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Chaos gibt Sicherheit

Der Reichtum der Golfmonarchien. Foto: East News

Der Reichtum der Golfmonarchien. Foto: East News

Der Katar und Saudi-Arabien gewährleisten die eigene Sicherheit, indem sie die Strategie des „gesteuerten Chaos“ gegen ihre Nachbarn anwenden. Allerdings ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass das Chaos außer Kontrolle gerät und die Lager der Strategen heimsucht.

Quelle einschl. Fotos & deren Herkunftsnachweise: expert.ru

Für den „Arabischen Frühling“, welcher Umordnungsprozesse im gesamten Nahen Osten angeworfen hat, gibt es objektive Ursachen. Das sind die Bruchlinien, die im Nahen Osten nach dem Abzug der Kolonialmächte geblieben sind, die Trägheit der Regimes, welche wenig zur Glättung der bestehenden Widersprüche unternommen haben, der Zerfall der bipolaren Weltordnung und schließlich die weltweite Krise.

Allerdings hat die Situation erst durch einen recht subjektiven Faktor das gegenwärtige Ausmaß erreicht – am Anheizen des „Arabischen Frühlings“ sind jeweils auswärtige Mächte interessiert. In erster Linie kommen als solche hier europäische Länder in Betracht, allerdings gehen die kräftigsten Stimuli der Ereignisse im Nahen Osten von den beiden Führungsmächten im Golf-Kooperationsrat (GCC), den reichen wahhabitischen Monarchien Saudi-Arabien und Katar, aus.

Strategiewechsel bei den Saudis?

Der neuerliche Anschlag in Riad, der den stellvertretenden Chef des saudischen Geheimdienstes das Leben gekostet hat, ist – wie das bei kritischen Ereignissen in den Golfmonarchien so üblich ist – im Schatten geblieben und wurde in den Medien so gut wie nicht erwähnt. Es wurde alles unternommen, damit das Vorkommnis nach einer kurzen Meldung möglichst nicht erörtert wurde. Das Königreich hütet seine Geheimnisse, ganz besonders die Geheimnisse des Hauses Saud. Von Anfang an war allerdings eines klar: ein solcher Anschlag ist von den durchschnittlichen arabischen Schahiden nicht zu leisten, mindestens deshalb, weil deren Zellen sowieso von V-Leuten der Sicherheitsdienste unterwandert sind. Wenn also ein solcher Anschlag passiert, riecht es nicht gerade nach der Lunte arabischer Dschihad-Krieger.

Etwas später sind noch ein paar weitere Informationen durchgesickert, die es gestatten, ein paar interessante Schlüsse zu ziehen. Das erste wäre der Name des Opfers: Maschaal al-Qarni. Eine treue Beamtenseele, die bis 2009 – als Prinz Bandar bin Sultan noch Chef der Aufklärung war – bereits dieses Amt bekleidet hat. Er kündigte dort nach der Entlassung seines Chefs, dem er sehr nahestand, und ist erst vor kurzem wieder zu seinem Dienst zurückgekehrt, nämlich als Prinz Bandar wieder ins Kabinett zurückkehrte, aus dem er vor exakt drei Jahren heraus komplementiert wurde.

Rettet das Königreich!

