud natürlich die US-amerikanische Politik der Annäherung mit Teheran.

Die Drohung Bandars sieht schon allein deshalb recht unlogisch und ein wenig nach Hysterie aus, weil es für Saudi-Arabien einfach niemanden gibt, der anstelle der Vereinigten Staaten als Schutzmacht auftreten könnte. Aus eigener Kraft können die arabischen Monarchien ihre Sicherheit nicht gewährleisten – unmöglich, eine eigene Rüstungsindustrie dort aufzubauen, und wenn man dabei auf einem großen Haufen Sand sitzt, der sich über schier bodenlosen Erdölseen befindet, muss man immer etwas vorzuweisen haben, falls einer der wohlwollenden Nachbarn eines Tages beschließen sollte, dass ein Pulk Beduinen all diese Gaben Allahs eigentlich gar nicht verdient.

Katar ist raus

Emir Tamim bin Hamad al-ThaniKatar bietet der syrischen Regierung an, die diplomatischen Beziehungen wiederaufzunehmen. Das meldet gerade ITAR-TASS* unter Berufung auf Al-Mayadeen, und obwohl sowas in der Art vor kurzem auch schon bei Al-Manar angemerkt wurde, ist das doch mal eine Nachricht. Emir Tamim führt damit die von ihm mit seinem Machtantritt begonnene Linie zu einem logischen Ende. “Gewinnen” kann Katar nicht mehr, inzwischen ist es wichtig, nicht mehr zu verlieren.

Das Ziel Katars in diesem Krieg war der Regimewechsel zugunsten der dem Emir hörigen Moslembrüder. Dieses Ziel ist definitiv nicht mehr zu erreichen; die “Brüder” sind im gesamten Nahen Osten gescheitert. Etwas Einfluß haben sie noch in Libyen und Tunesien, aber es kann unter keinen Umständen mehr die Rede von einer Machtübernahme in der Region sein. Andere politische Ziele hatte Katar nicht, folglich kann man auch offiziell ausscheiden.

Mehr noch, die Wiederherstellung der diplomatischen Beziehungen bedeutet, dass Emir Tamim die Wahrscheinlichkeit eines Umschwungs zugunsten Saudi-Arabiens in Syrien gering schätzt. Das Ziel des Königreichs im Syrienkrieg ist eine Spaltung des Landes, ein Weitertragen des Krieges in den Irak und die Schaffung eines “sunnitischen Puffers” zwischen der Arabischen Halbinsel, den schiitischen Gebieten im Irak, der alawitischen Enklave an der Küste Syriens und schließlich dem Iran. Die Saud sind aus diesem Grunde weiterhin in Syrien und dem Irak aktiv, wo sie mit den Händen der von ihnen finanzierten Rebellenbanden Krieg führen; Tamim al-Thani scheint aber etwas zu wissen, was die Saud nicht wissen wollen.

Emir Tamim positioniert sich eindeutig als Vasall Obamas und seiner Gruppierung und also gegen dessen Konkurrenten. Der junge Emir geht damit in seinem Einsatz aufs Ganze. Im Falle eines Fiaskos der Obama-Politik wird man ihn um sein persönliches Schicksal schwerlich beneiden können, denn weder die “republikanischen” Falken in den USA, noch die israelische Kriegspartei oder die Saud werden ihm diesen unverhohlenen Verrat verzeihen. Der Emir wird indes sicher nicht so handeln, weil er in einer ausweglosen Lage ist, obwohl gerade die finanzielle Situation im Emirat bedrohlich werden kann. Vielmehr erklärt er damit seine Neutralität in den kommenden, sich bereits abzeichnenden Entwicklungen.

* Bei ITAR-TASS steht derzeit (20.10.2013, 02:26 GMT+1) allerdings noch der Name des alten Emirs. Wohl ein Versehen?

Fronten ohne Frontlinie

Wenn der durchschnittliche russische Fernsehkonsument im Wochenendprogramm solche Dinge serviert bekommt, kann man sich manches mal nur über die vorwiegend reflektorische Berichterstattung in Europa wundern. Nicht, dass in dem Bericht die “reine Wahrheit” herüberkommt – die eher wie eine neue Legende von einem kleinen, weiblichen Bin-Laden-Äquivalent anmutende Story mal nur als Beispiel – aber immerhin werden zumindest Andeutungen über Hintergründe geliefert, die nicht einfach nur ein ohnehin schon prominentes Feindbild bemühen.

Gucken wir einmal in diesem Sinne weiter im Umkreis: US-Außenminister John Kerry meint, dass ein “Deal” über das iranische Atomprogramm auch schneller zustande kommen kann, als in den von Präsident Hassan Rohani dafür veranschlagten 3-6 Monaten. Mit anderen Worten: das Eisen wird geschmiedet, solange es heiß ist. Die Krise um die Chemiewaffen in Syrien hat die Beziehungen Obamas und seiner Administration mit seinen “Verbündeten” bis fast zum Zerreißen angespannt, und er muß vollkommen gerechtfertigt mit einer Wiederholung solcher Provokationen rechnen, durchaus auch in viel größerem Ausmaß. In einem solchen Fall ist die einzig richtige Taktik der Vorstoß und das Ergreifen der Initiative. Eine beschleunigte Klärung des “Iran-Problems” ist der Ausweg, der sich quasi von selbst anbietet, zumal, wie es aussieht, Obama kaum andere Möglichkeiten bleiben.

Gratwanderung zwischen großen und kleinen Kriegen

Während die Russen detaillierte Untersuchungsergebnisse des Anschlags mit chemischen Kampfstoffen in Khan al-Assal vorlegen, in denen die Urheberschaft anhand von konkreten Beweisen (Analysen der Qualität des Sarin und des DIFP, der Geschosse, etc.) unzweideutig den “Rebellen” (konkreter: der “Bashair al-Nasr”-Brigade, die in der FSA organisiert ist) zugeschrieben wird, bemüht Kerry vollkommen fadenscheinige Lügen, von denen die Amerikaner nicht wirklich annehmen können, dass irgendjemand das schlucken soll. (Nebenbei: Kerry redet davon, dass der “Präsident” der “Opposition” – gemeint ist Ahmed al-Dscharba, Chef der sogenannten “Nationalkoalition” – derzeit in Deutschland ist und sich im Bundestag eine nette Zeit mit den von euch gewählten Volksvertretern macht.)

Die Beharrlichkeit, mit der die USA einen Krieg gegen Syrien durchdrücken wollen, wäre eigentlich Anlass dazu, die Motive und Pläne zu betrachten, denen Obama nun gezwungenermaßen folgen muss. Nochmals: dass der Giftgasanschlag in Ost-Ghouta eine Provokation auch für Obama darstellt, ist eigentlich nicht strittig. Man “fing” ihn im verlaufe der letzten Monate an zwei recht empfindlichen Stellen: einerseits ist das der Militärputsch in Ägypten, der ganz offensichtlich gegen den Willen der US-Administration über die Bühne ging. Allein dieses Ereignis macht deutlich, dass Obamas Positionen in Nahost recht schwach sind und die eher auf die politischen Gegner der derzeitigen US-Administration orientierten Eliten in Nahost so langsam zum Angriff übergehen.

Die andere Sache ist die sprichwörtliche “rote Linie” im Zusammenhang mit der Anwendung von Chemiewaffen. Am 21. August wurde aus dieser bis dato eher abstrakten Bedrohung ein Test für Obama: hält er Wort oder nicht?