Die Saudis fördern ab Jahresende 2012 auch im Roten Meer Erdöl. Eine Aktion ganz im Sinne der Zukunftsvision aus Ralph Peters‘ „Blutgrenzen“.
Es hat den Anschein, als treffe das Königreich Saudi-Arabien, unabhängig von den Resultaten der zweiten Verhandlungsrunde über das „iranische Atomprogramm“ in Bagdad, allmählich und stetig Vorbereitungen auf wachsende Spannungen mit der Islamischen Republik. Für die Notwendigkeit solcher Vorbereitungen spricht nicht nur die traditionelle Verfeindung der beiden Länder.
Die noch nicht endgültig geklärte Annexion von Bahrain, wachsende regierungskritische Strömungen im schiitischen Osten des Königreichs, Spannungen und die neuerliche monetäre Intervention im Jemen sowie die eher verhaltene Reaktion der Mitgliedsstaaten des Golf-Kooperationsrats auf den saudischen Vorschlag, eine politische und wirtschaftliche Arabische Union zu schaffen, stimmen Riad offenbar nicht allzu optimistisch, was die Gewährleistung seiner Sicherheit seiner wichtigsten Ölvorkommen im Persischen Golf gegenüber dem Iran angeht. Die De-Facto-Allianz des Iran mit dem Oman wirft darüberhinaus Fragen über die ständige Verfügbrakeit und Sicherheit der Straße von Hormus für die Passage der Öltanker und damit der Einnahmequelle der Saudis auf.
Ohne dieses Erdöl ist Saudi-Arabien aber keine Regionalmacht mehr, sondern bestenfalls ein Gastland für sunnitische Pilger. Wahrscheinlich betrachtet die saudische Führung jetzt öfter grübelnd die bekannte Karte Ralph Peters‘, welche eine mögliche Zukunft der Region – nach Vorstellung der Vereinigten Staaten – darstellt. Auf dieser Karte ist für Saudi-Arabien lediglich noch ein Zugang zum Roten Meer vorgesehen:
Bei Betrachtungen scheint es dabei nicht zu bleiben, sondern es werden bereits konkrete Schritte unternommen.

Saudi-Arabien erschließt Erdölvorkommen im Roten Meer

Das nationale saudi-arabische Erdölunternehmen Aramco beabsichtigt ein Großprojekt zur Erschließung von Erdölvorkommen im Roten Meer durchzuführen… Aramco will ungefähr 25 Milliarden Dollar in dieses Projekt investieren. Die erste Tiefwasserbohrung soll bereits Ende diesen Jahres erfolgen.
Die Erkundung von Kohlewasserstoffvorkommen in diesem Bereich läuft bereits seit 2009, und vorläufigen Angaben zufolge werden die Vorräte an dieser Stelle auf 100 Millionen Barrel geschätzt.
Gleichzeitig handelt es sich um das größte von Aramco jemals angegangene Projekt.
Darüber hinaus sicherlich ein weiteres Indiz über eine mögliche Entwicklung des Ölpreises. Über diesen gibt es auch angesichts der Probleme in der Eurozone geradezu erschütternde Prognosen.

Kalter Ölkrieg

Saudi-Arabien verdrängt erstmals seit 6 Jahren Russland von Platz 1 bei der Erdöl-Fördermenge. Aus russischer Sicht ist das der Eintritt in die kalte Phase eines Krieges.
Erdöl ist eines der Produkte, dessen Preis, der durch Börsenoperationen festgelegt wird, zu einem bedeutenden Teil auf Spekulation beruht. Anders gesagt spiegeln die reell auf dem Markt vorhandenen Mengen an Erdöl nicht direkt das Verhältnis von Angebot und Nachfrage wider. Erdöl ist und bleibt ein sehr wirksames Instrument, gewisse „Blasen“ zu generieren.
Trotzdem kann man diese spekulative Komponente immer noch in ihrer Wirkung beeinflussen, indem man die Fördermengen erhöht (oder erniedrigt), und auf diese Weise versuchen, den Preis auf ein gewünschtes Niveau zu bekommen. Theoretisch wurde zu diesem Behufe ein Mechanismus geschaffen, innerhalb welchem die Erdöl fördernden Länder (mit Ausnahme der UdSSR und heute Russlands) durch Abstimmung der Förderquoten die Interessen der Förderer und der Käufer in Einklang bringen.
Allerdings ändern sich die Zeiten. Die OPEC-Mechanismen sind gut in friedlichen Zeiten. Heute allerdings wird die veraltete Weltordnung umgestaltet, momentan noch ohne größere „heiße Phasen“ in diesem sich abzeichnenden globalen Krieg. Ob dieser im engeren Sinne stattfindet oder nicht, ist natürlich noch vollkommen unklar. Doch das spricht keineswegs dagegen, dass die potentiellen Gegner sich gegenseitig maximalen Schaden zuzufügen versuchen und die bisherige Balance zuschanden machen. „Gegenseitig“ entspricht in dieser Formulierung nicht der momentanen Entwicklung – bisher hat eine der Seiten die permanente Initiative.
Eines der ersten Alarmzeichen in diesem momentan noch überwiegend kalten Krieg ist der Versuch, das „Iran-Problem“ endgültig zu lösen. Der Iran ist das industriell am weitesten entwickelte Land der islamischen Welt, und es geht dabei nicht um seine Vernichtung, sondern um „Regime Change“. Die Schwächung der iranischen Positionen ist deshalb vordergründige taktische Aufgabe des Westens. Dazu dienen die Sanktionen und ständigen Drohungen. Indem der Iran vom Erdölmarkt ausgeschlossen, oder seine Position nachhaltig geschwächt wird, muss der Westen gleichzeitig die Ölpreise unter Kontrolle halten, denn mit dem Fall des Iran könnte ein Chaos ausbrechen, das man so natürlich vermeiden will. Hier ist der Grund dafür zu suchen, weshalb Saudi-Arabien die Fördermengen in letzter Zeit signifikant erhöht und die G7-Staaten auf ihrem neuerlichen Treffen in Camp David darüber sinnieren, die strategischen Ölreserven anzuzapfen – alles das dient einer präventiven Stabilisierung des Ölpreises und ist, so gesehen, ein Vorbote von Krieg.
Heute kam die Meldung, der zufolge Saudi-Arabien erstmals seit 6 Jahren mehr Erdöl fördert als Russland. Dabei hat Russland keine Reserven bei der möglichen Fördermenge mehr, Saudi-Arabien kann die Förderung schätzungsweise noch ein Stück hochfahren. Damit bleibt das Bestreben Putins, Russland als eine Energie-Weltmacht zu etablieren, nichts als Wunschdenken, zu einer solchen Weltmacht wird aber immer mehr Saudi-Arabien, beziehungsweise der Pool an erdölfördernden arabischen Staaten, die unter der Fuchtel der Saudis oder derer stehen, dessen Proxy die ölfördernden Araber sind. Dabei darf man nicht vergessen, dass der Krieg gegen Libyen damit ausgegangen ist, dass Libyen nunmehr fest im Orbit des Einflusses durch die arabischen Monarchien gelandet ist. Die lokalen Streitereien interessieren kaum noch jemanden, aber dass europäische Unternehmen aus Libyen verdrängt werden und stattdessen arabische und amerikanische Corporations dort das Zepter in die Hand nehmen, ist ein bedeutender hintergründiger Fakt.
Für Russland ist diese Entwicklung natürlich extrem bedenklich, denn nach der Erfahrung einer Verdrängung des Iran vom internationalen Ölmarkt können der Westen und die Golfmonarchien diese Erfahrung nun schon mit Russland anwenden. Die Reserven im direkten Einflussbereich Saudi-Arabiens, dazu die Möglichkeiten der libyschen Ölförderung könnten jetzt als massives Mittel zur Verdrängung Russlands von diesem Märkten dienen. Dabei ist Russland durch die „Bemühungen“ von Teilen der eigenen Machtelite derart von der Situation auf den Erdöl- und Erdgasmärkten abhängig, dass es nur innerhalb einer bestimmten Preisspanne für diese Ressourcen halbwegs stabil existieren kann. Das sich hinziehende Siechtum der russischen Industrie und die fast ausschließliche Abhängigkeit Russlands vom Ressourcenexport können selbst bei relativ geringem Preisverfall schon für kritische Situationen sorgen.
Selbst, wenn dieses Problem als ein solches begriffen und behandelt wird, so muss die russische Führung – unabhängig davon, wer sie gerade stellt – zwei fundamentale Aufgaben angehen. Erstens ist das die Überwindung des Einflusses der pro-westlichen und quasi kollaborationistischen Teile innerhalb der eigenen Machtelite, die bisher jeden Versuch einer Reindustrialisierung und Diversifikation der Risiken des Landes verhindert hat. Die zweite Aufgabe wären, selbst bei Überwindung dieses Widerstands, die enormen Kosten für den Auf- und Ausbau einer Industrie, die man derzeit wiederum nur aus dem Rohstoffexport beschaffen kann. Aus diesem Grunde ist Russland derzeit extrem verwundbar, und solange Russland eines der beiden Länder der Erde ist, das das gesamte Spektrum der Atomwaffen in seinem Arsenal besitzt, ist und bleibt es der Widersacher Nr. 1 für den Westen und besonders für die USA.
Saudi-Arabien verfolgt also schlicht und ergreifend das mittelfristige Ziel, Russland durch die Kontrolle der Erdölpreise in die Knie zu zwingen. Der Katar, momentan noch nicht so effektiv wie Saudi-Arabien, aber das ist nur eine Frage der Zeit, tut gleiches auf dem Erdgassektor. Ein weiterer Strick um den russischen Hals. Den Mechanismus eines Regime Change in Russland würden oder werden dann die Spezialisten aus den Vereinigten Staaten lostreten: vorher, wie im Falle des Iran, politischer Druck, Verdrängung von den Rohstoffmärkten und so weiter.
Unruhen in Moskau
Anders kann man die heutige Nachricht aus Saudi-Arabien aus russischer Sicht gar nicht interpretieren. Derzeit wird Russland durch die schätzungsweise im Herbst beginnenden, so oder so verlaufenden Unruhen vorbereitet, doch unter dem Trubel der Moskauer Flashmobs und des Karnevals der „Opposition“ auf den Straßen der russischen Hauptstadt wird allmählich, aber deutlich ein Krieg angezettelt – momentan natürlich noch dessen kalte Phase. Auch das ist nichts Neues – ganz genau so haben die USA Japan durch wirtschaftliche Maßnahmen niedergedrückt, bevor 1941 der Krieg begann. Eine bewusste wirtschaftliche Schwächung durch Sanktionen und Drohungen ist bisher so gut wie immer ein Vorbote des Krieges. Sanktionen sind nicht dazu da, irgendwen zum Einlenken in irgendwelchen sekundären Fragen zu bringen, sondern die Wehrhaftigkeit und Moral des Ziellandes vor dem Ausbruch direkter militärischer Handlungen zu schwächen.
Ob also Russland von dem hier so dargestellten „unterdrückerischen Regime“ befreit oder dieses Regime die „Triebe der Demokratie“ im Lande niederschlagen kann, ist nur eine der Fragen. Sicher nicht unbedeutend. Doch dahinter verbirgt sich die wichtigere Frage danach, ob und in welcher Form Russland in mittelfristiger Zukunft überhaupt noch existieren wird.

Schwarzes Gold

Hinter dem drastischen Preisverfall für Erdöl steckt geopolitisches Kalkül. Der längste Hebel der Golfmonarchien könnte den Iran und auch Russland zu Fall bringen.
Die Lage auf dem Erdölmarkt entwickelt sich weiterhin in Richtung Aussagen und auch den Handlungen des weltweit größten Erdölförderers, Saudi-Arabien. Die Saudis reden beharrlich davon, dass ihnen der jetzige Preis von 110 Dollar pro Barrel immer noch nicht behagt und dass sie willens sind, ihn auf ein ihrer Meinung nach „gerechtes“ Niveau von 100 Dollar pro Barrel zu drücken.
Dabei hat das arabische Königreich alle Trümpfe in der Hand – die strategischen Ölreserven sind weltweit auf einem Höchststand, die Förderquoten der OPEC wieder erhöht, das Erdöl aus Libyen ist wieder vollumfänglich auf den Markt zurückgekehrt. Die verminderte Förderung aufgrund der Sanktionen im Iran sieht vor diesem Hintergrund schon fast wie eine Lappalie aus.
Nicht genug für eine Club-Mitgliedschaft
Für Russland ist das de facto eine Kriegserklärung, denn beim „gerechten“ Preis der Saudis bricht der russische Staatshaushalt zusammen, der von einem mittleren Jahrespreis von 118 bis 120 Dollar pro Barrel ausgeht. Mehr noch, wenn Saudi-Arabien es in den nächsten Wochen und Monaten unter Beweis stellen kann, dass es imstande ist, den Ölpreis zu regulieren (es ist klar, dass dieser durch eine Unmenge von Faktoren bestimmt wird, und genau deshalb ist ja die obige Forderung der Saudis praktisch eine Herausforderung – schaffen sie es mit den 100 Dollar pro Barrel oder nicht?), dann hätten sie in Zukunft die Möglichkeit, diesen zu diktieren.
Dabei konnte und kann Russland durch den bis vor kurzem noch recht hohen Preis nicht punkten, denn es hat praktisch keine Möglichkeit, seine Förderung zu steigern. Es wird angenommen, dass die Saudis es schaffen könnten, den Preis von 100 Dollar pro Barrel zum Jahresende zu erreichen. Schwer abzuschätzen, wie sich die russische Börse dann verhalten wird, aber die Wahrscheinlichkeit auf einen Absturz ihrer Indizes steigt.
Hierzu noch eine interessante Meldung, die es bisher nur bei ITAR-TASS in russischer Sprache gibt:
Washington, 17. Mai. ITAR-TASS. Das Absinken der Erdöllieferungen aus dem Iran kann zu einem Preisanstieg von 20-30% für das „Schwarze Gold“ führen. Der offizielle Vertreter des IWF David Hawley bestätigte das heute auf eine Frage des Korrespondenten von ITAR-TASS während eines regulären Briefings für Journalisten. 
Er erinnerte daran, dass solche Zahlen vor kurzem in einer Prognose des IWF über den Zustand und die Perspektiven der Weltwirtschaft genannt wurden. Hawley ergänzte allerdings, dass diese Prognose unter „zwei wesentlichen Bedingungen“ gegeben wurde.
Vor allen Dingen ist damit das „Fehlen einer kompensierenden Steigerung der Öllieferung aus anderen Quellen“ gemeint, sagte Hawley. Zweitens, so seine Ergänzung, „berücksichtigen die derzeitigen Preise für Erdöl offensichtlich bereits in gewissem Maße die Folgen des Ölembargos“ gegen den Iran.
Dabei wird davon ausgegangen, dass eine der kompensierenden Maßnahmen die Freigabe eines Teils der strategischen Erdölreserven werden kann, welche es bei den Industrieländern gibt. Hawley lehnte es allerdings ab, zu den möglichen Folgen solcher konkreten Maßnahmen Stellung zu nehmen. Er rief stattdessen in diesem Kontext in Erinnerung, dass „die Erdölpreise bereits die wesentliche Erhöhung der Fördermengen in den OPEC-Ländern berücksichtigen“.
Das Thema kam zur Sprache, weil die EU-Länder ab dem 1. Juli im Rahmen von Sanktionen im Zusammenhang mit dem iranischen Atomprogramm komplett auf Erdölimporte aus dem Iran verzichten wollen.
Diese bislang scheinbar kaum beachtete Nachricht könnte enorme Folgen mit sich bringen. Vor dem Hintergrund der Befürchtungen , die Hawley äußert, wäre Barack Obama bereit, die strategischen Erdölreserven teilweise freizugeben, um so auf dem Markt zu intervenieren. In diesem Falle würde die Verbilligung von Erdöl doppelt schnell vonstattengehen.
Was charakteristisch ist – entgegen den Aussagen Hawleys ist der Erdölpreis in der letzten Zeit ja auf Talfahrt – insgesamt fast 20% innerhalb der letzten 2 Monate. Saudi-Arabien, Libyen, Kuwait und der Irak haben ihre Förderungen enorm gesteigert und streben die „gerechten“ 100 Dollar pro Barrel an.
Die Logik hinter dieser Entwicklung ist klar – die Wahlen in den USA diktieren es der Obama-Administration, den amerikanischen Wähler zu bauchpinseln und ihm anhand seines Portemonnaies zu beweisen, dass die amerikanische Regierung pausenlos an seinem Wohlergehen arbeitet. Momentan haben die Vereinigten Staaten unter den Ölscheichen noch ein gewichtiges Wörtchen mitzureden, so dass sie ihre Verbündeten sicher einfach um der Freundschaft willen um eine solche Hilfe bitten können.
Allerdings ist natürlich nicht nur Bruderhilfe Motivation für die „Wohlfahrt“ der Scheiche. Die Saudis haben die greifbare Möglichkeit einer empfindlichen Schwächung des Iran. Im nächsten Jahr sind dort Präsidentschaftswahlen, dabei verschlechtert sich die wirtschaftliche Lage dort zusehends. Die Einbußen an Öl-Dollars können verschiedenen Schätzungen zufolge ein Minus von bis zu 30 Milliarden Dollar jährlich betragen. Bei einem Staatshaushalt etwas mehr als 400 Milliarden Dollar ist das ein wesentlicher Einschnitt. Das heißt, die Wahlen fänden vor einem Hintergrund statt, der im Vergleich zu dem der Wahlen von 2009, als die „Grüne Revolution“ stattfand, noch viel mehr Instabilität bedeutet.
Mehr noch. Glück kommt ja bekanntlich gleich haufenweise. Russland – der geopolitische Gegner der arabischen Monarchien – befindet sich gerade jetzt in einer schwierigen innenpolitischen Lage. Der Erdölpreis hat bereits jetzt die Schwelle unterschritten, oberhalb welcher das russische Budget kein Defizit ausweisen würde. Ein weiterer Preisverfall bringt für Russland enorme Probleme mit sich. Dazu kommen die nicht abebbenden Proteste und Provokationen in Moskau, die, bei aller ihrer inhaltlichen Nichtigkeit, eine Schwäche und Unentschlossenheit der Regierung demonstrieren. In Zeiten wirtschaftlicher Schwierigkeiten birgt das Sprengstoff.
Deshalb kann es den arabischen Monarchen durchaus gelingen, auf zwei Bällen gleichzeitig zu tanzen. Einerseits muss man Kumpel Barack helfen – dessen Bitte sicherlich sehr eindringlich und auch entsprechend hinterlegt gewesen ist. Da kommt man nicht umhin. Mitt Romney, der einen recht fulminanten Start hingelegt hat, macht den „Demokraten“ sicherlich Sorgen, so dass man hier etwas unternehmen muss.
Gleichzeitig können die Golfmonarchien zwei sekundäre Aufgaben angehen – wer weiß, vielleicht funktioniert ja wenigstens eines der Ansinnen (oder, der Scheitan treibt ja seine Späße, eventuell auch beide?): eine Revolution im Iran plus Unruhen in Russland – was könnte es denn besseres für die geduldigen Scheiche geben, die ja auch noch irgendwie mit ihrer syrischen Aufgabe zurande kommen müssen. Die Ausschaltung zweier mächtiger Gegner im Kampf um Syrien würde den Monarchen eine ganze Palette wunderbarer und verlockender Möglichkeiten bieten. Nach Wohlfahrt sieht es also ganz und gar nicht aus. Alles ist recht gut durchgerechnet und sieht nüchtern und rational aus.

Arabische Union

Der Golf-Kooperationsrat berät im Rahmen der Schaffung einer „Arabischen Union“ über die Annexion Bahrains durch Saudi-Arabien. Bevor das jedoch zur Grundlage eines neuen islamischen Reichs wird, muss das Problem der schiitischen Bevölkerungsmehrheit in Bahrain kreativ gelöst werden.
Die 10 Reiche des „Club of Rome“
Heute fand eine Konferenz des Golf-Kooperationsrates auf der Ebene der Staatsoberhäupter statt. Diese Konferenz ist durchaus nicht einfach „die nächste“ oder eine von vielen. Im Dezember vorigen Jahres hat der saudi-arabische König Abdullah die Idee einer regionalen Union aus sechs arabischen Monarchien geäußert. Gemeint war nicht einfach eine Union im Sinne von zwischenstaatlichen Beziehungen, es ging wirklich um einen Unionsstaat, dem ein bedeutender Teil der Souveränität der Mitgliedsländer zu überantworten wäre. Diese Idee ist, kurz gesagt, schwer zu realisieren – aber der König hat es ja auch nicht eilig. Sein irdischer Weg ist dem Ende viel zu nahe, als dass er darauf hoffen könnte, auch nur einen Teil dieses Plans Realität werden zu sehen. Aber der Sohn des Abd al-Aziz ibn Saud kann sich ja auch gar nicht mit lediglich kurzfristigen Ideen tragen.
Unter den momentanen Bedingungen ist eine Union der arabischen Monarchien eher utopisch – der Oman ist viel zu weit von den sunnitischen Idealen der Saudis entfernt. Der Ibadismus als eine Richtung des Islam ist viel gemäßigter und toleranter, und dabei ist der jetzige Sultan Qabus ibn Said geradezu die personifizierte Toleranz. Schon an dieser Stelle hat König Abdullah also nicht eben einen strikten Gesinnungsgenossen zum Nachbarn.
Das etwas gespannte Verhältnis zwischen dem Königreich und dem Emir Al Thani ist ein offenes Geheimnis. Hier gibt es territoriale Ansprüche, Ansprüche auf eine Führungsrolle in der Region, und die persönlichen Beziehungen der Monarchen sind auch nicht blendend.
Aber das alles sind zeitweilige Probleme, der König denkt in viel längeren Zeiträumen. Er ist an den Perspektiven interessiert. Heute gerade ging es um die Vereinigung der Königreiche Saudi-Arabien und Bahrain. Das Schicksal des bahrainischen Königs Hamad bin Isa Al Chalifa dürfte heute so oder so entschieden worden sein – er ist schon lange, in rein biologischem Sinne, ein Schuldner König Abdullahs, der ihn, besonders in der letzten Zeit, lediglich duldete. Sicher, Hamad hätte das Recht, sich stolz zu sträuben, etwas über Souveränität und die Rechte seiner Dynastie ins Feld zu führen, aber dann ließen die Saudis ihn mit den nicht-sunnitischen 75% seiner Bevölkerung allein, die nur davon träumen, diesen König zu vierteilen, zu pfählen, zu teeren und zu federn – oder irgendetwas analoges mit ihm anzustellen. Die Phantasie der Morgenländer bleibt uns auch in diesem Bereich fremd.
Momentan sieht tatsächlich alles nach einer Vereinigung aus – seit den Unruhen, die mithilfe saudischer Truppen niedergeschlagen wurden, ist Bahrain ohnehin eher eine Besatzungszone. König Hamad wird also wohl seinen königlichen Stolz in der Hosentasche behalten und Teile der Souveränität an die Saudis delegiert haben. Das nun wiederum dürfte dem Emir Al Thani sauer aufstoßen: der Katar hat einige ungeklärte Territorialansprüche gegenüber dem nördlichen Inselnachbarn.
Der Iran, der die schiitische Bevölkerungsmehrheit im Bahrain als Protegé (und sicher als „Fünfte Kolonne“) behandelt, hat die absehbare Vereinigung bereits als Versuch bezeichnet, die Okkupation durch die Saudis zu legalisieren. Die Saudis ballern verbal zurück. Der König von Bahrain hat aber keine Wahl. Entweder eine so legalisierte Besatzung durch die Saudis, oder der Aufstand der Schiiten. Vorerst einmal werden Mittel lockergemacht, die Opposition im Bahrain in Schach zu halten, bis die Saudis, in deren östlichen Provinzen es selbst Probleme mit Schiiten gibt, die Frage mit den Mehr- und Minderheiten kreativ lösen können. Wenn es stimmt, dass es Pläne gibt, die Schiiten aus dem Bahrain umzusiedeln, können wir zu unseren Lebzeiten noch Zeugen eines neuen Exodus werden. Beispiele für solche Aktionen gibt es in der Geschichte.